Bridget Riley

Bridget Riley ist eine britische Malerin und eine der Hauptfiguren der Op Art, geboren 1931 in West Norwood, London. Ihr Werk stellt seit sechzig Jahren eine einzige Frage: Was kann Sehen sein? Die Bilder geben Antworten, die das Auge nicht abschütteln kann.

Vor "Current" steht man mit dem Gefühl, das Bild bewege sich. Schwarze und weiße Wellenbänder, die sich im rechten Winkel überlagern, dicht gestaffelt, und das Auge folgt einer Bewegung, die nicht stattfindet. Das Bild ist stillgestellt, die Leinwand reglos. Aber die Wahrnehmung gibt nicht nach. Was Op Art von einer optischen Spielerei unterscheidet, ist genau das: Die Welle in "Current" ist kein Trick. Sie entsteht im Auge, nicht auf dem Träger. Riley, damals dreiunddreißig Jahre alt, hatte schon mehrere Jahre mit diesem Terrain gearbeitet, bevor das Museum of Modern Art das Werk in seine Sammlung aufnahm. Was die Frage offen lässt, ist eine materialtechnische: Wie macht man ein Bild, das ohne jede Handschrift auskommt, ohne Pinselstrich, ohne Textur, die das Auge vom Rechnen der Relationen zwischen den Flächen ablenkt?

Warum lehnte ein Kind aus der Druckerei jahrzehntelang ab, was der Vater täglich tat?

Bridget Louise Riley wuchs in West Norwood im Süden Londons auf, geboren am 24. April 1931. Ihr Vater John Fisher Riley war Drucker, er besaß ein eigenes Unternehmen, das die Familie von Yorkshire nach Lincolnshire mitgebracht hatte, als Bridget sieben Jahre alt war. Drucken war in dieser Familie ein Handwerk, sichtbar und alltäglich.

Und doch: Als Riley 1962 zum ersten Mal selbst vor einer Druckaufgabe stand, war ihre Haltung klar ablehnend. Auf die Frage nach jenem ersten Versuch sagte sie, Drucke seien für sie das gewesen, was man im British Museum sieht, mit diesem sehr handwerklichen Aussehen ("I had never made a print in my life. For me prints were what you saw in the British Museum, with a very handmade look"). Das British Museum als Referenzpunkt ist erhellend: Sie dachte an Gravuren, an Holzschnitte, an die haptisch aufgeladenen, handgefertigten Oberflächen der alten Meister. Was sie machte, war etwas anderes. Ihre Bilder brauchten das genaue Gegenteil.

Der Siebdruck legt die Farbe als flache, gleichmäßige Schicht mit harten Kanten an, ohne die zeichnerische Spur einer Künstlerhand. Andere Druckverfahren tragen dagegen einen eigenen Materialcharakter ins Blatt: Die Lithografie zeigt die Körnung ihres Steins in den Druckbereichen, die Radierung den Plattenrand und die Ätzspur, der Holzschnitt die Maserung des Holzes. Für Bilder, deren Wirkung allein aus den geometrischen Relationen zwischen den Flächen entsteht, spielt der flache, kantenscharfe Charakter des Siebdrucks der Künstlerin in die Hände: Je weniger das Auge eine Hand- oder Materialspur liest, desto ungestörter arbeitet der optische Effekt.

Die Druckerei des Vaters war Buchdruck, Letterpress, das entgegengesetzte Handwerk. Den ersten Schritt ins Andere machte jemand anderes.

Was sah Willie Landels, das Riley selbst nicht sehen wollte?

Um 1960 arbeitete Riley in der Londoner Werbeagentur J. Walter Thompson. Es war Willie Landels, leitender Art Director in derselben Agentur, der vorschlug, ihr Gemälde "Movement in Squares" als Druck zu realisieren.

Der erste Druck, "Untitled (based on Movement in Squares)", entstand 1962 als Siebdruck in einer kleinen Auflage von 26 Exemplaren, von der Künstlerin selbst herausgegeben. Was Landels gesehen hatte, war nicht nur ein mögliches Nebeneinkommen. Er hatte erkannt, dass Rileys Bilder in der Reproduktion funktionieren, vielleicht noch stärker als vor dem Original, weil der Siebdruck die optischen Effekte gleichmäßiger und kantenschärfer auf das Blatt bringt, als es die gemalte Fassung erlaubt.

Das Gemälde blieb die Hauptsache, Drucke entstanden in den folgenden Jahren nur vereinzelt. Aber der erste Versuch hatte gezeigt: Das Verfahren liefert, was die Malerei braucht.

Kann ein Verfahren für Schwarzweiß auch reine Farbe halten?

Die frühen Siebdrucke, wie der erste von 1962, arbeiteten in Schwarzweiß. Riley beschrieb diese Entscheidung in ihrer Ausstellung im Museum Kulturspeicher Würzburg: Schwarzweiß sei der größte mögliche Kontrast, ein Surrogat für Farbe ("Schwarz-Weiß, dem größten möglichen Kontrast als 'Surrogat für Farbe'"). Das Schwarzweiß der frühen Drucke war kalkuliert: der größtmögliche Kontrast, mit dem sich der optische Effekt am präzisesten halten ließ.

1967 änderte sich das Koordinatensystem. Mit "Chant 2" machte Riley ihre erste Farbarbeit, die ersten Streifengemälde. Ein neues Terrain. Die Frage, die das für die Druckgrafik stellte, war offen: Kann Siebdruck die chromatische Präzision halten, die Schwarzweiß so klar geliefert hatte?

Die Ägypten-Reise von 1980/81 verschob das Farbdenken noch weiter. Riley beschrieb die Farben der ägyptischen Malerei als reiner und brillanter als alles, was sie zuvor verwendet hatte ("the colours are purer and more brilliant than any I had used before"). Was die Konsequenz für den Siebdruck bedeutete, zeigte sich in den frühen 1980er Jahren: Das Verfahren muss nicht nur einen oder zwei Farbdurchgänge halten, sondern Dutzende, registertreu, millimetergenau, über eine ganze Auflage.

Die nächste Zäsur kam nicht von Riley selbst, sondern von einem weiteren Drucker.

Warum führte Rileys dritte Drucker-Phase bis nach Cleveland?

Rileys frühe Drucke entstanden ab Mitte der 1960er Jahre im Londoner Kelpra Studio. Zwischen dieser frühen Phase und der späteren Zusammenarbeit mit Artizan Editions liegt eine dritte Drucker-Generation. Graham Henderson, ansässig in London, druckte für Riley zwischen 1978 und 1982 mindestens vier dokumentierte Werke.

Aus dieser Phase stammen vier Siebdrucke, alle von Henderson in London gedruckt: "Untitled Blue" (Schubert 25, 1978), "Untitled Bronze" (Schubert 26, 1978), "Untitled Rose" (Schubert 27, 1978) sowie "Elapse" (Schubert 30, 1982), sämtlich veröffentlicht von der Künstlerin oder einem US-amerikanischen Auftraggeber. Die drei Werke von 1978 erschienen in Editionen von je 75, "Elapse" in einer Auflage von 260 Exemplaren, veröffentlicht durch den Print Club of Cleveland, Ohio. Ein US-amerikanischer Kunstverein als Auftraggeber, eine mehr als dreifach so hohe Auflage wie bei den Londoner Editionen: Die Henderson-Phase zeigt, dass Rileys Druckwerk nicht im Londoner Kunstmarkt aufging, sondern international nachgefragt war.

Was bedeutet es, dass eine Druckerin ihr eigenes Werk mitprägte?

Sally Gimson druckte für Riley bereits ab 1981 und gründete Artizan Editions dann 1994 in Brighton, später Hove, Sussex. Was folgte, war die dichteste und beständigste Zusammenarbeit in Rileys Druckwerk: Gimson und ihr Team druckten nahezu 80 Prozent aller Riley-Drucke zwischen 1981 und 2012. Bis zu 45 Siebdrucke allein in dieser Werkstatt.

Das Werk, das diese Zusammenarbeit am deutlichsten beschreibt, ist "Ra 2" (1981, gedruckt 1995 bei Artizan Editions, Hove). Werkverzeichnisnummer Tommasini & Gubay 29, auch Schubert 28. Bildmaß 872 mal 764 Millimeter, Blatt 1066 mal 932 Millimeter, Edition 75 plus 10 Artist Proofs. Was den Druck technisch kennzeichnet: mehrere Dutzend Druckdurchgänge in sechs Farben, 21 Rot, 21 Blau, 24 Türkis, 24 Gelb, 9 Schwarz, 8 Weiß. Jede Farbe muss registergenau auf alle anderen passen, über die gesamte Auflage. Was Riley als "precise delineation of form and colour" beschrieb, ist in der Werkstatt die Frage, ob 0,5 Millimeter Abstand zwischen zwei Farbflächen über mehrere Dutzend Druckdurchgänge hinweg noch reproduzierbar ist.

Riley bezeichnete "Ra 2" und "Silvered 2" (1981) als das Nächste, das sie je der Konzeptkunst gekommen sei: denselben Farbsatz, unterschiedliche Reihung, entgegengesetzte Wirkung ("the closest I've come to Conceptual art"). Präzision war hier kein Selbstzweck. Sie sagte, jede Spur einer persönlichen Geste, so flüchtig sie auch sei, würde die Reinheit der Farbe stören und von jener undefinierbaren Leuchtkraft ablenken, die das Ganze durchdringt ("Any trace of a personal gesture, however slight, would interfere with the purity of color, and distract from the perception of that indefinable luminosity which pervades the whole"). "Red Red Blue" (2010, Schubert 73), gedruckt von Sally Gimson bei Artizan Editions, Hove, in einer Edition von 75, ist ein spätes Beispiel derselben Werkstatt-Kontinuität.

Und doch nennt Riley genau diese Arbeiten ein Anhängsel ihrer Malerei.

Anhängsel oder das technisch Avancierteste, was sie je machte?

Rund 100 Drucke stehen 656 Gemälden gegenüber. Riley selbst nennt die Drucke ein "Anhängsel" ("appendix") ihrer Arbeit. Dass die Gemälde im Apollo-Essay zu ihrem Druckwerk als das "supreme centre of activity" gelten, ist die Einschätzung der Kritik, nicht Rileys eigene Wortwahl. Aber dass sie ihre Drucke selbst ein Anhängsel nennt, zeigt ihre Rangordnung: die Malerei zuerst.

Gleichzeitig sagte die Cristea Roberts Gallery anlässlich ihrer Ausstellung "Bridget Riley: Prints 1962-2020" (11. September bis 17. Oktober 2020), die über fünfzig Jahre ihres grafischen Werks versammelte: Rileys Drucke gehörten zu einigen der technisch avanciertesten und handwerklich anspruchsvollsten, die je gemacht wurden ("amongst some of the most accomplished and technically advanced that have ever been made").

Dieser Widerspruch ist vielleicht keiner. Riley beschreibt das Verhältnis zwischen Malerei und Druckwerk in einem anderen Satz präziser: Im Vorwort zum Werkverzeichnis "Complete Prints 1962-2020" (Thames & Hudson und die Bridget Riley Art Foundation, Buchgestaltung Tim Harvey) schrieb sie, das Zusammenstellen der jüngeren mit den älteren Drucken zeige sowohl Verschiebungen als auch eine Kontinuität der Absicht ("Seeing the recent prints brought together with older ones and the dialogue between them reflects both shifts of interest and a continuity of intent"). Über 100 Arbeiten in sechzig Jahren.

Rileys instrumentelles Verhältnis zum Druck, das Verfahren als Werkzeug, nicht als Handwerk, ist unter berühmten Druckgrafikern selten. Was Riley von vielen unterscheidet, ist die Konsequenz, mit der die in den Editionen bis 2020 dokumentierten Arbeiten als eigenständige Werke konzipiert wurden, nicht als Reproduktionen der Malerei. Wie Riley kam auch die amerikanische Malerin Helen Frankenthaler als Malerin zur Druckgrafik und nutzte die Lithografie als Verlängerung ihrer Malerei.

Der Siebdruck folgt einer eigenen technischen Logik. Wie er sich von Pop Art unterscheidet, die dasselbe Verfahren aus anderen Gründen wählte, zeigt Pop Art vs. Op Art: zwei Bewegungen, ein Verfahren, entgegengesetzte Absichten.

Was bleibt, ist das Bild aus dem Anfang. Das Auge steht vor "Current" und liest eine Welle. Die Welle ist nicht auf der Leinwand. Sie ist im Auge. Wie macht man ein Bild, das keine Handschrift zeigt? Riley fand ihre Antwort in einem Verfahren, das die Farbe flach und kantenscharf anlegt, und nahm es an, nachdem sie ihm lange mit Misstrauen begegnet war.

Häufige Fragen

Wo wird Bridget Rileys Werk heute gehandelt?

Die dokumentierten Auktionshäuser sind Bonhams und Sotheby's. In den Jahren 2018 bis 2022 bewegten sich die verzeichneten Hammerpreise für Siebdrucke aus der Henderson- und Artizan-Phase zwischen ungefähr 5.000 und 11.000 Pfund, je nach Werk und Auflage. Die Cristea Roberts Gallery in London ist die primäre Galerievertretung. 2024 veröffentlichte die Galerie drei neue Siebdrucke in Editionen von 75 plus 25 Artist Proofs, auf Somerset Tub Sized Satin Radiant White 410gsm Papier, zu Einzelpreisen von 5.000, 7.500 und 10.000 Pfund plus Mehrwertsteuer.

Was umfasst Rileys Gesamtwerk von 1962 bis 2020?

Das vollständige Verzeichnis der Druckgrafik erschien 2020 unter dem Titel "Complete Prints 1962-2020" bei Thames & Hudson, herausgegeben von der Bridget Riley Art Foundation, Buchgestaltung Tim Harvey, mit Beiträgen von MacRitchie, Hartley und Kudielka. Es dokumentiert über 100 Arbeiten über sechs Jahrzehnte. Eine frühere Edition, "Bridget Riley: Complete Prints 1962-2012", erschien bei Ridinghouse, herausgegeben von Karsten Schubert.

Welche Ausstellungen zeigten Rileys Werk in Deutschland?

Das Museum Kulturspeicher in Würzburg zeigte 2019, von August bis Oktober, 80 Siebdrucke aus mehr als einem halben Jahrhundert sowie zwei Gemälde aus der Ruppert Collection. Kuratorin war Susanne A. Kudielka. Es war eine der größten deutschen Einzelschauen von Rileys Druckwerk.

Hat Bridget Riley ihre Werke selbst gedruckt?

Nein. Riley arbeitete durchgehend mit spezialisierten Druckwerkstätten. Die erste bedeutende Zusammenarbeit war das Kelpra Studio in London (1960er bis frühe 1970er Jahre). Danach folgte eine Phase mit Graham Henderson, London, der zwischen 1978 und 1982 mindestens vier Werke druckte (darunter Schubert 25, 27 und 30). Die längste und dichteste Zusammenarbeit war die mit Sally Gimson und Artizan Editions in Hove, Sussex (Werkstatt-Gründung 1994, Zusammenarbeit mit Riley bereits ab 1981), die nahezu 80 Prozent aller Drucke zwischen 1981 und 2012 verantwortet hat. Riley selbst bezeichnete die präzise Ausführung durch die Werkstatt als unabdingbar: Jede persönliche Handgeste würde die optischen Effekte stören.

Was ist Op Art in Rileys Kontext?

Op Art bezeichnet Arbeiten, die optische Wahrnehmungseffekte als künstlerisches Mittel einsetzen, nicht als dekorative Dreingabe. Was Op Art von einer optischen Spielerei unterscheidet, ist, dass die Effekte aus der formalen Struktur zwingend folgen: Der Betrachter kann sich der Wahrnehmung nicht entziehen. Riley war eine der konsequentesten Vertreterinnen dieser Richtung im britischen Kontext, aber die Kategorie erklärt das Werk nicht. Sie beschreibt eine Wirkung, nicht die Absicht. Was Op Art und Pop Art trennt, ist nicht das Verfahren, sondern die Frage, wozu das Bild dient: hier die Untersuchung des Sehens selbst, dort die Verarbeitung massenmedialer Bilder. Den Vergleich beider Bewegungen mit Riley als einer der Hauptprotagonistinnen arbeitet die Seite Pop Art vs. Op Art aus.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Bridget Riley Art Foundation und Thames & Hudson, Bridget Riley: The Complete Prints 1962 bis 2020 (Werkverzeichnis der Druckgrafik).
  • Yale Center for British Art, Printmaking with Precision (zur Zusammenarbeit mit Sally Gimson und zur Druckpraxis).
  • Apollo Magazine, Lines of continuity: learning from Bridget Riley's prints.
  • Museum Kulturspeicher Würzburg, Bridget Riley: Prints (Ausstellung 2019, kuratiert von Susanne A. Kudielka).
  • Bonhams und Sotheby's, Auktionskataloge zu Bridget Rileys Druckgrafik (Werkverzeichnis-Nummern und Editionsdaten).

Zuletzt aktualisiert am 02.06.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für originale Druckgrafik in Hannover-Linden. Fragen zu Technik, Werk oder Sammeln: hello@studiosonsu.de.