Romantik: Kunst zwischen Natur, Abgrund und Druckplatte
Die Kunst der Romantik war nicht nur Malerei. Caspar David Friedrich, William Blake und J.M.W. Turner haben Druckgrafik nicht als Nebenprodukt ihrer Malerei betrieben, sondern als eigenes Medium mit eigenen Regeln: drei Projekte, drei verschiedene Antworten auf dieselbe Frage. Wie druckt man ein Gefühl?
Um 1803 schneidet ein Tischler einen Holzblock. Er heißt Christian Friedrich und arbeitet nach dem Entwurf seines Bruders. Das Motiv: eine Frau zwischen kahlen Bäumen, ein Spinnennetz zwischen den Ästen, schwarz auf weißem Papier. 171 mal 119 Millimeter. Das Blatt liegt heute im British Museum.
Sein Bruder, der den Entwurf gezeichnet hat, ist Caspar David Friedrich. Der bekannteste Landschaftsmaler der deutschen Romantik.
Warum hat der Maler einen Tischler gebraucht? Und was haben zwei andere Romantiker, die ebenfalls gedruckt statt nur gemalt haben, gleichzeitig in London gemacht?
Was konnte der Holzblock, was die Leinwand nicht konnte?
Caspar David Friedrich konnte Holzschnitte nicht selbst schneiden. Den Entwurf lieferte er, die handwerkliche Ausführung übernahm sein Bruder Christian. Von Beruf war Christian Tischler, kein Künstler. Er hatte die Werkzeuge und die Fertigkeit, Holzblöcke so zu bearbeiten, dass ein druckbares Relief entstand.
Das Blatt "Die Frau mit dem Spinnennetz zwischen kahlen Bäumen" (ca. 1803, 171 × 119 mm, British Museum) ist das bekannteste Ergebnis dieser Zusammenarbeit. Das Kompositionsprinzip ist dasselbe, das Friedrichs Gemälde berühmt gemacht hat: kahle Bäume, die ins Bild hineinragen, eine Figur, die dem Betrachter den Rücken zeigt, eine Atmosphäre zwischen Einsamkeit und Kontemplation. Nur: kein Öl, kein Pinsel, sondern Holz und Druckerschwärze. Wer "Der Wanderer über dem Nebelmeer" kennt, das Gemälde in der Hamburger Kunsthalle (94,8 × 74,8 cm, um 1817), erkennt die Verwandtschaft sofort: Rückenfigur, Weite, das Nicht-Greifbare davor.
Hier steckt die eigentliche Frage. War Friedrich ein gescheiterter Druckgrafiker? Der geplante Gedichtband, für den die drei Holzschnitte von 1803 gedacht waren, ist nie erschienen. Das Holzschnitt-Oeuvre blieb winzig: Von Friedrichs Selbstportrait-Holzschnitt (ca. 1805) sind sieben Abzüge bekannt, fünf davon aus dem Jahr 1927, als das Pommersche Landesmuseum den Holzstock erhielt und Reprints zog.
Oder hat der Holzschnitt etwas ermöglicht, das die Leinwand nicht ermöglichen konnte? Die Schwarzweiß-Reduktion erzwingt eine Verdichtung des Motivs, die in der Ölmalerei nicht nötig ist. Das Spinnennetz-Motiv, die einsame Figur in karger Landschaft, geht den großen Gemälden zeitlich voran. Das Motiv, das Friedrich in seinen berühmten Ölgemälden zum Weltbild ausdehnte, erscheint hier zum ersten Mal, vierzehn Jahre früher, auf einem Holzblock.
In London, im selben Jahrzehnt, schrieb ein anderer seine Gedichte nicht in Bücher, sondern direkt auf Kupfer.
Was passiert, wenn jemand Dichtung direkt auf Kupfer schreibt?
William Blake brauchte keinen Tischler. Er brauchte überhaupt niemanden.
1788 begann er mit einem Verfahren, das er selbst entwickelt hatte: Er schrieb seine Gedichte rückwärts auf Kupferplatten, zeichnete Bilder direkt daneben, schützte alles mit säureresistenter Tinte. Dann legte er die Platte in Salpetersäure. Die Säure fraß alles weg, was nicht geschützt war. Was blieb, stand als druckbares Relief aus der Plattenoberfläche heraus.
In "The Marriage of Heaven and Hell" nannte Blake seine Erfindung die "infernal method" und beschrieb das Ziel als: das scheinbar Oberflächliche wegschmelzen und das Unendliche zeigen, das darunter verborgen war ("melting apparent surfaces away, and displaying the infinite which was hid"). In Blakes Prospektus von 1793 heißt es, er habe eine Methode des Drucks entdeckt, die den Maler und den Poeten verbindet ("invented a method of Printing which combines the Painter and the Poet").
Das erste größere Werk, das er mit dieser Technik druckte, war "Songs of Innocence" (1789): 31 relief-geätzte Platten, jedes Exemplar von Hand mit Aquarell koloriert, geschätzte 17 bis 18 Exemplare gedruckt. 1793 bot Blake das Buch für fünf Shilling an. 1818 kostete es drei Guineen. Der Preis stieg auf das Zwölffache, weil jedes Exemplar ein Unikat war.
Warum hat Blakes Verfahren keinen direkten Nachfolger gefunden? Weil es eine einzige Person voraussetzt, die gleichzeitig Dichter, Zeichner, Drucker, Kolorist und Verleger ist. Blake verschmolz alle Rollen in einem. Text und Bild standen auf derselben Platte, wurden mit denselben Werkzeugen geätzt, konnten physisch nicht mehr voneinander getrennt werden. Das Verfahren zu kopieren hätte bedeutet, Blakes gesamtes Wesen zu kopieren. Das ließ sich nicht delegieren.
Blake arbeitete allein. Turner, eine Generation später, brauchte ein Team aus Stechern für ein einziges Projekt.
Warum hat Turner die Landschaft in sechs Kategorien sortiert?
J.M.W. Turner hatte 1807 ein Projekt im Kopf, das er erst 1819 abschließen würde. Zwölf Jahre, 71 Drucke, sechs Kategorien. Das Liber Studiorum.
Turner war ein präziser Denker, wenn es um Landschaft ging. Edmund Burke hatte 1757 in London beschrieben, warum ein Gewitter etwas anderes auslöst als ein Garten: Das Erhabene ("the Sublime") kommt aus allem, was Vorstellungen von Schmerz und Gefahr weckt, nicht aus dem Harmonischen. Wenige Jahre zuvor hatte Piranesi in seinen Carceri d'Invenzione genau dieses Gefühl in Kupfer geätzt: labyrinthische Kerker, in denen Licht und Dunkelheit eine Bedrohung ohne Namen erzeugten. Turner machte daraus eine Klassifikation: Wenn ein Gebirgssturm das Erhabene trägt und ein Weizenfeld die Idylle, dann braucht jede Sorte Landschaft eine eigene Bildsprache. Die sechs Kategorien des Liber Studiorum lauteten: Marine, Mountainous, Pastoral, Historical, Architectural und Elevated oder Epic Pastoral. Ein Hafen und ein Gletscher sind nicht dieselbe Erfahrung. Ein antikes Feld in der Abendsonne ist etwas anderes als ein Küstensturm. Jeder Typus trägt eine eigene emotionale Qualität.
Die Technik: Turner radierte die Grundstruktur der Platten selbst. Den Mezzotinto-Ton, der die Bilder in charakteristische Graustufen taucht, übernahmen Stecher. 71 Platten in zwölf Jahren: das war allein nicht zu schaffen, während Turner gleichzeitig malte, reiste und ausstellte. Elf dieser Platten gravierte Turner selbst. Charles Turner, kein Verwandter, gravierte 23 der 71. Ab Teil 6 des Projekts übernahm Turner die Mezzotinto-Arbeit auf mindestens einer Platte pro Teil selbst. Sein handwerkliches Engagement wuchs, je tiefer das Projekt in die Berglandschaften und epischen Pastoralen vordrang. Die Marine-Blätter umfassten elf Platten, gleichauf mit der Architectural-Kategorie.
Mit diesen elf Marine-Blättern steht das Liber Studiorum in der längeren Tradition der maritimen Kunst; Turners Beitrag war weniger das Sujet als die Klassifikation: Das Seestück erhält einen Platz in einer systematischen Taxonomie des Gefühls.
Mezzotinto-Kupferplatten verloren nach etwa 30 feinen Abzügen spürbar an Schärfe. Das erklärt, warum frühe Abzüge des Liber Studiorum heute anders gehandelt werden als späte: Der erste Druck einer Platte hat eine andere Tiefe als der dreißigste. Eine Ausnahme in der gesamten Serie ist Plate 45 "Peat Bog Scotland" (George Clint, datiert 23. April 1812): die einzige Aquatinta-Platte im Liber Studiorum.
Wo Blake das Unendliche in Text und Bild auf derselben Platte verband, klassifizierte Turner das Unendliche in sechs Typen. Das ist nicht weniger romantisch. Es ist die dritte Antwort auf dieselbe Frage: Gefühl wird nicht improvisiert, sondern systematisch. Jede der sechs Kategorien trägt eine eigene emotionale Wirkung.
Schon in den 1820ern hatte sich in London eine Gruppe junger Künstler um William Blake versammelt. Sie nannten sich die "Ancients" und suchten in der Landschaft Kents, was Blake auf seinen Kupferplatten gefunden hatte: eine visionäre Verdichtung.
Was bleibt, wenn eine Gruppe sich auflöst?
Samuel Palmer (1805-1881) kannte Blake persönlich. Er gehörte zu den "Ancients", einer Gruppe junger Künstler, die sich in den 1820ern in Shoreham, Kent, um Blakes Visionen versammelt hatten. Ihr Ziel war eine Kunst, die nicht naturalistisch war, sondern visionär. Blake hatte vorgelebt, wie das geht. Palmer und seine Mitstreiter wollten dasselbe, in der Pastoral-Landschaft Kents.
Edward Calvert (1799-1883) konzentrierte seine gesamte Druckgrafik auf wenige Jahre: alle seine Holz- und Kupferstiche stammen aus der Zeit zwischen 1827 und 1831. Dann hörte er auf. Sein Holzstich "The Chamber Idyll" misst 4 × 7,5 cm, kleiner als eine Spielkarte. Raymond Lister schrieb über das Blatt: es sei dem Ideal miniaturhafter Vollkommenheit so nahe gekommen wie kaum ein anderes Werk dieser Art ("as near a perfect example of miniature art as has perhaps ever been produced"). Das ist das Gegenteil von Turners Systematik: 71 Drucke als Taxonomie auf der einen Seite, 4 × 7,5 cm als Miniatur auf der anderen.
Die Ancients lösten sich 1837 auf, als Palmer und Richmond mit ihren Frauen für eine ausgedehnte Reise nach Italien aufbrachen. Was gleichzeitig in Frankreich passierte, erzählt die andere Seite der Geschichte: Courbet, Daumier und Millet ersetzten das romantische Gefühlsarchiv durch politische Dokumentation, und die Druckgrafik wurde zur Waffe, deren Steine der Staat konfiszieren ließ. Den Vergleich beider Haltungen zeigt Romantik vs. Realismus. Calverts druckgrafisches Werk blieb danach so gut wie unbekannt, bis das Carfax Portfolio 1904 die wichtigsten Stiche in einer Auflage von 30 Exemplaren veröffentlichte. Lister beschrieb diese als praktisch nicht außerhalb von Museumssammlungen erhältlich ("virtually unobtainable outside museum collections").
Palmer selbst nahm 1850 die Radierung auf. In "The Lonely Tower" (ca. 1879) zeigt sich seine Technik in der klarsten Form: Ein Turm steht schwarz gegen den Nachthimmel. Das Licht kommt aus winzigen gesetzten Punkten, Nadelstiche die aus der Dunkelheit herausleuchten statt in ihr zu verschwinden. Die Ölmalerei braucht den Pinsel um Licht zu zeigen. Die Radiernadel erzwingt es: jeder Punkt, den Palmer in die Platte treibt, hält Licht fest, das aus der Druckerschwärze herausbricht.
Die Direktheit dieser Blätter, Schwarz gegen Weiß, keine Abstufung, kein Kompromiss, taucht siebzig Jahre später wieder auf: Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff griffen im Expressionismus zum Holzschnitt. Das Verfahren erzwingt dieselbe Kontrastschärfe, die schon Friedrichs Blätter prägte: Schwarz oder Weiß, kein Dazwischen. Ob ein Abzug aus dem Jahr 1879 oder ein späterer Reprint von Palmers Platten stammt, zeigt sich an Drucktiefe und Linienschärfe, den gleichen Kriterien die einen originalen Druck vom Kunstdruck unterscheiden.
Das Spinnennetz-Blatt liegt im British Museum. 171 × 119 Millimeter, hinter Glas. Das Buch, für das es gedacht war, existiert nicht. Aber die Methode, die einsame Figur vor unbeherrschbarer Natur auf wenige Quadratzentimeter zu verdichten, Schwarz auf Weiß, kein Ablenkungsspielraum: die trägt jeder Landschafts-Holzschneider nach ihm weiter.
Friedrich ließ schneiden. Blake baute das Verfahren von Grund auf neu. Turner klassifizierte das Gefühl in sechs Typen und ließ ein Team die Platten bearbeiten. Keine dieser Methoden hat die anderen ersetzt. Alle drei existieren weiter.
Häufige Fragen zur Romantik
Was ist die Kunst der Romantik?
Eine europäische Kunstbewegung von etwa 1790 bis 1850, die Natur nicht als geordnete Kulisse darstellte, sondern als überwältigenden Erfahrungsraum. Maler der Romantik wie Caspar David Friedrich, J.M.W. Turner und William Blake reagierten auf Burkes Theorie des Erhabenen: das Gefühl von Schrecken und Überwältigung als ästhetische Erfahrung. Die Bewegung umfasste Gemälde, Druckgrafik, Literatur und Musik.
Wer sind die wichtigsten Maler der Romantik?
Zu den bekanntesten Malern der Romantik zählen Caspar David Friedrich (Deutschland), J.M.W. Turner und John Constable (England) sowie Eugène Delacroix (Frankreich). Friedrich ist vor allem durch seine Rückenfiguren und Landschaften bekannt, Turner durch seine atmosphärischen Seestücke und Gewitterbilder. Beide arbeiteten auch in der Druckgrafik, Friedrich durch Zusammenarbeit mit seinem Bruder Christian, Turner als Herausgeber des Liber Studiorum (1807-1819).
Welche Gemälde der Romantik sind besonders bekannt?
Zu den bekanntesten Werken gehören Caspar David Friedrichs "Der Wanderer über dem Nebelmeer" (um 1817, Hamburger Kunsthalle, 94,8 × 74,8 cm). Dazu kommen Turners atmosphärische Seestücke und Gewitterbilder aus den 1820er bis 1840er Jahren sowie Delacroix' großformatige Historiengemälde. Die Druckgrafik der Romantik ist durch das Liber Studiorum (1807-1819) und Blakes "Songs of Innocence" (1789) vertreten.
Hat die Kunst der Romantik auch Druckgrafik gemacht?
Friedrich entwarf Holzschnitte, die sein Bruder Christian schnitt. Blake erfand eine eigene Drucktechnik für seine Lyrik (Illuminated Printing, ab 1788). Turner schuf zwischen 1807 und 1819 das Liber Studiorum, 71 Drucke in Radierung und Mezzotinto. Die "Ancients" um Samuel Palmer und Edward Calvert führten die visionäre Druckgrafik nach Blake weiter bis in die 1880er Jahre.
Was war das Liber Studiorum?
Ein Druckgrafik-Projekt von J.M.W. Turner, erschienen in Teilen zwischen 1807 und 1819, umfassend 71 Drucke. Turner teilte die Landschaft dafür in sechs Kategorien: Marine, Mountainous, Pastoral, Historical, Architectural und Elevated/Epic Pastoral. Die Platten wurden in Radierung und Mezzotinto ausgeführt, wobei Mezzotinto-Platten nach etwa 30 feinen Abzügen an Schärfe verlieren.
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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Quellen und weiterführende Literatur
- Edmund Burke, A Philosophical Enquiry into the Sublime and Beautiful (1757)
- Hamburger Kunsthalle, Caspar David Friedrich Ausstellung und Online-Sammlung
- Joseph Viscomi, Blake's Invention of Illuminated Printing (BRANCH Collective)
- W.G. Rawlinson, Turner's Liber Studiorum: A Description and a Catalogue (1906)
- Tate, J.M.W. Turner: Liber Studiorum Drawings and Related Works
- Goldmark Gallery, Intimate Engravings: Edward Calvert