Édouard Vuillard

Édouard Vuillard (1868-1940) war Mitglied der Nabis, jener Pariser Künstlergruppe der 1890er, die sich selbst hebräisch die "Propheten" nannte und ihre Bildsprache aus Paul Gauguins synthetistischer Pont-Aven-Phase bezog. Innerhalb der Gruppe war er der "Intimist": der Maler, der sich nie für die große Geste interessierte, sondern für das, was in einem einzigen bürgerlichen Wohnzimmer passiert, wenn Mensch und Möbel beinahe ununterscheidbar werden.

Ein bürgerliches Pariser Zimmer, irgendwann in den 1890er Jahren. Die Wände tragen ein dichtes, rosafarbenes Blumenmuster, eine Frau sitzt darin, und ihr Kleid trägt fast dasselbe Muster wie die Tapete hinter ihr. Der Blick braucht ein paar Sekunden, um zu merken: Was zuerst wie Tapete aussieht, ist der Stoff ihres Kleides. Person, Möbel und Wand verschmelzen zu einer einzigen gemusterten Fläche. Das ist Édouard Vuillard. Sohn einer Näherin, aufgewachsen zwischen Stoffballen in der Nähwerkstatt seiner Mutter in Paris, blieb er sein Leben lang der Maler, der Muster nicht als Dekoration sieht, sondern als das, woraus ein Raum gebaut ist.

Édouard Vuillard, Intérieur aux tentures roses (Interior with Pink Wallpaper), 1899, Farblithografie: eine Frau in einem gemusterten Interieur, deren Kleid mit der Blumentapete verschmilzt.
Édouard Vuillard, Intérieur aux tentures roses (Interior with Pink Wallpaper), 1899. Farblithografie aus "Paysages et Intérieurs". Public Domain.

Genau diese Musterwelt, die sich durch Vuillards Gemälde zieht, erscheint 1899 in einem eigenständigen Werk: dem Album "Paysages et Intérieurs", dreizehn Farblithografien, an denen Vuillard drei Jahre lang für den Pariser Kunsthändler Ambroise Vollard arbeitete. Vuillard nahm darin Alltagsmomente aus seinem eigenen Leben und verdichtete sie zu dekorativen Kompositionen aus Linien, Mustern und Silhouetten. Die gemusterte Bildwelt seiner Gemälde findet hier eine eigene, gedruckte Form.

Wo fängt das Sehen bei Vuillard an?

Jean-Édouard Vuillard kommt am 11. November 1868 in Cuiseaux zur Welt, einem kleinen Ort in der Saône-et-Loire. 1877 zieht die Familie nach Paris, in ein Haus, in dem seine Mutter Marie Vuillard, geborene Michaud, eine Nähwerkstatt betreibt. Vuillard lebte bis zu ihrem Tod bei ihr. Vermutlich liegt darin eine Konstante seines späteren Werks begründet: Muster sind bei Vuillard kein Schmuck, der einer Szene hinzugefügt wird, sondern das strukturelle Material, aus dem die Bildfläche selbst besteht. 1889 lernt er eine Gruppe von Malschülern kennen, die sich selbst einen hebräischen Namen geben: die Propheten.

Was verbindet die "Propheten"?

Diese Malschüler heißen Maurice Denis, Pierre Bonnard, Paul Sérusier und Ker-Xavier Roussel, sie nennen die Gruppe die Nabis. Offiziell gehört Vuillard erst ab 1891 zu dieser Gruppe, bis zu ihrem Ende 1900. Ihre gemeinsame Inspiration ist Paul Gauguins synthetistische Pont-Aven-Phase, mit ihren kräftigen Farbflächen und reduzierten Formen. Vuillard bleibt in dieser Gruppe der, der nicht auf die Straße geht, sondern die Wohnzimmer malt.

Was passiert, wenn die Wand die Hauptrolle übernimmt?

1895 bekommt Vuillard einen ungewöhnlichen Auftrag: Der Kardiologe Henri Vaquez engagiert ihn für vier dekorative Panels, mit denen die Bibliothek seines Pariser Hauses in der 27 rue du Général Foy ausgestattet werden soll. In diesen Panels gehen die Figuren fast vollständig in Tapete, Teppich und Kleidermuster auf. Das ist keine Ausnahme, sondern Methode: Die flachen Muster- und Farbflächen seiner Interieurs entlehnt Vuillard dem japanischen Druckhandwerk und der Rollbild-Malerei, angepasst an eine Pariser Sensibilität. Zwei Jahre später bekommt Vuillard einen Auftrag, der dieselbe Fläche nicht mehr auf Leinwand, sondern auf einen Stein bringt.

Was verlegte Ambroise Vollard drei Jahre lang nicht?

Édouard Vuillard, La Cuisinière (The Cook), 1899, Farblithografie: eine Köchin in einem engen, gemusterten Kücheninterieur.
Édouard Vuillard, La Cuisinière (The Cook), 1899. Farblithografie aus "Paysages et Intérieurs". Public Domain.

1897 gibt Ambroise Vollard bei Vuillard eine Serie von Farblithografien in Auftrag, Thema: Landschaften und Interieurs. Die Arbeit daran zieht sich über drei Jahre. 1899 kommt "Paysages et Intérieurs" auf den Markt: dreizehn Farblithografien, gedruckt auf Chinapapier, in einer Auflage von 100 Mappen, gedruckt von Auguste Clot und verlegt von Ambroise Vollard in Paris. Im Werkverzeichnis von Claude Roger-Marx tragen die dreizehn Blätter die Nummern 31 bis 43.

Édouard Vuillard, Sur le pont de l'Europe (On the Bridge of Europe), 1899, Farblithografie: eine Stadtszene auf der Pariser Europabrücke über den Bahngleisen.
Édouard Vuillard, Sur le pont de l'Europe (On the Bridge of Europe), 1899. Farblithografie aus "Paysages et Intérieurs". Public Domain.

Ein Einzelblatt der Serie, "À Travers champs" (Across the Fields), hängt heute im Cleveland Museum of Art, ein Geschenk des Hanna Fund aus dem Jahr 1951. Die Mappe hält sich an wenige, wiederkehrende Themen: Straßenszenen mit Brücken und Bahnhöfen wie "Sur le pont de l'Europe" auf der einen Seite, enge, gemusterte Interieurs mit Küche und Wohnzimmer wie "La Cuisinière" auf der anderen. Über die Jahre schuf Vuillard rund 60 Lithografien, die meisten davon zu genau diesen zwei Themenfeldern: Stadtlandschaften und häusliche Interieurs mit seinem engsten Familienkreis.

Warum fand das Album zwanzig Jahre lang kaum Käufer?

Der Sammlungseintrag des Norton Simon Museum notiert es nüchtern: Zwanzig Jahre nach dem Druck hatte Vollard die Original-Auflage von hundert Mappen noch nicht ausverkauft. Das Van Gogh Museum bestätigt den Befund: Erst Jahrzehnte später galt "Paysages et Intérieurs" als Meisterwerk. Komplette, geschlossene Mappen tauchen bis heute nur selten im Auktionshandel auf, einzelne Blätter der Serie werden häufiger separat gehandelt. Die Käufer von 1899 hatten dafür kein Auge. Die Museen von heute umso mehr.

Wohin geht der Blick nach den Propheten?

Um 1900 zerfällt die Nabis-Gruppe, Vuillard wendet sich einem realistischeren Stil zu, mit mehr Detail und kräftigeren Farben. Ab 1923 malt er über knapp fünfzehn Jahre hinweg intime Porträts seiner Künstlerfreunde: Bonnard, Roussel, Denis und des Bildhauers Aristide Maillol, jeden bei der Arbeit in seinem Atelier. Schon 1897, mitten in der Arbeit am Vollard-Album, hatte er seinen wichtigsten Förderer porträtiert: Thadée Natanson, Mitherausgeber der Zeitschrift "Revue Blanche". Vuillard stirbt am 21. Juni 1940 in La Baule. Am Ende malt er die Männer, mit denen er als junger Prophet angefangen hatte, jetzt alt, jeder für sich, an der Arbeit.

Die Wand mit dem rosa Blumenmuster aus dem ersten Absatz gibt es tatsächlich, nur eben als Papier statt als Leinwand. Drei Zustandsblätter von "Intérieur aux tentures roses" (Interior with Pink Wallpaper) liegen heute im Cleveland Museum of Art, katalogisiert im Werkverzeichnis Roger-Marx unter den Nummern 36 bis 38, Teil derselben Schenkung des Hanna Fund von 1951, aus der auch "À Travers champs" stammt. Gedruckt hat sie, wie das ganze Album, Auguste Clot, verlegt von Ambroise Vollard. Derselbe Blick, der im Wohnzimmer zwei Sekunden braucht, um Kleid von Tapete zu unterscheiden, ist auf diesem Papier von 1899 zu sehen, das zwanzig Jahre lang kaum jemand kaufen wollte. Was diese gemusterte, stille Welt für Vuillard selbst bedeutete, geordnete Erinnerung an die Nähstube der Mutter oder nur der genaue Blick eines Kindes, das Muster vor Gesichtern sah, verraten die Blätter nicht.

Vuillard war nicht der einzige Maler, den die Musterfläche zum Drucker trieb, und gehört heute selbst zu den historischen Meistern der Druckgrafik. Sein Nabis-Kollege Felix Vallotton fand seine eigene Fassung derselben flachen Fläche im Holzschnitt, mit großen unmodellierten Schwarz-Weiß-Kontrasten statt Vuillards Farbflirren. Aus demselben Vollard-Netzwerk, in dem Edvard Munch und Odilon Redon 1896 für das Sammelalbum "Album des Peintres-Graveurs" druckten, ging drei Jahre später Vuillards eigenes Album hervor. Toulouse-Lautrec, der die Farblithografie der 1890er mit seinen Plakaten auf das Niveau autonomer Kunst hob, zog dieselbe Technik in eine plakative, öffentliche Richtung, während ringsum der aufkommende Jugendstil Fahrt aufnahm. Vuillard blieb derweil bei der Wohnzimmertür stehen.

Häufige Fragen zu Édouard Vuillard

Wer war Édouard Vuillard?

Édouard Vuillard (1868-1940) war ein französischer Maler und Mitglied der Nabis. Er gilt als führender Vertreter des Intimismus, bekannt für gemusterte bürgerliche Interieurs, in denen Figuren und Wandflächen fast verschmelzen.

Warum gilt Vuillard als "Intimist"?

Weil seine Motive fast ausschließlich das häusliche Umfeld sind: Wohnzimmer, Küchen, Nähstuben, seine Mutter und engste Freunde. Gesichter treten dabei oft hinter den Mustern von Kleidern, Tapeten und Teppichen zurück.

Was ist "Paysages et Intérieurs"?

Ein 1899 erschienenes Album mit dreizehn Farblithografien, das Vuillard im Auftrag von Ambroise Vollard über drei Jahre hinweg fertigte, gedruckt von Auguste Clot, in einer Auflage von 100 Mappen. Zeitgenössisch war es ein Ladenhüter, das Van Gogh Museum nennt es heute ein Meisterwerk.

Woher stammt Vuillards Vorliebe für Muster?

Vermutlich aus seiner Kindheit: Seine Mutter Marie Vuillard betrieb nach dem Umzug der Familie nach Paris 1877 eine Nähwerkstatt, in der Vuillard zwischen Stoffballen und Schnittmustern aufwuchs.

Was geschah mit den Nabis nach 1900?

Die Gruppe löste sich auf. Vuillard wandte sich einem realistischeren, detailreicheren Stil zu und malte ab 1923 über rund fünfzehn Jahre Porträts seiner Künstlerfreunde Bonnard, Roussel, Denis und des Bildhauers Aristide Maillol bei der Arbeit im Atelier.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Van Gogh Museum, Amsterdam, Sammlungs- und Ausstellungsmaterial zu "Paysages et Intérieurs" (1899)
  • Norton Simon Museum, Pasadena, Sammlungseintrag zu Vuillards Landschaften und Interieurs
  • Cleveland Museum of Art, Werkverzeichnis-Provenienz der "Interior with Pink Wallpaper"-Blätter (Roger-Marx 36–38, Hanna Fund 1951)
  • Claude Roger-Marx, L'Œuvre gravé de Vuillard (André Sauret, Monte Carlo 1948)
  • Encyclopædia Britannica, Biografie Édouard Vuillard

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