Honoré Daumier
Honoré Daumier (1808–1879) war ein Karikaturist, der das 19. Jahrhundert Blatt für Blatt zerlegte: Könige als Fressgiganten, Parlamentarier als Schlafwandler, Schaumschläger als Sozialtypen. Was er dabei benutzte, stand nicht in den Zeitungsberichten über seine Prozesse. Es stand auf einem Stein.
Warum machte ein einzelnes Bild die Regierung nervös?
Im Dezember 1831 erscheint in der Pariser Satirezeitschrift La Caricature ein Blatt, das König Louis-Philippe als rabelaisschen Riesen zeigt: auf einem Thronsessel sitzend, umgeben von Körben voller Münzen des Volkes, die er in sich hineinstopft. Aus dem Hinterteil des Riesen treten Privileg-Urkunden wieder aus. Der Herausgeber der Zeitschrift, Charles Philipon, der Gründer von La Caricature und eine treibende Kraft der Pariser Pressesatire, hatte das Blatt veröffentlicht. Die Regierung klagte. Am 23. Februar 1832 fiel das Urteil: sechs Monate Haft und 500 Francs Geldstrafe. Daumier war zu diesem Zeitpunkt dreiundzwanzig Jahre alt.
Was die Anklageakte nicht erklärte: Der Staat ließ die gedruckten Abzüge beschlagnahmen und den Druckstein zerstören. Das war kein juristischer Zufall. Daumier hatte Gargantua nicht gezeichnet und dann gedruckt. Er hatte es auf einen Kalkstein gezeichnet und dann auf Papier abgezogen. Dieser Stein war das Druckmittel; ohne ihn ließ sich das Bild nicht mehr vervielfältigen. Der Staat ging nicht nur gegen die fertigen Blätter vor, sondern gegen das Werkzeug, das sie hervorbrachte. Dass er dafür einen Stein zerstören musste, liegt in einer Technik begründet, die damals noch keine fünfzig Jahre alt war: der Lithografie.
Dieser Kalkstein stammte aus der Redaktion von Charles Philipon, der einen Monat zuvor selbst vor demselben Gericht gestanden und dort eine Birne gezeichnet hatte.
Was zeichnete Philipon vor Gericht, einen Monat vor Gargantua?
Am 14. November 1831 stand Charles Philipon in Paris vor Gericht. La Caricature, die wöchentliche Satirezeitschrift, die er im November 1830 gegründet hatte, erschien in Auflagen von 800 bis 1.000 Exemplaren, mit zwei Litho-Blättern pro Ausgabe. Die Anklage: Die Zeitschrift hatte den König zu oft zu deutlich gezeigt. Zur Verteidigung zeichnete Philipon im Gerichtssaal vier Bilder: zuerst das Gesicht des Königs, dann in jeder nächsten Stufe etwas abstrakter, bis das Resultat eine Birne war. Das Argument: Wenn schon diese letzte Form nicht als Königsporträt galt, dann konnte auch nichts auf dem Weg dorthin eines sein. Das Gericht ließ sich nicht überzeugen. Sechs Monate Haft, 2.000 Francs.
Einen Monat später erschien Gargantua, ebenfalls in La Caricature. Zwischen dem Birnen-Prozess am 14. November 1831, der Veröffentlichung von Gargantua im Dezember 1831 und dem Gargantua-Urteil am 23. Februar 1832 lagen gut drei Monate. Philipon hatte die Zeitschrift gegründet, Daumier zeichnete die Bilder, und der Lithografiestein machte die Vervielfältigung auf der Straße möglich. So entstand aus politischer Satire ein reproduzierbares Massenprodukt.
Die Frage, die dabei offenblieb: Was bedeutete dieses Urteil konkret für Daumier?
Wofür saß Daumier wirklich im Gefängnis?
Viele Texte kürzen die Geschichte ab: Daumier zeichnete Gargantua, wurde verhaftet, saß im Gefängnis. Das stimmt nicht. Das Gargantua-Urteil vom 23. Februar 1832 wurde zunächst ausgesetzt. Ab August 1832 saß Daumier in Sainte-Pélagie, einem Pariser Schuldner- und Gefängnis für politische Häftlinge. Nicht wegen Gargantua, sondern wegen eines anderen Blattes.
Das eigentliche Muster: Er war sechs Monate drin und danach sofort wieder an der Arbeit. Im Januar 1834 erschien Le Ventre législatif, "Der gesetzgebende Bauch". Das Blatt war Platte 18 der Association mensuelle, einem Subskriptionsmodell, das Philipon für die Abonnenten von La Caricature eingerichtet hatte: ein Franc Aufpreis über den regulären Jahrespreis von 52 Francs, dafür monatlich ein großformatiges Litho-Blatt. Von den insgesamt 24 Blättern der Association mensuelle stammen fünf von Daumier; sie gelten als seine Meisterwerke. Le Ventre législatif zeigt 35 Parlamentsmitglieder im Halbrund, jedes Gesicht ein präzises Porträt, gemeinsam ein Bild amtlicher Faulheit. Damit verschob sich die treibende Frage: weg vom einzelnen Spott über den König, hin zur täglichen Mechanik der Produktion.
Wie druckt man jeden Tag eine neue Satire?
Im Dezember 1832 gründete Philipon eine zweite Publikation: Le Charivari, eine Tageszeitung mit vier Seiten und einer Lithografie jeweils auf der dritten. Täglich. Das war ein anderes Kaliber als eine Wochenzeitschrift. Wie war das technisch möglich?
Kupferstecher arbeiten mit Stichel und Säure. Eine Platte dauert Wochen. Eine Lithografie, der Steindruck, funktioniert anders: Man zeichnet mit einer fetthaltigen Kreide direkt auf die Oberfläche eines Kalksteins. Der Stein wird mit Wasser befeuchtet; die fetthaltige Farbe haftet nur dort, wo die Kreide war, weil Fett und Wasser sich abstoßen. Keine Gravur, kein Ätzen. Daumier konnte am Morgen zeichnen, und die Technik erlaubte es, denselben Stein noch am Nachmittag in die Druckerpresse zu legen. Das war der Geschwindigkeitsvorteil, den Le Charivari täglich benötigte.
Der Stein war Werkzeug und Schwachstelle zugleich. Eine Zeichnung aus der Welt zu schaffen, ist schwer. Eine Druckform, von der 500 oder 1.000 Abzüge möglich waren, ließ sich beschlagnahmen oder vernichten. Dasselbe Verfahren fand später industrielle Nachfolger: die Chromolithografie des späteren 19. Jahrhunderts, sein direkter Ableger, bedruckte Warenverpackungen und Bilderbücher. Im Realismus und in der Romantik dieser Jahrzehnte aber war die Lithografie kein bloßes Druckverfahren. Sie war ein politisches Werkzeug mit einem physischen Kern, den der Staat in die Hand nehmen konnte.
Was passierte zwischen Daumiers Hand und der Straße?
Einmal wöchentlich brachte ein Träger fünf präparierte Lithosteine zu Daumier ins Atelier. Daumier arbeitete nicht einen Stein fertig und dann den nächsten. Er zeichnete auf mehreren Steinen parallel, und die fertiggestellten Zeichnungen gingen montags oder dienstags zurück an die Druckerei. Eine getaktete Produktion, keine geniale Einzeltat.
Ein einziger Stein, direkt bearbeitet, konnte eine begrenzte Zahl von Abzügen liefern. Wenn die Auflage stieg, übertrug man den Abzug des Muttersteins auf mehrere Tochterstein-Kopien, die gleichzeitig gedruckt wurden. Daumier zeichnete einmal. Gedruckt wurde auf mehreren Steinen parallel.
Dieser Apparat war in der politischen Hochphase von 1830 bis 1835 das dichte Rädersystem hinter Daumiers Karikaturen. Wer in Le Charivari täglich eine Lithografie veröffentlichen wollte, brauchte kein Talent allein, er brauchte Kuriere, Drucker, Tochterstein-Reproduktionen und einen Herausgeber, der das alles koordinierte. Die Association mensuelle finanzierte über ihr Subskriptionsmodell die aufwändigsten Blätter quer. Dieser Apparat lief fünf Jahre, dann legte die Regierung ihn still.
Was macht ein Satiriker, wenn Politik verboten wird?
Im Juli 1834 erschien in der Association mensuelle das Blatt Rue Transnonain, das Massaker an Zivilisten nach dem Aufstand der Lyoner Weber. Auch hier griff der Staat zu: Der Druckstein wurde beschlagnahmt, viele bereits gedruckte Exemplare vernichtet. Ein Teil der Auflage aber war da längst verteilt. Rue Transnonain trägt im Delteil-Werkverzeichnis die Nummer 135. Gargantua von 1831 trägt die Nummer 34. Zwischen diesen beiden Nummern liegen 101 weitere katalogisierte Blätter, entstanden in nur drei Jahren.
Dann zog die Regierung Louis-Philippes im September 1835 die Grenze. Die sogenannten Septembergesetze führten die Zensur wieder ein und stellten politische Karikatur unter Strafe. La Caricature stellte ihr Erscheinen ein.
Dass Daumier 1835 verstummte, stimmt nicht. Er wechselte das Ziel. Statt Königen und Parlamentariern porträtierte er nun Gesellschaftstypen: den Hochstapler, den Opportunisten, den Rednerpult-Virtuosen. Den Raum dafür schuf die Figur des Robert Macaire, eine Theatergestalt, die Philipon und Daumier zur Serie ausbauten. Zwischen dem 20. August 1836 und dem 25. November 1838 erschienen in Le Charivari 100 Lithografien der Caricaturana-Serie. Robert Macaire war kein Politiker, sondern ein Typ. Politische Karikatur war seit den Septembergesetzen verboten, und ein erfundener Gesellschaftstyp bot der Zensur weniger Angriffsfläche als das erkennbare Porträt eines Königs.
Die politische Satire war damit nicht vorbei, sie hatte lediglich ihre Form geändert. Und Daumier hatte noch Jahrzehnte vor sich.
Was bleibt von einem Mann, der nie über sich schrieb?
Kein Manifest, keine veröffentlichten Briefe, keine Interviews. Daumier hatte keine Selbstdeutung hinterlassen. Was bleibt, ist das Werk.
1862 erschien eine Lithografie, die Nadar zeigt: Félix Nadar, den Pariser Fotopionier und Ballonfahrer, in einem Luftballon über der Stadt, mit einer Kamera. Sein Titel: "Nadar élevant la Photographie à la hauteur de l'Art" (zu dt. "Nadar erhebt die Photographie auf das Niveau der Kunst"). Daumier kommentierte hier ein neues Medium, die Fotografie, die der Darstellung von Wirklichkeit gerade Konkurrenz zu machen begann. Er tat es mit der Lithografie, die er seit dreißig Jahren beherrschte.
Der Werkumfang, auf den Daumier bis zu seinem Tod 1879 in Valmondois kam, umfasste über 4.000 Lithografien. Loÿs Delteil, der Spezialist für das graphische Werk des 19. Jahrhunderts, brauchte elf Bände, um dieses Werk zu katalogisieren: die Bände 20 bis 29bis seines "Le peintre-graveur illustré". Die Brandeis University in Massachusetts besitzt 3.878 der etwa 4.000 bekannten Daumier-Lithografien.
Was die Zeitgenossen sahen, war etwas anderes als das, was die Nachwelt sieht. Charles Baudelaire, der Dichter und Kunstkritiker, zählte Daumier zu den bedeutendsten Männern nicht nur der Karikatur, sondern der modernen Kunst insgesamt. Max Liebermann, der Berliner Maler und Mitbegründer der Berliner Sezession, fasste seine Bewunderung in zwei Worte: "Daumier ist ungeheuer!"
Diese Urteile kamen von Männern, die Daumier in die kunsthistorische Debatte einordneten. Für die Druckgrafik als politisches Medium war das eine Linie, die sich weiterzog. George Grosz stand in der Weimarer Republik vor Gericht wegen seiner Druckwerke, dreimal, zuletzt 1931 wegen Gotteslästerung. Was George Grosz in Berlin daraus entwickelte, folgte derselben Logik: Gesellschaft auf Papier gebracht, vervielfältigt und von der Obrigkeit verfolgt. Henri de Toulouse-Lautrec, fünfzig Jahre nach Daumier, brachte denselben Kalkstein in die Farb-Plakatkunst: sein Moulin-Rouge-Plakat von 1891 entstand als Farblithografie über mehrere Steine, in vier Farben auf drei Bögen gedruckt, in einer Auflage von rund 3.000 Exemplaren. Dieselbe Physik, andere Absicht: Wo Daumier den Stein für die tägliche politische Anklage nutzte, brachte Lautrec ihn ins kommerzielle Farbplakat.
Was der Staat in den 1830er Jahren zerstören und beschlagnahmen ließ, waren Steine. Die Abzüge auf der Straße waren längst vergriffen. Der Stein verschwindet, das Blatt bleibt. Wie viele Blätter es am Ende waren, steht bis heute in Delteils Werkverzeichnis.
Häufige Fragen zu Honoré Daumier
Warum wurde Daumier im Februar 1832 verurteilt?
Das Urteil vom 23. Februar 1832 bezog sich auf die Lithografie Gargantua, die im Dezember 1831 in der Satirezeitschrift La Caricature erschienen war. Die Strafe: sechs Monate Haft und 500 Francs Geldstrafe. Inhaftiert wurde Daumier aber erst ab August 1832, und zwar wegen eines anderen Vergehens, nicht direkt wegen Gargantua. Das Gargantua-Urteil war zunächst auf Bewährung ausgesetzt worden.
Was zeigt das Blatt Gargantua?
Gargantua (1831) zeigt König Louis-Philippe als Riesen im Stil des Rabelais'schen Fabelmenschen: auf einem Thronsessel, Körbe voller Münzen des Volkes in sich hineinstopfend, während am anderen Ende Privileg-Urkunden austreten. Das Bild wurde in La Caricature, der von Charles Philipon herausgegebenen Wochenzeitschrift, veröffentlicht. Im Delteil-Werkverzeichnis trägt Gargantua die Nummer 34.
Wie viele Werke schuf Daumier in seinem Leben?
Über 4.000 Lithografien, dazu 200 Gemälde, 800 Zeichnungen und rund 1.000 Holzstiche, die allerdings von Xylografen nach seinen Vorlagen in Holz geschnitten wurden und keine eigenhändige Drucktechnik darstellen. Das lithografische Werk allein umfasst so viel, dass Loÿs Delteil elf Bände benötigte, um es zu katalogisieren.
Was sind die Septembergesetze von 1835, und was bedeuteten sie für Daumier?
Die Septembergesetze führten in Frankreich die Zensur wieder ein und verboten politische Karikaturen. La Caricature stellte daraufhin ihr Erscheinen ein. Daumier wechselte danach von der politischen Personensatire zur Gesellschaftssatire: In der Robert-Macaire-Serie erschienen zwischen August 1836 und November 1838 insgesamt 100 Lithografien in Le Charivari, die Hochstapler, Spekulanten und Opportunisten als Gesellschaftstypen porträtierten.
Was war die Association mensuelle?
Die Association mensuelle war ein Subskriptions-Supplement zu La Caricature. Abonnenten zahlten einen zusätzlichen Franc über den regulären Jahrespreis von 52 Francs und erhielten dafür jeden Monat eine großformatige Lithografie. Insgesamt erschienen 24 Blätter; fünf davon stammen von Daumier, darunter Le Ventre législatif (Januar 1834) und Rue Transnonain (Juli 1834).
Quellen und weiterführende Literatur
- Loÿs Delteil, Le peintre-graveur illustré (XIXe et XXe siècles), Bände 20 bis 29bis, Paris 1925 bis 1930 (Werkverzeichnis der Daumier-Lithografien).
- Deutsche Daumier-Gesellschaft, Biografie und Werkprozess (von der Zeichnung zum Druck).
- Yale University Art Gallery, Sammlung Daumier (Le Ventre législatif, Gargantua).
- Brandeis University, Benjamin A. and Julia M. Trustman Collection of Honoré Daumier Lithographs.
- National Gallery of Art, Washington, und Museum of Fine Arts, Boston, Daumier-Bestände (Nadar élevant la Photographie).
Die Lithografie, die Daumier zur politischen Waffe machte, wird bis heute praktiziert.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlerinnen und Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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