Olesya Dzhurayeva
Olesya Dzhurayeva schneidet ihre Linolschnitte aus altem Linoleum, das seine Zeit als Bodenbelag längst hinter sich hat. Damit druckt sie die leise Seite des Alltags: eine Stadt, die wächst und sich unter der modernen Zeit verändert, das Licht einer gewöhnlichen Stunde. Ihre Blätter halten einen Moment fest, in dem nichts Besonderes geschieht und der gerade deshalb zählt.
Diese Ruhe entsteht langsam. Ein großes Blatt von rund 50 mal 70 Zentimetern schneidet Dzhurayeva im Durchschnitt zwei bis vier Monate, und kreativ arbeiten kann sie selten länger als vier bis fünf Stunden am Tag. 1982 im tadschikischen Duschanbe geboren, studierte sie am staatlichen Kyiver Institut für dekorative und angewandte Kunst und Design, das den Namen des Malers Mykhailo Boychuk trägt. Heute lebt und arbeitet sie in Kyiv. Ihre Arbeiten reichen weit über die Ukraine hinaus: Das Victoria and Albert Museum in London hat drei davon für seine Grafiksammlung erworben, und die Londoner Royal Society of Printmakers führt sie seit 2023 als Associate.
Genau diese ruhige Beobachtung brach im Februar 2022 ab. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine wurde unmöglich, was ihre Kunst bis dahin getragen hatte. Dzhurayeva hörte auf zu zeichnen. „Ich kann nicht zeichnen, weil meine Kunst von Kontemplation handelt, von Licht, von der Alltagsroutine, die man genießen kann. Jetzt ist das nicht möglich.“1
Aus dem Verstummen kam keine Stille, sondern eine andere Arbeit. In der Werkgruppe „Under the Pressure“ (2023) schnitt Dzhurayeva ihre Kyiver Landschaftsskizzen aus der Vorkriegszeit mit Bildern des Krieges zusammen. Und sie fing an, sich selbst zu drucken. In der Serie „Hear Yourself through the Noise“ (2023) fragt sie sich: „Was fühle ich, wie sehe ich mich in diesen schweren Lebensumständen, als der Krieg in alle Aspekte unseres Lebens sickerte?“2 Der Blick, der zuvor die wachsende Stadt verfolgt hatte, richtet sich jetzt nach innen.
1 Original: “I can't draw, because my art is about contemplation, about light, about the routine that you can enjoy. Now this is not possible.” Quelle: solidarite-art-ukraine.fr
2 Original: “What do I feel, how do I see myself in these difficult life circumstances, when the war seeped into all aspects of our lives.” Quelle: renecarcan.org
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Olesya Dzhurayeva – Take your Time, 2020
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Olesya Dzhurayeva – Ordinary Day, 2018
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Olesya Dzhurayeva – The Light of the Eternal City. Rome, 2024Olesya DzhurayevaLinolschnittAuflage 2050,5 × 77,5 cm
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