Kurt Schwitters

Kurt Schwitters (1887-1948) lebte und arbeitete fast sein ganzes Leben in Hannover. Er erfand das Konzept MERZ, baute einen Raumkomplex der acht Räume umfasste und über ein Jahrzehnt lang wuchs, und gab eine Kunstzeitschrift heraus, die in 21 Ausgaben erschien. Hannover verlor ihn erst 1937, als er ins Exil ging.

August 1919. In Herwarth Waldens Berliner Avantgarde-Zeitschrift Der Sturm erscheint ein Gedicht, das Deutschland irritiert (Britannica). "An Anna Blume" beginnt mit einer Liebeserklärung, die wie eine Inventur klingt: "Oh du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe dir!" Die Grammatik stimmt nicht. Die Logik widerspricht sich. Die Geliebte ist gleichzeitig vorn und hinten, "von hinten: A-N-N-A". Wer das gelesen hat und nicht lachen musste, hat es nicht richtig gelesen. Der Dichter: Kurt Schwitters, geboren am 20. Juni 1887 in Hannover (Wikipedia). Er wird innerhalb weniger Monate zu einem der bekanntesten Dichter der deutschen Avantgarde.

Schwitters hat sein Prinzip selbst auf eine Formel gebracht, die seitdem in jeder Schwitters-Biografie zitiert wird:

"Ich nenne meine neuen, durch deren Verwertung enstehenden Gebilde MERZ. Es ist der zweite Stamm des Wortes Kommerz. Entstanden ist es aus dem Merzbild, einem Bild, in dem unter abstrakten Formen das Wort MERZ, ausgeschnitten und aufgeklebt aus einer Anzeige der KOMMERZ UND PRIVATBANK, lesbar war."

— Kurt Schwitters, "Merz" (Der Ararat, 1921)

Wenige Monate später erscheint das Gedicht als Buch bei Paul Steegemann in Hannover: Die Silbergäule, Band 39/40. Ein Jahr später, selber Verleger, selbe nummerierte Reihe, nächster Band: 41/42. Keine Gedichte diesmal. Acht Transfer-Lithografien, gedruckt von Edler und Krische in Hannover. Paul Steegemann gab dem Lautpoeten Schwitters und dem Lithografen Schwitters dasselbe Regal, dieselbe Reihennummer, denselben Umschlag-Stil. Wer das Gedicht kannte, kannte die erste Schwitters-Druckgrafik ohne es zu wissen. Und wer kennt schon den nächsten Band?

Woher kommt das Wort MERZ?

Im Winter 1918/19, ein Jahr bevor das Anna-Blume-Gedicht Deutschland erreicht, klebt Schwitters in seiner Werkstatt Papierfetzen auf eine Leinwand. Eines der Fragmente trägt den Aufdruck "Commerz und Privatbank". Das Wort passt nicht auf die Fläche. Es bleibt ein Stummel: "Merz". Schwitters gibt dem Bild den Titel "Das Merzbild" und nennt danach alles, was er macht: MERZ.

MERZ-Zeitschrift Nr. 1, Januar 1923. Cover gestaltet von Kurt Schwitters. Collage-Typografie.
MERZ Nr. 1, Januar 1923. Schwitters war Herausgeber, Autor, Gestalter und Verleger in einer Person. Public Domain.

Im selben Jahr, in dem Schwitters das Wort fand, gründeten Berliner Dadaisten den Club Dada und wiesen den Hannoveraner ab. Schwitters und der Berliner Dadaismus blieben auf Distanz: Richard Hülsenbeck, der den Club Dada mitgegründet hatte, nannte Schwitters den "Caspar David Friedrich der dadaistischen Revolution", womit er meinte: sentimental, bürgerlich, nicht radikal genug. Schwitters blieb MERZ.

Warum ist Hannover die Schwitters-Hauptstadt?

Weil Schwitters nie weggegangen ist. Studium in Dresden von 1909 bis 1915, dann Heirat mit Helma Fischer und Einzug in das Haus in der Waldhausenstraße 5.

Paris und Berlin hatten ihre Netzwerke, ihre Cafés, ihre Manifeste. Schwitters hatte Hannover.

Was Kurt Schwitters Hannover bedeutete, zeigt ein Datum: Am 12. März 1927 gründet er zusammen mit Carl Buchheister, Rudolf Jahns, Hans Nitzschke und Friedrich Vordemberge-Gildewart die Gruppe "die abstrakten hannover". Die Gruppe verbindet Hannover mit dem konstruktivistischen Strom der Zeit, der sich gleichzeitig im Bauhaus in Dessau vollzieht. Schwitters kannte El Lissitzky persönlich, der 1924 die MERZ-Ausgabe 8/9 gestalten würde.

1922 tourte Schwitters mit Theo van Doesburg durch die Niederlande und führte in Amsterdam, Leiden, Utrecht und Den Haag Dada-Performances auf.

Wer heute das Sprengel Museum Hannover besucht, besucht auch Schwitters. Das Museum verdankt seinen Ruf zu großen Teilen seiner Schwitters-Sammlung: 112 eigene Werke des Museums und 1.012 Leihgaben der Kurt und Ernst Schwitters Stiftung, zusammen 1.124 Werke, der umfangreichste Schwitters-Bestand weltweit. Die Rekonstruktion des Merzbaus steht seit 1983 dort. Dazu gleich mehr.

Wie lebte ein Avantgardist von Kekswerbung?

Schwitters gründet Mitte der 1920er Jahre die Werbeagentur Merzwerbe. Die wichtigsten Kunden: Pelikan und Bahlsen.

1929 unterzeichnet Schwitters einen Vertrag mit der Hannoveraner Stadtverwaltung, der ihn bis 1934 als offiziellen Stadttypografen verpflichtet. Er gestaltet Amtsdrucksachen, Formulare, Stellenausschreibungen. Dieselben Hände, die Collagen aus Busfahrscheinen und Zeitungsfetzen bauten, entwerfen das typografische System einer deutschen Großstadtverwaltung.

Schwitters finanzierte sich aus Auftragsarbeit. Neun Jahre lang erschien parallel dazu eine Zeitschrift ohne Verlags-Sicherheitsnetz.

Was steht in 21 Ausgaben einer Künstler-Zeitschrift?

Die MERZ-Zeitschrift erscheint von 1923 bis 1932 in 21 Ausgaben. Geplant waren 24 Nummern, die Nummern 10, 22 und 23 sind nie erschienen. Herausgeber, Autor, Gestalter und Verleger in einer Person: Schwitters.

Ausgabe 8/9, betitelt "Nasci", erscheint 1924 und ist typografisch von El Lissitzky gestaltet. Lissitzky bringt den konstruktivistischen Satzspiegel mit, Schwitters bringt das Chaos. Die Spannung zwischen beiden ist das Heft.

Die letzte Ausgabe, MERZ 24 (1932), enthält die vollständige Notation der Ursonate, jenes Lautgedichts, das Schwitters seit den frühen 1920er Jahren entwickelt und aufgeführt hatte. Jan Tschichold setzt den Text. Auflage: 1.000 Exemplare. Format 206 mal 145 Millimeter.

Am 5. Mai 1932, im selben Jahr wie diese letzte MERZ-Ausgabe, sprach Schwitters das Scherzo der Ursonate und das Gedicht "An Anna Blume" für den Süddeutschen Rundfunk Stuttgart in ein Mikrofon. Fünf Jahre bevor er Deutschland verlassen musste, gab es Schwitters als Medienereignis: nicht nur als Buch, nicht nur als Zeitschrift, sondern als Stimme im Radio.

Was zeigen die drei Fotos eines zerstörten Raums?

Wilhelm Redemann fotografiert 1933 den Hauptraum des Merzbaus in der Waldhausenstraße 5. Drei Aufnahmen, mehr nicht. Der Merzbau hatte acht Räume. Sieben wurden nie dokumentiert. Wer die Redemann-Fotos kennt, kennt ein Achtel eines Werks, das seit 1943 nicht mehr existiert.

Kurt Schwitters, Merzbau Hauptraum, Hannover 1933. Fotografie Wilhelm Redemann. Einzige erhaltene Dokumentation.
Der Hauptraum des Merzbaus, fotografiert 1933 von Wilhelm Redemann. Drei Aufnahmen, mehr existiert nicht. Public Domain.

Schwitters hatte den Merzbau ab Mitte der 1920er Jahre in den Innenräumen der Waldhausenstraße gebaut, einen Raumkomplex aus Gips, gefundenen Objekten, Höhlen mit persönlichen Erinnerungsstücken. Eine dieser Höhlen trug den Namen "Arp-Höhle", nach Hans Arp. Im Oktober 1943 zerstört ein britischer Luftangriff das Haus. Das Werk ist weg. Drei Fotos bleiben.

Wer heute den Kurt Schwitters Merzbau sucht, findet eine Rekonstruktion: Peter Bissegger baut von 1981 bis 1983 nach diesen drei Redemann-Fotos eine Nachbildung des Hauptraums. Sie steht im Sprengel Museum Hannover. Sie zeigt was dokumentiert war: den Hauptraum, zu einem einzigen Zeitpunkt, 1933. Was die anderen sieben Räume enthielten, weiß niemand.

Im Januar 1937 hatte Schwitters das Haus bereits verlassen, die Gestapo-Vorladung in der Tasche.

Warum ging Schwitters nicht nach Paris?

Am 2. Januar 1937 verlässt Schwitters Hannover in Richtung Norwegen. Im selben Jahr zeigt die Ausstellung "Entartete Kunst" in München mehrere seiner Werke. Schwitters' Sohn Ernst war wenige Tage zuvor nach Norwegen geflohen, und so folgte Schwitters ihm dorthin.

In Lysaker bei Oslo beginnt er einen neuen Merzbau, das "Haus am Bakken". Zweiter Versuch, anderes Land, dasselbe Prinzip: Räume wachsen lassen. 1940 marschiert die Wehrmacht in Norwegen ein. Schwitters flieht weiter, diesmal nach Großbritannien, wird auf der Isle of Man interniert. Das Haus am Bakken brennt 1951 ab. Beim dritten Versuch, in England, gab ihm das MoMA 1.000 Dollar.

Was geschah mit 1.000 Dollar und sechs Monaten?

Am 20. Juni 1947, seinem 60. Geburtstag, erhält Schwitters ein Stipendium des MoMA New York in Höhe von 1.000 Dollar. Er benutzt das Geld für einen dritten Merzbau-Versuch, diesmal in einem Scheunenstall am Cylinders Farm in Elterwater im Lake District. Die Wandarbeit, die dort entsteht, nennt man die Merz Barn.

Am 8. Januar 1948 stirbt Schwitters in Kendal, England. Zwischen dem Stipendium am 20. Juni 1947 und seinem Tod am 8. Januar 1948 lagen sechs Monate und achtzehn Tage. Die Merz Barn steht unvollendet im Lake District. 1935 hatte Alfred H. Barr Jr., Direktor des MoMA, die Waldhausenstraße besucht, den Hannoveraner Merzbau besichtigt, Schwitters nicht persönlich getroffen und eine Collage für das Museum gekauft. Zwölf Jahre später schickt dieselbe Institution das Stipendium.

Richard Hamilton koordiniert 1965 den Transport der Merz-Barn-Wand aus dem Lake District. Harry Pierce unterzeichnet am 26. März 1965 eine Deed of Gift, mit der die Wand an die Universität Newcastle übergeht. Der physische Transport folgt 1966. Die Wand hängt heute in der Hatton Gallery in Newcastle (Tate). Hamilton, der Schwitters' Werk aus einer anderen britischen Künstler-Generation kannte, rettet was rettbar ist.

Was hinterlässt ein Künstler, dessen drei Hauptwerke zerstört, verbrannt oder unvollendet blieben? Das Gedruckte. Die Mappen, die Zeitschriften, die Buchreihe. Die Silbergäule-Bände stehen in Museumsarchiven nebeneinander. Band 39/40, das Gedicht, und Band 41/42, die Transfer-Lithografien. Der Verleger ist tot, der Dichter ist tot, das Haus in der Waldhausenstraße ist zerstört. Aber wer den einen Band aufschlägt, findet im Bibliothekskatalog den nächsten. Das MoMA besitzt heute sechs Platten der MERZ 3 Mappe.

Barr hat die Collage mitgenommen, nicht die Lithografie-Mappen. Dass das MoMA zwölf Jahre später das Stipendium für einen dritten Merzbau schickte, konnte er 1935 nicht wissen.

FAQ

Was bedeutet MERZ bei Kurt Schwitters?

MERZ-Kunst ist kein Programm, das Schwitters formuliert hat, bevor er begann. Es ist ein gefundenes Wort: ein Fragment des Schriftzugs "Commerz und Privatbank", das in einem seiner Collagen-Bilder aus dem Winter 1918/19 auftaucht. Ein Zeitungsfragment in einer Collage, dasselbe Fragment auf einem Lithografie-Stein, das Ergebnis als Cover einer Zeitschrift: So funktioniert MERZ. Das Wort passte, weil es aus dem Kontext gerissen war, wie alles andere in seiner Praxis auch.

Was ist der Merzbau?

Der Merzbau war eine Rauminstallation, die Schwitters ab Mitte der 1920er Jahre in den Innenräumen der Waldhausenstraße 5 in Hannover aufbaute. Über mehr als ein Jahrzehnt wuchs das Werk auf acht Räume an, mit Gipsformen, hohlen Kammern, eingeschlossenen Objekten und persönlichen Erinnerungsstücken. 1933 fotografierte Wilhelm Redemann den Hauptraum: drei Aufnahmen, mehr existieren nicht. Im Oktober 1943 zerstörte ein Luftangriff das Haus. Heute steht eine Rekonstruktion nach den drei Redemann-Fotos im Sprengel Museum Hannover, gebaut von Peter Bissegger zwischen 1981 und 1983.

Was hat Schwitters mit Lithografie zu machen?

Sein erster großer Druckgrafik-Zyklus erscheint 1920: "Die Kathedrale", acht Transfer-Lithografien in der Reihe Die Silbergäule bei Paul Steegemann in Hannover, gedruckt von Edler und Krische, Format 22,4 × 14,3 cm. 1923 folgt die MERZ 3 Mappe, sechs Lithografien mit handgeklebten Collage-Elementen, gedruckt von A. Molling und Comp. in Hannover. Geplante Auflage: 50 Exemplare, höchste bekannte Nummerierung: 31. Die Mappe befindet sich heute in MoMA, Yale, Cleveland Museum of Art und der National Gallery of Art Washington.

Was ist im Sprengel Museum Hannover zu sehen?

Das Sprengel verwaltet den umfangreichsten Schwitters-Bestand weltweit. Darunter die Bissegger-Rekonstruktion des Merzbaus (1981-1983) und eine große Auswahl an Collagen, Gemälden und Druckgrafik aus allen Schaffensphasen. Die Druckgrafik-Sammlung des Sprengel reicht dabei weit über Schwitters hinaus. Das Sprengel zählt zur ersten Liga der Hannoveraner Kunstszene.

Was ist aus Schwitters' Druckgrafik heute geworden?

Das Werkverzeichnis von Karin Orchard und Isabel Schulz (Hatje Cantz Verlag, 2000) dokumentiert in drei Bänden 3.664 Werke. Schwitters' Transfer-Lithografien sind Originale, keine Reproduktionen: Er fertigte die Vorzeichnungen selbst auf dem Übertragungspapier. Die Lithografie-Mappen sind in Museen weltweit verteilt. Ein Exemplar des MERZ 3-Innentitels aus dem Besitz von Käte Steinitz, die Schwitters seit Frühjahr 1918 kannte, erzielte bei der Galerie Kornfeld in Bern am 12. September 2024 einen Hammerpreis von 12.000 Schweizer Franken. Seit 2019 ist Schwitters Public Domain in der EU; seine Druckgrafik wird regelmäßig auf dem Auktionsmarkt gehandelt. Originale sind Museums- und Auktionsware.

Schwitters lebte in derselben Weimarer Republik wie Grosz und Dix, die in Berlin die Neue Sachlichkeit prägten. Was ihn von ihnen unterschied: Er brauchte kein Manifest, keine Gruppe, kein Label. Unter den berühmten Druckgrafikern des 20. Jahrhunderts ist er derjenige, der am wenigsten in eine Schublade passt.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Schwitters-Stiftung, Biografie und Werkverzeichnis
  • Tate Papers Nr. 8, Rekonstruktionen des Merzbaus (Gwendolen Webster)
  • Sprengel Museum Hannover, Kurt Schwitters Archiv
  • Galerie Kornfeld Bern, Auktionskatalog September 2024
  • Karin Orchard und Isabel Schulz, Kurt Schwitters Catalogue Raisonné (Hatje Cantz, 2000)

Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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