Kupferstich
Beim Kupferstich wird mit einem Grabstichel direkt in blankes Kupfer graviert, ohne Ätzgrund und ohne Säure. Das macht ihn, neben der Kaltnadel, zu einem der direktesten Tiefdruckverfahren: Die Linie entsteht nicht durch Chemie, sondern durch Kraft und Präzision. Genau diese Bedingung trieb Schongauer, Dürer und ihre Zeitgenossen zu Leistungen, die bis heute als technischer Maßstab gelten.
Der Grabstichel ist ein Goldschmiedewerkzeug. So hat die Technik auch angefangen: nicht in Künstlerwerkstätten, sondern in Werkstätten von Handwerkern, die Silbergeschirr verzierten. Irgendwann um 1420/1430 begann ein Handwerker am Oberrhein, diese Verzierungen mit Farbe einzuschwärzen und Papier aufzulegen. Was als Arbeitsprotokoll gedacht war, wurde zur Kunstform.
Was ihn von der Radierung unterscheidet: Der Stichel arbeitet direkt im Metall, ohne Säure.
Studio Sonsu verkauft keine Kupferstiche. Die Technik wird im künstlerischen Druck heute kaum noch ausgeübt. Das Grid zeigt zeitgenössische Radierungen: dasselbe Tiefdruckprinzip, dieselbe Kupferplatte, zeitgenössische Künstler.
Was passiert beim Gravieren: die Physik der schwellenden Linie?
Die meisten Erklärtexte zum Kupferstich sagen: „Linien werden in Kupfer graviert." Das stimmt, erklärt aber nicht das Wichtigste: warum diese Linien so anders aussehen als alle anderen.
Man hält den Grabstichel nicht wie einen Stift. Der Stiel liegt im Handteller, der Ballen der Hand drückt nach vorn. Man schiebt die Platte gegen den Stichel, nicht den Stichel über die Platte. Schongauer gilt als der erste Kupferstecher, der Parallellinien bog, vermutlich durch Drehen der Platte gegen einen feststehenden Grabstichel. Der Stichel bleibt still, die Platte dreht sich. Was sich ändert, ist der Winkel des Einschnitts.
Das Ergebnis ist eine Linie mit einem charakteristischen Profil: V-förmig im Querschnitt, haarfein am Anfang, anschwellend unter Druck, haarfein am Ende. Dieser geschwollene Bauch heißt Taille. Glatte Ränder, keine Ausfranzungen, kein aufgeworfener Grat. Das ist das Erkennungsmerkmal, das den Kupferstich von allen verwandten Techniken trennt.
Stanley William Hayter, der die Werkstatt Atelier 17 von der Gründung 1927 in Paris bis zu seinem Tod 1988 leitete, hat den Grabstichel im 20. Jahrhundert als künstlerisches Werkzeug weitergeführt; seine Werkstatt arbeitete mit Linienstich und Radierung.
Der Grabstichel selbst besteht aus gehärtetem Stahl mit quadratischem oder rautenförmigem Querschnitt. Verschiedene Querschnittsformen erzeugen verschiedene Liniencharaktere. Schmale Raute für feine Kreuzschraffur, breites Quadrat für Konturlinien. Ein Kupferstecher arbeitet nicht mit einem Werkzeug, sondern mit einem Satz verschiedener Stichel.
Die Crayon-Manier ersetzt den Grabstichel durch Roulette und Mattoir und erzeugt den Eindruck von Kreidezeichnungen. Denselben Stichel nutzt der Holzstich, dort allerdings auf Buchsbaum-Hirnholz statt auf Kupfer. Beide Techniken teilen die Werkzeugführung, aber das Material ändert alles: Hirnholz bricht anders als Kupfer, und die Linie hat keine Taille.
Wie hat der Kupferstich die Druckgrafik zur Hochkunst gemacht?
Die Antwort liegt bei zwei Männern: Meister E.S. und Martin Schongauer.
Meister E.S. arbeitete in der Mitte des 15. Jahrhunderts, vermutlich am Oberrhein. Max Lehrs' Werkverzeichnis von 1910 erfasst 318 Stiche von ihm. 95 davon sind weltweit nur in einem einzigen Exemplar erhalten, 50 weitere in je zwei Abzügen. Er verbesserte seine Technik kontinuierlich, tiefere Einschnitte, mehr Kontrolle, aber jede Platte hielt damals kaum mehr als 60 Abzüge. Seine Platten gingen an Israhel van Meckenem, der 41 davon überarbeitete und weiterdruckte. Das war der frühe Kunstmarkt.
Dann kam Schongauer. Sein „Heiliger Antonius wird von Dämonen gepeinigt", entstanden um 1470, heute im Städel in Frankfurt, misst 311 × 227 mm und enthält mehr Detailarbeit, als man einem einzelnen Blatt zutrauen würde. Ein Gemälde nach diesem Stich wird Michelangelo zugeschrieben, der damals zwölf oder dreizehn Jahre alt war; die Zuschreibung ist unter Fachleuten umstritten. Das Gemälde tauchte 2008 bei einer Londoner Auktion auf, wurde für rund zwei Millionen Dollar als Werkstatt Ghirlandaio verkauft, und eine Untersuchung am Metropolitan Museum stützte die Zuschreibung an Michelangelo. Seit 2009 gehört es dem Kimbell Art Museum in Fort Worth.
Schongauers Drucke wurden von van Meckenem kopiert: 58 Blätter, die Hälfte von Schongauers 116 erhaltenen Stichen.
Schongauer erhob den Kupferstich zur Hochkunst. Albrecht Dürer entwickelte das weiter. Er hatte das Goldschmiedshandwerk gelernt, bevor er Maler und Druckgrafiker wurde, und diesen Hintergrund sieht man: Er systematisierte die Kreuzschraffur mit der Präzision eines Handwerkers, verfeinerte die Tonabstufungen, und schuf zwischen 1513 und 1514 drei Stiche, die heute als Meisterstiche gelten: Ritter, Tod und Teufel; Hieronymus im Gehäus; Melencolia I. Neben den Kupferstichen schuf Dürer zwischen 1515 und 1518 sechs Eisenradierungen. Was Schongauer aufgebaut und Dürer daraus gemacht hat, vergleicht der Artikel Dürer und Schongauer.
Warum hat die Radierung den Kupferstich verdrängt?
Als Reproduktionstechnik blieb der Kupferstich bis ins 19. Jahrhundert wichtig. Unter Künstlern hatte ihn die Radierung schon im 17. Jahrhundert abgelöst; das 17. Jahrhundert gilt als das große Zeitalter der Radierung.
Der Hauptgrund ist mechanischer Natur: der Ätzgrund. Bei der Radierung bedeckt man die Platte mit einer wachsartigen Schutzschicht und zeichnet mit einer Nadel durch diese Schicht. Dann kommt Säure. Die Säure beißt sich in die freiliegenden Stellen, und die Tiefe der Linie hängt von der Ätzdauer ab, nicht von der Kraft des Künstlers. Bei der Radierung kann man nachdenken. Man kann beginnen, stoppen, die Platte beobachten. Die Linie verhält sich fast wie ein Bleistift.
Beim Kupferstich gibt es keinen Ätzgrund, keine Säure. Jeder Stich ist final. Der Ätzgrund machte die Radierung der Freiheit der Linie zugänglich. Rembrandt lernte den Grabstichel und stach viele seiner Platten teilweise, arbeitete aber im Kern als Radierer. Goya war Radierer. Die malerische Linie hatte gewonnen. Parallel entwickelten sich Reproduktionstechniken wie die Crayon-Manier, die Zeichnungen für den Wohnraum vervielfältigten.
Dazu kommt die Auflagenfrage. Eine gut gearbeitete Kupferstichplatte hält rund 200 Abzüge in bester und danach noch 300 bis 400 in guter Qualität, weil die Linie tief und sauber geschnitten ist. Eine Radierplatte nutzt sich schneller ab, eine Kaltnadelradierung ohne Verstahlung gibt nur etwa 10 bis 20 Abzüge mit vollem Grat, ihre Auflagen bleiben unter 30. Das erklärt den Aufstieg des Kupferstichs: Für den Reproduktionsdruck, für Bibelillustrationen, für Landkarten war er schlicht effizienter. Als der Reproduktionsdruck keine Handarbeit mehr brauchte, verschwand der Grund für diese Effizienz. Im 18. Jahrhundert kombinierte William Hogarth in London Radierung und Kupferstich auf einer Platte und erkämpfte 1735 mit dem Engraving Copyright Act ein britisches Schutzrecht für Kupferstecher.
Wie erkenne ich einen Kupferstich?
Mit einer Lupe, einem Auge und etwa dreißig Sekunden.
Das entscheidende Merkmal ist die Strichlinie selbst. Kupferstich: glatte Strichkanten, angeschwollene Mitte, spitz auslaufende Enden. Das nennt sich Taille. Kaltnadel: raue Strichkanten, ein sichtbarer samtiger Grat auf beiden Seiten, der die Farbe hält. Radierung: Die Linie ist gleichmäßiger in der Breite, leicht angeätzt an den Rändern, aber ohne den scharfen Grat der Kaltnadel.
Ein weiteres Erkennungsmerkmal ist das Schraffurmuster. Kupferstiche aus dem 15. und 16. Jahrhundert arbeiten mit dichten Parallelen und Kreuzschraffuren. Die Kurven dieser Schraffuren folgen der Körperform des dargestellten Motivs, Schraffur als Volumenmodellierung. Marcantonio Raimondi, der Raffaels Kompositionen systematisch in Kupfer stach, systematisierte die Schraffur zu einer Technik, die in Italien und darüber hinaus dominierte, und leitete eine Stecherschule.
Auf Auktionen und in Sammlungen gilt die Qualität des Abzugs als entscheidend; was ein Kupferstich kostet, hängt genau an diesem Zustand. Von Schongauers „Rast auf der Flucht nach Ägypten" existieren rund 60 Abzüge, aber nur sieben gelten als Abzüge erster Qualität (im Original: "of the first quality"). Erste Qualität bedeutet: früher Abzug, bevor die Platte sich abgenutzt hat, scharfe Linien, volle Tonabstufungen. Spätere Abzüge sind erkennbar weicher, die Schraffuren weniger definiert. Eine Lupe zeigt das. Wer wissen will, ob ein Blatt ein Original oder ein Nachdruck ist, findet die Kriterien unter Original vs. Kunstdruck.
Wo gibt es heute noch Kupferstiche, und was ist die zeitgenössische Nachfolge?
In den Kupferstichkabinetten. Der Name dieser Museumsabteilungen ist wörtlich: Es sind Kabinette, die ursprünglich für Kupferstiche gebaut wurden. Das Berliner Kupferstichkabinett besitzt mehr als 500.000 Druckgrafiken, die Albertina in Wien rund eine Million. Dresden führt sein Kupferstich-Kabinett seit 1720 als eigenes Museum, die Wiener Sammlung geht auf 1776 zurück, das Frankfurter Städel entstand aus einer Stiftung von 1815.
Einen Kupferstich zu kaufen ist schwieriger. Originale aus dem 15. und 16. Jahrhundert sind Auktionsgut, kein Galeriebestand. Moderne Künstler arbeiten selten noch mit der Technik.
Die Radierung führt diese Linie heute fort. Dasselbe Tiefdruckprinzip, dieselbe Kupferplatte, aber mit Säure statt Stichel. Zeitgenössische Radierer arbeiten mit Kreuzschraffur, Parallelschraffur, geschwungenen Körperlinien, mit mehr Freiheit als es der Grabstichel je erlaubt hat.
Drei Arbeiten aus dem Studio Sonsu Programm zeigen, wie sich die Kupferstich-Linie in zeitgenössischer Radierung und Kaltnadel fortsetzt: Rachel Duckhouses „Supernatural Ballad" zeigt, wo diese Linie heute landet: feine Horizontalen auf fast leerem Grund, extreme Reduktion auf wenige geätzte Linien. Stephen Lawlors „Judith" baut die Figur aus einem Netz dichter Kreuzschraffur, Schicht für Schicht aufgebaut, bis das Licht stimmt. Anna Francis' Kaltnadel „Allium" reduziert ein einzelnes botanisches Motiv auf weißem Grund, kratzig und präzise zugleich. Alle drei arbeiten mit Radierung oder Kaltnadel. Das aktuelle Sortiment zeigt ihre Werke.
Studio Sonsu verkauft keine Kupferstiche. Die Druckgrafik-Übersicht zeigt, wo der Kupferstich in der Tiefdruck-Familie steht.
Was ist ein Kupferstich einfach erklärt?
Beim Kupferstich wird mit einem Grabstichel direkt in eine Kupferplatte graviert. Der Stichel hebt einen kleinen Metallspan heraus und hinterlässt eine V-förmige Furche. Diese Furche nimmt Druckfarbe auf; das Papier wird mit der Platte gepresst und saugt die Farbe aus den vertieften Linien. Der Kupferstich ist ein Tiefdruckverfahren, verwandt mit Radierung und Kaltnadelradierung, aber ohne Säure.
Was ist der Unterschied zwischen Kupferstich und Radierung?
Beim Kupferstich wird die Linie mechanisch mit dem Grabstichel in die Platte geschnitten. Bei der Radierung wird zunächst ein Ätzgrund aufgetragen, die Linie durch diesen Grund gezeichnet, dann mit Säure in die Platte geätzt. Der Kupferstich erzeugt eine charakteristische Taille, eine Linie, die in der Mitte anschwillt und an den Enden ausläuft. Radierungslinien sind gleichmäßiger in der Breite. Einen ausführlichen Vergleich beider Techniken mit Lupe-Test und Künstler-Entscheidungen bietet die Seite Radierung vs. Kupferstich.
Ist ein Kupferstich ein Tiefdruck?
Ja. Der Kupferstich gehört zur Tiefdruck-Familie, zusammen mit Radierung, Kaltnadelradierung, Aquatinta und Mezzotinto. Bei allen Tiefdrucktechniken befindet sich die Farbe in vertieften Bereichen der Platte. Der Unterschied liegt in der Methode: Kupferstich graviert mechanisch, Radierung ätzt chemisch, Kaltnadel kratzt direkt, Aquatinta arbeitet mit Tonfeldern.
Wird der Kupferstich heute noch verwendet?
Selten, vor allem im Bereich Sicherheitsdruck. Für den Banknotendruck führte Jacob Perkins 1792 den Stahlstich ein; ab den 1820er Jahren begann Stahl, Kupfer in der Buchillustration zu ersetzen, neben Holzstich und später Lithografie, und Banknoten werden bis heute von Stahlplatten gedruckt. Euro-Banknoten werden bis heute unter anderem im Intaglio-Verfahren gedruckt, einem direkten Nachfahren des Kupferstichs, neben Offset, Siebdruck und Heißprägung. Im künstlerischen Druck ist er heute deutlich seltener und weitgehend durch die Radierung ersetzt.
Woran erkenne ich einen Kupferstich?
Mit einer Lupe und dreißig Sekunden: Halte die Lupe an die Strichlinie. Beim Kupferstich ist sie in der Mitte dicker als an den Enden. Das ist die Taille. Die Strichkanten sind glatt. Bei der Kaltnadelradierung siehst du an denselben Stellen einen samtigen Grat; bei der Radierung verläuft die Linie gleichmäßiger in der Breite. Diese drei Merkmale reichen für eine erste Einschätzung.
Quellen und weiterführende Literatur
- Metropolitan Museum of Art, Heilbrunn Timeline of Art History: Engraving. metmuseum.org/toah/hd/engr/hd_engr.htm
- Städel Museum Frankfurt, Martin Schongauer: Der heilige Antonius, von Dämonen geplagt. sammlung.staedelmuseum.de/en/work/saint-anthony-tormented-by-demons
- Stanley William Hayter, New Ways of Gravure. Pantheon Books, New York 1949; erweiterte Ausgabe Oxford University Press 1966.
- Europäische Zentralbank, Banknote Production. ecb.europa.eu/euro/banknotes/production/html/index.en.html
- Max Lehrs, Geschichte und kritischer Katalog des deutschen, niederländischen und französischen Kupferstichs im XV. Jahrhundert, Bd. 2: Meister E.S., Wien 1910 (Nachdruck 1970). archive.org/details/geschichteundkri0002lehr
- Wikipedia, Master E. S. en.wikipedia.org/wiki/Master_E._S.. 318 Stiche nach Lehrs, 95 Unikate, 50 in zwei Abzügen, 41 Platten an van Meckenem.
- Wikipedia, Martin Schongauer. en.wikipedia.org/wiki/Martin_Schongauer. 116 Stiche, 58 Kopien van Meckenems, Plattendrehung, Rast auf der Flucht.
- Wikipedia, The Torment of Saint Anthony. en.wikipedia.org/wiki/The_Torment_of_Saint_Anthony. Michelangelo-Kopie, Verkauf 2008, Kimbell 2009.
- Wikipedia, Kupferstich. de.wikipedia.org/wiki/Kupferstich. Entstehung um 1420/1430, Taille, Auflagenhöhe.
- Wikipedia, Engraving. en.wikipedia.org/wiki/Engraving. Goldschmiede-Ursprung, Verhältnis zur Radierung, heute deutlich seltener im künstlerischen Druck.
- Wikipedia, Etching. en.wikipedia.org/wiki/Etching. Das 17. Jahrhundert als Zeitalter der Radierung.
- Wikipedia, Steel engraving. en.wikipedia.org/wiki/Steel_engraving. Perkins 1792, Buchillustration ab den 1820er Jahren, Banknoten.
- Wikipedia, Kupferstichkabinett Berlin; Albertina; Kupferstich-Kabinett Dresden; Städel. Gründungsdaten und Bestandszahlen der Kabinette.
Zuletzt aktualisiert am 04.09.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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