Pablo Picasso
Pablo Picasso (1881-1973) ist als Maler bekannt: Guernica, Kubismus, Les Demoiselles d'Avignon, die Blaue Periode. Er wurde in Málaga geboren und verbrachte den größten Teil seines Erwachsenenlebens in Frankreich. Britannica schätzt, dass er rund 50.000 Werke schuf. Eine andere Zahl, eine unbekanntere, steht dahinter.
Am 26. April 1937 bombardierten Luftstreitkräfte die baskische Stadt Guernica. Die Nachricht erreichte Paris, wo Picasso in der Rue des Grands-Augustins arbeitete. Bis zum 4. Juni 1937 vollendete er das Gemälde, das die Szene ins Bild setzt: rund 3,49 mal 7,76 Meter Öl auf Leinwand, heute im Museo Reina Sofía in Madrid. Im Zentrum des Bildes ein verletztes, sterbendes Pferd mit aufgerissenem Maul, dahinter eine Frau, die eine Lampe ins Dunkel hält. Picasso hatte die Blaue Periode hinter sich (1901-1904), Les Demoiselles d'Avignon (1907), eines der ersten kubistischen Werke, und gemeinsam mit Georges Braque ab 1907 in Paris den Kubismus entwickelt. Laut The Art Story sah er sich selbst vor allem als Maler.
Zwei Jahre bevor Guernica existierte, entstand 1935 in Paris auf einer Platte von knapp 50 mal 70 Zentimetern ein Bild, das dasselbe verletzte Pferd trug. Im Frühjahr 1935 malte Picasso kaum noch, und die Minotauromachie entstand in dieser Zeit. 1935 nannte Picasso später, so Wikipedia, die schlimmste Zeit seines Lebens. Beide Bilder kennen auch eine Gestalt, die ein Licht ins Dunkel hält.
Was entstand 1935 in Paris?
Im Frühjahr 1935 arbeitete Picasso in Paris an einer Platte, die der Drucker Roger Lacourière druckte. Zwischen März und Mai 1935 entstanden mehrere Zustände dieser Arbeit; die Literatur zählt sechs oder sieben. Jeder Zustand ist ein Abzug des jeweiligen Platten-Stands: eine Entscheidung, festgehalten, bevor die nächste Entscheidung sie überdeckt.
Diese Arbeit heißt Minotauromachie, Bloch 288 (Baer 573). Die Auflage lag bei etwa 55 Exemplaren. Technisch ist es eine Radierung, die Picasso mit Grabstichel und Schaber ergänzte. Das Blatt zeigt einen Minotaurus, ein verletztes Pferd mit einer Torera auf dem Rücken, ein Mädchen mit Kerze und Blumen, einen bärtigen Mann auf einer Leiter, zwei Mädchen mit Tauben an einem Fenster und ein kleines Segelboot am Horizont. Die Deutungen sind seither zahlreich.
Was die Zustände leisten: Sie machen sichtbar, wie Picasso dachte, bevor das Bild fertig war. Jeder Zustand ist ein gezogener Abzug, ein eingefrorener Zwischenstand. Bei einem Gemälde übermalt jede Schicht die vorige. Dass sich Guernicas Entstehung nachvollziehen lässt, geht wesentlich auf die Fotografien von Dora Maar zurück. Eine Radierplatte braucht keinen Fotografen: Jeder ihrer Zustände ist bereits ein fertiges Blatt.
Diese eine Platte entstand nicht isoliert. Im selben Jahrzehnt, beim selben Drucker Lacourière, liefen hundert Blätter durch die Presse, die ein Pariser Kunsthändler in Auftrag gegeben hatte. Einen Händler, der ihr Erscheinen nicht mehr erleben sollte.
Wie entstand die Suite Vollard?
Ambroise Vollard, Pariser Kunsthändler, der früh Cézanne und Picasso förderte, beauftragte Picasso 1930 mit einer Folge von Druckblättern. Als Gegenleistung erhielt Picasso Gemälde von Renoir und Cézanne. Die Suite entstand über sieben Jahre, von 1930 bis 1937, gedruckt von Roger Lacourière in Paris.
Diese hundert Blätter werden heute als Suite Vollard bezeichnet. Mehrere Themengruppen gliedern sie: Szenen in einer Bildhauerwerkstatt, Minotaurus-Themen, Porträts von Vollard selbst sowie weitere Motive. Die Edition umfasste 250 Exemplare auf Montval-Papier, fünfzig weitere mit anderem Wasserzeichen und drei auf Pergament. Lacourière druckte die ersten 230 Sätze.
Lacourière war nicht nur Auftragsdrucker. Während der Arbeit an der Suite lehrte er Picasso die Sugar-Lift-Aquatinta: ein Verfahren, bei dem der Künstler mit zuckerhaltiger Tusche auf die Platte zeichnet, die Zeichnung mit säurefestem Lack überzieht und das Blatt anschließend wässert: Der Zucker quillt und hebt den Lack über den Linien ab, sodass das Metall dort frei zum Ätzen liegt. So entsteht eine Ätzung, die den Strich einer Zeichnung direkt imitiert, anders als das Kratzen einer Nadel.
Ambroise Vollard starb 1939 bei einem Autounfall, bevor die Suite veröffentlicht wurde. Die Blätter kamen erst in den 1950er Jahren auf den Kunstmarkt. Sechs Jahre nach Vollards Tod betrat Picasso die Werkstatt eines anderen Druckers.
Was bleibt von einem Stier nach elf Zuständen?
Im Herbst 1945 kam Picasso in die Werkstatt von Fernand Mourlot, einem Pariser Meisterdrucker und Lithografen. Wenige Tage nach dem ersten Besuch entschied er sich, sich der Lithografie zu widmen; die Arbeitstage begannen oft um halb neun und endeten nach acht Uhr abends. Mourlots Einschätzung seiner Arbeitsweise: Er kam, als ginge er in eine Schlacht ("He came like he was going to battle").
Im Dezember 1945 arbeitete Picasso bei Mourlot an einem einzigen Motiv: einem Stier. Die Arbeit ist in elf Zuständen dokumentiert, der letzte datiert auf den 17. Januar 1946. Von Zustand zu Zustand verlor der Stier an Detail, bis nur noch eine Chiffre aus wenigen Strichen übrig blieb. Bloch 389. Vom elften Zustand erschien eine Auflage von 50 Exemplaren plus 18 Künstlerdrucken; vom ersten Zustand entstanden nur zwei oder drei Abzüge.
Auch in der Lithografie gibt es Zustände: Picasso veränderte die Zeichnung zwischen den Druckgängen, und von jedem Stand entstanden Abzüge. Le Taureau ist deshalb als Abfolge von elf Zuständen verfolgbar, vom modellierten Stier bis zur Chiffre.
Ab 1958 arbeitete Picasso systematisch mit einem Material, das wegen seiner leichten Handhabung vor allem im Schulunterricht verwendet wird.
Wer war Hidalgo Arnera?
Hidalgo Arnera (1922-2007) war Drucker in Vallauris, dem südfranzösischen Ort, in dem Picasso von 1948 bis 1955 lebte. Die ersten Linolschnitte entstanden dort als Plakate für Stierkämpfe und für die Keramikausstellungen der Stadt. Laut de.wikipedia fertigte Picasso zwischen 1958 und 1962 107 Linolschnitte; Arnera, sein langjähriger Drucker, hatte ihm den Reduktionsschnitt empfohlen.
Das Verfahren, das Picasso in diesen Jahren systematisch einsetzte, ist der Linolschnitt im Reduktionsverfahren: Ein einziger Block, von dem zwischen den Druckgängen Schicht für Schicht weggeschnitten wird, jede Farbe über die vorige gedruckt. Nach dem letzten Druckgang ist der Block zerstört. Ein Neudruck ist dann unmöglich, eine Korrektur ohnehin. Der Reduktionsdruck zwingt den Drucker dazu, beim ersten Schnitt die letzte Farbe bereits zu kennen. Er ist das Gegenteil der Radierung, bei der man die Platte nachbearbeiten kann, etwa mit Schaber und erneutem Ätzen.
Laut de.wikipedia fiel Picasso das passgenaue Schneiden mehrerer Druckplatten schwer, weil er oft an mehreren Bildern gleichzeitig arbeitete, und der Reduktionsschnitt löste dieses Problem. Die Linolschnitte von 1958 bis 1962 entstanden mit Arnera; laut fr.wikipedia druckte Picasso ab 1963 Linolschnitte auch mit Aldo und Piero Crommelynck. Die Blätter tragen ihre Endgültigkeit sichtbar in sich.
Nach Picassos Tod 1973 gingen Werkzeuge und Wissen seiner Drucker an die nächste Künstlergeneration über, unter ihnen David Hockney.
Wie kam Aldo Crommelyncks Werkzeug zu David Hockney?
Aldo Crommelynck (1931-2008) hatte als Siebzehnjähriger eine Lehre bei Lacourière begonnen, demselben Drucker, der Picasso die Sugar-Lift-Aquatinta beigebracht hatte. Mit seinem Bruder Piero gründete er Mitte der 1950er Jahre eine eigene Werkstatt, zu der Picasso von Lacourière wechselte. 1963 richteten die Brüder ein Atelier in Mougins nahe Picassos Wohnsitz ein.
1968 realisierte Picasso mit den Crommelyncks in Mougins die 347 Series: 347 Radierungen, entstanden zwischen dem 16. März und dem 8. Oktober 1968. Picasso schuf die 347 Radierungen in knapp sieben Monaten. Picasso war 86 Jahre alt.
Nach Picassos Tod am 8. April 1973 in Mougins kehrten Aldo und Piero Crommelynck nach Paris zurück. David Hockney zog im Herbst 1973 nach Paris, und Aldo Crommelynck brachte ihm in seinem Atelier die Sugar-Lift-Aquatinta bei. Hockney nutzte die Technik für "The Blue Guitar" (1976-77), eine Mappe aus zwanzig Radierungen mit Aquatinta. Auf dem Titelblatt steht, Hockney sei von Wallace Stevens inspiriert worden, der wiederum von Picasso inspiriert war.
Dass sich dieses Netz aus Blättern ordnen lässt, verdankt sich auch dem Schweizer Unternehmer und Sammler Georges Bloch, der Picassos druckgrafisches Werk inventarisierte.
Was steht hinter der Nummer Bloch 288?
Georges Bloch veröffentlichte zwischen 1968 und 1979 in Bern sein vierbändiges Werkverzeichnis von Picassos Druckgrafik: "Catalogue de l'oeuvre gravé et lithographié". Daneben steht das Verzeichnis von Bernhard Geiser und Brigitte Baer (Picasso, Peintre-graveur, 1933 bis 1996). Die Minotauromachie trägt dort die Nummer Baer 573, bei Bloch die Nummer 288. Das Princeton University Art Museum nennt beide Nummern.
Hinter der Nummer 288 und den weiteren Bloch-Nummern liegt ein Oeuvre von mehr als zweitausend gedruckten Bildern; das Museum of Modern Art in New York nennt Picasso den wohl bedeutendsten Druckgrafiker des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Kunstmuseum Picasso Münster bewahrt über 800 seiner Grafiken, darunter das fast vollständige lithografische Werk. Britannica nennt Picasso im ersten Satz auch Druckgrafiker. Wer sich für Picasso Druckgrafik interessiert, findet hier die systematische Grundlage.
Das Museum of Modern Art in New York besitzt einen Abzug der Minotauromachie (Objektnummer 20.1947), erworben aus dem Abby Aldrich Rockefeller Fund. Es kaufte kein Gemälde, sondern einen Abzug von einer knapp 50 mal 70 Zentimeter großen Platte.
In denselben Pariser Werkstätten arbeitete auch Henri Matisse, unter anderem bei Lacourière. Der Vergleich der beiden in der Druckgrafik führt aus, wie sich ihre Blätter unterscheiden. In der Suite Vollard bezog sich Picasso laut Hood Museum auf Rembrandt und Francisco Goya. Seinen Weg in den Kubismus behandelt eine eigene Seite.
Die Zustände, die von März bis Mai 1935 entstanden, zeigen, wie Picasso an das Bild heranging: schrittweise, korrigierend, entscheidend. Auch Guernica ist dokumentiert: Dora Maar fotografierte die Entstehung des Gemäldes im Atelier. Das Gemälde ist fertig und berühmt. Ob das grafische Oeuvre Picassos Nebenweg war oder der Ort, an dem er dachte, bevor er malte: Laut The Art Story sah Picasso sich vor allem als Maler. Die Platten sagen etwas anderes.
Häufige Fragen zu Pablo Picasso
Was ist die Minotauromachie?
Die Minotauromachie ist eine Radierung, die Picasso im Frühjahr 1935 in Paris schuf und die Roger Lacourière druckte. Die Platte misst knapp 50 mal 70 Zentimeter; das Blatt entstand in mehreren Zuständen zwischen März und Mai 1935, die Literatur zählt sechs oder sieben. Die Auflage liegt bei etwa 55 Exemplaren. Im Werkverzeichnis trägt sie die Nummer Bloch 288 (Baer 573).
Was ist die Suite Vollard?
Die Suite Vollard ist eine Folge von 100 Radierungen, die Picasso zwischen 1930 und 1937 im Auftrag des Pariser Kunsthändlers Ambroise Vollard schuf. Vollard beauftragte sie im Tausch gegen Gemälde von Renoir und Cézanne. Gedruckt wurden die Blätter von Roger Lacourière. Vollard starb 1939; die Blätter kamen erst in den 1950er Jahren auf den Kunstmarkt.
Wie viele Werke schuf Picasso insgesamt?
Britannica schätzt, dass Picasso in seinem Leben rund 50.000 Werke schuf, darunter Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und Druckgrafiken. Das Museum of Modern Art in New York zählt mehr als zweitausend gedruckte Bilder; das Kunstmuseum Picasso Münster bewahrt über 800 Grafiken Picassos. Georges Bloch verzeichnete Picassos druckgrafisches Werk in einem vierbändigen Katalog (Bern, 1968-1979).
Wie entstanden Picassos Arbeiten mit Hidalgo Arnera?
Laut de.wikipedia fertigte Picasso zwischen 1958 und 1962 mit dem Drucker Hidalgo Arnera in Vallauris 107 Linolschnitte. Er nutzte das Reduktionsverfahren: Ein einziger Linolblock wird Schritt für Schritt geschnitten und gedruckt, bis nach dem letzten Druckgang kein Neudruck möglich ist. Arnera hatte ihm das Reduktionsverfahren empfohlen.
Was ist die Crommelynck-Verbindung zu David Hockney?
Aldo Crommelynck druckte für Picasso, ab 1963 in einem Atelier in Mougins, unter anderem die 347 Series (1968). Roger Lacourière führte Picasso in die Sugar-Lift-Aquatinta ein. Aldo Crommelynck brachte sie später David Hockney bei, der sie für "The Blue Guitar" einsetzte.
Quellen und weiterführende Literatur
- Princeton University Art Museum, La Minotauromachie, Baer 573, Bloch 288, Drucker Lacourière
- Museum of Modern Art, Minotauromachy, Platte 49,6 x 69,6 cm, Auflage etwa 55, Objektnummer 20.1947
- Mourlot Editions, About, „He came like he was going to battle"
- Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid, Guernica (1937).
- Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, über 800 Grafiken, lithografisches Werk
- Georges Bloch, Pablo Picasso. Catalogue de l'oeuvre gravé et lithographié, Bern 1968 bis 1979.
- Brigitte Baer, Bernhard Geiser und Alfred Scheidegger, Picasso, Peintre-graveur, Bern 1933 bis 1996.
- Hood Museum of Art, Picasso: The Vollard Suite, Lacourière ab 1933, Bezüge auf Rembrandt und Goya
- The Art Story, Pablo Picasso, Selbstverständnis als Maler
- Encyclopaedia Britannica, Pablo Picasso, rund 50.000 Werke
- Wikipedia: Minotauromachy, Vollard Suite, Guernica, Le Taureau, Fernand Mourlot, Aldo Crommelynck, 347 Series, Roger Lacourière, Picasso à Vallauris, Linolschnitt, Georges Bloch, Ambroise Vollard
Zuletzt aktualisiert am 04.10.2026.
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