Wassily Kandinsky
Wassily Kandinsky (1866 bis 1944) gilt als einer der ersten Maler, die den Schritt in die vollständige Gegenstandslosigkeit vollzogen haben. Seine Abstraktion entstand allmählich, in Malerei und Holzschnitt zugleich. Der Blaue Reiter, Über das Geistige in der Kunst, die Bauhaus-Jahre in Weimar und Dessau: das sind die Stationen, die die meisten kennen. Was dabei weniger Aufmerksamkeit bekommt, ist an anderer Stelle sichtbar.
Seit Jahren drängt Kandinsky die Figur aus seinen Bildern. Nach Britannica ist Improvisation XIV von 1910 schon fast abstrakt, und mit dem Bild Encircled von 1911 entsteht eine Malerei, die keinen erkennbaren Gegenstand mehr zum Ausgangspunkt hat. In Über das Geistige in der Kunst entwickelt er seine Lehre von der Wirkung der Farben und der "inneren Notwendigkeit" der Formen.
Neben der Malerei schneidet Kandinsky Holzschnitte. Nach dem MoMA entstanden die 56 Holzschnitte seines Buchs Klänge zwischen 1907 und 1912. In diesen Blättern lässt sich verfolgen, wie bei ihm Abstraktion entsteht.
Was erschien 1911 und 1912 von Kandinsky?
Zwischen Dezember 1911 und Ende 1912 erscheinen drei Bücher von Kandinsky.
Im Dezember 1911 erscheint bei R. Piper & Co. in München das Traktat Über das Geistige in der Kunst. Das MoMA führt es als illustriertes Buch mit elf Holzschnitten von Kandinsky; es verkaufte sich gut und erlebte bis Ende 1912 drei Auflagen.
Anfang 1912 erscheint der Almanach Der Blaue Reiter bei Piper, herausgegeben von Kandinsky und Franz Marc; am 11. Mai erhielt Marc das erste Exemplar. Verkauft wurden nach Wikipedia rund 1.100 Exemplare, die Kosten trug der Industrielle und Kunstsammler Bernhard Koehler. Den Blauen Reiter hatten Kandinsky und Marc 1911 in München gegründet.
Und dann ist da noch Klänge. Ende 1912 erscheint das Buch bei R. Piper & Co. in München, das MoMA datiert es auf 1913. Es enthält 38 Prosagedichte und 56 Holzschnitte.
Traktat, Almanach, Buch: Alle drei erscheinen zwischen Dezember 1911 und Ende 1912.
Das Schneiden im Holz reicht weiter zurück, in Kandinskys erste Münchner Jahre.
Wo hat Kandinsky angefangen zu arbeiten?
Kandinsky kam nicht als Maler nach München. Er kam als Jurist, der sich mit fast dreißig Jahren entschied, Malerei zu studieren. Die Holzschnitt-Praxis, die er dort aufbaute, geht auf seine erste Zeit in der Stadt zurück: Ab 1902 entstehen in München seine ersten Holzschnitte. Ein frühes Beispiel ist Dame mit Fächer von 1903, eine elegante Frauenfigur im Jugendstil.
Ebenfalls 1903 entsteht das Holzschnitt-Portfolio Verses Without Words, russisch Stichi bez slov, mit zwölf Holzschnitten, nach dem MoMA herausgegeben von der Stroganov-Akademie in Moskau. Noch erzählen die Blätter Bilder. Nach dem MoMA zwang der Holzschnitt Kandinsky aber, seine Bildsprache zu vereinfachen, und diese Versuche spielten eine entscheidende Rolle auf seinem Weg zur Abstraktion.
Das ändert sich in den Jahren, die folgen. Die frühen Blätter, die Kandinsky später in das Buch Klänge aufnehmen wird, zeigen Reiter und Figuren, noch lesbar. Kandinsky selbst schrieb, in den Holzschnitten und Gedichten von Klänge entdecke man die Spuren seiner Entwicklung vom Figurativen zum Abstrakten.
Wie verschwindet ein Reiter aus einem Bild?
56 Holzschnitte, nach dem MoMA entstanden zwischen 1907 und 1912. Gedichte und Holzschnitte bilden nach Wikipedia zwei parallele Reihen, jede mit einer losen Abfolge, in der man zuschauen kann, wie eine Figur zurücktritt.
Folio 4 heißt Zwei Reiter vor Rot. Noch zwei Gestalten, noch eine Bewegungsrichtung, noch etwas das man als Pferd lesen kann. Folio 9 heißt Lyrisches. Hier gibt es keine Figur mehr im herkömmlichen Sinn: nur Formen, die man auf eine Gestalt hin befragen könnte, die aber nicht mehr eindeutig antwortet. Folio 26 heißt Weißer Klang. Hier ist kaum noch ein gegenständlicher Rest zu erkennen.
Der Holzschnitt selbst drängt zur Vereinfachung. Wenn man in ein Brett schneidet, entscheidet jeder Schnitt unwiderruflich: Was aus dem Holz herausgehoben ist, druckt nicht mehr. Das Bild besteht am Ende aus dem, was stehengeblieben ist, und nichts dazwischen ist neutral. Diese Art der Entscheidung, nichts als Anwesenheit oder Abwesenheit, Schwarz oder Leere, ist Vereinfachung, die im Material liegt und nicht erst in der Theorie.
Das MoMA schreibt, Kandinskys Experimente mit dem flächigen, reduzierten Holzschnitt in diesen prägenden Jahren seien "an important avenue to the expressive abstraction he was then developing in his painting" gewesen, auf Deutsch: ein wichtiger Weg zur ausdrucksstarken Abstraktion, die er damals in der Malerei entwickelte.
Diese 56 Blätter erschienen gebunden als Buch, zusammen mit den Gedichten. Nach dem MoMA kam die Vereinbarung mit dem Verlag erst zustande, als Kandinsky die Hälfte der Kosten übernahm.
Was steckt in den 345 Exemplaren von Klänge?
Die 38 Prosagedichte entstanden nach Wikipedia zwischen 1908 und 1912; das MoMA nennt an einer Stelle 1909 bis 1911, an anderer Stelle 1907 bis 1910 für Gedichte und Bilder. Die Gedichte illustrieren die Holzschnitte nicht, die Holzschnitte illustrieren die Gedichte nicht. Sie laufen als zwei Reihen nebeneinander.
Der Buchtitel verdient einen Moment der Aufmerksamkeit. Klänge ist eine akustische Metapher für etwas Visuelles. Kandinsky nannte das Buch nicht nach dem, was man sieht. Er nannte es nach dem, was man hört. Dem Verleger schrieb er nach dem MoMA: "I wanted to create nothing but sounds."
Das Buch umfasst 56 Holzschnitte, davon 12 in Farbe und 44 in Schwarz-Weiß, auf cremefarbenem Van-Gelder-Papier. Die Auflage liegt bei 345 Exemplaren; das MoMA nennt 300 signierte und nummerierte Exemplare und 45 außerhalb des Handels. Gedruckt wurde bei F. Bruckmann A.G. und bei Poeschel & Trepte.
Was bleibt von Kandinskys Blättern heute?
Nach dem MoMA schuf Kandinsky in seinem Leben mehr als zweihundert Drucke. Vollständige Exemplare von Klänge besitzen unter anderem das MoMA in New York und die Fine Arts Museums of San Francisco. Das MoMA führt daneben auch einzelne Blätter.
Wie ging Kandinskys Weg nach Klänge weiter?
1922 beginnt Kandinsky am Bauhaus zu unterrichten, zuerst in Weimar, ab 1925 in Dessau und ab 1932 in Berlin, bis die Schule 1933 aufgelöst wird. Danach emigriert er nach Frankreich und lässt sich in Neuilly-sur-Seine nieder, einer Gemeinde am Westrand von Paris. Er stirbt dort am 13. Dezember 1944. Den größeren Rahmen von Kandinskys Weg in die Abstraktion spannt die Seite zur abstrakten Kunst.
Wer Kandinsky als Maler des Expressionismus kennt, als Mitgründer des Blauen Reiters, als Bauhaus-Lehrer neben Paul Klee, der kennt ihn vollständig. Aber nach dem MoMA waren seine Holzschnitte ein wichtiger Weg zu der ausdrucksstarken Abstraktion, die er damals in der Malerei entwickelte. Er ging den Weg zur Abstraktion nicht nur auf Leinwand. Er hinterließ Abdrücke. Wer sie lesen will, findet den Zusammenhang in der Druckgrafik.
Holzschnitt und Malerei entwickeln sich bei Kandinsky nebeneinander. Was die 345 Exemplare von Klänge zeigen, ist die Spur des Messers: der Moment, in dem jeder Schnitt unwiderruflich entscheidet, was bleibt und was verschwindet. Der Reiter ist aus dem Holz herausgehoben. Übrig blieb, was übrig bleiben sollte.
Häufige Fragen zu Wassily Kandinsky
War Wassily Kandinsky wirklich der erste abstrakte Maler?
Die Frage hat keine einfache Antwort. Sein erstes gegenstandsloses Aquarell trägt das Datum 1910; Wikipedia datiert es auf 1910 bis 1913. Sicher ist: Er gehört zu den ersten Malern, die Gegenstandslosigkeit nicht als Experiment, sondern als eigenständige Bildsprache entwickelt und theoretisch begründet haben. Über das Geistige in der Kunst, erschienen Dezember 1911, war eines der ersten systematischen Traktate, die diese Praxis rechtfertigten.
Was ist das Buch Klänge von Kandinsky?
Klänge (1912) ist ein Künstlerbuch mit 56 Holzschnitten und 38 Prosagedichten, erschienen bei R. Piper & Co. in München in einer Auflage von 345 Exemplaren. Die Holzschnitte und Gedichte illustrieren einander nicht: Nach Wikipedia bilden sie zwei parallele Reihen. Kandinsky selbst sah darin die Spuren seiner Entwicklung vom Figurativen zum Abstrakten.
Was ist der Blaue Reiter?
Der Blaue Reiter war eine Künstlergruppe um Kandinsky und Franz Marc, 1911 in München gegründet, und zählt zum Expressionismus. Der Almanach Der Blaue Reiter erschien Anfang 1912 bei Piper; er enthielt nach Wikipedia Abbildungen von mehr als 140 Kunstwerken und 14 größere Aufsätze.
Hat Kandinsky am Bauhaus gelehrt?
Ja. Kandinsky unterrichtete ab 1922 am Bauhaus, zuerst in Weimar, später in Dessau und Berlin, bis zur Auflösung 1933. 1926 erschien sein Buch Punkt und Linie zu Fläche als Bauhausbuch Nr. 9. In Dessau bewohnte er mit Paul Klee ein Meisterhaus; Klee war schon 1912 in der zweiten Ausstellung des Blauen Reiters vertreten.
Was hat Kandinsky neben der Malerei hinterlassen?
Mehr als zweihundert Drucke, darunter die 56 Holzschnitte von Klänge. Hinzu kommen theoretische Bücher wie Über das Geistige in der Kunst (1911) und Punkt und Linie zu Fläche (1926).
Quellen und weiterführende Literatur
- Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst. R. Piper & Co., München 1911.
- Museum of Modern Art (MoMA), New York, Sammlungseinträge zu Klänge, Über das Geistige in der Kunst und Verses Without Words.
- Fine Arts Museums of San Francisco, Klänge.
- Encyclopaedia Britannica, Artikel "Wassily Kandinsky".
- Wikipedia, Artikel "Wassily Kandinsky", "Klänge", "Der Blaue Reiter".
- Christopher Short, Between Text and Image in Kandinsky's Oeuvre, Tate Papers 6 (2006).
Zuletzt aktualisiert am 06.10.2026.
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