Künstlerkolonie Worpswede: Der Barkenhoff, Heinrich Vogeler und die Worpsweder Museen
Die Künstlerkolonie Worpswede entsteht 1889, als drei Maler beschließen, dauerhaft in einem Moordorf nördlich von Bremen zu bleiben. Ihr wichtigstes Gebäude, der Barkenhoff, wird binnen weniger Jahrzehnte vom Jugendstil-Wohnhaus zur politischen Kommune, zum Kinderheim und schließlich zum Museum. Heute tragen vier eigenständige Häuser das Erbe der Kolonie: Barkenhoff, Große Kunstschau, Haus im Schluh und Worpsweder Kunsthalle.
Ein Krankenhaus auf einer Kolchose in Kasachstan, Mitte Mai 1942. Der Mann darin ist fast siebzig, entkräftet, tausende Kilometer von dem Jugendstil-Haus entfernt, das er sich selbst gebaut hat. Am 14. Juni stirbt Heinrich Vogeler im Krankenhaus der Kolchose "Budjonny", vermutlich an einem Blasenleiden und allgemeiner körperlicher Schwäche. Im Katalogeintrag eines Auktionshauses steht neben seinem Namen bis heute nur eine knappe Zeile: Bremen 1872, Kolchose Budjonny, Kasachstan, 1942.
Zwischen diesem Krankenbett und dem Haus, das er sich selbst gebaut hatte, liegen fast fünfzig Jahre. Die Geschichte beginnt an einem ganz anderen Ort: mit drei jungen Malern, die sich 1889 entscheiden, in einem Moordorf zu bleiben, statt in die Stadt zurückzukehren.
Wie kommt eine Gruppe Maler dazu, in einem Moordorf zu bleiben?
Fritz Mackensen besucht Worpswede zum ersten Mal am 13. September 1884, nachdem Mimi Stolte ihm von der Gegend vorgeschwärmt hat. Fünf Jahre später, 1889, beschließen Mackensen, Hans am Ende und Otto Modersohn, sich dauerhaft in dem Moordorf niederzulassen.
1893 stößt Fritz Overbeck dazu, 1894 Heinrich Vogeler. Carl Vinnen schließt sich lose an. 1895 kommt der erste große Achtungserfolg: Mackensen erhält im Münchner Glaspalast die Goldene Medaille für sein Gemälde "Gottesdienst im Moor", und die junge Vereinigung gewinnt damit, so formuliert es der Heimatverein seines Geburtsorts, "europäische Geltung".
Doch das Haus, das die Kolonie später berühmt macht, gehört zu diesem Zeitpunkt noch keinem von ihnen.
Was macht Heinrich Vogeler aus einer Bauernkate am Weyerberg?
1895 erwirbt Heinrich Vogeler eine über 60 Jahre alte Bauernkate mit Strohdach am Weyerberg. Wie diese Landschaft damals aussieht, hält Otto Modersohns "Herbst im Moor" von 1895 fest: Birken, Torfkaten, weites Licht. 1897 schreibt Vogeler an Gerhart Hauptmann über sein Haus: „Meine Hütte ist mein Alles.“
Bis 1908 verwandelt Vogeler das Bauernhaus in ein Gesamtkunstwerk: 1898 bekommt es seine charakteristische Fassade mit zusätzlichem Stockwerk, 1907/1908 folgt eine turmförmige Erweiterung mit achteckigem Grundriss. Aus einer Bauernkate mit Strohdach wird so, Stockwerk für Stockwerk, ein Haus, das kaum noch an seinen Ursprung erinnert.
Was Vogeler in diesem Haus baut, zieht bald mehr an als nur Maler.
Wer sitzt 1900 mit im Garten des Barkenhoffs?
Im Spätsommer 1900 begegnen sich Rainer Maria Rilke und die Bildhauerin Clara Westhoff im Garten des Barkenhoffs. Aus der Bekanntschaft wird schnell mehr: Am 28. April 1901 heiraten die beiden in Bremen, er gerade 25 Jahre alt geworden, sie 22. Rilke bleibt der Kolonie danach als Chronist verbunden: 1903, zwei Jahre nach der Hochzeit, erscheint sein Band "Worpswede", der die Mitglieder der Künstlerkolonie vorstellt.
Vogeler hat diesen Kreis selbst ins Bild gesetzt: "Sommerabend (Das Konzert)" von 1905 zeigt die Gesellschaft am Barkenhoff. Auch Vogeler druckt in diesen Jahren. 1899 erscheint seine Mappe "An den Frühling", zehn Radierungen, gedruckt bei Otto Felsing in Berlin, in einer Auflage von 100 nummerierten Exemplaren auf Bütten, herausgegeben im Insel Verlag bei Schuster & Loeffler. Gedruckt wird professionell, in Berlin, nicht auf einer Presse im Garten des Barkenhoffs.
Auch Paula Modersohn-Becker gehört in diesen Jahren zum Kreis um den Barkenhoff; ihre Radierlehre beginnt bei Vogeler. Sie zählt heute zu den wichtigsten Vertreterinnen des frühen Expressionismus, lange nachdem sie den Garten des Barkenhoffs verlassen hatte.
Was passiert, wenn die erste Generation der Kolonie stirbt?
Von den Menschen, die im Garten des Barkenhoffs zusammensaßen, bleibt kaum einer lange in Worpswede: Fritz Overbeck stirbt Anfang Juni 1909 in Bröcken bei Vegesack, unerwartet an einem Schlaganfall, im Alter von 39 Jahren. Zurück bleiben seine Moorlandschaften, Bilder wie "Im Moor" mit seinen aufgetürmten Wolkenbergen.
Hans am Ende meldet sich 1914 bei Kriegsausbruch freiwillig zum Heer. Am 10. April 1918 wird er bei Mesen schwer verwundet, an den Folgen stirbt er am 9. Juli 1918 im Lazarett Stettin.
Wer von den Gründern übrig bleibt, kommt aus dem Krieg als ein anderer Mann zurück.
Wie wird aus einem Privathaus eine Kommune ohne Bargeld?
1918 kehrt Heinrich Vogeler aus dem Krieg zurück, politisiert durch das Erlebte. Sein Privathaus wird zum öffentlichen Ort mit Volksküche und Volksbibliothek. 1919 entsteht im Barkenhoff die Kommune, eine wirtschaftlich-handwerkliche Produktionsgemeinschaft. Sie versucht, in Vogelers Sinne, ein autarkes, bargeldloses Leben als Aufbauzelle einer klassenlosen menschlichen Gesellschaft. Aus demselben Haus, das Vogeler nur ein Jahrzehnt zuvor mit Turm und achteckigem Grundriss zum Jugendstil-Gesamtkunstwerk ausgebaut hatte, wird damit ein Ort ohne Bargeld.
Als das Experiment scheitert, übereignet Vogeler sein Haus 1923 der Roten Hilfe Deutschlands. Von 1923 bis zur Schließung 1932 wird der Barkenhoff als Kinderheim der Roten Hilfe geführt, ein Erholungsheim für Kinder inhaftierter oder gefallener politischer Kämpfer.
Wohin geht Martha Vogeler, als sie den Barkenhoff verlässt?
Für Martha Vogeler, die mit ihm in diesem Haus gelebt hat, bleibt darin bald kein Platz mehr: 1919/1920 verlässt sie mit ihren drei Töchtern den Barkenhoff. Sie hat in einem Nachbardorf, in Lüningsee, ein altes niedersächsisches Bauernhaus entdeckt, es "auf Abbruch" erworben und am neuen Standort im Schluh wiederaufbauen lassen. Beim Erwerb des Grundstücks hilft ihr der Duisburger Kaufmann Paul Lehmann, den sie über den befreundeten Arzt Emil Löhnberg und dessen Frau Selma kennt. Ab November 1919 stellt er ihr Geld für den Kauf zur Verfügung.
In den späten 1930er Jahren kommt ein zweites Bauernhaus hinzu, in dem die Webwerkstatt schließlich ihren endgültigen Platz findet. Ab den 1950er Jahren zieht das von Hans-Hermann Rief aufgebaute Worpsweder Archiv ins Haus im Schluh ein. Nach Martha Vogelers Tod 1961 übernehmen ihre Töchter Bettina und Mascha den Betrieb. Bis heute, in vierter Generation, wird das Haus von der Familie geführt.
Für den Mann, der zurückbleibt, wird die Entfernung von seinem eigenen Haus am Ende sehr viel größer als ein paar Kilometer bis zum Schluh.
Wie endet die Geschichte des Mannes, der den Barkenhoff gebaut hat?
1931 emigriert Vogeler mit seiner zweiten Frau Sonja Marchlewska in die Sowjetunion. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wird er 1941 zusammen mit anderen Deutschen nach Kasachstan deportiert. Mitte Mai 1942 kommt er ins Krankenhaus der Kolchose Budjonny, wo er am 14. Juni 1942 im Alter von fast siebzig Jahren stirbt, vermutlich an einem Blasenleiden und körperlicher Schwäche.
Parallel dazu verkauft man den Barkenhoff bereits 1932 an Max Karl Schwarz, der dort eine Gartenbau- und Siedlungsschule gründet. Das Haus verfällt danach über Jahrzehnte, bis 1971 eine Zwangsversteigerung droht und das Gesamtkunstwerk beinahe an einen beliebigen Meistbietenden geht. Das Anwesen geht danach an die öffentliche Hand über. Daraus wächst die Barkenhoff-Stiftung, gegründet 1981, und erst 2004, mehr als dreißig Jahre nach der drohenden Zwangsversteigerung, öffnet das Haus als Museum.
Den Nachlass ordnet später ein Einzelner: Der Kunsthistoriker Hans-Hermann Rief, derselbe, der ab den 1950er Jahren das Worpsweder Archiv aufbaut und 1981 die Barkenhoff-Stiftung mitgründet, veröffentlicht 1983 das Werkverzeichnis "Heinrich Vogeler. Das graphische Werk", 195 Blätter von Radierungen bis Exlibris.
Die anderen drei Häuser, die heute unter demselben Museumsnamen laufen, haben mit dieser Rettungsgeschichte nichts zu tun.
Was verbindet vier Häuser, die heute Worpswede tragen?
Barkenhoff, Große Kunstschau, Haus im Schluh und Worpsweder Kunsthalle bilden gemeinsam den Museumsverbund "Worpsweder Museen", entstanden im Zeitraum von etwa 2007 bis 2012. Vier Häuser, vier eigene Gründungsgeschichten, erst nachträglich unter einem gemeinsamen Verbundnamen zusammengefasst.
Zwischen 1925 und 1927 entsteht im Zentrum Worpswedes ein Ensemble aus Kaffee Worpswede, Gästehaus und Großer Kunstschau, nach Plänen des Bildhauers und Architekten Bernhard Hoetger, im Auftrag der Kaffee HAG GmbH Bremen von Ludwig Roselius. Eröffnet wird die Kunstschau im Juni 1927, zeitgleich mit den Museen der Böttcherstraße in Bremen. Derselbe Mäzen und derselbe Architekt bauen im selben Jahrzehnt auch das Paula-Modersohn-Becker-Museum in Bremen, eröffnet 1927.
Das 1925 fertiggestellte Kaffee Worpswede nennen Einheimische "Café Verrückt": Beim Bau wurde bewusst auf Schrauben und Nägel verzichtet und mit unregelmäßig eingesetzten Ziegelsteinen gearbeitet. Nichtrechtwinklige Ecken und schiefe Balken erschienen den Handwerkern schlicht "verrückt", daher der Name. 2004 muss die Kunstschau wegen Einsturzgefahr schließen, weil die Holzbalken der Kuppelkonstruktion durchgefault sind. Nach einer Sanierung, die die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit 100.000 Euro unterstützte, öffnet sie 2008 wieder.
Die Worpsweder Kunsthalle entsteht 1919 als private Galerie, gegründet vom Buchbindermeister Friedrich Netzel; dessen gleichnamiger Sohn errichtet später das heutige Haus in der Bergstraße 17. Nach dem Tod des Gründers 1994 geht die Sammlung in die neu gegründete Worpsweder Kunststiftung Friedrich Netzel über, seit 2012 gehört das Haus zum Verbund.
Wo andernorts Künstlermuseen oft den Namen einer einzelnen Persönlichkeit tragen, etwa das Käthe-Kollwitz-Museum, das Horst-Janssen-Museum Oldenburg oder das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, versammelt Worpswede vier eigenständige Häuser um eine ganze Kolonie statt um einen einzelnen Namen. Die sechs Gründungskünstler stehen damit neben vielen weiteren Namen der Druckgrafik-Geschichte, zu der auch Vogelers eigene Radierungen zählen, gesammelt bei den berühmten Druckgrafikern.
Zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker zeigen alle vier Häuser, Stand Juli 2026, vom 7. Februar bis 1. November 2026 gemeinsam die Ausstellung "Impuls Paula". Wer heute durch die Große Kunstschau oder den Barkenhoff geht, sieht vor allem sorgfältig gehängte Wände und kuratierte Ausstellungstexte.
Häufige Fragen zur Künstlerkolonie Worpswede
Wann wurde die Künstlerkolonie Worpswede gegründet?
Die ersten Worpsweder Künstler, Fritz Mackensen, Hans am Ende und Otto Modersohn, beschließen 1889, dauerhaft in dem Moordorf zu bleiben. Dieses Jahr gilt gemeinhin als Gründungsjahr. 1893 kommt Fritz Overbeck dazu, 1894 Heinrich Vogeler, Carl Vinnen schließt sich lose an.
Was ist der Barkenhoff heute?
Der Barkenhoff ist seit 2004 das Heinrich-Vogeler-Museum und Teil des Museumsverbunds Worpsweder Museen. Zuvor war das Haus Vogelers Jugendstil-Wohnsitz, dann eine gescheiterte Kommune, ein Kinderheim der Roten Hilfe und über Jahrzehnte eine verfallende Ruine, bis die Gemeinde Worpswede das Anwesen übernahm und 1981 die Barkenhoff-Stiftung gründete.
Wie ist Heinrich Vogeler gestorben?
Vogeler emigrierte 1931 in die Sowjetunion. 1941 wurde er nach Kasachstan deportiert. Am 14. Juni 1942 starb er, fast siebzig Jahre alt, im Krankenhaus der Kolchose Budjonny, vermutlich an einem Blasenleiden und körperlicher Schwäche, weit entfernt von dem Haus, das er sich selbst gebaut hatte.
Wie viele Museen gibt es heute in Worpswede?
Vier: der Barkenhoff, die Große Kunstschau, das Haus im Schluh und die Worpsweder Kunsthalle. Sie bilden seit etwa 2007 bis 2012 gemeinsam den Verbund Worpsweder Museen, sind aber in Trägerschaft und Sammlung weiterhin unabhängig voneinander.
Muss man für einen Besuch mehrere Tage einplanen?
Wie viel Zeit man einplant, hängt an den Öffnungstagen der einzelnen Häuser ab. Die Große Kunstschau ist täglich geöffnet, das Haus im Schluh nur dienstags bis freitags nachmittags sowie am Wochenende ganztägig, die Kunsthalle dienstags bis sonntags. Zwischen Dienstag und Sonntag lassen sich alle drei an einem Tag verbinden, an einem Montag bleiben Haus im Schluh und Kunsthalle geschlossen.
Die Tür, durch die er nie wieder ging
Die Tür des Barkenhoffs, durch die heute Museumsbesucher gehen, führt in das Haus, das Vogeler sich selbst gebaut und ausgemalt hat. Sein eigener Weg endete tausende Kilometer entfernt, in einem Krankenhaus in Kasachstan.
Was heute in den vier kuratierten Häusern hängt, wird sorgfältig erklärt: Baujahre, Architekten, Sammlungszahlen. Ob dieselbe Museumslandschaft auch die Bruchstellen zeigt, die Kommune, das Kinderheim, die Deportation, die Zwangsversteigerung, oder ob daraus wieder nur die Postkarten-Idylle aus Birken und Jugendstil-Fassaden wird, mit der dieser Text begonnen hat: Das entscheidet sich nicht in einem Artikel, sondern an jedem einzelnen Schild in jedem einzelnen Raum.
Quellen und weiterführende Literatur
- Barkenhoff-Stiftung Worpswede / Heinrich-Vogeler-Museum, Haus- und Kommune-Chronik des Barkenhoffs
- Museen Worpswede, Historien der vier Häuser und aktuelle Ausstellungen (Verbund seit 2007)
- Haus im Schluh, Martha-Vogeler-Archiv und Museumshistorie
- Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Monumente-Magazin, "Weites Land für große Kunst" (2009, Sanierung der Großen Kunstschau)
- Museum am Modersohn-Haus, Biografie Fritz Mackensen (Goldmedaille München 1895)
- Ketterer Kunst, Künstlerbiografien Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover-Linden. Die Künstler der Worpsweder Kolonie gehören nicht zum eigenen Sortiment, ihr Werk ist längst gemeinfrei, aber museal gebunden, nicht im Handel. Was Studio Sonsu zeigt, sind Radierungen, Linolschnitte, Lithografien, Holzschnitte und Siebdrucke lebender Künstlerinnen und Künstler, direkt von ihnen bezogen.
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Zuletzt aktualisiert am 17.07.2026.