Joseph Beuys

Joseph Beuys wurde am 12. Mai 1921 in Krefeld geboren und starb am 23. Januar 1986 in Düsseldorf. Als Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf, als Fluxus-Akteur und politischer Aktivist polarisierte er über drei Jahrzehnte. Er hinterließ Performances, soziale Projekte, eine Kandidatur für die Grünen und den Satz "Jeder Mensch ist ein Künstler", der bis heute diskutiert wird.

Wer war Joseph Beuys?

An einem Abend im November 1965 schloss Beuys die Tür der Galerie Schmela in Düsseldorf von innen ab. Drinnen trug Beuys einen toten Hasen durch die Ausstellungsräume, flüsterte ihm die Bilder ins Ohr, erklärte ihm die Kunst. Das Gesicht mit Honig und Blattgold bedeckt, den Kopf in der charakteristischen Filzkappe. Draußen standen die Besucher und sahen durch die Fenster zu. Diese Aktion, "How to Explain Pictures to a Dead Hare", ist heute Legende. Sie ist symptomatisch für das, was die meisten mit Beuys verbinden: Filz, Fett, ein Kojote in New York, der Satz "Jeder Mensch ist ein Künstler" als Manifest oder als Provokation. Alles einmalig, alles unwiederholbar, alles Körper und Moment.

Aber Beuys hat bis zu seinem Tod 1986 insgesamt 556 reproduzierbare Objekte produziert: Holzkisten, Postkarten, Siebdrucke, Radierungen, Lithografien. Jedes mit Auflage, Verleger, Nummer. Jörg Schellmann führte seit 1971 ein Werkverzeichnis, kompiliert in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler selbst. Das ist nicht die Hinterlassenschaft eines Provokateurs. Das ist die Logik einer Editions-Praxis: nummeriert, katalogisiert, auf Zirkulation angelegt. Eine biografische Übersicht gibt die Encyclopaedia Britannica, das ausführlichere Profil pflegt die englischsprachige Wikipedia.

Im Zentrum dieser Praxis stand ein Programmsatz, den Beuys über zwei Jahrzehnte hinweg in Interviews und Aktionen variierte:

"Jeder Mensch ist ein Künstler."

— Joseph Beuys, zitiert in Caroline Tisdall, Joseph Beuys (Solomon R. Guggenheim Museum, New York 1979).

Was steckt in einer Holzkiste, die 12.000-mal existiert?

Im Jahr 1968 schickte Wolfgang Feelisch vom VICE-Versand in Remscheid kleine Holzkisten per Post an Käufer durch ganz Europa. Die Kiste war aus einfachem Holz und trug die Bleistiftsignatur und Datierung von Joseph Beuys. Auf dem Holzboden eine gedruckte Zeichnung. Originalpreis: 8 DM. Auflage: rund 12.000 Exemplare.

Das war "Intuition", Schellmann-Nummer 7. Eines der meistverbreiteten Multiples des 20. Jahrhunderts, und ein Werk, das die gesamte Logik von Beuys' Produktion verkörpert. Der Kunstmarkt setzt auf Einzigartigkeit; Beuys setzte auf Zirkulation. Im Katalog der Pinakothek der Moderne heißt es über "Intuition", dieses Multiple sei dem Ideal des VICE-Versands am nächsten gekommen: Kunst so demokratisch wie möglich zu verbreiten.

Druckgrafik war für die meisten Künstler ein Medium neben anderen. Beuys machte die Editions-Logik zum politischen Programm. 12.000 Holzkisten für 8 DM ist kein Umsatz-Argument, sondern Gesellschaftskritik in Auflagenlogik. Wer ein Werk besitzen wollte, musste nicht reich sein. Die klassische Grenze zwischen Original und Kunstdruck wurde dabei zur Nebensache.

Das Spektrum reichte vom günstig-politischen Objekt bis zum lakonischen Witz. Das Multiple "1 Wirtschaftswert Filter" (Schellmann 226, 1977) ist eine Zigarettenschachtel, 8 mal 6 Zentimeter, mit handschriftlicher Aufschrift "1 Wirtschaftswert" vom Künstler, verlegt durch Edition Staeck Heidelberg. Bei VAN HAM am 22. November 2019 erzielte es 903 Euro. Hinter dem Titel steckt der Witz, hinter dem Preis die Idee.

Wer druckte, wenn Beuys entwarf?

Klaus Staeck, Rechtsanwalt aus Heidelberg, war der häufigste Verleger von Beuys-Multiples. Wolfgang Feelisch betrieb den VICE-Versand in Remscheid. Gerhard Steidl eröffnete 1969 eine Siebdruckwerkstatt in Göttingen. Alle drei verfolgten dasselbe Ziel: Kunst aus dem Galeriesystem herausholen und in Umlauf bringen.

Staeck hatte über 200 Objekte in dieser Zusammenarbeit veröffentlicht. Begonnen hatte es bei der documenta 4 in Kassel, 1968, mit politischen Postkarten. Das Ergebnis, viele Jahre später dokumentiert: "Postkarten 1968-1974" (Schellmann 103-105), 32 Postkarten in einer signierten und nummerierten Pappschachtel, Auflage 120, verlegt durch Edition Staeck Heidelberg. Heute stehen diese Postkartenschachteln unter anderem im Museum of Modern Art in New York, dessen Sammlung mehrere hundert Beuys-Arbeiten umfasst. Auch die Tate in London hält einen umfangreichen Bestand an Multiples und Vorzeichnungen.

Als Steidl 1969 seine Siebdruckwerkstatt in Göttingen eröffnete, gehörten Joseph Beuys, Marcel Broodthaers und Nam June Paik zu seinen ersten Kunden. Das erste Steidl-Buch war "Befragung der documenta", 1972, entstanden in Zusammenarbeit mit Beuys und Staeck. Steidl begleitete Beuys 1974 auf dessen erster USA-Reise.

Was auffällt: Alle drei Verleger waren politisch aktiv, Staeck als Plakatgestalter, Steidl als Drucker für die Grünen, Feelisch als Demokratisierungs-Idealist. Die Produktionskette war kein Zufall, sondern Teil der künstlerischen Aussage. In Hannover hatte Kurt Schwitters mit seiner Merz-Praxis gezeigt, dass Alltagsmaterial Kunstträger sein kann. Beuys industrialisierte diesen Gedanken. Hinter Beuys' Druckgrafik standen drei Verleger, zwei Jahrzehnte und 556 nummerierte Objekte.

Was Beuys aus dieser Zusammenarbeit am Ende seines Lebens machte, war kein Nebenwerk.

Was passierte 1982 in einer Werkstatt in Barcelona?

Das Atelier Joan Barbará, gegründet 1945 in Barcelona, gilt als eine der legendärsten Druckwerkstätten Europas. Wer dort druckte: Joan Miró, Pablo Picasso, Salvador Dalí, Antoni Tàpies. Und 1982: Joseph Beuys.

Der Beuys-Mythos spielt in Nordrhein-Westfalen und Kassel. Barcelona passt nicht ins Bild. Genau deshalb ist die Werkstatt so aufschlussreich: Beuys ging dorthin, wo die beste Drucktechnik war, nicht dorthin, wo sein Name am lautesten klang.

In Barcelona entstand 1982 die Suite "Zirkulationszeit" (Schellmann 418-438): 21 Originaldrucke, Radierungen, Aquatintas und Lithografien. Verlegt durch den Grafos-Verlag Vaduz, Auflage 75 plus 25 Exemplare. Die Hauptauflage wurde auf Velin von Arches gedruckt, einem Papier mit eingearbeitetem Wasserzeichen. Die Zirkulationszeit ist Druckhandwerk, nicht Konzept-Objekt.

Beuys hatte in den 1950er Jahren Zeichnungen und frühe Grafiken produziert, lange bevor die Performances ihn berühmt machten. Mit der Zirkulationszeit kehrte er 1982 zum grafischen Handwerk zurück, jetzt mit dem vollen Werkverzeichnis hinter sich.

Die letzten beiden Radierungen der Suite "Tränen" (Schellmann 532, darunter die Schamanentrommel und die Seiltänzerin, Auflage 140) konnte Beuys nicht mehr selbst signieren. Sie wurden rückseitig von seinem Sohn Wenzel Beuys signiert. Eine physische Grenze, die das Ende dokumentiert.

Drei Jahre später, auf Capri, entstand eines seiner letzten Multiples. Es besteht aus einer Glühbirne und einer Zitrone.

Auf Capri, in der Villa seines neapolitanischen Galeristen Lucio Amelio, entwarf Beuys 1985 die "Capri-Batterie": eine Glühbirne, gesteckt in eine Zitrone, mit der Anweisung "Nach 1000 Stunden Batterie auswechseln." Auflage: 200 plus einige Künstlerexemplare, verlegt durch Edizione Lucio Amelio Neapel. Die Capri-Batterie ist kein Druckwerk, sondern ein dreidimensionales Multiple.

Beuys starb am 23. Januar 1986 in Düsseldorf.

Was kostet ein Beuys heute?

Am 17. Oktober 2024 versteigerte Sotheby's in Paris die Schellmann-Kollektion: 27 Lose, Gesamtergebnis 544.100 US-Dollar. Ein Filzanzug, ein Textil-Multiple (kein Druckwerk), erzielte 143.200 Dollar, 116 Prozent über Schätzpreis. Das Poster "La rivoluzione siamo noi" erreichte 71.600 Dollar, 332 Prozent über Schätzpreis.

Solche Zahlen klingen nach Investment-Thesen. Das wäre die falsche Lesart. Sie zeigen, was der Sekundärmarkt für eine vollständig dokumentierte Schellmann-Kollektion bereit ist zu zahlen, und sie zeigen, wie weit die Preisspanne auseinanderliegt.

Auf der anderen Seite des Spektrums: Einzelblätter der Zirkulationszeit-Suite werden für 169 bis 3.900 Euro gehandelt. Die Komplettsuite mit allen 21 Blättern erzielte bei Lempertz am 30. Mai 2015 einen Zuschlagspreis von 16.120 Euro (Schätzung 10.000 bis 15.000 Euro). Bei Ketterer am 10. Dezember 2011 waren es 21.250 Euro. Die Zigarettenschachtel "1 Wirtschaftswert Filter" bei 903 Euro.

Das Werkzeug für die Einordnung ist die Schellmann-Nummer. Jede Nummer im Werkverzeichnis kodiert das Objekt: seine Reihenfolge in der Entstehungsgeschichte, den Verleger, die Auflage, den Zustand. Wer ein Beuys-Multiple kauft oder prüft, ohne die Schellmann-Nummer zu kennen, kauft im Dunkeln. Im Werkverzeichnis, dem einzigen in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler selbst entstandenen Katalog, gibt Beuys Auskunft über die Funktion seiner Multiples in seinem Gesamtwerk.

Beuys steht in einer Reihe mit berühmten Druckgrafikern wie Picasso und Goya, aber er machte Reproduzierbarkeit zur politischen Theorie. Der Nachlass und das Beuys-Archiv liegen bei der Stiftung Museum Schloss Moyland am Niederrhein; zentrale Werkblöcke sind in der K20 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf und im Hamburger Bahnhof in Berlin dauerhaft zugänglich.

Häufige Fragen zu Joseph Beuys

Wann lebte Joseph Beuys?

Joseph Beuys wurde am 12. Mai 1921 in Krefeld geboren und starb am 23. Januar 1986 in Düsseldorf. Von 1961 bis zu seiner Entlassung 1972 war er Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Das Bundesarbeitsgericht erklärte die Kündigung 1978 für rechtswidrig.

Was ist ein Multiple?

Ein Multiple ist ein Kunstwerk, das von vornherein für eine größere Auflage konzipiert wurde. Nicht als Druckvorstufe, sondern als eigenständiges Werk in mehreren Exemplaren. Bei Beuys reichte die Spanne von 8 DM für eine Holzkiste in 12.000 Exemplaren bis zu signierten Radierungssuiten in einer Auflage von 75 Stück. Das Multiple stellt die Idee der Einzigartigkeit bewusst in Frage, nicht als Schwäche, sondern als Programm. Wenn jeder Mensch ein Künstler ist, sollte auch jeder Mensch Zugang zu Kunst haben.

Was bedeutet "Jeder Mensch ist ein Künstler"?

Der Satz ist kein Aufruf zur Malerei. Beuys meinte damit seinen erweiterten Kunstbegriff: Jeder Mensch gestaltet sein Leben, seine Arbeit, seine Gemeinschaft. Das ist soziale Plastik. Die Bildhauerei wurde bei Beuys zum Modell für jede menschliche Tätigkeit, die etwas formt. Der Satz ist deshalb kein Demokratisierungs-Klischee, sondern eine politische These: Kreativität ist nicht Privileg, sie ist Grundbedingung.

Was kostet ein Beuys-Werk heute?

Die Preisspanne ist erheblich. Einzelne Blätter aus der Zirkulationszeit-Suite werden für 169 bis 3.900 Euro gehandelt. Die Komplettsuite (21 Blätter) erzielte bei Lempertz 2015 rund 16.000 Euro. Bei Sotheby's Paris im Oktober 2024 erzielte die Schellmann-Kollektion als Ganzes 544.100 Dollar. Wer ein Beuys-Multiple kauft, sollte die Schellmann-Nummer des Werks kennen, das ist das entscheidende Identifikationsmerkmal.

Welche Techniken nutzte Beuys in seiner Druckgrafik?

Beuys arbeitete mit einem breiten Spektrum: Siebdruck für die politischen Postkarten mit Staeck, Radierung und Aquatinta für die späten Suiten wie Zirkulationszeit, Lithografie für frühere Arbeiten. Dazu kamen dreidimensionale Objekte (Holzkisten, Zigarettenschachteln, Glühbirnen), die als Multiples konzipiert wurden, aber keine Druckwerke sind. Jedes Verfahren hatte bei Beuys eine andere Funktion. Den Siebdruck nutzte er für die massenhafte Verbreitung politischer Ideen, Radierung und Aquatinta für das handwerklich anspruchsvolle Spätwerk, dreidimensionale Objekte für Konzepte die kein Papier brauchten.

Welche Rolle spielte Beuys bei der documenta?

Beuys nahm seit 1964 an jeder documenta in Kassel teil. Die documenta 4 (1968) war der Ausgangspunkt für die erste Zusammenarbeit mit Klaus Staeck und die politischen Postkarten. Bei der documenta 7 (1982) begann er das Projekt "7000 Eichen", ein Langzeit-Kunstprojekt, das die Stadtbepflanzung Kassels zur sozialen Plastik erklärte. Die documenta war für Beuys nicht Ausstellungsort, sondern Bühne für seine Idee der sozialen Plastik und des erweiterten Kunstbegriffs. Bereits 1962 hatte er mit Nam June Paik in der Fluxus-Bewegung gearbeitet, die im Umfeld des Dadaismus entstanden war.

Der Mann, der einen toten Hasen durch eine Galerie trug, hat 556 nummerierte Objekte hinterlassen, jedes mit Verleger, Auflage und Nummer. Die Filzhut-Ikonografie hat die Systematik dahinter fast vollständig verdeckt. Vielleicht war das Absicht. Vielleicht hat der Filzhut die Multiples berühmt gemacht, und vielleicht haben die Multiples den Filzhut finanziert. In beiden Fällen war die Produktion kein Nebenwerk.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Pinakothek der Moderne, Joseph Beuys: Die Multiples (Online-Katalog).
  • Jörg Schellmann (Hrsg.), Joseph Beuys: Die Multiples. Werkverzeichnis der Auflagenobjekte und Druckgraphik, 8. Auflage 1997.
  • Deutsches Historisches Museum / LeMO, Biografie Joseph Beuys.
  • Lempertz Auktionshaus, Katalog 1052 Lot 591: Joseph Beuys Zirkulationszeit.
  • Sotheby's Paris, Joseph Beuys: The Schellmann Collection, 17. Oktober 2024.

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

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