Kupferstich

Beim Kupferstich wird mit einem Grabstichel direkt in blankes Kupfer graviert, ohne Ätzgrund und ohne Säure. Das macht ihn zum direktesten aller Tiefdruckverfahren: Die Linie entsteht nicht durch Chemie, sondern durch Kraft und Präzision. Genau diese Bedingung trieb Schongauer, Dürer und ihre Zeitgenossen zu Leistungen, die bis heute als technischer Maßstab gelten.

Der Grabstichel ist ein Goldschmiedewerkzeug. So hat die Technik auch angefangen: nicht in Künstlerwerkstätten, sondern in Werkstätten von Handwerkern, die Silbergeschirr verzierten. Irgendwann um 1420/1430 begann ein Handwerker am Oberrhein, diese Verzierungen mit Farbe einzuschwärzen und Papier aufzulegen. Was als Qualitätskontrolle gedacht war, wurde zur Kunstform.

Was ihn von der Radierung unterscheidet: Der Stichel arbeitet direkt im Metall, ohne Säure.

Studio Sonsu verkauft keine Kupferstiche. Die Technik wird heute kaum noch ausgeübt. Das Grid zeigt zeitgenössische Radierungen: dasselbe Tiefdruckprinzip, dieselbe Kupferplatte, zeitgenössische Künstler.

Was passiert beim Gravieren — die Physik der schwellenden Linie?

Die meisten Erklärtexte zum Kupferstich sagen: „Linien werden in Kupfer graviert." Das stimmt, erklärt aber nicht das Wichtigste: warum diese Linien so anders aussehen als alle anderen.

Man hält den Grabstichel nicht wie einen Stift. Der Stiel liegt im Handteller, der Ballen der Hand drückt nach vorn. Man schiebt die Platte gegen den Stichel, nicht den Stichel über die Platte. Schongauer war vermutlich der erste Kupferstecher, der Parallellinien durch Drehen der Platte gegen einen feststehenden Grabstichel bog. Der Stichel bleibt still, die Platte dreht sich. Was sich ändert, ist der Winkel des Einschnitts.

Das Ergebnis ist eine Linie mit einem charakteristischen Profil: V-förmig im Querschnitt, haarfein am Anfang, anschwellend unter Druck, haarfein am Ende. Dieser geschwollene Bauch heißt Taille. Glatte Ränder, keine Ausfranzungen, kein aufgeworfener Grat. Das ist das Erkennungsmerkmal, das den Kupferstich von allen verwandten Techniken trennt.

Stanley William Hayter, einer der einflussreichsten Tiefdrucklehrer des 20. Jahrhunderts, beschrieb das Körpergefühl beim Gravieren so: „The sensation of the engraver in making was one of traveling bodily with the point forward in the direction of the design."

Der Grabstichel selbst besteht aus gehärtetem Stahl mit quadratischem oder rautenförmigem Querschnitt. Verschiedene Querschnittsformen erzeugen verschiedene Liniencharaktere. Schmale Raute für feine Kreuzschraffur, breites Quadrat für Konturlinien. Ein Kupferstecher arbeitet nicht mit einem Werkzeug, sondern mit einem Satz von zehn bis zwanzig.

Denselben Stichel nutzt der Holzstich, dort allerdings auf Buchsbaum-Hirnholz statt auf Kupfer. Beide Techniken teilen die Werkzeugführung, aber das Material ändert alles: Hirnholz bricht anders als Kupfer, und die Linie hat keine Taille.

Wie hat der Kupferstich die Druckgrafik zur Hochkunst gemacht?

Die Antwort liegt bei zwei Männern: Meister E.S. und Martin Schongauer.

Meister E.S. arbeitete in der Mitte des 15. Jahrhunderts, vermutlich am Oberrhein. Max Lehrs' Werkverzeichnis von 1908 erfasst 318 Stiche von ihm. 95 davon sind weltweit nur in einem einzigen Exemplar erhalten, 50 weitere in je zwei Abzügen. Er verbesserte seine Technik kontinuierlich, tiefere Einschnitte, mehr Kontrolle, aber jede Platte hielt damals kaum mehr als 60 Abzüge. Seine Platten gingen an Israhel van Meckenem, der 41 davon überarbeitete und weiterdruckte. Das war der frühe Kunstmarkt.

Albrecht Dürer, Melencolia I, 1514, Kupferstich. Kreuzschraffur und Volumenmodellierung auf höchstem technischen Niveau.
Albrecht Dürer, Melencolia I, 1514. Kupferstich. Public Domain.

Dann kam Schongauer. Sein „Heiliger Antonius wird von Dämonen gepeinigt", entstanden um 1470, heute im Städel in Frankfurt, misst 311 × 227 mm und enthält mehr Detailarbeit, als man einem einzelnen Blatt zutrauen würde. Ein junger Florentiner kopierte es in Öl: Michelangelo, damals zwölf oder dreizehn Jahre alt. Das Gemälde tauchte 2008 bei Sotheby's auf, wurde für zwei Millionen Dollar als Ghirlandaio verkauft, und eine Restaurierung am Metropolitan Museum identifizierte es als frühen Michelangelo. Heute hängt es im Kimbell Art Museum in Fort Worth.

Schongauers Drucke wurden von van Meckenem kopiert: exakt 58 Blätter, die Hälfte von Schongauers 116 erhaltenen Stichen. Kopiertwerden war im 15. Jahrhundert das höchste Qualitätsurteil, das ein Drucker über einen anderen fällen konnte.

Schongauer erhob den Kupferstich zur Hochkunst. Albrecht Dürer entwickelte das weiter. Er hatte das Goldschmiedshandwerk gelernt, bevor er Maler und Druckgrafiker wurde, und diesen Hintergrund sieht man: Er systematisierte die Kreuzschraffur mit der Präzision eines Handwerkers, verfeinerte die Tonabstufungen, und schuf zwischen 1513 und 1514 drei Stiche, die heute als Meisterstiche gelten: Ritter, Tod und Teufel; Hieronymus im Gehäus; Melencolia I. Insgesamt fertigte Dürer etwa 108 Kupferstiche und Radierungen an.

Warum hat die Radierung den Kupferstich verdrängt?

Im 17. Jahrhundert war der Kupferstich die dominante Drucktechnik Europas. Im 18. Jahrhundert war er das nicht mehr. Die Radierung hatte ihn abgelöst.

Der Hauptgrund ist mechanischer Natur: der Ätzgrund. Bei der Radierung bedeckt man die Platte mit einer wachsartigen Schutzschicht und zeichnet mit einer Nadel durch diese Schicht. Dann kommt Säure. Die Säure beißt sich in die freiliegenden Stellen, und die Tiefe der Linie hängt von der Ätzdauer ab, nicht von der Kraft des Künstlers. Bei der Radierung kann man nachdenken. Man kann beginnen, stoppen, die Platte beobachten. Die Linie verhält sich fast wie ein Bleistift.

Beim Kupferstich gibt es keinen Ätzgrund, keine Säure. Jeder Stich ist final. Der Ätzgrund machte die Radierung der Freiheit der Linie zugänglich. Rembrandt nutzte den Grabstichel gelegentlich als Ergänzungswerkzeug, arbeitete aber im Kern als Radierer. Goya war Radierer. Die malerische Linie hatte gewonnen. Parallel entwickelten sich Reproduktionstechniken wie die Crayon-Manier, die Zeichnungen für den Wohnraum vervielfältigten.

Dazu kommt die Auflagenfrage. Eine gut gearbeitete Kupferstichplatte hält über 500 Abzüge, das Metall so tief geschnitten und so hart verdichtet, dass die Kanten kaum abnutzen. Eine Radierplatte hält 40 bis 100 gute Abdrucke, eine Kaltnadelradierung ohne Verstahlung nur 15 bis 30. Das erklärt den Aufstieg des Kupferstichs: Für den Reproduktionsdruck, für Bibelillustrationen, für Landkarten war er schlicht effizienter. Als der Reproduktionsdruck keine Handarbeit mehr brauchte, verschwand der Grund für diese Effizienz. Dürers Platten kursierten übrigens nachweislich noch bis ins 18. Jahrhundert, nicht als Kunstobjekte, sondern als Druckwerkzeuge.

Wie erkenne ich einen Kupferstich?

Mit einer Lupe, einem Auge und etwa dreißig Sekunden.

Radierung Supernatural Ballad von Rachel Duckhouse, feine Horizontalen auf leerem Grund
Rachel Duckhouse, Supernatural Ballad, handkolorierte Radierung. Linie als alleiniges Ausdrucksmittel.

Das entscheidende Merkmal ist die Strichlinie selbst. Kupferstich: glatte Strichkanten, angeschwollene Mitte, spitz auslaufende Enden. Das nennt sich Taille. Kaltnadel: raue Strichkanten, ein sichtbarer samtiger Grat auf beiden Seiten, der die Farbe hält. Radierung: Die Linie ist gleichmäßiger in der Breite, leicht angeätzt an den Rändern, aber ohne den scharfen Grat der Kaltnadel.

Ein weiteres Erkennungsmerkmal ist das Schraffurmuster. Kupferstiche aus dem 15. und 16. Jahrhundert arbeiten mit dichten Parallelen und Kreuzschraffuren. Die Kurven dieser Schraffuren folgen der Körperform des dargestellten Motivs, Schraffur als Volumenmodellierung. Marcantonio Raimondi, der erste Kupferstecher, der Raffaels Kompositionen systematisch druckte, machte aus dieser Kreuzschraffur mit gleichförmigen parallelen Linien eine eigene Schule.

Auf Auktionen und in Sammlungen gilt die Qualität des Abzugs als entscheidend. Von Schongauers „Rast auf der Flucht nach Ägypten" existieren rund 60 Abzüge, aber nur sieben gelten als „erste Qualität". Erste Qualität bedeutet: früher Abzug, bevor die Platte sich abgenutzt hat, scharfe Linien, volle Tonabstufungen. Spätere Abzüge sind erkennbar weicher, die Schraffuren weniger definiert. Eine Lupe zeigt das. Wer wissen will, ob ein Blatt ein Original oder ein Nachdruck ist, findet die Kriterien unter Original vs. Kunstdruck.

Wo gibt es heute noch Kupferstiche — und was ist die zeitgenössische Nachfolge?

In den Kupferstichkabinetten. Der Name dieser Museumsabteilungen ist wörtlich: Es sind Kabinette, die ursprünglich für Kupferstiche gebaut wurden. Das Berliner Kupferstichkabinett und die Albertina in Wien besitzen zehntausende Blätter. Frankfurt, Dresden und Wien haben ihre grafischen Sammlungen seit dem 16. Jahrhundert systematisch aufgebaut.

Einen Kupferstich zu kaufen ist schwieriger. Originale aus dem 15. und 16. Jahrhundert sind Auktionsgut, kein Galeriebestand. Moderne Künstler arbeiten selten noch mit der Technik, die Präzisionsanforderungen sind zu hoch, die Nachfrage für die meisten kommerziell zu gering.

Radierung Kvinna von Stephen Lawlor, Gesicht aus dichter Kreuzschraffur
Stephen Lawlor, Kvinna, Radierung. Kreuzschraffur als Volumenmodellierung.

Die Radierung führt diese Linie heute fort. Dasselbe Tiefdruckprinzip, dieselbe Kupferplatte, aber mit Säure statt Stichel. Zeitgenössische Radierer arbeiten mit Kreuzschraffur, Parallelschraffur, geschwungenen Körperlinien, mit mehr Freiheit als es der Grabstichel je erlaubt hat.

Drei Arbeiten aus dem Studio Sonsu Programm zeigen, wie sich die Kupferstich-Linie in zeitgenössischer Radierung und Kaltnadel fortsetzt: Rachel Duckhouses „Supernatural Ballad" zeigt, wo diese Linie heute landet: feine Horizontalen auf fast leerem Grund, extreme Reduktion auf wenige geätzte Linien. Stephen Lawlors „Kvinna" baut ein Gesicht aus einem Netz dichter Kreuzschraffur, Schicht für Schicht aufgebaut, bis das Licht stimmt. Anna Francis' Kaltnadel „Allium" reduziert ein einzelnes botanisches Motiv auf weißem Grund, kratzig und präzise zugleich. Alle drei arbeiten mit Radierung oder Kaltnadel. Das aktuelle Sortiment zeigt ihre Werke.

Studio Sonsu verkauft keine Kupferstiche. Die Druckgrafik-Übersicht zeigt, wo der Kupferstich in der Tiefdruck-Familie steht.

Was ist ein Kupferstich einfach erklärt?

Beim Kupferstich wird mit einem Grabstichel direkt in eine Kupferplatte graviert. Der Stichel hebt einen kleinen Metallspan heraus und hinterlässt eine V-förmige Furche. Diese Furche nimmt Druckfarbe auf; das Papier wird mit der Platte gepresst und saugt die Farbe aus den vertieften Linien. Der Kupferstich ist ein Tiefdruckverfahren, verwandt mit Radierung und Kaltnadelradierung, aber ohne Säure.

Was ist der Unterschied zwischen Kupferstich und Radierung?

Beim Kupferstich wird die Linie mechanisch mit dem Grabstichel in die Platte geschnitten. Bei der Radierung wird zunächst ein Ätzgrund aufgetragen, die Linie durch diesen Grund gezeichnet, dann mit Säure in die Platte geätzt. Der Kupferstich erzeugt eine charakteristische Taille, eine Linie, die in der Mitte anschwillt und an den Enden ausläuft. Radierungslinien sind gleichmäßiger in der Breite.

Ist ein Kupferstich ein Tiefdruck?

Ja. Der Kupferstich gehört zur Tiefdruck-Familie, zusammen mit Radierung, Kaltnadelradierung, Aquatinta und Mezzotinto. Bei allen Tiefdrucktechniken befindet sich die Farbe in vertieften Bereichen der Platte. Der Unterschied liegt in der Methode: Kupferstich graviert mechanisch, Radierung ätzt chemisch, Kaltnadel kratzt direkt, Aquatinta arbeitet mit Tonfeldern.

Wird der Kupferstich heute noch verwendet?

Selten, vor allem im Bereich Sicherheitsdruck. Für Massenauflagen entwickelte Jacob Perkins ab 1792 den Stahlstich, der Kupfer ab den 1820er Jahren in der Buchillustration ablöste und bis heute das Sicherheitsdruckverfahren auf Banknoten ist. Euro-Banknoten, Briefmarken und offizielle Dokumente werden bis heute im Intaglio-Verfahren gedruckt, einem direkten Nachfahren des Kupferstichs. Als künstlerische Technik wird er nur noch von wenigen Spezialisten ausgeübt, da die Präzisionsanforderungen sehr hoch sind und die Ausbildung jahrelange Übung erfordert.

Woran erkenne ich einen Kupferstich?

Mit einer Lupe und dreißig Sekunden: Halte die Lupe an die Strichlinie. Beim Kupferstich ist sie in der Mitte dicker als an den Enden. Das ist die Taille. Die Strichkanten sind glatt. Bei der Kaltnadelradierung siehst du an denselben Stellen einen samtigen Grat; bei der Radierung verläuft die Linie gleichmäßiger in der Breite. Diese drei Merkmale reichen für eine erste Einschätzung.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Metropolitan Museum of Art, Heilbrunn Timeline of Art History: Engraving. metmuseum.org/toah/hd/engr/hd_engr.htm
  • Städel Museum Frankfurt, Martin Schongauer: Der heilige Antonius, von Dämonen geplagt. sammlung.staedelmuseum.de/en/work/saint-anthony-tormented-by-demons
  • Stanley William Hayter, New Ways of Gravure. Oxford University Press, 1949 (Rev. Ed. 1981).
  • Europäische Zentralbank, Banknote Production. ecb.europa.eu/euro/banknotes/production/html/index.en.html
  • Max Lehrs, Geschichte und kritischer Katalog des deutschen, niederländischen und französischen Kupferstichs im XV. Jahrhundert. Wien, 1908.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de

Zuletzt aktualisiert: 19.04.2026