Mezzotinto: Die Drucktechnik, die vom Schwarz ausgeht
Mezzotinto, auch Schabkunst oder Schwarzkunst genannt, ist ein Tiefdruckverfahren, das anders beginnt als alle anderen: Die Metallplatte wird zuerst vollständig aufgeraut, bis sie bei einem Probedruck tiefschwarz erscheint. Das Bild entsteht, indem der Künstler helle Stellen herausschleift, Licht aus ihr herausholt, nicht Dunkelheit aufträgt. Diese Umkehrlogik erklärt die samtigen Tonübergänge, die kein anderes Verfahren so erzeugt.
London, März 1661. Prince Rupert of the Rhine ist am Hof seines Cousins Karl II. zu Besuch und zeigt dem Tagebuchschreiber und Kunstkenner John Evelyn ein neues Verfahren. Evelyn notiert am 13. März in sein Tagebuch: "This afternoon, Prince Rupert showed me, with his own hands, the new way of graving, called mezzo tinto, which afterward, by his permission, I published in my History of Chalcography; this set so many artists on work, that they soon arrived to the perfection it is since come to, emulating the tenderest miniatures."
Was Evelyn 1662 in seinem Buch Sculptura als Beispiel abbildet, ist Ruperts Head of the Executioner, ein Gesicht, das aus absolutem Schwarz hervortritt, als hätte es jemand nicht gezeichnet, sondern freigelegt. Der Effekt ist neu. Die Technik selbst beschreibt Evelyn nur in rätselhaften Andeutungen.
Was ist Mezzotinto und warum ist es ein Sonderfall?
Alle anderen Tiefdruckverfahren teilen eine Grundlogik: Auf einer glatten Platte entstehen durch Ritzen, Ätzen oder Schneiden Vertiefungen, die Farbe aufnehmen. Die unbearbeiteten Flächen drucken weiß. Der Künstler arbeitet von hell nach dunkel. Mezzotinto kehrt diese Logik um.
Eine verwandte Technik ohne Wiegeisen ist der Carborundum-Druck, bei dem Siliziumkarbidpulver auf die Platte aufgebracht wird und ähnlich samtige Flächen erzeugt. Beim klassischen Mezzotinto wird die gesamte Platte mit einem Werkzeug namens Wiegeisen (englisch: Rocker) gleichmäßig aufgeraut. Diese aufgeraute Fläche hält so viel Druckfarbe fest, dass ein Probeabzug vollständig schwarz wäre. Von diesem Schwarz arbeitet der Künstler zurück: Er schleift mit einem Schaber und einem Polierstahl Stellen glatt. Je glatter die Oberfläche, desto heller druckt sie. Vollständig polierte Flächen geben kein Grau mehr, sondern Weiß.
Das Ergebnis sind Tonübergänge, die fließend von Tiefschwarz bis Weiß verlaufen, ohne Linien oder Schraffur, ohne sichtbare Rasterstruktur. Eine Qualität, die der Technik den Namen gab: Mezzotinto, Italienisch für "halber Ton".
Der Wiegeisen-Vorgang am Anfang ist physisch und zeitlich der aufwendigste Teil der gesamten Arbeit. Bei einer großen Platte dauert das gleichmäßige Aufrauhen viele Stunden, bevor das eigentliche Bild beginnt.
Im Studio Sonsu Sortiment gibt es derzeit kein Mezzotinto. Die Radierungen und Intaglio-Arbeiten im Grid zeigen verwandte Tiefdruck-Techniken aus derselben Werkstattfamilie.
Wie entsteht ein Mezzotinto? Das Wiegeisen und die Technik des Schabens
1. Das Wiegeisen vorbereiten
Das Wiegeisen ist ein Stahlwerkzeug mit einer gewölbten, gezahnten Klinge, breit wie eine Hand, mit Zähnen, die in unterschiedlichen Dichten ausgeführt werden. Ein heute übliches Wiegeisen ist etwa fünf Zoll breit und trägt zwischen 45 und 120 Zähne pro Zoll.
2. Die Kupferplatte aufrauen
Das Werkzeug wird schaukelnd über die Kupferplatte bewegt, immer wieder, in alle Richtungen, bis keine Fläche mehr unbehandelt ist. Kupfer ist das übliche Material.
3. Von der schwarzen Fläche ins Licht schaben
Nach dem Aufrauhen beginnt die eigentliche Bildarbeit. Mit einem Dreikantschaber und einem Polierstahl arbeitet der Künstler von der schwarzen Fläche zurück ins Licht. Ein breiter Strich des Schabers erzeugt ein diffuses Hellgrau. Wiederholtes Polieren einer Stelle ergibt ein satteres Weiß. Wer zu weit geht und zu viel glattschleift, kann die Rauheit nicht einfach zurückbringen. Die Stelle muss neu aufgeraut werden.
Woher kommt die Technik? Von Siegen, Prince Rupert und die englische Manier
Die Technik ist nicht von einer Person erfunden worden, sondern in zwei Stufen entstanden.
Amsterdam, 1642: Ludwig von Siegen, ein deutscher Offizier, der zuvor am Hof von Hessen-Kassel gedient hatte, entwickelt ein erstes Schabkunst-Verfahren. Er arbeitete mit Rouletten, dem gleichen Werkzeug, das später in der Crayon-Manier zum Einsatz kam. Sein frühestes bekanntes Werk ist ein Porträt der Landgräfin Amalie Elisabeth von Hessen-Kassel.
Von Siegens Methode unterschied sich jedoch grundlegend von dem, was wir heute als Mezzotinto kennen: Er nutzte Rouletten verschiedener Zahnweite und ein Punktierwerkzeug, nicht das Wiegeisen. Von Siegens Methode arbeitete zudem von hell nach dunkel: Er rauerte selektiv mit der Roulette, nicht die gesamte Platte zuerst.
Das Wiegeisen gilt als Entwicklung von Prince Rupert, und mit ihm wurde die Vollschwarz-Logik zum Standard. Er brachte das Verfahren 1660 an den Hof Karls II. nach London. Sein bekanntestes und größtes Blatt, "The Great Executioner" (1658), ein Bogen von 63,5 × 44,3 cm, entstand noch vor seiner Rückkehr nach England. Das Metropolitan Museum of Art erwarb ein Exemplar davon erst 2015.
England wurde das Zentrum der Technik. Frankreich nannte Mezzotinto "la manière anglaise". Wallerant Vaillant, ein in Lille geborener Maler in Holland und zeitweise Ruperts Assistent, wurde der erste professionelle Mezzotinto-Stecher und machte die Methode kommerziell bekannt. Gainsborough, Reynolds, Romney: Im 18. Jahrhundert reproduzierten englische Mezzotinto-Stecher hunderte von Ölgemälden für ein Publikum, das sich die Originale nicht leisten konnte oder sich nie mit den Originalen in einem Raum befinden würde.
Das war der eigentliche Zweck der Technik: kein eigenständiges Medium, sondern Reproduktionsinstrument. Mezzotinto imitierte die weichen Tonübergänge von Ölgemälden überzeugender als jeder Linienstich. J.M.W. Turner ließ für sein Liber Studiorum (1807 bis 1819) seine Radierungen von Stechern in Mezzotinto ausarbeiten, ein Projekt mit 71 Drucken, das die Landschaftsgattung in sechs Kategorien einteilte und das die Romantik als Epoche der Druckgrafik sichtbar macht.
Warum verschwand Mezzotinto fast vollständig?
Mezzotinto hat seinen Job verloren. Das ist kein Versagen der Technik, sondern eine obsolete Jobdefinition: Der Job war, Ölgemälde für Menschen reproduzierbar machen, die keine Gemälde besaßen. Fotografie konnte dasselbe billiger und schneller.
Lithografie und andere Verfahren lieferten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vergleichbare Tonwerte mit weniger Aufwand. Nach der Erfindung der Fotografie wurde Mezzotinto als Reproduktionsmedium kaum noch gebraucht.
Ein weiterer Faktor: die begrenzten Auflagen. Eine Kupferplatte liefert bei regelmäßiger Beanspruchung nur ein- bis zweihundert hochwertige Abzüge, bevor die fein aufgeraute Oberfläche sich durch wiederholtes Einfärben und Wischen spürbar abnutzt.
Kenner bevorzugen deshalb frühe Abzüge, gezogen, solange der Grat frisch ist. Für größere Auflagen wurden Platten verstählt oder gleich aus Stahl gefertigt. William Say, ein englischer Mezzotinto-Stecher, druckte 1820 als erster ein Mezzotinto von einer Stahlplatte, ein kleines Porträt der Königin Caroline. Von dieser Platte wurden 1.200 Abzüge genommen, gegenüber den ein- bis zweihundert, die Kupfer erlaubt. Stahl war wirtschaftlich.
John Martin arbeitete trotzdem in großem Maßstab mit Mezzotinto. Für seine "Illustrations of Paradise Lost", zwischen 1825 und 1827 in Lieferungen erschienen, schuf er 24 Mezzotinto-Platten und einen zweiten Satz von 24 auf kleineren Platten. Martin demonstriert das Verfahren auf dem Höhepunkt seiner dramatischen Möglichkeiten: Satan stürzt aus einer fast undurchdringlichen Schwärze herab, ein Lichtriss durchbricht das Chaos. Die Technik liefert genau das, was Miltons Text verlangt, ein Dunkel, das echt ist, und ein Licht, das aus dem Dunkel kommt, nicht darauf gesetzt wird.
Kurz danach endete die Ära. Das Reproduktionsgewerbe fand günstigere Methoden. Die Fähigkeiten der Mezzotinto-Stecher verteilten sich auf andere Berufe oder wurden schlicht nicht mehr weitergegeben.
Wie kam Mezzotinto zurück? Hamaguchi, e.e. cummings und São Paulo 1957
Die Rückkehr beginnt mit einem unwahrscheinlichen Zufall in Paris.
Yozo Hamaguchi (1909–2000), ein japanischer Maler, lebt in den 1930er Jahren in Paris. Dort begegnet er dem amerikanischen Dichter e.e. cummings, der ihm Mezzotinto-Werkzeug schenkt, und lernt das Verfahren kennen. 1953 kehrt er nach Paris zurück, in eine Technik, die kaum noch jemand als eigenständige Kunstform ausübt.
Ab 1955 entwickelt Hamaguchi das Farb-Mezzotinto, das Jacob Christoph Le Blon im frühen 18. Jahrhundert mit drei und vier Platten erprobt hatte, zu seiner eigenen Handschrift. Er trennt die Farben auf mehrere Kupferplatten auf, rauht jede einzeln mit dem Rocker, druckt sie übereinander. Das Smithsonian besitzt elf Platten allein für seine Komposition Twenty-Two Cherries (1988). Jede einzeln aufgeraut, bevor das Bild beginnt. Das Ergebnis sind Bilder mit einer Tiefe und Dichte, die weder Zeichnung noch Fotografie erreichen.
1957 gewinnt er mit Mezzotinto-Drucken den Grand Prize der São Paulo Biennale, für eine Technik, die Europa längst aufgegeben hatte.
Zwischen 1991 und 1995 entsteht in der Vorpal Gallery eine Suite, benannt nach dem Dichter, der ihm das Werkzeug geschenkt hatte: die e.e. cummings Suite. Zwanzig Farbvarianten von Twenty-Two Cherries, jede betitelt mit einer der ersten zwanzig Zeilen aus cummings' Gedicht "anyone lived in a pretty how town" (1940), dazu eine Zusatzversion, Magenta Cherries. Das Smithsonian besitzt heute 34 seiner Druckplatten.
Aus einem Werkzeug-Geschenk des Dichters wurden vier Jahrzehnte Farb-Mezzotinto. São Paulo war erst der Anfang.
Wie erkennt man ein originales Mezzotinto?
Man hält das Blatt schräg gegen Licht, tritt näher heran, sucht mit dem Finger den Rand. Ein Mezzotinto gibt sich über mehrere Beobachtungen gleichzeitig zu erkennen, einzeln treffen viele davon auch auf andere Drucktechniken zu, zusammen nicht.
An der Tonalität: Die Übergänge von Schwarz nach Grau nach Weiß verlaufen ohne erkennbare Linien oder Rasterstruktur. Je näher man herantritt, desto schwerer ist es, eine Grenze zu finden. Ein Vergrößerungsglas zeigt keine Einzelstruktur, nur feine gleichmäßige Textur. Das unterscheidet Mezzotinto von Aquatinta: Dort sieht man unter der Lupe das charakteristische Kolophonium-Korn, bei Mezzotinto nur die samtige Flächenstruktur des Wiegeisens.
Am Plattenrand: Wie bei anderen Tiefdruckverfahren (Radierung, Kupferstich, Kaltnadelradierung) hinterlässt die Plattenkante beim Druck einen scharfen Abdruck im Papier, den man mit einem Finger ertasten kann. Wer sich nicht sicher ist, hält das Papier schräg ins Licht und sieht den Rand als Kontur.
Beim Papier selbst fällt auf, dass echter Tiefdruck eine leicht erhabene Oberfläche zeigt: Die Farbe wird buchstäblich in die Papierfasern gedrückt, nicht nur aufgetragen.
Für frühe Werke gilt zusätzlich, dass Mezzotintos in aller Regel auf Kupfer entstanden; der erste Versuch auf Stahl datiert von 1820. Kenner bevorzugen frühe Abzüge, gezogen, solange der Grat der Platte frisch ist. Bei modernen Werken zählen stattdessen Signatur in Bleistift, Editionsnummer und Echtheitszertifikat. Für eine ausführlichere Erklärung, was einen Originaldruck von einer Reproduktion unterscheidet, lohnt sich die Seite zu Original und Kunstdruck.
Wer die Technik und ihre Verwandten in der Tiefdruckfamilie verstehen will, findet dort den breiteren Kontext.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Mezzotinto und Aquatinta?
Beide sind Tiefdruckverfahren für Tonwerte ohne sichtbare Linien. Aquatinta erzeugt Tonwerte durch Ätzen: Kolophoniumstaub wird auf die Platte aufgeschmolzen, die freiliegenden Metallstellen werden in Säure geätzt. Mezzotinto erzeugt Tonwerte durch mechanisches Aufrauhen: Das Wiegeisen drückt feine Zähne ins Kupfer, ohne Säure. Aquatinta beginnt bei Weiß, Mezzotinto beginnt bei Schwarz. Eine ausführliche Gegenüberstellung beider Verfahren mit konkreten Künstler-Entscheidungen gibt es unter Mezzotinto vs. Aquatinta.
Was ist ein Wiegeisen?
Das Wiegeisen (englisch: Rocker) ist das Hauptwerkzeug der Mezzotinto-Technik. Es besteht aus einem halbrunden Stahlkopf mit einer gezahnten, gewölbten Klinge. Der Künstler legt es auf die Kupferplatte und schaukelt es vor und zurück, während er langsam die Richtung dreht, sodass am Ende alle Stellen der Platte gleichmäßig aufgeraut sind. Dieses Aufrauhen vor dem eigentlichen Bildbeginn dauert bei einer großen Platte viele Stunden.
Wie hoch sind Auflagen bei Mezzotinto?
Auf Kupferplatten ohne Verstahlung sind nur ein- bis zweihundert hochwertige Abzüge möglich, bevor die feine Oberflächenrauheit nachlässt und die Schwärzen sich aufhellen. Deshalb werden Platten für größere Auflagen verstählt oder aus Stahl gefertigt: William Says Stahlplatte von 1820 lieferte 1.200 Abzüge. Frühe Abzüge einer Auflage haben in der Regel das satteste Druckbild.
Ist Mezzotinto ein eigenständiges Kunstwerk oder immer eine Reproduktion?
Historisch war Mezzotinto primär ein Reproduktionsmedium für Ölgemälde. Das änderte sich im 20. Jahrhundert, vor allem durch Yozo Hamaguchi, der Farb-Mezzotinto als autonome Kunstform entwickelte. Seit dem 20. Jahrhundert wird Mezzotinto vor allem als eigenständiges Medium mit eigenen Kompositionen genutzt. Was ein Original-Mezzotinto von einer Reproduktion unterscheidet, erklärt Original vs. Kunstdruck.
Welche anderen Tiefdruckverfahren gibt es?
Zur Tiefdruckfamilie gehören neben Mezzotinto: Radierung (Säureätzung durch einen Schutzgrund), Kaltnadelradierung (direkte Ritzung ohne Säure), Aquatinta (Tonwerte durch Flächenätzung), und Kupferstich (direkte Gravur mit dem Stichel). Sie alle nutzen dieselbe Drucklogik und werden oft auf derselben Presse gedruckt. Die Übersicht zu allen Druckverfahren gibt es auf der Druckgrafik.
Über Studio Sonsu
Zuletzt aktualisiert am 07.09.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für Originalgrafik in Hannover-Linden. Alle Werke sind handsignierte Originale, limitiert auf wenige Exemplare. Aktuell kein Mezzotinto im Sortiment, dafür Radierungen, Kaltnadel und andere Tiefdruck-Techniken. Der Überblick liegt in der Tiefdruck-Sammlung, das gesamte Portfolio unter allen Werken. Wer Fragen hat: hello@studiosonsu.de.
Quellen und weiterführende Literatur
- Metropolitan Museum of Art, Heilbrunn Timeline of Art History: The Printed Image in the West, Mezzotint
- Cooper Hewitt, Smithsonian Design Museum: Off His Rocker, Prince Rupert and the Mezzotint (2017)
- Metropolitan Museum of Art, Collection: Prince Ruperts "The Great Executioner" (1658) und Ludwig von Siegens Porträt der Amalie Elisabeth
- Smithsonian National Museum of Asian Art, Acquisitions 2020 und 2021: Yozo Hamaguchis Kupferplatten und e.e. cummings Suite
- John Martin, The Paradise Lost of John Milton with Illustrations by John Martin, Ausgabe 1846, Sammlung des Metropolitan Museum of Art
- John Evelyn, The Diary of John Evelyn, hrsg. von William Bray, Eintrag vom 13. März 1661 (Project Gutenberg, eBook 41218)
- Encyclopaedia Britannica, Mezzotint und Yozo Hamaguchi
- Wikipedia, Artikel Mezzotint, Schabkunst, Ludwig von Siegen, Prince Rupert of the Rhine, Wallerant Vaillant, William Say (engraver), Liber Studiorum, John Martin (painter), Jacob Christoph Le Blon, Yozo Hamaguchi