Mezzotinto vs. Aquatinta: zwei Wege zum Schwarz
Beide Verfahren erzeugen tonale Flächen auf Kupfer, ohne dass eine einzige Linie gezogen wird. Wer den Unterschied versteht, kann ihn am Blatt ablesen und hinter drei der bekanntesten Druckentscheidungen der Kunstgeschichte die technische Logik erkennen.
Turner hat 71 Platten für den Liber Studiorum geätzt. Jedes Mal dieselbe Arbeitsteilung: Er macht die Radierung selbst. Für das Schwarz braucht er jemand anderen.
Das Schwarz, das er delegiert, ist Mezzotinto. Die Stiche übergab er Charles Turner, William Say, Robert Dunkarton und anderen professionellen Mezzotinto-Stechern. Manchmal schiebt er Aquatinta dazwischen, weil Mezzotinto allein das Bild nicht ganz trägt.
Auf Plate 45 des Liber Studiorum, publiziert am 23. April 1812, liegen alle drei Verfahren auf einer einzigen Kupferplatte. George Clint, der die Tonwertarbeit übernahm, hat dort Radierung, Aquatinta und Mezzotinto kombiniert. Ein einziges Blatt, zwei Tonwertverfahren, und Turners präzise Begründung, warum: Mezzotinto erzeugte im Himmel einen zu schweren, zu opaken Ton ("too heavy a tone").
Was den Unterschied zwischen Mezzotinto und Aquatinta so grundlegend macht, dass auf einer Platte beide nebeneinander nötig sind?
Was passiert auf der Platte?
Die Logiken sind entgegengesetzt, nicht nur verschieden.
Beim Mezzotinto (auf Deutsch: die Schabkunst) beginnt die Arbeit bevor auch nur ein Bild entworfen ist. Das Wiegeisen, ein gezahntes Stahlwerkzeug mit gerundeter Klinge, wird systematisch über die gesamte Kupferplatte geführt. In acht bis zwölf Stunden entsteht eine vollständig aufgeraute Oberfläche, die in der Druckpresse ein sattes, flächiges Schwarz liefert. Dann setzt die eigentliche Bildarbeit ein: Mit Schaber und Polierstahl werden die hellen Stellen herausgearbeitet. Licht entsteht nicht durch Zeichnen, sondern durch Glätten. Die Platte wird von Schwarz zu Grau zu Weiß gearbeitet, mechanisch, ohne jede Säure.
Aquatinta folgt der entgegengesetzten Richtung. Die blanke Kupferplatte ist das Weiß. Kolophoniumharz wird im Staubkasten gleichmäßig aufgewirbelt und auf die Platte abgesenkt, wo es erhitzt wird, bis die einzelnen Harzkörner als dünne Schutzmaske auf dem Metall aufschmelzen. Nach dem Aufwirbeln wartet der Drucker etwa 30 bis 45 Sekunden, bis die gröbsten Partikel absinken, dann liegt die Platte vier bis zehn Minuten im Kasten. Dann kommt sie ins Säurebad. Die freiliegenden Stellen zwischen den Körnern werden in mehreren Stufen geätzt; jede Ätzrunde dunkelt die Fläche nach. Jean-Baptiste Le Prince entwickelte dieses Verfahren bis 1768 als erster.
Den ersten erhaltenen Mezzotinto überlieferte Ludwig von Siegen 1642. Das Blatt im Rijksmuseum (Inventar RP-P-1907-2242, 419 × 275 mm) ist dort als "mezzotint en ets" klassifiziert: Mezzotinto und Radierung kombiniert. Was den Fachleuten auffällt: Von Siegen arbeitete von hell nach dunkel, partielle Aufrauhung statt flächige Vollschwärzung. Das allererste Mezzotinto war also schon ein Hybrid. Technologisch interessant für die Kunstgeschichte, aber auch ein Indiz dafür, wie früh die Grenzen zwischen verwandten Verfahren als porös verstanden wurden.
Die Platte sieht in beiden Fällen ähnlich aus. Der Druck nicht. Wer eine säurefreie Alternative zur Aquatinta sucht, findet sie im Carborundum-Verfahren.
Studio Sonsu führt weder Mezzotinto noch Aquatinta. Die Intaglio-Arbeiten im Grid zeigen verwandte Tiefdruck-Techniken aus derselben Plattenfamilie.
Was sieht man unter der Lupe?
Wer ein Blatt Mezzotinto und ein Blatt Aquatinta nebeneinander unter eine zehnfache Lupe legt, sieht den Unterschied sofort.
Auf der Mezzotinto-Fläche: eine dichte, gleichförmige Textur, in der kein einzelnes Korn isoliert sichtbar ist. Das Werkzeug war ein Stahl, der Tausende kleiner Zähne hinterlassen hat, aber diese Zähne sind zu fein und zu regelmäßig, um unter normaler Vergrößerung auseinanderzuhalten. Fachleute beschreiben diese Qualität als fließende, gleichmäßige Übergänge ("smooth, continuous transitions").
Auf der Aquatinta-Fläche ein feines, unregelmäßiges Korn. Helle Punkte auf dunklem Grund, dort wo die Harzkörner lagen und die Säure nicht hinkam. Das Muster sieht aus wie sehr fein gepunktetes Papier. Der beschriebene Effekt: ein minimal körniger, strukturierter Ton ("slightly grainy, textured tone").
Beide Verfahren teilen das Merkmal, das jeden Tiefdruck verrät: den Plattenrand als scharfe Druckgrenze im Papier.
Eine 10×-Lupe zeigt mehr als das Etikett an der Wand. Wenn das Korn sichtbar ist, handelt es sich wahrscheinlich um Aquatinta. Wenn die Fläche glatt und gesättigt wirkt ohne erkennbare Struktur, ist es wahrscheinlich Mezzotinto. Auf Erkennungsmerkmale von Originalgrafik gehen wir tiefer in die Lupen-Tests.
Die Lupe zeigt, wie das Schwarz gebaut ist. Aber sie zeigt nicht, warum ein Künstler das eine Schwarz dem anderen vorzieht.
Wann wählt ein Künstler welches Verfahren?
Die Wahl zwischen Mezzotinto und Aquatinta ist keine Präferenzfrage.
Turner, 1812: Clints Lösung auf Plate 45 demonstriert eine klare Entscheidung. Turner wollte einen leuchtenden schottischen Himmel über dem Moorland. Mezzotinto konnte diesen Himmel nach Turners Urteil nicht liefern, weil der Ton zu satt, zu schwer und zu opak für atmosphärische Helligkeit ausfiel. Clint setzte deshalb Aquatinta für den Himmel ein, mit dem er Töne stufenweise und kontrollierter aufbauen konnte. Für den dunklen Vordergrund, für die Masse des Moorlands, blieb Mezzotinto. Das Blatt trägt beide Verfahren, und die Grenze zwischen ihnen liegt genau dort, wo der Himmel beginnt. Clint erhielt exakt zwei der 71 Platten des Liber Studiorum: Plate 45 und Plate 41 (Procris and Cephalus).
Hamaguchi, Farb-Mezzotinto: Der japanische Künstler Yozo Hamaguchi (1909–2000) begann mit Mezzotinto, nachdem ihm der Dichter e.e. cummings in den 1930er Jahren in Paris einen Satz Intaglio-Werkzeuge geschenkt hatte. Warum wählte er Mezzotinto und nicht Aquatinta? Weil Farb-Mezzotinto mit separaten Platten pro Farbton arbeitet, jede einzeln aufgeraut, und das ergibt eine Farbtiefe, die Farbaquatinta nicht erreicht: Farbaquatinta ätzt alle Töne von einer Platte, Farb-Mezzotinto baut jede Farbschicht mechanisch einzeln auf. Seine Kirsch-Serie ist dafür das deutlichste Beispiel. Für eine späte Kirsch-Serie raute er elf separate Kupferplatten auf, jede einzeln mit dem Wiegeisen bearbeitet, jede acht bis zwölf Stunden Aufwand, die der fertige Abzug dann trägt. "Two Cherries" (1958, Edition 50), eines der frühen Farb-Mezzotinti und von Hamaguchi selbst in Paris gedruckt, zeigt das Ergebnis: die Kirschen liegen in einem Dunkel, das nicht hinter ihnen ist, sondern sie umgibt. 1957 erhielt er für sein Farb-Mezzotinto den Grand Prix der São Paulo Biennale.
Escher, 1946–1951: M.C. Escher hat in seinem gesamten Werk genau 8 Mezzotinto-Blätter hinterlassen, alle zwischen 1946 und 1951. Er nannte die Technik "zwarte kunst", schwarze Kunst. Sein Mezzotinto "Eye" (Oktober 1946, Bool B./K./L./W. 344) existiert in sieben Zuständen; erst der siebte befriedigte ihn. Die Platte misst 14,9 × 19,7 cm. Auf Abzug Nummer 5 schrieb Escher handschriftlich "eigen druk", Eigendruck. Nach 1951 griff er nie wieder zum Wiegeisen. Was er in diesen fünf Jahren gesucht hatte: ein Dunkel, das aus sich selbst leuchtet.
Wenn die Mezzotinto-Aquatinta-Entscheidung über eine einzige Platte fallen muss, ist der Maßstab immer derselbe: Welches Schwarz soll das Bild tragen?
Wie viele Abzüge hält die Platte?
Aquatinta hat Mezzotinto nicht ersetzt. Das ist eine verbreitete, aber falsche Vorstellung. Beide Verfahren koexistierten über rund hundert Jahre (ca. 1770 bis 1870). Was Mezzotinto als Reproduktionsmedium schließlich verdrängte: Lithografie und Fotografie.
Eine Kupferplatte liefert bei Mezzotinto kaum mehr als 100 bis 200 hochwertige Abzüge, bevor die Textur spürbar nachlässt. Bei Aquatinta gibt das Harzkorn beim Drucken früher nach als die mechanische Wiegeisen-Textur, so dass die Auflagen in der Regel geringer ausfallen. Das Ätzmuster auf der gespeicherten Platte bleibt dagegen dauerhafter im Metall eingeschrieben als die Mezzotinto-Textur, die durch den Druckvorgang stärker abgenutzt wird.
William Say druckte 1820 als erster ein Mezzotinto von einer Stahlplatte: 1.200 Abzüge waren so möglich. Stahl hält länger, nimmt aber die Wiegeisen-Textur weniger tief an als Kupfer.
Hamaguchis Auflagezahlen spiegeln diesen Kontext. "Two Slices of Watermelon" (1954, Matsumura 33) erschien in einer Auflage von 50 Exemplaren. "Twenty-Two Cherries" (1988–91) erschien in einer Auflage von 35 auf BFK-Rives-Papier: elf Platten, jede einzeln aufgeraut, 35 Abzüge. Eschers "Eye" wurde 2019 bei Sotheby's auf 30.000 bis 50.000 USD geschätzt.
Die Auflagengröße folgt der Technik, nicht dem Markt.
Worin besteht die Entscheidung?
Mezzotinto erzeugt Dunkelheit als Materie. Das Schwarz hat Gewicht, es ist kein Hintergrund, sondern Raum. Aquatinta erzeugt Atmosphäre in kontrollierten Stufen: von Hellgrau bis Tiefschwarz in präzise steuerbaren Übergängen, in größeren Auflagen, mit chemischem statt mechanischem Aufwand.
Für den Sammler folgt daraus eine praktische Frage: Wenn auf einem Blatt aus dieser Zeit beide Verfahren nebeneinander liegen, verrät das Etikett an der Wand es fast nie. Die Lupe tut es. Turners Peat Bog, Scotland aus dem Liber Studiorum (1812) ist genau so ein Blatt: Radierung, Aquatinta und Mezzotinto auf einer einzigen Platte.
Mezzotinto und Aquatinta gehören zur Tiefdruck-Familie, die in der Druckgrafik-Übersicht zusammen mit Hochdruck und Flachdruck eingeordnet wird. Das gemeinsame Tiefdruck-Prinzip bedeutet: Farbe sitzt in Vertiefungen, nicht auf der Oberfläche. Wer ein Blatt in der Hand hält und nicht sicher ist, was er sieht, findet bei Original vs. Kunstdruck die verlässlichsten Merkmale: Plattenrand, Lupentest und Auflagenkennzeichnung.
FAQ
Woher kommt der Name Mezzotinto?
Mezzotinto ist Italienisch und bedeutet "halbgetönt": mezzo = halb, tinto = gefärbt, vom Verb tingere (tönen, färben). Der Name beschreibt das Ergebnis: eine Platte, die aus dem satten Vollschwarz heraus in helle Töne gearbeitet wird, also nie ganz schwarz und nie ganz weiß ist. Auf Deutsch hat sich der Begriff Schabkunst eingebürgert, der die Arbeitsbewegung benennt statt den Ton.
Ist "Schabkunst" dasselbe wie Mezzotinto?
Schabkunst ist der deutsche Begriff für Mezzotinto. Beide Bezeichnungen meinen dasselbe Verfahren: die Kupferplatte wird mit dem Wiegeisen vollständig aufgeraut, dann werden mit Schaber und Polierstahl die hellen Stellen herausgearbeitet. Der Name Schabkunst beschreibt die Richtung der Arbeit: vom Dunklen ins Helle.
Wie erkenne ich unter der Lupe den Unterschied zwischen Mezzotinto und Aquatinta?
Mezzotinto zeigt unter der Lupe eine gleichförmige, dichte Textur ohne sichtbares Einzelelement. Aquatinta zeigt dagegen ein feines Kornmuster: helle Punkte auf dunklem Grund, dort wo die Harzkörner die Säure fernhielten. Bei einer zehnfachen Lupe ist der Unterschied gut zu erkennen, neben Plattenrand und Auflagenkennzeichnung einer der Standardtests um echte Originalgrafik zu erkennen.
Kann man Mezzotinto und Aquatinta auf einem Blatt kombinieren?
Ja. George Clint tat es 1812 auf Turners Plate 45 auf einer einzigen Kupferplatte. Mezzotinto für den dunklen Vordergrund, Aquatinta für den Himmel, weil Mezzotinto dort einen zu opaken Ton erzeugte. Technisch schließen sich beide Verfahren nicht aus, weil keines die Platte zerstört: Mezzotinto raut mechanisch auf, Aquatinta ätzt Vertiefungen chemisch.
Warum hat Aquatinta das Mezzotinto nicht abgelöst?
Aquatinta hat Mezzotinto nicht ersetzt; beide Verfahren koexistierten rund hundert Jahre lang. Was Mezzotinto als kommerzielles Reproduktionsmedium verdrängte, war Lithografie und später Fotografie. Aquatinta erzeugt eine andere Art von Schwarz als Mezzotinto: Atmosphäre in Stufen, nicht substanzielles Dunkel. Hamaguchi und Escher wählten Mezzotinto gerade wegen dieser Qualität, obwohl Aquatinta erheblich einfacher zu drucken gewesen wäre.
Studio Sonsu
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern.
Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de
Quellen
Rijksmuseum, Amsterdam. Bestand RP-P-1907-2242, Ludwig von Siegen, Porträt Amalie Elisabeth, 1642.
Metropolitan Museum of Art, New York. Toah-Eintrag zu Ludwig von Siegen, frühestes bekanntes Mezzotinto, ca. 1642.
Tate, London. Liber Studiorum-Bestand, J.M.W. Turner, 1807–1819.
Sotheby's, London. Auktionskatalog 2019, M.C. Escher, "Eye", Bool 344.
Smithsonian Institution, Washington D.C. Freer Gallery of Art / Arthur M. Sackler Gallery, Archiv Yozo Hamaguchi.