Mezzotinto vs. Aquatinta: zwei Wege zum Schwarz
Beide Verfahren erzeugen tonale Flächen auf der Platte, ohne dass eine einzige Linie gezogen wird. Wer den Unterschied versteht, kann ihn am Blatt ablesen und hinter drei Druckentscheidungen die technische Logik erkennen.
Der Liber Studiorum umfasst 71 Blätter, an denen Turner von 1807 bis 1819 arbeitete. Die Radierung der Umrisse stammt meist von ihm selbst. Das Mezzotinto übernahmen meist andere Stecher.
Das Schwarz, das er abgibt, ist Mezzotinto. Die Platten stachen unter anderem Charles Turner, William Say, Henry Dawe und Robert Dunkarton. Auf einem Blatt nennt das Metropolitan Museum zusätzlich Aquatinta.
Plate 45 des Liber Studiorum, Peat Bog, Scotland, erschien am 23. April 1812. Turner radierte, George Clint stach die Tonwerte. Das Metropolitan Museum führt das Blatt als Radierung, Aquatinta und Mezzotinto auf einer Platte. Die Tate nennt für dasselbe Blatt Radierung und Mezzotinto.
Was unterscheidet Mezzotinto und Aquatinta so grundlegend?
Was passiert auf der Platte?
Die Logiken sind entgegengesetzt, nicht nur verschieden.
Beim Mezzotinto (auf Deutsch: die Schabkunst) beginnt die Arbeit bevor auch nur ein Bild entworfen ist. Das Wiegeisen, ein gezahntes Stahlwerkzeug mit gerundeter Klinge, wird systematisch über die gesamte Kupferplatte geführt. Stunde um Stunde entsteht so eine vollständig aufgeraute Oberfläche, die in der Druckpresse ein sattes, flächiges Schwarz liefert. Dann setzt die eigentliche Bildarbeit ein: Mit Schaber und Polierstahl werden die hellen Stellen herausgearbeitet. Licht entsteht nicht durch Zeichnen, sondern durch Glätten. Die Platte wird von Schwarz zu Grau zu Weiß gearbeitet, mechanisch, ohne jede Säure.
Aquatinta folgt der entgegengesetzten Richtung. Die blanke Kupferplatte ist das Weiß. Kolophoniumharz wird im Staubkasten gleichmäßig aufgewirbelt und auf die Platte abgesenkt, wo es erhitzt wird, bis die einzelnen Harzkörner als dünne Schutzmaske auf dem Metall aufschmelzen. Danach kommt die Platte ins Säurebad. Die freiliegenden Stellen zwischen den Körnern werden in mehreren Stufen geätzt; jede Ätzrunde dunkelt die Fläche nach. Nach der Encyclopaedia Britannica gelang das Verfahren mit gekörntem Harz erst 1768 Jean-Baptiste Le Prince. Wikipedia nennt für die 1760er Jahre weitere Anspruchsteller und hält fest, dass Le Prince seine Technik am wirksamsten bekannt machte.
Das erste bekannte Mezzotinto stammt von Ludwig von Siegen und trägt das Datum 1642. Das Blatt im Rijksmuseum (Inventar RP-P-1907-2242, 419 × 275 mm) ist dort als "mezzotint en ets" klassifiziert: Mezzotinto und Radierung kombiniert. Von Siegen arbeitete von hell nach dunkel und raute die Platte nur dort auf, wo Töne entstehen sollten. Das allererste Mezzotinto war also schon ein Hybrid.
Wer eine säurefreie Alternative zur Aquatinta sucht, findet sie im Carborundum-Verfahren.
Mezzotinto führt Studio Sonsu derzeit nicht. In der Radierung-Kollektion stehen auch Blätter von Rachel Duckhouse, die Radierung mit Aquatinta verbinden.
Was sieht man unter der Lupe?
Wer ein Blatt Mezzotinto und ein Blatt Aquatinta aus der Nähe nebeneinander betrachtet, sieht einen Unterschied im Ton.
Auf der Mezzotinto-Fläche liegt eine dichte, gleichförmige Struktur. Das Wiegeisen hat die Platte mit unzähligen kleinen Graten aufgeraut, in denen sich die Farbe fängt. Die Fachseite World of Printmaking beschreibt den Mezzotinto-Ton als glatt und durchgehend ("smooth, continuous tone").
Auf der Aquatinta-Fläche ein feines, unregelmäßiges Korn. Helle Punkte auf dunklem Grund, dort wo die Harzkörner lagen und die Säure nicht hinkam. Das Muster sieht aus wie sehr fein gepunktetes Papier. World of Printmaking nennt das einen leicht körnigen, strukturierten Ton ("slightly grainy, textured tone").
Beide Verfahren teilen ein Merkmal des Tiefdrucks: den Plattenrand, den die Presse ins Papier prägt.
Ein körniger Ton spricht nach dieser Beschreibung eher für Aquatinta, ein glatter, durchgehender eher für Mezzotinto. Auf Erkennungsmerkmale von Originalgrafik gehen wir tiefer in die Lupen-Tests.
Die Lupe zeigt, wie das Schwarz gebaut ist. Aber sie zeigt nicht, warum ein Künstler das eine Schwarz dem anderen vorzieht.
Wann wählt ein Künstler welches Verfahren?
An drei Künstlern lässt sich sehen, was ein Verfahren leisten soll.
Turner, 1812: Plate 45 verbindet die Radierung mit dem Tonwertverfahren. Die Tate zitiert Gillian Forrester, die darin einen Gegensatz sieht. Die tief eingeschnittenen Linien der Radierung tragen die Festigkeit des alten Moors. Das zarte Mezzotinto trägt die wechselhafte Atmosphäre.
Hamaguchi, Farb-Mezzotinto: Der japanische Künstler Yozo Hamaguchi (1909–2000) lebte nach Wikipedia in den 1930er Jahren in Paris. Nach dem Hamaguchi-Museum der Yamasa-Sammlung suchte er sich in Paris Werkzeuge und Techniken selbst zusammen. Er brachte die Farbe in ein Verfahren, das bis dahin als einfarbig galt. Das Museum zeigt einen Satz von vier Originalplatten zu einem Farb-Mezzotinto. Nach Wikipedia erhielt Hamaguchi 1957 auf der Biennale von São Paulo den Preis der internationalen Druckgrafik-Abteilung, ausgezeichnet wurden drei Blätter: "Fish and Fruits" (1954), "Sole" (1956) und "Two Slices of Watermelon" (1954).
Escher, ab 1946: M.C. Escher hat nach dem Museum Escher in het Paleis genau acht Mezzotinti geschaffen. Das erste entstand 1946. Das Museum erklärt den Beinamen "schwarze Kunst" damit, dass das Schwarz so dunkel und samtig ist. Das Museum zeigt Eschers Mezzotinto "Eye" vom Oktober 1946 im siebten und endgültigen Zustand. Keines seiner Mezzotinti wurde in einer Auflage von mehr als 50 gedruckt. Weil die Arbeit an Platte und Druck so schwierig und zeitraubend war und jede Platte nur wenige gute Abzüge liefert, schuf Escher nur acht Mezzotinti.
Bei jeder dieser Entscheidungen lautet die Frage: Welches Schwarz soll das Bild tragen?
Wie viele Abzüge hält die Platte?
Aquatinta hat Mezzotinto nicht ersetzt. Aquatinta war nach Wikipedia zwischen etwa 1770 und 1830 am meisten verbreitet. Mezzotinto wird seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nur noch wenig genutzt. Was Mezzotinto als Reproduktionsmedium verdrängte, waren Lithografie und später die Fotografie.
Die Mezzotinto-Platte nutzt sich schnell ab, weil der Druck die aufgeraute Textur flachdrückt. Nach Wikipedia lassen sich vielleicht nur ein- bis zweihundert wirklich gute Abzüge nehmen. Für die Aquatinta sind die Angaben uneinheitlich: Wikipedia nennt die Platten an einer Stelle haltbarer als Mezzotinto-Platten, an anderer Stelle verschleißen sie relativ schnell. World of Printmaking hält fest, dass beide Verfahren über eine Auflage hinweg verschleißen.
William Say schabte 1820 ein kleines Porträt der Königin Caroline auf Stahl, nach Wikipedia der erste Versuch dieser Art. Von der Platte wurden 1.200 Abzüge genommen. Stahl ist härter und erlaubt größere Auflagen, lässt sich aber schwerer bearbeiten als Kupfer.
Hamaguchis Werkliste nach Wikipedia: "Two Slices of Watermelon" und "Spanish Oil Bottle" (beide 1954) als Mezzotinti, "Roofs of Paris" (1956) als eines seiner ersten Farb-Mezzotinti, die Serie "22 Cherries" von 1988 bis 1990.
Worin besteht die Entscheidung?
Mezzotinto erzeugt Dunkelheit als Materie. Das Schwarz hat Gewicht, es ist kein Hintergrund, sondern Raum. Aquatinta erzeugt Atmosphäre in kontrollierten Stufen: von Hellgrau bis Tiefschwarz in präzise steuerbaren Übergängen, mit chemischem statt mechanischem Aufwand.
Für den Sammler folgt daraus eine praktische Frage: Liegen auf einem Blatt mehrere Verfahren nebeneinander, lohnt der Blick durch die Lupe. Turners Peat Bog, Scotland aus dem Liber Studiorum (1812) ist so ein Blatt: Das Metropolitan Museum führt Radierung, Aquatinta und Mezzotinto auf einer Platte.
Mezzotinto und Aquatinta gehören zur Tiefdruck-Familie, die in der Druckgrafik-Übersicht zusammen mit Hochdruck und Flachdruck eingeordnet wird. Das gemeinsame Tiefdruck-Prinzip bedeutet: Farbe sitzt in Vertiefungen, nicht auf der Oberfläche. Wer ein Blatt in der Hand hält und nicht sicher ist, was er sieht, findet bei Original vs. Kunstdruck die verlässlichsten Merkmale: Plattenrand, Lupentest und Auflagenkennzeichnung.
FAQ
Woher kommt der Name Mezzotinto?
Mezzotinto ist Italienisch, mezzo heißt halb. Der Name verweist auf die Halbtöne, die entstehen, wenn die aufgeraute Platte unterschiedlich stark geglättet wird. Auf Deutsch hat sich der Begriff Schabkunst eingebürgert.
Ist "Schabkunst" dasselbe wie Mezzotinto?
Schabkunst ist der deutsche Begriff für Mezzotinto. Beide Bezeichnungen meinen dasselbe Verfahren: die Kupferplatte wird mit dem Wiegeisen vollständig aufgeraut, dann werden mit Schaber und Polierstahl die hellen Stellen herausgearbeitet.
Wie erkenne ich unter der Lupe den Unterschied zwischen Mezzotinto und Aquatinta?
Mezzotinto zeigt aus der Nähe einen glatten, durchgehenden Ton. Aquatinta zeigt dagegen ein feines Kornmuster: helle Punkte auf dunklem Grund, dort wo die Harzkörner die Säure fernhielten. Neben Plattenrand und Auflagenkennzeichnung gehört der Blick durch die Lupe zu den Tests, um echte Originalgrafik zu erkennen.
Kann man Mezzotinto und Aquatinta auf einem Blatt kombinieren?
Ja. Mezzotinto wird nach Wikipedia oft mit anderen Tiefdruckverfahren kombiniert, meist mit Radierung und Stich. Für Turners Plate 45 des Liber Studiorum (1812) nennt das Metropolitan Museum Radierung, Aquatinta und Mezzotinto auf einer Platte. Technisch schließen sich die Verfahren nicht aus: Mezzotinto raut mechanisch auf, Aquatinta ätzt Vertiefungen chemisch.
Warum hat Aquatinta das Mezzotinto nicht abgelöst?
Aquatinta hat Mezzotinto nicht ersetzt; beide Verfahren bestanden im 18. und 19. Jahrhundert nebeneinander. Was Mezzotinto als kommerzielles Reproduktionsmedium verdrängte, waren Lithografie und später die Fotografie. Aquatinta erzeugt eine andere Art von Schwarz als Mezzotinto: Atmosphäre in Stufen, nicht substanzielles Dunkel. Das Museum Escher in het Paleis beschreibt das Mezzotinto-Schwarz als so dunkel und samtig, dass die Technik auch schwarze Kunst heißt.
Studio Sonsu
Zuletzt aktualisiert am 04.10.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern.
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Quellen
Rijksmuseum, Amsterdam. Objekt RP-P-1907-2242, Ludwig von Siegen, Porträt der Amalia Elisabeth, 1642.
Metropolitan Museum of Art, New York. Objekt 51.648.50, J.M.W. Turner und George Clint, Peat Bog, Scotland (Liber Studiorum, Part IX, Plate 45), 1812.
Tate, London. Joseph Mallord William Turner, Peat Bog, Scotland; Liber Studiorum Parts 11 bis 14.
Metropolitan Museum of Art, New York. Liber Studiorum, Plate 46 (Rispah) und Plate 32 (Young Anglers), gestochen von Robert Dunkarton.
Museum Escher in het Paleis, Den Haag. Techniques: Mezzotint.
Ackland Art Museum, Printmaking Glossary.
Musée Hamaguchi Yozo, Yamasa Collection. About mezzotint.
Encyclopaedia Britannica. Aquatint.
Wikipedia. Artikel Aquatint, Liber Studiorum, Ludwig von Siegen, Mezzotint, William Say (engraver), Yozo Hamaguchi.
World of Printmaking. Mezzotint.