Tiere und Botanik in der Druckgrafik
Im Juni 1699 steht eine 52-jährige Frau am Bug eines Schiffs, das von Amsterdam Richtung Suriname ablegt. Neben ihr ihre jüngste Tochter Dorothea Maria, ein Skizzenbuch bereits auf dem Schoß. Zehn Jahre hat sich Maria Sibylla Merian da schon als Künstlerin selbst finanziert. Jetzt erlaubt ihr die Stadt Amsterdam offiziell die Forschungsreise. Sechs Jahre später liegen ihre Beobachtungen gedruckt vor: 60 kolorierte Kupferstich-Tafeln, großformatig, unter dem Titel Metamorphosis Insectorum Surinamensium.
Was zwingt eine Frau in diesem Alter auf ein Schiff in eine Kolonie am anderen Ende der Welt? Und warum reicht ihr am Ende nicht die eigene Zeichnung, das Original an der Wand ihres Ateliers, sondern es muss gedruckt, vervielfältigt, verbreitet werden? Die Antwort liegt am Anfang einer Linie, die sich durch Tiere und Botanik in der Druckgrafik zieht, über vier Jahrhunderte, bis in die Wohnungen, in denen heute botanische Kunst und Tiermotive hängen.
Die folgende Auswahl zeigt Werke aus dem aktuellen Sortiment, bei denen ein Tier oder eine Pflanze tatsächlich das Bildzentrum bildet, nicht nur eine Metapher für etwas anderes. Eine Welle, die wie ein Pferd aussieht, ist ein Wellenbild und kein Tierbild.
Was zwingt eine 52-jährige Naturforscherin 1699 aufs Schiff nach Suriname?
Am Anfang steht eine Frau, die noch vor der Suriname-Reise für 186 europäische Insektenarten den Metamorphose-Verlauf und die jeweiligen Futterpflanzen dokumentiert hat. Das ist die eigentliche Antwort auf die Frage, warum ihr eine einzelne Zeichnung nicht reicht: Wer eine ganze Systematik aufbaut, braucht ein Medium, das die Systematik trägt, nicht nur ein einzelnes schönes Blatt. Für die Platten der Metamorphosis Insectorum Surinamensium beauftragt Merian drei Kupferstecher mit der Gravur, statt selbst zu stechen.
Im Juni 1701 zwingt eine vermutliche Malaria-Erkrankung sie zur vorzeitigen Rückreise aus Suriname in die Niederlande. Vier Jahre später erscheint das Buch trotzdem, mit allen 60 Tafeln. Carl von Linné stützt sich 1735 und 1753 auf Merians Zeichnungen, um 56 Tier- und 39 Pflanzenarten aus Suriname wissenschaftlich zu beschreiben, darunter die Vogelspinne. Ein gedrucktes Bild überdauert die Begegnung mit seiner Zeichnerin. Ein Naturforscher kann es Jahrzehnte später aufschlagen und daraus arbeiten, ganz ohne Merian je getroffen zu haben.
Ganz reibungslos war diese Übertragung nicht. 1835 nennt der Naturforscher William Sharp MacLeay in den Transactions of the Zoological Society of London Merians Tafel der vogelfressenden Vogelspinne unverzeihlich. Er wirft ihr vor, mit dieser bloßen Fabel als Erste die Nerven unwissenschaftlicher Urgroßmütter strapaziert zu haben (im Original: "…inexcusable. She it was, I believe, who first agitated the nerves of our unscientific great-grandmothers with the choice fable of bird-eating spiders."). Der Streit um dieses eine Blatt ist bis heute nicht ganz beigelegt. Vögel gehören nachweislich zum Speiseplan mancher Vogelspinnen-Arten. Dokumentiert ist das allerdings als Ausnahme, nicht als Regel: Ein Fall von Phormingochilus tigrinus beim Fressen eines Nestlings gilt als Beleg. Für die konkrete Szene auf Merians Tafel hält sogar die Quelle, die ihre Beobachtung heute einordnet, das Aasfressen für wahrscheinlicher als die Jagd: "it is more likely that the spider is scavenging a dead bird than catching a live one." Merian hat also vermutlich eine Szene gezeichnet, die eher Aasfressen als Jagd zeigt, und lag im Prinzip trotzdem richtiger als ihr Kritiker.
Ein gedrucktes Naturbild ist damit nie nur ein Protokoll. In jedem steckt eine Entscheidung darüber, was gezeigt wird und wie genau. Wie weit diese Entscheidung gehen darf, beantworten die folgenden zweihundert Jahre sehr unterschiedlich.
213 Jahre nach Merians Abreise schneidet ein anderer Künstler einen Tiger in Holz. Franz Marcs "Tiger" von 1912 ist ein Holzschnitt. Marc übersetzt Beobachtung in Empfindung: kantige, gegeneinander gesetzte Flächen, die eher Stimmung als Zoologie zeigen. Zwischen Merians gestochener Genauigkeit und Marcs expressionistischen Flächen liegt die ganze Spannweite dessen, was Tiere und Botanik in der Druckgrafik seit vier Jahrhunderten sein können: exaktes Protokoll oder freie Übersetzung. Beide Pole leben davon, dass das Blatt gedruckt wird und den Raum verlässt, in dem es entstanden ist.
Warum druckt ein Amerikaner seine amerikanischen Vögel in London?
Zurück ins Jahr 1826. John James Audubon besteigt mit 250 Illustrationen im Gepäck ein Schiff nach England, weil ihm in Amerika weder Subskribenten noch technisch fähige Stecher und Drucker zur Verfügung stehen. In London findet er, wonach er sucht: die Werkstatt des renommierten Tierstechers Robert Havell Jr., die zwischen 1827 und 1838 435 Tafeln nach seinen Aquarellen druckt, in einer Kombination aus Radierung, Kupferstich und Aquatinta, wobei die Radierung das Hauptverfahren ist. Jede Vogeldarstellung entsteht in Lebensgröße, im sogenannten Double-Elephant-Folio-Format.
Was "handkoloriert" bei diesem Werk bedeutet, zeigt ein Blick in Havells Werkstatt: Über 50 Menschen kolorieren im Fließbandverfahren, jede Farbe wird nacheinander von einer anderen Person aufgetragen. Ob das noch ein Original ist oder schon eine Manufaktur, lässt sich an der Zahl der Hände nicht entscheiden. Was Audubon nicht delegiert, ist die Größe. Ein Vogel, exakt so groß gedruckt wie in der Natur, macht eine Aussage, die man nachmessen kann. Eine Subskription des Gesamtwerks kostete zwischen 1827 und 1838 rund 1.000 US-Dollar, umgerechnet etwa 24.600 US-Dollar in Werten von 2015.
Von dieser Auflage überleben heute schätzungsweise nicht mehr als 120 vollständige Sätze, davon nur 13 in Privatbesitz. Beim dritten Naturforscher dieser Linie wird die Auswahl selbst zur Methode.
Wie wählt man hundert Tafeln aus mehr als tausend Drucken aus?
Zwischen 1899 und 1904 gibt Ernst Haeckel seine Kunstformen der Natur in zehn Heften heraus, jede Tafel eine Übertragung durch den Jenaer Lithografen Adolf Giltsch, der Haeckels Skizzen und Aquarelle auf den Stein bringt. 1904 erscheinen die Zehnerhefte gesammelt in zwei Bänden, 100 Lithografie-Tafeln insgesamt.
Über 1.000 Drucke entstehen im Lauf seiner Karriere nach seinen Skizzen und Aquarellen. In die Kunstformen der Natur schaffen es viele der besten davon. Ausgewählt sind die Motive danach, wie vollkommen sie Symmetrie und Organisationsgrad verkörpern, von den Schuppenmustern der Kofferfische bis zu den Spiralen der Ammoniten. Und die Organismen einer Tafel sind auf größtmögliche Bildwirkung hin angeordnet. Merian hält fest, was auf der Futterpflanze sitzt, Audubon druckt so groß, wie der Vogel wirklich ist. Bei Haeckel entscheidet die Form. Seine Tafeln wirken bis in den Jugendstil hinein: René Binet, Karl Blossfeldt, Hans Christiansen und Émile Gallé griffen diese Formensprache auf.
Wer so arbeitet, kann eine Auswahl auch wieder verkleinern. Die zweite Auflage von 1914 enthält nur noch 30 Tafeln, knapp ein Drittel der ursprünglichen 100. Drei Werke aus drei Jahrhunderten, und in jedem steckt dieselbe Verbindung aus genauer Naturbeobachtung und dem Handwerk, das sie vervielfältigt. Im Angebot, das heute unter botanischer Kunst und Tierbildern erscheint, ist diese Verbindung nicht selbstverständlich.
Was findet man, wenn man heute "botanische Kunst" oder "Tierbilder" sucht?
Ein großer deutscher Anbieter für botanische Drucke nennt die historischen Referenzkünstler korrekt: Pierre Joseph Redouté, Maria Sibylla Merian, Albrecht Dürer, Basilius Besler, Georg Dionysius Ehret. Verkauft werden dort Reproduktionen: Poster ab 26,68 Euro, ohne erklärenden Text zu diesen Namen oder ihrer Bedeutung.
Ein internationaler Marktplatz für botanische Kunstdrucke bewegt sich preislich zwischen 185 und 5.200 Euro, von "Leaf Study 1" (Benjamin West) bis "Flowers in Pastel Colors" (Takashi Murakami). Welche Drucktechnik hinter dem einzelnen Blatt steckt, erklärt die Seite nicht. Der Unterschied zwischen Original und Kunstdruck bleibt bei keinem der beiden Anbieter Thema. Der eine kennt die Namen und erklärt sie nicht, der andere nennt die Preise und erklärt das Verfahren nicht.
Auf der Seite der Künstler sieht das anders aus. Der britische Künstler Mark Hearld, geboren 1974, studierte an der Glasgow School of Art, machte danach seinen Master in Natural History Illustration am Royal College of Art und arbeitet heute unter anderem im Linolschnitt; 2020 zeigte der Yorkshire Sculpture Park seine Collagen und Linolschnitte.
Wer führt diese Verbindung heute tatsächlich fort?
Richard Studers "An Engraver's Alphabet: Endangered & Extinct" umfasst 25 Holzstiche auf Buchsbaum-Hirnholz. K steht für Kingfisher, den Eisvogel. Wo Merian nach Futterpflanzen sortiert und Haeckel aus über 1.000 Drucken 100 auswählt, ordnet Studer seine Serie nach dem Alphabet. Eine direkte Werk-Linie zwischen den dreien lässt sich daraus nicht ableiten, wohl aber dieselbe alte Lust am Ordnen, hier mit einem anderen Buchstabiersystem. Zur Reihe gehört ein W wie Wooly Mammoth, die Art, bei der die Bedrohung schon entschieden ist.
P steht für Pitcher Plant, die Kannenpflanze, dasselbe Alphabet, dieselbe Serie, aber botanisch statt zoologisch. In einer einzigen Serie stecken damit beide Hälften, das Tier und die Botanik.
Anna Francis' "Allium" ist eine Kaltnadelradierung, botanisch, aber eher verfallend als blühend. Sie beschreibt ihre Arbeit als Erkundung der Formen verwesender Pflanzen, eine Bestätigung, dass alle Lebewesen miteinander verbunden sind. Dieselbe Arbeit feiert die rohe, zerbrechliche Schönheit der Natur (im Original: "My intaglio work explores the forms found in decaying plants. It reaffirms that all living things are connected and is a celebration of natures raw and delicate beauty."). Eine verwandte Systematik trägt schon Merians Werk: Insekt und Futterpflanze gehören bei ihr zusammen, ein Prinzip, das ihren frühen, dekorativen Blumenbüchern noch fehlte.
Muss Naturbeobachtung immer genau sein?
John Simpsons "Sun Forest" ist ein Siebdruck, der eine Baumhütte als Bauwerk innerhalb der Natur zeigt, nicht als Fremdkörper darin. Die Fläche ist stark texturiert, fast wie Rinde, Schicht für Schicht mit dem Rakel auf den Bogen gezogen. Hier entscheidet sich, ob die Textur trägt oder zuläuft, und danach richtet sich, wie viel Farbe das nächste Blatt bekommt.
Georgia Greens "Badger in the Willows" steht am anderen Ende. Auf dem Blatt richtet sich ein Dachs vor einem Tisch mit brennender Kerze auf, in warmen Orangetönen, näher am Bilderbuch als an einer Bestimmungstafel. Damit landet die Risografie an dem Pol, den Franz Marcs Tiger 1912 markiert hat: Der Dachs muss nichts belegen, er darf erzählen. Naturbeobachtung in der Druckgrafik zieht ihre Wirkung nicht zwangsläufig aus Exaktheit.
Merian selbst ist längst tot. Ihre 60 Tafeln sind es nicht. Linné arbeitet 1735 mit ihnen, MacLeay streitet 1835 gegen sie, und keiner der beiden hat die Zeichnerin je gesehen. Das ist die Antwort auf die Frage vom Anfang: Eine Zeichnung im Atelier hätte diesen Weg nicht gemacht. Gedruckt verlässt eine Beobachtung den Raum, in dem sie entstanden ist, und wird überprüfbar, damit auch angreifbar. Welche der Blätter, die heute gedruckt werden, in dreihundert Jahren noch jemand prüft, weiß niemand.
Was passiert nach der Bestellung?
Alle Werke werden ungerahmt versendet, in einer stabilen Planversandbox mit Graukarton-Schutz, per DHL. Ungerahmt dauert die Lieferung 5 bis 8 Werktage. Wenn du die Rahmung direkt bei der Bestellung dazuwählst, optional mit säurefreiem Passepartout, verlängert sich das auf rund 10 bis 14 Werktage, weil die Rahmung für dein Format angefertigt wird. 14 Tage Widerrufsrecht, Rückgabe im Originalzustand.
Für Motive mit viel weißem Papierrand, etwa Studers Alphabet-Blätter oder Francis' "Allium", funktioniert ein schmaler Rahmen mit Passepartout gut, weil er den Rand als Teil des Werks zeigt. Für flächigere Arbeiten wie "Sun Forest" reicht oft ein Rahmen ohne Passepartout.
Was wird zu Tieren und Botanik in der Druckgrafik häufig gefragt?
Was kostet Original-Druckgrafik mit Tier- oder Pflanzenmotiv?
Originaldrucke mit Tier- oder Pflanzenmotiv beginnen bei rund 30 Euro und reichen je nach Format, Technik und Auflage bis in den vierstelligen Bereich. Der Schwerpunkt des Sortiments liegt zwischen 200 und 500 Euro. Zum Vergleich: Poster-Händler verkaufen industrielle Reproduktionen ab unter 30 Euro, ohne dass ein Künstler den Druck selbst gezogen oder signiert hat.
Was unterscheidet einen Originaldruck von einem Kunstdruck-Poster mit botanischem Motiv?
Ein Originaldruck wird vom Künstler selbst oder in seiner Werkstatt gedruckt und meist von Hand signiert, in einer begrenzten und nummerierten Auflage, typischerweise 15 bis 30 Exemplare, bei manchen Serien auch mehr. Danach wird nicht nachgedruckt. Ein Poster ist eine industrielle Reproduktion in unbegrenzter Stückzahl, meist von einem Foto oder Scan des Originals.
Welche Drucktechnik passt zu welchem Tier- oder Pflanzenmotiv?
Das hängt vom Motiv ab, nicht von einer festen Regel. Ein filigranes Insekt oder eine einzelne Blüte funktioniert oft in einer feinen Linientechnik wie der Kaltnadelradierung, weil die Nadel jede Ranke einzeln zieht. Ein kräftiges Tiermotiv mit klaren Flächen funktioniert oft in Holzschnitt oder Siebdruck. Am Ende zählt, wie das konkrete Werk wirkt, nicht die Technik allein.
Kann ich die Rahmung später separat dazubestellen?
Die Rahmung wird direkt bei der Bestellung dazugewählt, einzelne Rahmen verkaufen wir nicht. Wer sich erst nach der Lieferung für einen Rahmen entscheidet, ist beim Rahmenmacher vor Ort gut aufgehoben, weil er das Blatt vor sich hat und Glas, Passepartout und Format daran abstimmen kann.
Gibt es die komplette Alphabet-Serie von Richard Studer im Sortiment?
Ein Teil der 25-teiligen "An Engraver's Alphabet: Endangered & Extinct"-Serie ist im Sortiment vertreten, darunter Tier- und Pflanzenmotive wie Kingfisher und Pitcher Plant. Welche Buchstaben aktuell verfügbar sind, zeigt die Sammlung von Richard Studer.
Quellen und weiterführende Literatur
- Max-Planck-Gesellschaft, Maria Sibylla Merian und ihre Reise nach Suriname (Forschungsporträt)
- The Public Domain Review, Maria Sibylla Merian, Metamorphosis Insectorum Surinamensium (1705)
- Rijksmuseum Amsterdam, Sammlungsgeschichte zu Maria Sibylla Merian
- Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Franz Marc, Tiger (1912), Inv.-Nr. GMS 707
- National Audubon Society, The Birds of America (Havell-Edition, 1827-1838)
- Linda Hall Library, Ernst Haeckel und die Kunstformen der Natur (1899-1904)
Studio Sonsu ist eine Galerie für Original-Druckgrafik in Hannover-Linden. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlerinnen und Künstlern. Die Auflagen sind klein, meist handsigniert. Wer nach dem Meer statt nach Tieren an Land sucht, findet unter Maritime Kunst dieselbe Sortiments-Logik, nur mit Wasser statt Wald.
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