Algrafie (Alugrafie)
Algrafie ist ein Flachdruckverfahren, das mit Aluminiumplatten statt mit Lithografiesteinen arbeitet. Die chemische Grundlage ist identisch zum Steindruck: Fetthaltiger Zeichengrund zieht Druckfarbe an, die Oxidschicht des Aluminiums zieht Wasser an. Das Verfahren wird auch Algraphie, Alugrafie, Alugraphie oder Aluminiumdruck genannt.
Eine Aluminiumplatte, nicht größer als ein Schneidebrett. Kein schwerer Kalkstein, keine spezialisierte Steinpresse. Der Künstler zeichnet mit Lithokreide direkt auf die leicht körnige Oberfläche. Der Unterschied liegt im Material.
Aluminiumplatten verhalten sich anders als Kalkstein. Sie drucken anders, mit einer eigenen visuellen Charakteristik. Das macht die Algrafie zu einem Verfahren mit eigenem Charakter, nicht zu einem günstigeren Ersatz. 1892/1893 in Mainz patentiert, stand es am Beginn einer Entwicklung, die zum industriellen Offsetdruck führte, und wurde dabei selbst zur Randnotiz der Druckgeschichte. Nur wenige Künstler haben es ernsthaft als eigenständiges Medium eingesetzt, verwandt mit der Lithografie. Hans Thoma in der Gründerzeit gehört dazu, Günter Grass im 20. Jahrhundert ebenfalls.
Wie funktioniert das Algrafie-Verfahren?
Algrafie und Steindruck-Lithografie nutzen dieselbe chemische Grundlage und dieselben Zeichenwerkzeuge: Lithokreide und Lithotinte. Die Zeichnung lässt sich als Kreide-, Feder- oder Tuschearbeit auftragen. Ab den 1960er Jahren kamen transparente Folien als Übertragungsmedium hinzu.
Der Unterschied beginnt bei der Chemie der Oberfläche. Beim Kalkstein-Lithografieprozess übernimmt eine Säurebehandlung die hydrophile Grundierung der nicht-bedruckten Flächen. Bei der Algrafie übernimmt das die natürliche Oxidschicht des Aluminiums. Sie zieht Wasser an, hält Druckfarbe ab. Der fettig gebundene Zeichengrund macht das Gegenteil: Er nimmt Farbe auf, stößt das Wasser weg.
Die Körnung der Aluminiumplatte entsteht durch mechanisches Kugelkörnen oder elektrochemisches Ätzen. Sie ist feiner als Schleifpapier und gibt der Kreide Halt. Für den Druck reicht eine Radierpresse. Ohne diese Körnung würde Lithokreide auf der Fläche abrutschen.
Das Druckergebnis hat einen eigenen Charakter. Algrafie-Abzüge wirken kraftvoller als Steindrucke, mit Linien und Flächen, die geschlossener und gedeckter in der Farbe erscheinen. Das dichtere Gefüge des Aluminiums gibt dem Druck mehr Körper. Gleichzeitig haben Algrafie-Drucke einen spröderen, kälteren Charakter als der wärmere Ton des Kalksteins.
Wann wurde die Algrafie erfunden, und warum ist das interessant?
Die Algrafie wurde 1892/1893 von der Firma Jos. Scholz in Mainz patentiert, nach Versuchen ab 1890 unter der Leitung von Karl Scholz. Sie war als günstige, leichte Alternative zum schweren Lithografiestein konzipiert.
Alois Senefelder, der Erfinder der Lithografie, hatte am 22. Januar 1818 ein "Privilegium" für Metallplatten als Druckträger erhalten, damals für Stahl, Zink, Messing und Kupfer. Die Algrafie von 1892 verwirklichte damit eine 74 Jahre alte Idee: Senefelder hatte an Metallplatten gedacht, nur war das passende Metall damals noch nicht industriell verfügbar.
Eine Quelle von 1899 bringt es konkret auf den Punkt: Aluminiumplatten ermöglichten über 195.000 Abzüge, verglichen mit 12.000 bis 15.000 vom Kalkstein, bei Kosten von etwa einem Drittel.
Damit war das Medium von Anfang an zweigeteilt: als künstlerische Technik interessant, als Massendruckmedium noch interessanter. Die Algrafie stand am Beginn einer Entwicklung, an deren Endpunkt sie selbst stehen würde. Der Offsetdruck, der um 1903 aufkam, nutzte dieselben Aluminiumplatten in industriellem Maßstab, für Massenproduktion optimiert. Was als Erleichterung für Künstler gedacht war, wurde zum Grundprinzip des Massendrucks. In der Kunst hat die Algrafie sich, wie es in den Quellen heißt, "nie recht einbürgern können."
Der Name kommt von Aluminium und dem griechischen Wort graphein für "schreiben." Duden empfiehlt die Schreibweise Algrafie (Variante Algraphie). Alugrafie und Alugraphie sind gebräuchliche Varianten, im Duden aber nicht als Hauptlemmata geführt.
Wer hat die Algrafie als Künstler geprägt?
Für die Kunstgeschichte ist Hans Thoma die zentrale Figur. Im Reallexikon der deutschen Kunstgeschichte heißt es, Thoma sei "ihr hervorragendster Meister" gewesen. Eines seiner bekanntesten Blätter ist das Algrafiewerk "Ganymed" aus dem Jahr 1895.
Im Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle befindet sich sein Algrafieblatt "St. Michael" von 1901 (Inv.-Nr. 77444). Es erschien in den "Zeitgenössischen Kunstblättern" für Leipzig, Brüssel, London und New York. Dass das Blatt bis in den amerikanischen und britischen Markt vertrieben wurde, spricht für die Wahrnehmung von Thomas Werk auch außerhalb des deutschsprachigen Raums.
Dann kommt Günter Grass. Schriftsteller, Nobelpreisträger, Verfasser der Blechtrommel: bekannt. Dass er über Jahrzehnte als bildender Künstler arbeitete und dabei auch Algrafien druckte: taucht in den gängigen Kurzbiografien kaum auf.
Sein Blatt "Disteln" von 2002 erschien in einer Auflage von 150 Exemplaren plus e.a., auf einem Blatt von 74,5 x 55 cm. Editionen wie "Drei Federn" ließ Grass beim Meisterdrucker Christian Müller in Wurzbach drucken. Weitere bestätigte Algrafien: "Blumenstrauß", "An der Küste" und "Südliche Landschaft".
Die bekannten Titel zeigen ein wiederkehrendes Interesse an organischen Formen und gegenständlichen Sujets aus der Natur und dem Alltag: Disteln, Blumensträuße, Küstenlandschaften. Die Algrafie kam diesem Ansatz entgegen: Die Lithokreide erlaubt ein direktes, zeichnerisches Arbeiten ohne den Umweg über Ätzgrund oder Druckstock.
Grass konnte mit Lithokreide direkt auf die Platte zeichnen, ohne Ätzgrund, ohne Druckstock, ohne Steinlager. Die Platte passt in ein normales Atelier.
Woran erkennt man eine originale Algrafie?
Das zuverlässigste Erkennungsmerkmal liegt unter der Lupe. Ein originales Algrafie-Werk zeigt keine regelmäßig angeordneten Druckpunkte. Offsetdrucke arbeiten mit Rasterung, die unter Vergrößerung sofort sichtbar wird. Ein Algrafie-Original hat stattdessen die unregelmäßige Zeichentextur des Kreide- oder Tuscheauftrags: organisch, mit der Kornstruktur der Zeichenmittel.
Ein weiteres Merkmal betrifft die Fläche des Blatts selbst. Algrafie ist Flachdruck. Es gibt keine eingepresste Plattenkante, keinen Abdruck der Plattenränder im Papier. Das Papier liegt flach. Ein Tiefdruck-Original (Radierung, Kupferstich) hinterlässt dagegen eine sichtbare Prägung, den sogenannten Plattenrand. Das Fehlen dieser Prägung ist bei einem Flachdruck-Original kein Mangel, sondern das korrekte Erkennungszeichen.
Dazu kommt die Auflagebezeichnung. Grass' "Disteln" lief in 150 Exemplaren. Thoma-Blätter aus dem frühen 20. Jahrhundert gibt es in noch kleineren Zahlen. Jedes original zugelassene Werk trägt eine Auflagebezeichnung (zum Beispiel 3/150) und eine Bleistiftsignatur des Künstlers.
Wer den Unterschied zwischen Original und Kunstdruck generell verstehen will oder alle Drucktechniken im Vergleich sucht, findet auf diesen Seiten die Grundlagen.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Algrafie und Lithografie?
Algrafie und Lithografie sind beide Flachdruckverfahren und arbeiten nach demselben chemischen Prinzip: Fetthaltige Zeichenstoffe ziehen Druckfarbe an, die wasserziehende Druckfläche hält sie ab. Der Unterschied liegt im Material: Lithografie verwendet Kalkstein, Algrafie Aluminiumplatten. Aluminiumplatten sind leichter, günstiger und ermöglichen größere Auflagen. Das Druckergebnis unterscheidet sich im Charakter. Einen detaillierten Vergleich bietet Steinlithografie vs. Aluminium.
Wer hat die Algrafie erfunden?
Karl Scholz von der Firma Jos. Scholz in Mainz, 1892/1893. Als kostengünstige, leichtere Alternative zum Lithografiestein.
Wie schreibt man Algrafie richtig?
Der Duden empfiehlt Algrafie als Hauptform, Algraphie als Variante. Die Formen Alugrafie und Alugraphie sind geläufig und beziehen sich auf dasselbe Verfahren, gelten aber nicht als Dudenform. Alle vier Schreibweisen bezeichnen dasselbe Flachdruckverfahren.
Wird Algrafie heute noch als Kunsttechnik eingesetzt?
Ja. Als eigenständige Kunsttechnik wird die Algrafie in Druckgrafik-Ateliers und Werkstätten eingesetzt, besonders wenn Künstler die Zeichenfreiheit des Lithokreide-Auftrags mit der logistischen Handhabbarkeit einer leichten Platte verbinden wollen. In der Massenproduktion hat der Offsetdruck die Algrafie vollständig ersetzt.
Was macht ein Algrafie-Werk als Original aus?
Zwei zuverlässige Erkennungszeichen: Kein Rasterpunktmuster unter der Lupe (Offsetdrucke haben eines, Algrafie-Originale nicht) und kein Plattenrand-Abdruck im Papier (Algrafie ist Flachdruck, das Papier liegt flach, kein Abdruck wie bei Tiefdruck-Originalen). Dazu kommen Auflagebezeichnung und Handsignatur in Bleistift.
Worauf sollte ich beim Kauf einer Algrafie achten?
Provenienz und Dokumentation. Eine originale Algrafie trägt Editionsnummer und Bleistiftsignatur des Künstlers. Ein Echtheitszertifikat gehört zum Werk. Bei älteren Blättern (Thoma-Epoche) ist die Nachverfolgbarkeit über Galerienachweise oder Sammlungsstempel wertvoll. Bei neueren Editionen (Grass) gibt es oft institutionelle Belege der Druckerei oder Galerie.
Quellen und weiterführende Literatur
- Reallexikon der deutschen Kunstgeschichte, Artikel Algraphie
- Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett Online-Sammlung
- Günter Grass-Haus, Lübecker Museen, Sondereditionen-Dokumentation
- Die Gartenlaube, Heft 25 (1899), Verwendung von Aluminiumplatten in der Lithographie
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover-Linden. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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