Felix Vallotton
Felix Vallotton (1865–1925) war Schweizer Maler und Mitglied der Pariser Nabis. Unter den Pariser Kollegen Bonnard, Vuillard und Denis trug er den Spitznamen "le Nabi étranger", der fremde Nabi. Er gehörte zum engsten Pariser Kunstnetzwerk der 1890er und illustrierte für die Avantgarde-Zeitschrift La Revue blanche.
Paris, 1892. Felix Vallotton wird Mitglied der Nabis, ein Schweizer in einer Pariser Gruppe: Pierre Bonnard, Édouard Vuillard, Maurice Denis. Sie glauben, dass Malerei Empfindung sein kann statt Abbildung, dass ein Fleck Orange auf der Leinwand mehr Spannung erzeugen kann als die genaueste akademische Darstellung. Vallotton gehört dazu, bleibt aber der Außenseiter. Was ihn von Bonnard und Vuillard trennt, liegt nicht auf der Staffelei.
Womit hat sich der fremde Nabi wirklich einen Namen gemacht?
1891, ein Jahr vor seiner Aufnahme zu den Nabis, hatte Vallotton seinen ersten Holzblock geschnitten. Das Motiv: ein Portrait des Dichters Paul Verlaine. Zwei Jahre davor, 1889, hatte er als 23-Jähriger etwas gesehen, das er nicht vergessen hatte. Paris richtete die Weltausstellung aus, und in der Galerie japanischer Drucke hingen die Blätter von Hokusai: große klare Flächen, betonte Konturen, eine Bildsprache, die ohne das akademische Verlaufen von Hell nach Dunkel auskam. Fläche und Kontur statt durchmodellierter Form.
Vallotton begann zu schnitzen. Was Kritiker bald beschrieben, war die Wiederbelebung einer fast vergessenen Kunst: des Holzschnitts, den der Künstler selbst schneidet. Nicht weil er in Verfahren grub, die niemand mehr kannte, sondern weil er den Holzschnitt in eine Sprache überführte, die in dieser Konsequenz neu war: große unmodellierte schwarze Flächen neben unmodelliertem Weiß, keine Gradierungen, keine Schraffur. Hokusai war ein prägender Einfluss. Verstärkt wurde diese Richtung durch die Flächen-Ästhetik der Nabis selbst, die Vallotton ab 1892 umgaben und denselben Kurs stützten.
Warum ist bei Vallotton alles schwarz oder weiß und nichts dazwischen?
Das ist nicht bloß Geschmack. Das beginnt beim Werkzeug.
Beim Hochdruck drucken die erhabenen Stellen des Stocks. Was weggeschnitten wurde, bleibt weiß; was stehen bleibt, trägt die Farbe. Vallotton schnitt in weiches Birnbaumholz, längs der Maserung, das sogenannte Langholz. In der Fachsprache: bois de fil, Plankenschnitt. Mit dem Messer.
Das Messer auf Langholz schneidet Fläche. Eine feine Tonlinie, wie sie die geätzte Linie im Tiefdruck von sich aus anbietet oder wie sie der Stichel im Hirnholz hervorbringt, lässt sich dem Birnbaum-Langholz nur mit erheblichem Aufwand abringen. Dürers Holzschnitte zeigen, wie viel Schraffur darin möglich ist; aber sie ist die mühsame Ausnahme, nicht der natürliche Weg des Werkzeugs. Vallotton ging den natürlichen Weg und machte ihn zum Prinzip: weg von der Modellierung, die Jahrhunderte vor ihm als Standard galt.
Der Kritiker Octave Uzanne schrieb 1892 über Vallotton, er graviere 'auf Blöcken aus weichem Birnbaumholz verschiedene Szenen des zeitgenössischen Lebens mit der Unbefangenheit eines Holzschneiders des 16. Jahrhunderts'. Was Uzanne damit meinte: keine gelernte Manieriertheit, kein akademisches Kompositionstraining, das sich in Technik niederschlägt. Nur Messer und Holz.
Wo andere Europäer seiner Generation die Hokusai-Ästhetik in der Malerei aufgriffen und Toulouse-Lautrec die japanische Flächigkeit ins Plakat überführte, hat Vallotton das Technische übernommen. Er hat die Flächenlogik des japanischen Holzschnitts direkt ins Druckwerkzeug gebracht: in die Schnittrichtung, ins Material.
Was passiert in einem einzigen Blatt wie La Paresse?
Eine nackte Frau liegt bäuchlings auf einem Sofa, dessen Bezug ein geometrisches Muster trägt. Vor ihr richtet sich eine Katze auf die Hinterläufe auf. Das ist das ganze Motiv von La Paresse, 1896. Bildmaß: 17,7 mal 22,2 Zentimeter, Auflage rund 180 Exemplare; im Werkverzeichnis Vallotton-Goerg 1972 als Nr. 169a verzeichnet.
Was das Blatt tut: Das Frauenfeld liegt als weißes Feld auf schwarzem Grund. Die Kante zwischen Körper und Hintergrund ist hart geschnitten, ohne Übergang. Kein Grauton baut Tiefe auf. Wer diese Blätter zum ersten Mal sieht, wundert sich, wie viel Spannung durch das Fehlen von Übergängen entsteht. Das Blatt liest sich weniger wie eine Zeichnung und mehr wie ein geschnittenes Feld. Die Katze, aufgerichtet auf den Hinterläufen, setzt die einzige Diagonale in ein Blatt aus liegenden Flächen, den einzigen Punkt von Bewegung.
Was wollte Vallotton mit den zehn Interieurs von 1898?
Die Serie zeigt häusliche Szenen, Paare in Interieurs, Spannung zwischen Mann und Frau. In Holzschnitt. Ohne Gradierung, ohne erklärende Geste. Nur der harte Flächenkontrast, der jetzt einer Erzählung dient statt einem Porträt. Zwei Jahre nach La Paresse bringt Vallotton Intimités heraus: zehn Holzschnitt-Interieurs, verlegt von den Éditions de La Revue blanche. Format: rund 18 mal 22,5 Zentimeter pro Blatt. Vallotton hatte die Auflage auf 30 Exemplare begrenzt, 25 auf Velin, 5 auf Japan-Papier.
Nach dem Druck vernichtete Vallotton eigenhändig die Druckstöcke. Er behielt nur zersägte und wieder zusammengesetzte Fragmente als Beweis dieser Vernichtung. Die 30 Exemplare bleiben. Nichts anderes.
Wer seine Blöcke zersägt, hat entschieden, dass dieser Druck kein Reproduktionsmittel ist. Jedes der 30 Blätter ist damit ein Werk, keine Kopie. Im Album des Peintres-Graveurs, das der Pariser Händler Ambroise Vollard 1896 herausgab, standen Vallottons Drucke neben denen von Bonnard, Denis, Vuillard, Munch und Redon. Das war kein Zufall. Wenn Vollard einen ins Album aufnimmt, hat man Paris.
Bereits 1893 war Vallottons Holzschnitt in André Martys L'Estampe originale, Album I, erschienen, einer Auflage von 100, dem ersten der neun Pariser Quartalshefte. Das war der Pariser Druckgrafik-Kontext in seiner damals führenden Form. Vallotton war kein Randphänomen.
Warum hört ein Künstler auf dem Höhepunkt damit auf?
1899 heiratet Vallotton Gabrielle Rodrigues-Henriques. Die Ehe bringt finanzielle Sicherheit. Er gibt den Holzschnitt schrittweise auf. Er malt. Er illustriert, er zeichnet, er ist als Künstler weiter aktiv, aber die Blöcke bleiben unbenutzt.
Vierzehn Jahre lang.
1915 beginnt er wieder zu schneiden. Zum ersten Mal seit 1901 nimmt er ein Messer und geht in Birnbaumholz. Was ihn zurückbringt, ist nicht eine Stilkrise und kein Galerieangebot. Es ist der Erste Weltkrieg.
Die Serie heißt "C'est la guerre!", zu Deutsch: Das ist der Krieg. Sechs Blätter, im Jahr 1916/17 vom Künstler selbst verlegt, Gesamtauflage 100. Einzeltitel: La tranchée (Der Schützengraben), Les fils de fer (Der Stacheldraht).
Keine Helden, keine Flaggen. Der Holzschnitt in seiner härtesten, flächigsten Form: Schützengraben. Stacheldraht. Dunkelheit. Der Flächenstil, den Vallotton in den 1890ern entwickelt hatte, trägt jetzt nicht mehr häusliche Spannung, sondern Krieg.
Was hat Dresden 1905 mit Paris 1893 zu tun?
Ab 1905 beginnen die deutschen Expressionisten den Holzschnitt zu greifen. Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und die Gruppe Die Brücke machen den Holzschnitt zum Kern ihrer Bildsprache.
Der Kunsthistoriker Reinhold A. Heller hat in einem Artforum-Aufsatz von 1970 Vallottons Formensprache explizit in Bleyls Plakat von 1906 und in der Brücke auf Kirchners 1906-Manifest identifiziert.
Diese These ist Hellers Analyse, kein Konsens-Katalogeintrag. Die TheArtStory-Seite über Die Brücke erwähnt Vallotton nicht. Kirchner hat den Einfluss nicht bezeugt. Was bleibt: Vallotton übersetzte die Flächenlogik des japanischen Holzschnitts schon in den frühen 1890ern ins Druckmedium, ein Jahrzehnt bevor Kirchner und Heckel denselben Flächenkontrast zu ihrer Bildsprache machten. Paris 1891 bis 1898, Dresden ab 1905. Vallottons Blätter waren keine Geheimsache: Sie liefen in La Revue blanche und in Vollards Alben, also im Pariser Druckgrafik-Umlauf der 1890er.
Von Edvard Munch, der im gleichen Vollard-Album erschien, wird ein Einfluss Vallottons gelegentlich vermutet, mehr als eine Vermutung ist es nicht. Die Pariser Netzwerke der 1890er waren eng. Was dort geschnitten wurde, kannte man.
Paris, 1892. Ein junger Schweizer kommt in eine Malergruppe, bleibt der Fremde, und findet seine Sprache nicht auf der Staffelei. Was aus dem Birnbaumholz kam, den Messerlinien, dem harten Aufeinandertreffen von Schwarz und Weiß ohne jeden Übergang: das ist, was geblieben ist. Was diesen "Nabi étranger" von Bonnard und Vuillard unterscheidet, ist nicht sein Status als Maler, sondern dieser Bruch. Die Blöcke von 1898 sind zersägt. Die 30 Blätter der Intimités existieren. Ob das Einfluss war oder nur die Reihenfolge der Jahre, lässt sich nicht entscheiden. Geblieben ist das Schwarz, das aus dem Werkzeug kam, das Heller 1970 noch in Dresden wiederfand.
Häufige Fragen zu Felix Vallotton
War Vallotton Maler oder etwas anderes?
Beides, und die Antwort hängt vom Jahrzehnt ab. Felix Vallotton (geboren 28. Dezember 1865 in Lausanne, gestorben 29. Dezember 1925 in Neuilly-sur-Seine) studierte Malerei und blieb Maler durch sein ganzes Leben. In den 1890ern war er in Paris ebenso als Holzschnittkünstler bekannt: für La Revue blanche tätig, eine Avantgarde-Zeitschrift, für die er zu ihrem führenden Illustrator wurde, Beiträger zum Vollard-Album. Sein druckgrafisches Werk ist im Werkverzeichnis Vallotton-Goerg von 1972 erfasst.
Welches Blatt von Vallotton gilt als das bekannteste?
Unter den Werken Felix Vallottons taucht La Paresse von 1896 am häufigsten auf, wenn Kunsthistoriker seine Holzschnitte beschreiben. Das Motiv: eine Frau liegt bäuchlings auf einem gemusterten Sofa und neckt eine Katze, die sich auf die Hinterläufe aufrichtet. An dieser aufgerichteten Katze erkennt man La Paresse sofort wieder. Das Blatt taucht auch in kunsthistorischen Debatten über den Einfluss auf Kirchner auf, was seinen Status als Schlüsselwerk festigt.
Warum gibt es von den Intimités nur 30 Exemplare?
Vallotton druckte die zehn Blätter der Intimités-Serie 1898 in einer Auflage von 30 (25 auf Velin, 5 auf Japan-Papier). Danach vernichtete er eigenhändig die Druckstöcke, behielt nur zersägte und wieder zusammengesetzte Fragmente als Nachweis. Er hat damit verhindert, dass jemals mehr als 30 Exemplare existieren können. Er wollte, dass dieser Druck kein Reproduktionsmittel bleibt.
Hat Vallotton die deutschen Expressionisten beeinflusst?
Kunstkritiker schreiben Vallotton die Wiederbelebung des Holzschnitts zu, der ab 1905 von Expressionisten wie Heckel und Kirchner aufgegriffen wurde. Der Kunsthistoriker Reinhold A. Heller benannte 1970 in Artforum Formähnlichkeiten zu Bleyls Plakat von 1906. Kirchner selbst hat den Einfluss nie bestätigt. Gesichert ist die Chronologie, nicht der Wirkpfad.
Wo kann man Felix Vallotton Druckgrafik heute sehen?
Das Musée cantonal des Beaux-Arts (MCBA) in Lausanne bewahrt eine bedeutende Sammlung von Vallottons druckgrafischem und malerischem Werk. Die Bibliothèque nationale de France (BnF) in Paris bewahrt Exemplare der Intimités und hat die Druckstock-Fragmente dokumentiert. Öffentliche Museen in den USA, darunter das Art Institute of Chicago und das MoMA, halten Blätter aus den 1890ern.
Quellen und weiterführende Literatur
- Encyclopædia Britannica, Eintrag Félix Vallotton.
- Musée cantonal des Beaux-Arts (MCBA) Lausanne, Sammlung und Ausstellung Vallotton.
- Bibliothèque nationale de France, Les Essentiels: Félix Vallotton, Intimités.
- Reinhold A. Heller, Die Brücke at Cornell, Artforum, Oktober 1970.
- Maxime Vallotton und Charles Goerg, Félix Vallotton: Werkverzeichnis des druckgrafischen Werks, Genf 1972.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern, ausgewählt, nicht eingekauft. Holzschnitte zeitgenössischer Künstler, die mit demselben Flächenprinzip arbeiten, stehen im Holzschnitt-Sortiment oder in der gesamten Sammlung. Fragen zu einem Werk oder einer Technik: hello@studiosonsu.de