Pierre Bonnard
In Pierre Bonnards Haus in Le Cannet an der Côte d'Azur wiederholt sich über zwei Jahrzehnte dasselbe Bild: eine Wanne, grünlich schimmerndes Wasser, darin Marthe, Bonnards Lebensgefährtin, ihr Körper fast eins mit der Farbe des Wassers. Bonnard malt diese Szene immer wieder, vier große Fassungen über zwanzig Jahre, beginnend mit "The Bath" von 1925. Das Bad wird zu einem der beharrlichsten Motive seines Spätwerks.
Diese Farbsensibilität hatte schon Jahrzehnte früher einen ersten Auftritt, nur nicht auf der Leinwand. Mit Anfang zwanzig entwirft Bonnard 1889 sein erstes kommerzielles Werk, ein Werbeplakat für den Champagner "France-Champagne". Gedruckt wurde es erst im März 1891, bei der Imprimerie Ancourt in Paris. Als das Plakat an Pariser Litfaßsäulen klebt, weckt es das Interesse von Toulouse-Lautrec und führt ihn in dieselbe Werkstatt, wo er selbst mit der Lithografie beginnt. Von hier aus führt die Spur weiter, aber sie führt vor allem zurück zu Bonnard selbst, dem jungen Maler, der gerade gelernt hatte, seine Farbe auf einen Kalkstein statt auf eine Leinwand zu bringen.
Woher kommt Bonnards Spitzname "der sehr japanische Nabi"?
Pierre Bonnard wird am 3. Oktober 1867 in Fontenay-aux-Roses bei Paris geboren. In den späten 1880er-Jahren schließt er sich mit Paul Sérusier und Maurice Denis zu den Nabis zusammen, einer Gruppe symbolistischer Maler, zu der auch Édouard Vuillard gehört.
Innerhalb der Gruppe bekommt Bonnard einen eigenen Beinamen. Der Kritiker Félix Fénéon nennt ihn "le Nabi très japonard", den sehr japanischen Nabi, nachdem 1890 an der École des Beaux-Arts eine große Ausstellung japanischer Drucke zu sehen war. Was Bonnard aus diesen Blättern mitnimmt, sind flächige Farbfelder und hohe Horizonte, statt der klassischen Fluchtpunkt-Perspektive. Was Fénéon 1890 als Spitznamen meinte, würde neun Jahre später zum Bauprinzip einer ganzen Bildfolge werden.
Was passierte in Auguste Clots Werkstatt?
Bonnard bleibt nach dem Champagner-Plakat bei der Technik. Ab 1888 praktiziert er Lithografie parallel zur Malerei, mit wachsender Kompetenz gerade in der Farblithografie, dem mehrfarbigen Druck von mehreren Steinen. Für die avantgardistische Zeitschrift La Revue Blanche entwirft er 1894 ein vielfarbiges Plakat. Seinen wichtigsten Drucker findet er in Auguste Clot (1858-1936). Clot beginnt seine Laufbahn in der Werkstatt Lemercier und gründet 1895 oder 1896 sein eigenes Atelier.
Über diese Werkstatt läuft von da an auch die Zusammenarbeit mit dem Verleger Ambroise Vollard, der Bonnards Alben in Auftrag gibt.
1896 trat diese Zusammenarbeit zum ersten Mal groß an die Öffentlichkeit, in einer Galerie in der Rue Laffitte.
Was verkaufte Vollard 1896 für 150 Francs pro Exemplar?
Im Sommer 1896 eröffnet der Kunsthändler Ambroise Vollard eine neue Galerie an der Rue Laffitte 6 in Paris und zeigt vom 15. Juni bis zum 20. Juli eine Ausstellung, die ausschließlich malenden Druckgrafikern gewidmet ist. Dazu erscheint das "Album des Peintres-Graveurs", 22 Blätter in einer Auflage von 100 Exemplaren, das komplette Konvolut war für 150 Francs zu haben.
Bonnard steuert ein Blatt bei, "La Petite Blanchisseuse", heute als Bouvet 40 katalogisiert. Ein Abzug, Nummer 19 der Auflage, trägt eine handschriftliche Widmung: "pour Mr Clot", Bonnards Dank an seinen eigenen Drucker. Neben Bonnard sind unter anderem Felix Vallotton, Maurice Denis, Odilon Redon und Édouard Vuillard vertreten, dazu der Norweger Edvard Munch mit seinem Blatt "Angst".
Bonnard gestaltet außerdem das Ausstellungsplakat selbst, ein Blatt von 65 mal 48,5 Zentimetern mit der Inschrift "Bonnard 96 / Imp par A Clot", katalogisiert als Bouvet 38. Was er hier für Vollard lieferte, war ein einzelnes Blatt unter zweiundzwanzig.
Warum zeigt "Quelques aspects de la vie de Paris" keine einzige Sehenswürdigkeit?
Vollard beauftragt das Album Mitte der 1890er-Jahre, "Quelques aspects de la vie de Paris", einige Ansichten aus dem Leben von Paris. Bonnard arbeitet über mehrere Jahre daran, gezeigt wird die fertige Folge ab März 1899, wieder in Vollards Galerie. Am Ende stehen 13 Farblithografien samt Umschlag, in einer Auflage von 100 Exemplaren, wieder gedruckt in Clots Werkstatt.
Kein Blatt zeigt den Eiffelturm oder Notre-Dame. Bonnard zeichnet die Place Clichy, das Alltagsgewusel von Montmartre, Straßenecken ohne Namen. Ein Vorbild dafür liegt womöglich in Japan: in Ukiyo-e-Drucken wie Hiroshiges "Hundert Ansichten von Edo" mit ihrer ausschnitthaften Sicht auf die Stadt. Was Bonnard 1890 als "sehr japanischer Nabi" an flächiger Farbe und hohen Horizonten aufgenommen hatte, trägt hier dreizehn zusammenhängende Blätter, nur übersetzt in Farblithografie statt in Öl. Der Bezug zum japanischen Holzschnitt ist bei Bonnard kein Materialbezug: Hiroshiges Blätter sind Farbholzschnitte, seine eigenen sind Steindrucke. Es ist ein Blick-Bezug, derselbe Ausschnitt des Alltäglichen. Noch bevor die Pariser Serie fertig war, hatte Vollard bereits das nächste, größere Buch im Kopf.
Was macht "Parallèlement" zum ersten großen Künstlerbuch des Jahrhunderts?
1900 erscheint bei Vollard "Parallèlement", Bonnards Bildfolge zu Paul Verlaines Gedichtband. Das Buch enthält 108 Lithografien plus ein lithografisches Frontispiz, macht zusammen 109 Blätter, dazu 8 Holzstiche nach Bonnards Entwürfen, geschnitten von Tony Beltrand. Clot druckt die Lithografien in einer rosa-sanguinefarbenen Tinte, die Text und Zeichnung ineinander verschwimmen lässt, statt sie klar zu trennen.
Kunsthistoriker führen "Parallèlement" als erstes bedeutendes livre de peintre des 20. Jahrhunderts, ein Buch, das Maßstäbe für die Verschmelzung von Text und Illustration setzte.
Zwischen diesem Buch und der Wanne, mit der diese Seite begonnen hat, liegen fünfundzwanzig Jahre.
Warum übersetzte am Ende ein anderer Künstler Bonnards letzte Bilder?
"The Bath" von 1925, das erste der vier Badbilder, kauft der Kunsthändler Bernheim-Jeune bereits am 7. Dezember 1925 direkt vom Künstler. Von dort wandert das Bild weiter: Der Sammler Lord Ivor Spencer-Churchill erwirbt es und schenkt es 1931 der Contemporary Art Society, die es im selben Jahr an die Tate weitergibt. Die vierte und letzte Fassung entsteht in den 1940er-Jahren. 1942 stirbt Marthe.
Wer Marthe war, ist komplizierter als das Bild der treuen Muse. Auf der Sterbeurkunde ihres Bruders unterschreibt sie sich 1899, mitten in den Jahren mit Bonnard, als Ehefrau eines "Monsieur Renard", mit einer Adresse ohne Bezug zu Bonnard. Das Dokument wurde erst vor kurzem entdeckt und lässt offen, wer dieser Monsieur Renard war und ob Marthe in den Jahren mit Bonnard eine andere Bindung hatte.
In Bonnards letzten Jahren überträgt Jacques Villon zehn Gouachen Bonnards in Farblithografien; das Ergebnis erscheint als "Album Pierre Bonnard" beim Verleger Hazan, Auflage 80, Blattmaß 65 mal 50 Zentimeter. Am 23. Januar 1947 stirbt er in Le Cannet.
Was mit einem Plakat begann, das ein anderer druckte, endete mit Gouachen, die ein anderer in Lithografien verwandelte. Unter den berühmten Druckgrafikern der Zeit steht Bonnard heute neben Toulouse-Lautrec, dessen Interesse an der Lithografie Bonnards Plakat weckte und den es in die Ancourt-Werkstatt führte, und neben Munch und Redon, die ihren eigenen Weg in die Technik unabhängig von ihm fanden.
Dieselbe Farbsensibilität, die im ersten Absatz dieser Seite das Wannenwasser auflöste, taucht am Ende in einer Technik auf, die nicht mehr Bonnards eigene Hand führt. Nicht die Wanne kehrt zurück, sondern die Farbe, die zuerst im Wannenwasser lag und die zuletzt eine fremde Hand auf den Stein brachte.
Was bleibt von einem Bild, wenn nicht mehr die Hand des Malers, sondern die eines anderen Künstlers es in ein Druckverfahren überträgt?
Häufige Fragen zu Pierre Bonnard
Wann lebte Pierre Bonnard?
Pierre Bonnard wurde am 3. Oktober 1867 in Fontenay-aux-Roses bei Paris geboren und starb am 23. Januar 1947 in Le Cannet an der Côte d'Azur. Sein Leben spielt sich zwischen Paris und dem Süden Frankreichs ab, wohin er sich in den 1920er-Jahren mit Marthe zurückzieht.
Wer war Marthe, Bonnards Lebensgefährtin?
Marthe de Méligny, bürgerlich Maria Boursin (1869-1942), lernt Bonnard 1893 kennen. Die beiden leben von da an zusammen, heiraten aber erst 1925. Erst vor kurzem entdeckt: eine Sterbeurkunde von 1899, auf der sie sich als Ehefrau eines "Monsieur Renard" unterschreibt, mit einer Adresse ohne Bezug zu Bonnard.
Was verbindet Bonnard und Toulouse-Lautrec?
Bonnards erstes kommerzielles Werk, das Plakat "France-Champagne", entworfen 1889 und im März 1891 von der Imprimerie Ancourt gedruckt, brachte Toulouse-Lautrec in dieselbe Werkstatt. Dort beginnt Lautrec seine eigene Karriere in der Lithografie.
Was ist "Parallèlement"?
"Parallèlement" (1900) ist Bonnards Bildfolge zu Paul Verlaines Gedichtband, verlegt von Ambroise Vollard: 108 Lithografien plus ein Frontispiz, macht 109 Blätter, dazu 8 Holzstiche von Tony Beltrand, gedruckt von Auguste Clot in rosa-sanguinefarbener Tinte. Das Buch gilt als erstes bedeutendes livre de peintre des 20. Jahrhunderts.
Warum heißt Bonnard "der sehr japanische Nabi"?
Der Kritiker Félix Fénéon gibt Bonnard 1890 diesen Beinamen, nachdem an der École des Beaux-Arts eine Ausstellung japanischer Drucke zu sehen war. Bonnard übernimmt aus diesen Blättern flächige Farbgebung und hohe Horizonte, ein Prinzip, das später auch seine eigenen Bildfolgen aus Paris prägt.
Quellen und weiterführende Literatur
- Victoria and Albert Museum, London, Sammlungseintrag zum Plakat France-Champagne (Datierung 1889/1891, Drucker Imprimerie Ancourt)
- Bibliothèque nationale de France, Paris, zu Bonnards Farblithografie und der Zusammenarbeit mit Ambroise Vollard
- Princeton University Library, Graphic Arts Collection, zu Parallèlement als erstem livre de peintre des 20. Jahrhunderts
- Tate, London, Sammlungseintrag zu The Bath (1925) und den Badbildern von Marthe
- Art Institute of Chicago, zum Plakat La Revue Blanche (Farblithografie, 1894)
Studio Sonsu ist eine Galerie für Original-Druckgrafik in Hannover-Linden, von historischen Meistern wie Bonnard bis zu Künstlerinnen und Künstlern von heute. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern, ausgewählt, nicht eingekauft. Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de