Odilon Redon

Im Kröller-Müller Museum in Otterlo hängt ein Ölbild aus dem Jahr 1914: ein riesiger Zyklop, der schüchtern hinter einem Felsbrocken hervorlugt, sein einziges Auge auf eine schlafende Frau zu seinen Füßen gerichtet. Das Bild heißt Le Cyclope. Wer es kennt, kennt Odilon Redon als Maler von Traumwelten und leuchtenden Farben, von schwebenden Augen und fantastischen Gestalten, die kein anderes Zeitalter als das Fin de Siècle hervorgebracht hätte.

Joris-Karl Huysmans beschrieb Redons Bilder 1884 in seinem Roman À rebours als Werke voller ungeahnter Erscheinungen: ein Auge, das wie ein Ballon in den Himmel steigt, eine Spinne mit menschlichem Gesicht, ein Merowingerkopf auf einem Pferd. Der dekadente Romanheld des Buches sammelte Redons Bilder. Bis dahin kannte fast niemand seinen Namen.

Wie wurde aus dem Unbekannten von 1879 der Künstler, dessen Werk 1913 in New York gezeigt und in einem eigenen Katalog verzeichnet wurde?

Odilon Redon, Le Cyclope, um 1914: ein riesiger einäugiger Zyklop lugt über eine blühende Anhöhe, darunter ruht eine Frau, in leuchtenden Farben gemalt.
Odilon Redon, Le Cyclope, um 1914. Öl auf Holz. Kröller-Müller Museum, Otterlo. Public Domain.

Wer war der Mann, den 1879 fast niemand kannte?

Er wurde am 20. April 1840 in Bordeaux geboren, als Bertrand Redon. Den Namen Odilon bekam er von seiner Mutter: Sie hieß Odile, und der Spitzname blieb. In Bordeaux lernte er als junger Mann das Radieren bei Rodolphe Bresdin, einem exzentrischen Druckgrafiker, der ihn in die Grundlagen der Radierung einführte. Das Paris der 1870er Jahre kannte ihn nicht.

1878 zog er nach Paris und begann dort, Lithografie zu studieren. Sein Lehrer war Henri Fantin-Latour. Was ihn zur Lithografie trieb, hat Redon später selbst erklärt: Nachdem die offiziellen Salons seine Arbeiten übergangen hatten, wollte er seine Zeichnungen vervielfältigen, "to multiply my drawings". Dieses Wort ist entscheidend. Er dachte in Vervielfältigung. Eine Zeichnung gehört einem einzigen Besitzer. Eine Lithografie kann in Auflagen von zwanzig, fünfzig, hundert Exemplaren gedruckt werden, von einem Drucker, auf einer Presse, in nummerierten Serien.

Lithografie heißt: Mit fetthaltiger Kreide zeichnet der Künstler direkt auf einen geschliffenen Kalkstein. Der Stein wird befeuchtet und eingefärbt, und weil Fett und Wasser sich abstoßen, nimmt nur die Zeichnung die Farbe an. Die Druckerei, die Redon für sein erstes Album wählte, war kein kleines Atelier: Lemercier et Cie. in Paris, an der Rue de Seine. Eine zeitgenössische Darstellung der Werkstatt aus dem Jahr 1842 zeigt mindestens dreißig Lithografiepressen auf dem Hauptboden, Künstler und Schreiber in Balkon-Ateliers entlang der Seiten, Schränke voller bayerischer Kalksteine, katalogisiert und bereit für neue Auflagen.

Das erste Album, das Redon 1879 bei Lemercier drucken ließ, hieß Dans le rêve. Es umfasste zehn Lithografien auf hauchdünnem chinesischem Papier, gedruckt auf stabilere Bögen aufgezogen (Chine appliqué), in einer Auflage von 25 Exemplaren. Verleger war vermutlich Redon selbst. Fast niemand kaufte es.

Was ihm noch fehlte, waren nicht die Steine. Es war ein einziger Leser.

Was sah Joris-Karl Huysmans 1884?

Das Poe-Album kam drei Jahre nach Dans le rêve, 1882, unter dem Titel À Edgar Poe. Sechs Blätter, Verleger G. Fischbacher in Paris, Druck durch Lemercier et Cie. Die Blätter tragen Titel wie "Das Auge, wie ein seltsamer Ballon, steigt zur Unendlichkeit" und "Wahnsinn". Auf dem Deckblatt stehen Verleger und Drucker klar lesbar: Fischbacher als Verleger, Lemercier als Drucker. Wie schon bei Dans le rêve blieb die Auflage klein.

Odilon Redon, Das Auge wie ein seltsamer Ballon, 1882: ein riesiger Augapfel steigt wie ein Ballon über eine Landschaft auf, darunter ein Korb mit einem Kopf. Lithografie in Schwarz.
Odilon Redon, „Das Auge, wie ein seltsamer Ballon, steigt zur Unendlichkeit", aus À Edgar Poe, 1882. Lithografie. Art Institute of Chicago. Public Domain.

Redon hat sich später von seiner Poe-Bindung distanziert. Er nannte die Blätter rückblickend einen Schachzug um Aufmerksamkeit, einen "gambit for fame". Das ist eine bemerkenswert nüchterne Selbsteinschätzung für jemanden, dessen Biografie oft als ätherisch-weltabgewandt erzählt wird.

Dann erschien 1884 À rebours von Joris-Karl Huysmans. Das Buch erzählt von einem dekadenten Adeligen namens Des Esseintes, der sich von der Gesellschaft zurückzieht und seine Wohnung nach seinen eigenen ästhetischen Gesetzen einrichtet. An seinen Wänden hängen, gerahmt, Zeichnungen von Redon. Dass ausgerechnet der Geschmack einer fiktiven Figur zum Maßstab wurde, sagt viel über das Paris dieser Jahre.

Das literarisch gebildete Paris las das Buch. Und fragte, wer dieser Redon sei.

Ein Roman machte Redons Namen bekannt. Und weil er zugleich in Auflagen druckte, ließ sich das geweckte Interesse auch bedienen: einen Redon zu besitzen, war nicht nur einem einzigen Sammler vorbehalten.

Warum arbeitete Redon zwanzig Jahre fast nur in Schwarz?

Zwischen 1879 und 1899 arbeitete Redon fast ausschließlich in Schwarz. Das war kein Nebenprojekt zur Malerei, sondern eine bewusste Entscheidung.

Warum Schwarz? In seinem Journal À soi-même, das er von 1867 bis 1915 führte und das erst nach seinem Tod 1922 bei H. Floury in Paris erschien, schrieb er: "Schwarz muss respektiert werden. Nichts prostituiert es. Es ist ein Werkzeug des Geistes, mehr als jede Farbe." Das klingt wie Programmatik, und vielleicht war es das. Aber es klingt auch wie Überzeugung.

Odilon Redon, Il y eut peut-être une vision première essayée dans la fleur, 1883: ein großes Auge erhebt sich auf einem pflanzenartigen Stängel aus einem dunklen Feld. Lithografie in Schwarz.
Odilon Redon, „Il y eut peut-être une vision première essayée dans la fleur", aus Les Origines, 1883 (Mellerio 46). Lithografie. Art Institute of Chicago. Public Domain.

Die Alben jener Jahre haben konkrete Daten, konkrete Auflagen, konkrete Drucker. Les Origines (1883): acht Blätter plus Titelblatt, Auflage 25 Exemplare, wieder Lemercier. Platte 2 ("Il y eut peut-être une vision première essayée dans la fleur") trägt die Mellerio-Nummer 46. Das Frontispiz des Titelblatts ist in Rotbraun auf grünem Kartonpapier gedruckt. Auflage 25: dieselbe Zahl wie bei Dans le rêve vier Jahre zuvor. Redon hielt diese Handpressenmentalität über mehrere Alben hinweg.

Lemercier war sein Drucker für die frühen Alben. Aber Redon arbeitete nicht ausschließlich mit einem einzigen Drucker. Als 1890 Les Yeux Clos erschien, das Blatt, das heute vielleicht am stärksten mit ihm verbunden wird (eine schlafende oder träumende Figur, Augen geschlossen, in grauer Lithografie gedruckt), war der Drucker Becquet in Paris. Mellerio-Nummer 107. Die Gesamtauflage betrug 100 Exemplare.

Was konnte Redon im Schwarz, das die Farbe nicht konnte? Die Lithografie arbeitete mit Abstufungen des Grau, mit Übergängen, die auf dem Stein entstanden, nicht auf der Leinwand. Das Schwarze an seinen Noirs war kein Mangel an Farbe. Es war Absicht, jahrelang durchgehalten. Um 1889 begann sich das zu ändern.

Was passierte mit Redon nach 1889?

Der Farbwechsel kam nicht schlagartig. Um die Zeit der Druckserie The Apocalypse of St. John (1889) begann Redon, sich mehr der Malerei und dem farbigen Zeichnen zu widmen. Noirs nach 1900 schuf er keine mehr.

Odilon Redon, Flower Clouds, um 1903: ein Segelboot mit zwei Figuren auf ruhigem Wasser unter einem Himmel aus leuchtenden, blütenartigen Wolken in Orange, Blau und Rot. Pastell.
Odilon Redon, Flower Clouds, um 1903. Pastell. Art Institute of Chicago. Public Domain.

Das institutionelle Netzwerk, in das er zu dieser Zeit eintrat, half. 1899 stellte er gemeinsam mit den Nabis bei Durand-Ruel in Paris aus. Im Jahr darauf malte Maurice Denis sein Bild Hommage à Cézanne und zeigte darin Redon im Kreis der jungen Maler, neben Pierre Bonnard und Édouard Vuillard. Redon war kein Nabi, aber für die jüngere Generation ein Bezugspunkt.

Über dieses Netzwerk fand er auch seinen neuen Drucker: Auguste Clot, ein Spezialist für Farblithografie, der mit Redon wie mit den Nabis arbeitete. Verlegt wurden Redon wie die Nabis von Ambroise Vollard, einem einflussreichen Pariser Kunsthändler. 1896 erschien Vollards Album des Peintres-Graveurs, mit Beiträgen von Bonnard, Denis, Vuillard, Vallotton und Redon sowie dem Norweger Edvard Munch, Auflage 100 Exemplare.

Hätte Redon ohne die langen Schwarz-Jahre die Pastelle gekonnt? Sicher sagen lässt sich das nicht. Aber wer zwanzig Jahre mit Kalkstein und Grautönen arbeitet und dann zur Farbe wechselt, beherrscht Fläche, Übergang und Gewicht anders als jemand, der immer nur gemalt hat.

Wie wurde aus dem Unbekannten von 1879 ein anerkannter Name?

Redon traf Stéphane Mallarmé 1876 und wurde ein fester Teilnehmer von dessen Dienstags-Abenden in der Rue de Rome. Die regelmäßigen Gäste dieser Abende nannte man "Les Mardistes". Redon war keine Randfigur in diesem Kreis. Er war Stammgast im literarischen Herzen des Symbolismus.

1903 ehrte ihn der französische Staat mit dem Légion d'honneur. Wenige Jahre nachdem er die Noirs aufgegeben hatte. Der Staat ehrte den Maler. Das Jahrzehnt, mit dem alles angefangen hatte, sah niemand.

1913 veröffentlichte André Mellerio den Werkkatalog von Redons Druckgrafik. Der Katalog verzeichnete Redons Radierungen und Lithografien in einer Gesamtschau, erschienen bei der Société pour l'Étude de la gravure française in Paris, in einer Auflage von 550 Exemplaren, davon 475 nummerierten. Ein Katalog über Drucke, der selbst ein rares Objekt wurde.

Im selben Jahr war Redon in New York vertreten: auf der Armory Show, der Ausstellung, die der amerikanischen Öffentlichkeit die europäische Moderne vorstellte. Der einst Unbekannte hing nun in der Schau, die einem ganzen Kontinent die Moderne zeigte.

Die Noirs, die er zwischen 1879 und 1899 in kleinen Auflagen bei Lemercier und Becquet gedruckt hatte, hatten Wege gefunden. Durch Huysmans und Mallarmé. Durch Vollard, durch Mellerio. Jede dieser Verbindungen war möglich, weil die Bilder existierten: in Exemplaren, nummeriert, verteilt.

Wer heute im Kröller-Müller Museum vor Le Cyclope steht, steht am Ende eines Wegs, der ganz woanders begann. Da ist der einäugige Riese, der hinter dem Fels hervorlugt, sein Blick sanft und riesig zugleich. Das Bild ist in Öl gemalt, nicht auf Stein gedruckt, und trägt alle Farben, die Redon in den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens entdeckt hatte.

Aber dasselbe Motiv, das Auge, gab es schon in Schwarz: "Das Auge, wie ein seltsamer Ballon, steigt zur Unendlichkeit". Blatt 1 aus À Edgar Poe, 1882, gedruckt von Lemercier, Rue de Seine. Redon war damals 42 Jahre alt, und die langen Jahre am Kalkstein lagen noch vor ihm.

Die Farben des Zyklops ruhen auf dem Schwarz der Noirs. Ob die späte Freiheit ohne die frühe Disziplin möglich gewesen wäre, bleibt offen. Wer Redon versteht, versteht ihn zuerst dort: auf dem Stein, in kleinen Auflagen, in einer der großen Druckwerkstätten von Paris.

Häufige Fragen zu Odilon Redon

Wann hat Redon mit Farbe angefangen?

Der Übergang begann um 1889, um die Zeit der Druckserie The Apocalypse of St. John. Noirs, also schwarzweiße Lithografien und Kohlezeichnungen, schuf er nach 1900 keine mehr. Die Farbphase, für die er heute am bekanntesten ist, macht also nur den letzten Lebensabschnitt aus. Fast zwei Jahrzehnte lang arbeitete er zuvor fast ausschließlich in Schwarz.

Was bedeutet "Noirs" bei Redon?

"Noirs" bezeichnet Redons schwarzweiße Arbeiten, vor allem seine Lithografien, aber auch Kohlezeichnungen. In seinem Journal À soi-même nannte er Schwarz das wichtigste Werkzeug des Geistes, wichtiger als jede Farbe. Die Noirs bilden den Grundstock seines Werks, bevor um 1890 die Farbe kam.

Welcher Roman hat Redon bekannt gemacht?

À rebours (1884) von Joris-Karl Huysmans. Der Romanheld des Buches hängt Redons Zeichnungen an seine Wände. Bis zu diesem Moment kannte das breite Publikum Redons Namen nicht.

Was war die Armory Show 1913?

Die Armory Show 1913 in New York stellte der amerikanischen Öffentlichkeit die europäische Moderne vor. Redon war einer der europäischen Künstler, die dort gezeigt wurden: für das amerikanische Publikum eine erste Begegnung mit seinem Werk. Das war das Ergebnis von Jahrzehnten im Netzwerk: Mallarmé, Huysmans, Vollard und Mellerio hatten Redons Namen in die richtigen Kreise getragen.

Wie hängt Redon mit dem Symbolismus zusammen?

Redon wird oft dem Symbolismus zugeordnet, ordnete sich selbst aber keiner Bewegung fest zu. Er war Stammgast bei Mallarmés berühmten Dienstags-Abenden in der Rue de Rome und gehörte damit zum inneren Kreis des symbolistischen Literatur-Netzwerks. Sein Werk verband sich inhaltlich (fantastische Welten, literarische Referenzen) und formal (kleine Auflagen, bibliophile Alben) mit den Zielen der Bewegung.

Wo kann man Redons Werke heute sehen?

Redons Drucke und Pastelle liegen in großen Sammlungen weltweit. Das Ölbild Le Cyclope hängt im Kröller-Müller Museum in Otterlo, das Album Dans le rêve gehört zur Sammlung des Museum of Modern Art, und das Rijksmuseum verwahrt Blätter aus Les Origines. Seine Lithografien lagern in den meisten Häusern in der grafischen Sammlung, die nur zeitweise ausgestellt wird.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Art Institute of Chicago, Sammlung Odilon Redon (Druckgrafik und Pastelle, Open Access).
  • Metropolitan Museum of Art, Odilon Redon, Open-Access-Sammlung.
  • André Mellerio, Odilon Redon. Peintre, Dessinateur et Graveur. Société pour l'Étude de la Gravure Française, Paris 1913 (Werkkatalog der Druckgrafik).
  • Odilon Redon, À soi-même. Journal (1867–1915), posthum bei H. Floury, Paris 1922.
  • Joris-Karl Huysmans, À rebours, Paris 1884.

Studio Sonsu

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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