Hochdruck und Tiefdruck: Was ist der Unterschied?

Beim Hochdruck drucken die erhabenen Stellen. Beim Tiefdruck die vertieften. Dieses eine Prinzip erklärt fast alles: warum ein Holzschnitt anders aussieht als eine Radierung, warum man eine Kupferplatte unter Tonnendruck durch die Presse zieht, während ein Linolblock mit der Hand eingerieben werden kann.

Was am Ende auf dem Papier erscheint, unterscheidet sich nicht nur optisch. Ein Holzschnittblock auf dem Arbeitstisch, daneben eine polierte Kupferplatte: beim Block wird Holz weggenommen, bei der Kupferplatte wird Metall vertieft (geätzt, geritzt, geschabt). Das Ergebnis hat eine andere Textur, einen anderen Abdruck, eine andere Geschichte in der Oberfläche. Wer das einmal weiß, liest ein fertiges Blatt anders.

Geschnitzte Holzblöcke und japanisches Baren-Reibewerkzeug auf Arbeitstisch, Werkzeuge des Hochdruckverfahrens.
Holzschnittblöcke und Baren: Die Werkzeuge des Hochdrucks. Foto: Inga Eicaite.

Druckgrafik-Techniken lassen sich in vier große Klassen einteilen: Hoch-, Tief-, Flach- und Durchdruck. Diese Seite beschäftigt sich mit den beiden ältesten und in der Druckgrafikgeschichte folgenreichsten: Hochdruck und Tiefdruck. Den Überblick über alle vier Klassen bietet die Seite Die vier Druckprinzipien. Den Vergleich zweier Hochdrucktechniken zeigt Holzschnitt vs. Linolschnitt, den zweier Tiefdrucktechniken Radierung vs. Kaltnadelradierung.

Wie funktioniert das Hochdruckverfahren?

Das Grundprinzip ist intuitiv: Man trägt Farbe auf, und nur die erhabenen Bereiche geben sie ans Papier ab. Beim Holzschnitt wird alles, was nicht drucken soll, aus dem Holz herausgearbeitet. Was stehenbleibt, bildet die Druckfläche. Beim Linolschnitt funktioniert das identisch, nur auf einem weicheren, maserungsfreien Material.

Die Farbübertragung braucht keinen extremen Druck. Der Grund ist physikalisch: Die Druckform steht hervor, Farbe liegt oben, Papier kommt drauf. Eine gleichmäßige, feste Bewegung reicht aus. In Japan druckte man Jahrhunderte lang mit dem Baren, einem handtellerfüllenden Reibewerkzeug aus Bambus. Auch ein Löffelrücken funktioniert technisch. Wenn du einen Holzschnitt das erste Mal in Händen hältst, kannst du den Unterschied zur Radierung schon durch das Fehlen jeder Plattenkanten-Prägung spüren.

Was den Hochdruck charakterisiert, sind kräftige Kontraste und klare Kanten. Die Werkzeugspuren, das Herausarbeiten, die Maserung des Holzes: all das kann im Druckergebnis sichtbar werden. Hokusais "Große Welle" zum Beispiel, eine der bekanntesten Druckgrafiken der Welt, wurde als Farbholzschnitt im Ukiyo-e-Stil gedruckt. Die ersten Abzüge einer solchen Edition zeigen die Holzmaserung des Druckstocks noch deutlich. Mit jeder Druckung nutzte sich das Holz minimal ab, was zeigt, dass große Auflagen beim Hochdruck möglich sind, beim Tiefdruck aber strukturell begrenzt bleiben. Von den schätzungsweise 8.000 Gesamtabzügen der "Großen Welle" sind heute noch 113 Erstauflage-Exemplare erhalten.

Die Expressionisten der Künstlergruppe Brücke, 1905 in Dresden gegründet, wählten den Holzschnitt nicht obwohl er grob ist, sondern gerade deshalb. Die kantigen Linien, die sichtbaren Werkzeugspuren, der ungebremste Kontrast zwischen Schwarz und Weiß. Der Holzschnitt war kein Kompromiss. Er war das Mittel.

Wie funktioniert das Tiefdruckverfahren?

Tiefdruck kehrt das Prinzip um. Die Druckform ist eine Metallplatte, meist Kupfer oder Zink, deren Oberfläche vertieft wird. Durch Ätzen mit Säure bei der Radierung, durch direktes Kratzen mit der Nadel bei der Kaltnadelradierung, oder durch andere Verfahren. Die Farbe wird in die gesamte Platte eingerieben, die Oberfläche anschließend wieder sauber gewischt. Was in den Vertiefungen bleibt, kommt unter der Presse ans Papier.

Um die Farbe aus den Vertiefungen herauszuholen und tief ins Papier hineinzupressen, braucht man erheblichen Druck. Tiefdruckpressen arbeiten mit dem Gewicht schwerer Walzen, mit Stellschrauben und Spannungen, die ein Blatt weiches Papier buchstäblich in die Kerben der Platte hineindrücken. Die Platte hinterlässt dabei eine sichtbare Prägung im Papier: den Plattenrand.

Bronwen Sleigh dreht das Speichenrad einer schweren Ätzpresse, Tiefdruck erfordert enormen Pressdruck.
Bronwen Sleigh an der Ätzpresse: Tiefdruck braucht Tonnendruck.

Den Plattenrand sieht man sofort, wenn man eine Radierung oder einen Kupferstich unter Streiflicht hält. Mehr dazu erklärt Original vs. Kunstdruck, und der Erkennungs-Abschnitt weiter unten geht ins Detail.

Was der Tiefdruck ermöglicht und was Hochdruck strukturell ausschließt: feine Grauabstufungen. Weil die Menge der Farbe in einem vertieften Strich direkt von Tiefe und Breite abhängt, lässt sich mit Tiefdruck eine Zeichnung mit allen Übergängen zwischen Schwarz und Weiß realisieren. Rembrandt, der über fast vier Jahrzehnte rund 314 Radierungen schuf, experimentierte systematisch durch alle Möglichkeiten der Technik. Er wäre als Holzschneider ein anderer Künstler geworden.

Wie erkenne ich Hoch- und Tiefdruck am fertigen Blatt?

Wer Druckgrafik sammelt oder kauft, kann am Original beide Verfahren eindeutig identifizieren. Auch ohne Lupe, ohne Laborausrüstung.

Tiefdruck erkennst du am Plattenrand. Hebe das Blatt schräg gegen Licht oder leg es flach und wechsle den Blickwinkel. Du siehst eine umlaufende, leicht eingedrückte Linie, die den gesamten Bildbereich begrenzt. Das ist der Abdruck der Plattenkante unter hohem Pressdruck. Bei einer Radierung auf schwerem Papier kann man ihn manchmal sogar mit dem Finger ertasten. Kein Hochdruck hinterlässt diese Prägung, weil die Druckform nie so in das Papier hineingepresst wird.

Zusätzlich: Tiefdrucklinien sind in der Regel leicht erhöht. Die Farbe wurde buchstäblich aus der Platte herausgezogen und sitzt nun als kleiner Wulst auf dem Papier. Unter einer Lupe oder unter Streiflicht sieht man das bei Kupferstichen und Radierungen sehr deutlich. In der Restaurierungspraxis heißt diese Technik Raking Light, also Streiflicht, und macht Struktur sichtbar, die unter normalem Licht unsichtbar bleibt.

Hochdruck erkennst du an kräftigen Kanten und oft an sichtbarem Material. Ein Holzschnitt hat keine Plattenprägung. Stattdessen drucken die aufgesetzten Farbflächen flach auf das Papier. An den Rändern von Linien und Flächen kann sich Farbe leicht aufstauen, ein sogenannter Ink Rim (Quetschrand). Die Holzmaserung kann, besonders bei frühen Abzügen einer Edition, schwach sichtbar sein. Linolschnitte hingegen zeigen diese Maserung nicht. Ein weiteres Signal: Der Hintergrund ist oft sauber weiß, weil die ausgeschnittenen Partien keine Farbe tragen.

Merkmal Hochdruck (Holzschnitt, Linolschnitt) Tiefdruck (Radierung, Kupferstich, Kaltnadel)
Plattenrand Nein Ja, deutlich tastbar und sichtbar
Linienbeschaffenheit Klar, geschnitten, ggf. Maserung Fein, kontinuierlich, erhöht
Grauabstufungen Kaum (Schraffur möglich) Ja, durch Tiefe der Kerben
Benötigter Druck Gering (Reibung reicht) Hoch (schwere Tonnenpresse)
Auflagenhöhe Hunderte bis Tausende möglich 20–30 (Kaltnadel), 40–100 (Radierung), 500+ (Kupferstich)

Warum wählen Künstler das eine oder das andere?

Ein Künstler wählt Hochdruck oder Tiefdruck nicht nach Laune, sondern nach dem Bild, das er braucht.

Hochdruck tendiert zu Klarheit und Direktheit. Linien sind geschnitten, Flächen sind entweder da oder nicht. Der Kontrast ist binär. Das macht Holzschnitt und Linolschnitt ideal für grafische Kompositionen, für Motive, die aus der Ferne wirken müssen.

Tiefdruck kann flüstern. Feine Schraffuren, zarte Tonwerte, die samtigen schwarzen Massen einer Kaltnadelradierung, die durch den aufgeworfenen Metallgrat entstehen. Dieser Grat nutzt sich ab. Ohne Verstahlung erreicht eine Kaltnadelplatte je nach Technik und Plattenqualität zwischen 20 und 30 gute Abzüge, dann verflacht die Oberfläche. Das ist für Sammler relevant: Die ersten Abzüge einer Kaltnadel-Auflage unterscheiden sich sichtbar von späteren.

Jemma Gunning nimmt fertigen Radierungsdruck von der Kupferplatte ab, Print-Reveal-Moment an der Ätzpresse. Foto: Alex Sedgmond.
Der Reveal-Moment: Jemma Gunning zieht einen fertigen Radierungsdruck von der Platte. Foto: Alex Sedgmond.

Rembrandts "Die Drei Kreuze" aus dem Jahr 1653 zeigt, was Kaltnadel kann und was sie kostet. Das Bild mit seinen dramatischen Lichtbündeln in der Dunkelheit, die Unruhe der Menge unter dem Kreuz: visuell kaum in einem anderen Verfahren denkbar. Nach rund 60 Abzügen aus den ersten drei Zuständen überarbeitete Rembrandt die Platte um 1660 radikal, verdunkelte die Komposition und änderte die Figurenanordnung. Eine Entscheidung, keine Notwendigkeit.

Das Verstahlen einer Platte, also das elektrolytische Aufbringen einer harten Stahlschicht auf das weiche Kupfer, löste das Auflagenproblem ab 1857. Seither können Tiefdruckplatten Auflagen erzielen, die ohne diesen Eingriff nicht möglich wären.

Die Brücke-Expressionisten kannten diese Möglichkeiten genau. Dass Kirchner für die Berliner Straßenszenen zwischen 1913 und 1915 gleichzeitig 14 Holzschnitte neben 14 Radierungen stellte, war eine Entscheidung für eine bestimmte Bildsprache in jeweils einer Technik, nicht eine Kapitulation vor technischen Grenzen. Er konnte beides, belegt allein schon durch die Zahlen seines Gesamtwerks: 971 Holzschnitte, 665 Radierungen und 458 Lithografien.

Wie sehen diese Prinzipien an echten Werken aus?

Beim Hochdruck gilt: Jede gedruckte Linie ist ein stehengebliebener Holzgrat. Das Negative, der Weißraum, ist der Schnitt. Rod Nelson, ein britischer Holzschnittkünstler, zeigt das in "Falls" im reduziertesten Modus: reine vertikale Linien, ein Wasserfall als abstrahiertes Muster.

Richard Studer zieht Probedrucke von Holzstichblöcken auf einer historischen Albion-Handpresse.
Richard Studer an der Albion-Presse: Hochdruck von Holzstichblöcken.

Tiefdruck denkt umgekehrt: Die Linie entsteht in der Vertiefung, nicht aus dem, was übrig bleibt. Inga Eicaite, eine litauisch-britische Druckgrafikerin, die sowohl Holzschnitt als auch Intaglio beherrscht, zeigt diesen Kontrast in der B_o-Serie. "B_o5" zum Beispiel: elegante Bögen auf fast leerer Fläche, schwerelos. Die Linien wurden in Metall hineingetragen und dann ans Papier abgegeben. Den Plattenrand sieht man. Die Feinjustierung in der Tonigkeit, die Gleichmäßigkeit des Bogens, wäre im Hochdruck in dieser Form nicht herstellbar.

Stephen Lawlor, ein irischer Radierer, demonstriert in "Kvinna" das eigentliche Versprechen des Tiefdrucks: das glühende Gesicht, gitterartig aufgelöst in feinste Linien. Die hellen Partien entstehen durch engere, flachere Schraffuren, die dunkleren durch tiefere, dichtere Ätzung. Diese Abstufung im Tonwert, diese Übersetzung von Licht in Drucktiefe, ist klassische Radierungs-Qualität und ohne Tiefdruck nicht erreichbar.

FAQ

Was ist der einfachste Weg, Hochdruck und Tiefdruck am Blatt zu unterscheiden?

Blatt schräg halten, Finger an den Rand. Beim Tiefdruck (Radierung, Kupferstich, Kaltnadel) spürst und siehst du eine leicht eingedrückte Linie um die gesamte Bildfläche: den Abdruck der Plattenkante unter hohem Pressdruck. Beim Hochdruck fehlt diese Prägung vollständig. Der 5-Sekunden-Test unter Streiflicht entscheidet in fast allen Fällen.

Welche Techniken gehören zum Hochdruck, welche zum Tiefdruck?

Hochdruck: Holzschnitt, Linolschnitt, Holzstich (verwandte Technik auf Buchsbaumholz). Tiefdruck: Radierung, Kaltnadelradierung, Kupferstich, Aquatinta, Mezzotinto. Lithografie gehört zu keiner der beiden Klassen, sie ist Flachdruck und arbeitet auf dem Prinzip der Fett-Wasser-Abstoßung.

Warum hat eine Kaltnadelradierung so wenige Abzüge?

Für Sammler ist das direkt preisrelevant: Frühe Abzüge einer Kaltnadel-Auflage sind qualitativ besser als spätere, weil der charakteristische Metallgrat sich mit jedem Druckgang minimal abnutzt. Ohne Verstahlung der Platte sind nur 20 bis 30 gute Abzüge möglich. Wer die Nummer eines Werks kennt, weiß damit auch, wie nah es am Maximum der Druckqualität liegt.

Warum brauchte man früher für Tiefdruck eine schwere Presse, für Hochdruck nicht?

Beim Tiefdruck muss das Papier buchstäblich in die eingravierten oder geätzten Vertiefungen der Metallplatte hineingepresst werden, um die dort sitzende Farbe herauszuholen. Das erfordert erheblichen, gleichmäßigen Druck über die gesamte Plattenfläche. Beim Hochdruck trägt die Farbe auf erhabenen Flächen auf, der Kontaktdruck reicht aus. Japanische Holzschnittmeister druckten jahrhundertelang per Hand mit dem Baren. Für den Tiefdruck war das nie möglich.

Welches Verfahren ist älter?

Hochdruck ist älter. Holzschnitte entstanden in China spätestens im 7. Jahrhundert, das älteste erhaltene datierte gedruckte Buch ist ein Holzschnittwerk aus dem Jahr 868. Der Kupferstich als älteste Tiefdrucktechnik entstand erst um 1420/1430 im oberdeutschen Raum, wahrscheinlich in Goldschmiedewerkstätten. Das ist ein Abstand von fast 800 Jahren.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Rijksmuseum Amsterdam, 10 Things to Know About Rembrandt's Etchings
  • Tate, Glossar der Druckgrafik-Techniken (Etching, Linocut, Drypoint)
  • Web Gallery of Art, Major Techniques of Printmaking (German Section)
  • Conservation Wiki, Raking Light als Untersuchungsmethode für Druckgrafik

Studio Sonsu ist eine Galerie für Originaldruckgrafik in Hannover-Linden. Das Sortiment umfasst Holzschnitte, Radierungen, Linolschnitte und Siebdrucke von zeitgenössischen Künstlern aus Europa. Alle Werke sind handsignierte Originale mit Echtheitszertifikat.

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