Kupferstich
Beim Kupferstich wird mit einem Grabstichel direkt in blankes Kupfer graviert, ohne Ätzgrund und ohne Säure. Das macht ihn, neben der Kaltnadel, zu einem der direktesten Tiefdruckverfahren: Die Linie entsteht nicht durch Chemie, sondern durch Kraft und Präzision. Nach dem Metropolitan Museum hob Schongauer den Kupferstich von einem Nebenhandwerk zu einer großen Kunstform, und Dürer trieb die Technik zu einer Detailfülle, die nie übertroffen wurde.
Der Grabstichel ist ein Goldschmiedewerkzeug. So hat die Technik auch angefangen: nicht in Künstlerwerkstätten, sondern im Waffen- und Silberschmiedehandwerk, das Verzierungen in Metall gravierte. Die Handwerker druckten ihre Gravuren wohl, um die Entwürfe festzuhalten. Nach der deutschen Wikipedia wurde die Kupferstichtechnik wahrscheinlich um 1420/1430 im oberdeutschen Raum erstmals angewendet; das Metropolitan Museum nennt die 1430er Jahre, Britannica die Mitte des 15. Jahrhunderts im Rheintal und in Norditalien.
Was ihn von der Radierung unterscheidet: Der Stichel arbeitet direkt im Metall, ohne Säure.
Studio Sonsu verkauft keine Kupferstiche. Die Technik ist im künstlerischen Druck heute deutlich seltener geworden. Das Grid zeigt zeitgenössische Radierungen: dasselbe Tiefdruckprinzip, zeitgenössische Künstler.
Was passiert beim Gravieren: die Physik der schwellenden Linie?
„Linien werden in Kupfer graviert" stimmt, erklärt aber nicht das Wichtigste: warum diese Linien so anders aussehen als geätzte.
Man hält den Grabstichel nicht wie einen Stift. Der Stiel liegt im Handteller, der Stecher schiebt das Werkzeug vom Körper weg und hebt das Metall in Spänen aus der Platte. Für die Linienführung bewegt er die Platte unter dem Stichel. Schongauer gilt nach der englischen Wikipedia als der erste Kupferstecher, der Parallellinien bog, vermutlich durch Drehen der Platte gegen einen feststehenden Grabstichel.
Das Ergebnis ist eine Linie mit einem charakteristischen Profil: V-förmig im Querschnitt, haarfein am Anfang, anschwellend unter Druck, haarfein am Ende. Eine solche Linie heißt schwellende Linie oder Taille. Glatte Ränder, keine Ausfranzungen, kein aufgeworfener Grat: Das unterscheidet den Kupferstich von Radierung und Kaltnadel.
Stanley William Hayter, der die Werkstatt Atelier 17 von der Gründung 1927 in Paris bis zu seinem Tod 1988 leitete, hat den Grabstichel im 20. Jahrhundert als künstlerisches Werkzeug weitergeführt; seine Werkstatt arbeitete mit Linienstich und Radierung.
Der Grabstichel selbst besteht aus gehärtetem Stahl. Gebräuchlich sind quadratische und rautenförmige Querschnitte, und verschiedene Formen und Größen erzeugen nach der englischen Wikipedia verschiedene Linienarten.
Die Crayon-Manier, im Englischen auch chalk manner genannt, setzt die Platte mit Punkten und Kerben aus Stichel, Wiegeeisen oder Roulette. Auch der Holzstich arbeitet mit dem Stichel, dort auf Buchsbaum-Hirnholz. Er ist aber ein Hochdruckverfahren: Die gestochene Linie erscheint weiß auf Schwarz, beim Kupferstich dagegen schwarz.
Wie hat der Kupferstich die Druckgrafik zur Hochkunst gemacht?
Zu den frühen Meistern zählen Meister E.S. und Martin Schongauer.
Meister E.S. arbeitete in der Mitte des 15. Jahrhunderts, vermutlich am Oberrhein. Max Lehrs' Werkverzeichnis von 1910 erfasst 318 Stiche von ihm, Max Geisberg kam auf 320. 95 davon sind weltweit nur in einem einzigen Exemplar erhalten, 50 weitere in je zwei Abzügen. Später schnitt er tiefer, was mehr Abzüge zuließ, doch nach der englischen Wikipedia blieb die Zahl wohl auf etwa sechzig begrenzt, bevor die Abnutzung sichtbar wurde. Seine Platten gingen an Israhel van Meckenem, der 41 davon überarbeitete.
Dann kam Schongauer. Sein „Heiliger Antonius wird von Dämonen gepeinigt", entstanden um 1470, misst nach dem Städel in Frankfurt, das einen Abzug besitzt, 311 × 227 mm und enthält mehr Detailarbeit, als man einem einzelnen Blatt zutrauen würde. Ein Gemälde nach diesem Stich wird Michelangelo zugeschrieben, der damals zwölf oder dreizehn Jahre alt war; die Zuschreibung ist unter Fachleuten umstritten. Das Gemälde tauchte 2008 bei einer Londoner Auktion auf, wurde für rund zwei Millionen Dollar als Werkstatt Ghirlandaio verkauft, und eine Untersuchung am Metropolitan Museum stützte die Zuschreibung an Michelangelo. Das Kimbell Art Museum in Fort Worth hat es danach erworben.
Nach der englischen Wikipedia kopierte van Meckenem 58 Blätter, die Hälfte von Schongauers 116 erhaltenen Stichen.
Schongauer erhob den Kupferstich zur Hochkunst. Albrecht Dürer entwickelte das weiter. Er hatte beim Vater das Goldschmiedehandwerk gelernt, bevor er Maler und Druckgrafiker wurde. Er entwickelte Schongauers Kreuzschraffur weiter, erweiterte nach der deutschen Wikipedia den Tonumfang des Kupferstichs beträchtlich und schuf zwischen 1513 und 1514 drei Stiche, die heute als Meisterstiche gelten: Ritter, Tod und Teufel; Hieronymus im Gehäus; Melencolia I. Neben den Kupferstichen schuf Dürer zwischen 1515 und 1518 sechs Eisenradierungen. Was Schongauer aufgebaut und Dürer daraus gemacht hat, vergleicht der Artikel Dürer und Schongauer.
Warum hat die Radierung den Kupferstich verdrängt?
Unter Künstlern wandten sich die begabtesten nach dem Metropolitan Museum der leichter zu erlernenden Radierung zu; das 17. Jahrhundert gilt als das große Zeitalter der Radierung. Als Reproduktionstechnik blieb der Kupferstich länger wichtig, bis ihn nach der deutschen Wikipedia gegen Ende des 18. Jahrhunderts der Holzstich ablöste; Britannica nennt Crayon-Manier und Schabkunst als die Verfahren, die den Linienstich im 18. Jahrhundert fast ganz verdrängten.
Der Grund, den die Quellen nennen: Die Radierung ist für einen ausgebildeten Zeichner leichter zu erlernen. Bei der Radierung bedeckt man die Platte mit einer wachsartigen Schutzschicht und zeichnet mit einer Nadel durch diese Schicht. Dann kommt Säure. Die Säure beißt sich in die freiliegenden Stellen, und die Tiefe der Linie hängt von Ätzdauer und Säurestärke ab, nicht von der Kraft des Künstlers. Nach der deutschen Wikipedia arbeitet man mit der Nadel so frei wie mit einem Bleistift.
Beim Kupferstich gibt es keinen Ätzgrund und keine Säure: Die Linie ist geschnitten, nicht geätzt. Kupfer ist weich, und eine Platte lässt sich nach der englischen Wikipedia mit vertretbarem Aufwand korrigieren. Rembrandt lernte den Grabstichel und stach viele seiner Platten teilweise, arbeitete aber im Kern als Radierer. Goya arbeitete mit Radierung und Aquatinta.
Bei den Auflagen unterscheiden sich die Verfahren so: Die deutsche Wikipedia nennt für eine technisch sauber hergestellte Kupferplatte etwa 200 Abzüge bester und weitere 300 bis 400 in guter Qualität. Eine Ätzradierung liefert nach der englischen Wikipedia typischerweise mehrere hundert Abzüge, bevor die Platte deutlich verschleißt. Eine Kaltnadelradierung gibt nach der englischen Wikipedia mitunter nur zehn bis zwanzig Abzüge mit vollem Grat; moderne Auflagen ohne Verstahlung liegen sehr oft unter dreißig. Weil sich Kupfer korrigieren und aktualisieren lässt, war es nach der englischen Wikipedia das bevorzugte Material der Kartenstecher. Im 18. Jahrhundert stieß William Hogarth in London gemeinsam mit anderen Stechern den Engraving Copyright Act von 1735 an, ein britisches Gesetz zum Schutz von Stichen nach eigenem Entwurf.
Wie erkenne ich einen Kupferstich?
Mit einer Lupe, einem Auge und etwa dreißig Sekunden.
Das entscheidende Merkmal ist die Strichlinie selbst. Kupferstich: glatte Strichkanten, angeschwollene Mitte, spitz auslaufende Enden. Diese schwellende Linie heißt Taille. Kaltnadel: raue Strichkanten, ein sichtbarer samtiger Grat auf beiden Seiten, der die Farbe hält. Radierung: Die Linie wirkt etwas körnig, weil die Säure leicht unter die Ränder des Ätzgrunds greift, aber ohne den Grat der Kaltnadel.
Ein weiteres Erkennungsmerkmal ist das Schraffurmuster. Kupferstiche aus dem 15. und 16. Jahrhundert arbeiten mit dichten Parallelen und Kreuzschraffuren. Die Kurven dieser Schraffuren folgen der Körperform des dargestellten Motivs, Schraffur als Volumenmodellierung. Marcantonio Raimondi, der Raffaels Kompositionen in Kupfer stach, entwickelte nach dem Metropolitan Museum ein System gleichmäßiger paralleler Linien, die sich um die Formen biegen. Nach der englischen Wikipedia wuchs seine Werkstatt zu einer Stecherschule.
Die Qualität der Abzüge schwankt stark; wie sich das auf den Preis auswirkt, zeigt was ein Kupferstich kostet. Von Schongauers „Rast auf der Flucht nach Ägypten" existieren nach der englischen Wikipedia rund 60 Abzüge, aber nur sieben gelten als Abzüge erster Qualität (im Original: "of the first quality"). Frühe Abzüge zeigen scharfe Linien, spätere verflachen nach der deutschen Wikipedia zunehmend, weil sich die Platte abnutzt. Eine Lupe zeigt das. Wer wissen will, ob ein Blatt ein Original oder ein Nachdruck ist, findet die Kriterien unter Original vs. Kunstdruck.
Wo gibt es heute noch Kupferstiche, und was ist die zeitgenössische Nachfolge?
In den Kupferstichkabinetten, den Museen und Abteilungen für Druckgrafik und Zeichnungen. Das Berliner Kupferstichkabinett besitzt mehr als 500.000 Druckgrafiken, die Albertina in Wien rund eine Million Druckgrafiken alter Meister. Dresden führt sein Kupferstich-Kabinett seit 1720 als eigenes Museum, die Wiener Sammlung beginnt 1776 mit einer Übergabe des Grafen Durazzo an das Herzogspaar Albert und Marie Christine, das Frankfurter Städel entstand aus einer Stiftung von 1815.
Einen Kupferstich zu kaufen ist schwieriger. Moderne Künstler arbeiten selten noch mit der Technik.
Die Radierung führt das Tiefdruckprinzip heute fort, mit Säure statt Stichel. Mit der Nadel arbeiten Radierer freier als der Stecher mit dem Stichel, dessen Schnittführung auf gerade oder kurvige Linien beschränkt ist.
Zwei Arbeiten aus dem Studio Sonsu Programm zeigen zeitgenössische Radierung: Rachel Duckhouses „Supernatural Ballad" füllt das Blatt mit dichten, wellenförmigen Linien, die in der unteren Hälfte blau koloriert sind. Stephen Lawlors „Judith" zeigt einen Kopf, der aus dunklem Grund auftaucht. Das aktuelle Sortiment zeigt ihre Werke.
Studio Sonsu verkauft keine Kupferstiche. Die Druckgrafik-Übersicht zeigt, wo der Kupferstich in der Tiefdruck-Familie steht.
Was ist ein Kupferstich einfach erklärt?
Beim Kupferstich wird mit einem Grabstichel direkt in eine Kupferplatte graviert. Der Stichel hebt einen kleinen Metallspan heraus und hinterlässt eine V-förmige Furche. Diese Furche nimmt Druckfarbe auf; das Papier wird mit der Platte gepresst und saugt die Farbe aus den vertieften Linien. Der Kupferstich ist ein Tiefdruckverfahren, verwandt mit Radierung und Kaltnadelradierung, aber ohne Säure.
Was ist der Unterschied zwischen Kupferstich und Radierung?
Beim Kupferstich wird die Linie mechanisch mit dem Grabstichel in die Platte geschnitten. Bei der Radierung wird zunächst ein Ätzgrund aufgetragen, die Linie durch diesen Grund gezeichnet, dann mit Säure in die Platte geätzt. Der Kupferstich erzeugt eine charakteristische schwellende Linie, die Taille: Sie schwillt in der Mitte an und läuft an den Enden aus. Radierungslinien wirken etwas körniger. Einen ausführlichen Vergleich beider Techniken mit Lupe-Test und Künstler-Entscheidungen bietet die Seite Radierung vs. Kupferstich.
Ist ein Kupferstich ein Tiefdruck?
Ja. Der Kupferstich gehört zur Tiefdruck-Familie, zusammen mit Radierung, Kaltnadelradierung, Aquatinta und Mezzotinto. Bei allen Tiefdrucktechniken befindet sich die Farbe in vertieften Bereichen der Platte. Der Unterschied liegt in der Methode: Kupferstich graviert mechanisch, Radierung ätzt chemisch, Kaltnadel kratzt direkt, Aquatinta arbeitet mit Tonfeldern.
Wird der Kupferstich heute noch verwendet?
Selten. Im Banknotendruck lebt ein verwandtes Verfahren weiter: Jacob Perkins führte dafür nach der englischen Wikipedia 1792 den Stahlstich ein; ab den 1820er Jahren begann Stahl, Kupfer in der Buchillustration zu ersetzen, neben Holzstich und später Lithografie, und Banknoten werden bis heute von Stahlplatten gedruckt. Euro-Banknoten werden nach der EZB unter anderem im Intaglio-Verfahren (Tiefdruck) gedruckt, neben Offset, Siebdruck und Heißprägung. Im künstlerischen Druck ist der Kupferstich heute deutlich seltener.
Woran erkenne ich einen Kupferstich?
Mit einer Lupe und dreißig Sekunden: Halte die Lupe an die Strichlinie. Beim Kupferstich ist sie in der Mitte dicker als an den Enden. Diese schwellende Linie heißt Taille. Die Strichkanten sind glatt. Bei der Kaltnadelradierung siehst du an denselben Stellen einen samtigen Grat; bei der Radierung wirkt die Linie körniger. Diese drei Merkmale reichen für eine erste Einschätzung.
Quellen und weiterführende Literatur
- Metropolitan Museum of Art, Heilbrunn Timeline of Art History: Engraving. metmuseum.org/toah/hd/engr/hd_engr.htm
- Städel Museum Frankfurt, Martin Schongauer: Der heilige Antonius, von Dämonen geplagt. sammlung.staedelmuseum.de/en/work/saint-anthony-tormented-by-demons
- Stanley William Hayter, New Ways of Gravure. Pantheon Books, New York 1949; erweiterte Ausgabe Oxford University Press 1966.
- Europäische Zentralbank, Banknote Production. ecb.europa.eu/euro/banknotes/production/html/index.en.html
- Max Lehrs, Geschichte und kritischer Katalog des deutschen, niederländischen und französischen Kupferstichs im XV. Jahrhundert, Bd. 2: Meister E.S., Wien 1910 (Nachdruck 1970). archive.org/details/geschichteundkri0002lehr
- Wikipedia, Master E. S. en.wikipedia.org/wiki/Master_E._S.. 318 Stiche nach Lehrs, 95 Unikate, 50 in zwei Abzügen, 41 Platten an van Meckenem.
- Wikipedia, Martin Schongauer. en.wikipedia.org/wiki/Martin_Schongauer. 116 Stiche, 58 Kopien van Meckenems, Plattendrehung, Rast auf der Flucht.
- Wikipedia, The Torment of Saint Anthony. en.wikipedia.org/wiki/The_Torment_of_Saint_Anthony. Michelangelo-Kopie, Verkauf 2008, Kimbell 2009.
- Wikipedia, Kupferstich. de.wikipedia.org/wiki/Kupferstich. Entstehung um 1420/1430, Taille, Auflagenhöhe.
- Wikipedia, Engraving. en.wikipedia.org/wiki/Engraving. Goldschmiede-Ursprung, Verhältnis zur Radierung, heute deutlich seltener im künstlerischen Druck.
- Wikipedia, Etching. en.wikipedia.org/wiki/Etching. Das 17. Jahrhundert als Zeitalter der Radierung.
- Wikipedia, Steel engraving. en.wikipedia.org/wiki/Steel_engraving. Perkins 1792, Buchillustration ab den 1820er Jahren, Banknoten.
- Wikipedia, Kupferstichkabinett Berlin; Albertina; Kupferstich-Kabinett Dresden; Städel. Gründungsdaten und Bestandszahlen der Kabinette.
- Wikipedia, Meister E. S. und Albrecht Dürer (deutsch). Zählungen nach Lehrs und Geisberg, Dürers Tonumfang.
- Wikipedia, Radierung (deutsch). de.wikipedia.org/wiki/Radierung. Körnige Linie, Freiheit der Nadel, Auflagenhöhen.
- Wikipedia, Drypoint; Wood engraving; Marcantonio Raimondi; Engraving Copyright Act 1734. Kaltnadel-Auflagen, Holzstich als Hochdruck, Raimondis Werkstatt, Hogarths Gesetz.
- Britannica, Engraving. Entstehung im Rheintal und in Norditalien, Crayon-Manier und Schabkunst.
- The Metropolitan Museum of Art, Michelangelo's First Painting (Pressemitteilung 2009). Erwerb durch das Kimbell Art Museum.
Zuletzt aktualisiert am 05.10.2026.
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