Lithografie

Die Lithografie ist ein klassisches Flachdruckverfahren: Die Druckfläche wird weder geschnitten noch vertieft. Künstler zeichnen mit Kreide oder Tusche direkt auf einen Kalkstein. Der Stein unterscheidet selbst, was drucken soll und was nicht, über eine chemische Eigenschaft: Fett und Wasser stoßen sich ab.

München, 1796. Alois Senefelder hat kein Papier zur Hand und schreibt ein Wäscheverzeichnis mit seiner Tinte aus Wachs, Seife und Ruß auf einen geschliffenen Kalkstein. Die Wäscherin wartet. Er probiert danach, ob sich die Schrift durch Ätzen erhaben herausheben lässt, und entwickelt aus diesen Versuchen bis 1798 das chemische Flachdruckverfahren, die Lithografie.

Drucken ohne Schnitzen, direkt auf den Stein. Der Unterschied zu Radierung und Linolschnitt ist nicht graduell, er ist grundsätzlich. Bei Tiefdruckverfahren ritzt oder ätzt man Material weg. Bei Hochdruckverfahren schnitzt man weg, was nicht drucken soll. Als Flachdruckverfahren liegt beim Steindruck die zeichnende Fläche auf derselben Ebene wie der Rest des Steins. Der Künstler zeichnet so, wie er es auf Papier tun würde, nur vervielfältigbar.

Der Künstler zeichnet direkt auf den Stein, die Lithografie kommt deshalb dem Ausdruck der Originalzeichnung sehr nahe. Toulouse-Lautrec, Käthe Kollwitz und Pablo Picasso gehören zu den Künstlern, die auf dem Stein arbeiteten.

Wie funktioniert das Lithografie-Verfahren?

Steindruck nutzt eine chemische Reaktion, keine mechanische. Gezeichnete Bereiche ziehen Druckfarbe an. Befeuchtete Bereiche stoßen sie ab. Die Druckoberfläche ist vollständig flach, kein Relief, keine Vertiefung.

1. Den Stein schleifen

Der klassische Druckstein ist Solnhofer Kalkstein aus dem Fränkischen Jura: feinkristallin, mit einer Oberfläche, die sowohl Fett als auch Wasser aufnehmen kann. Für einen neuen Druck wird die Oberfläche mit Karborund und Wasser plan geschliffen. Die Körnung entscheidet über den Charakter: feiner Sand ergibt glatte Flächen für detaillierte Linien, grober Sand erzeugt eine raue Textur, die Kreidestriche körniger wirken lässt.

2. Direkt auf den Stein zeichnen

Dann zeichnet der Künstler mit Lithokreide oder Lithotinte direkt auf den Stein. Keine Schutzlackschicht wie bei der Radierung, keine Substanz, die abzutragen wäre. Jeder Strich, jede Fläche, jeder Verlauf landet ungefiltert auf der Druckoberfläche.

3. Die Zeichnung chemisch fixieren

Nach der Zeichnung fixiert eine Mischung aus verdünnter Salpetersäure und Gummi arabicum das Bild chemisch: die bezeichneten Stellen werden dauerhaft fettanziehend, die leeren dauerhaft wasseranziehend.

4. Anfeuchten, einfärben, drucken

Beim Drucken wird der Stein angefeuchtet, dann mit fetthaltiger Druckfarbe eingefärbt. Die Farbe haftet nur auf der Zeichnung. Ein Blatt Künstlerpapier wird aufgelegt, beides wandert durch die Steindruckpresse. Senefelder selbst färbte bei seinen frühen Versuchen mit einem Lederball ein, der mit Rosshaar gefüllt war. Der Abzug zeigt keinen Plattenrand wie bei der Radierung. Hat der Reiber den Stein überragt, zeichnet sich die Steinkante als Prägung im Papier ab. Wer wissen möchte, woran man das beim Kauf eines Originals erkennt: Originalgrafik erkennen.

Welche Künstler zeichneten auf dem Stein?

Kein Schnitt, direkte Zeichnung auf Stein: Die Lithografie kommt dem Ausdruck der Originalzeichnung sehr nahe. Toulouse-Lautrec, Honoré Daumier, Käthe Kollwitz und Pablo Picasso arbeiteten mit ihr.

Ein Kupferstecher schneidet jede Linie mit dem Stichel in das Metall. Ein Lithograf setzt sich hin und zeichnet. Honoré Daumier zeichnete auf den Stein, seine Lithografien erschienen in der Pariser Zeitschrift Le Charivari, die täglich herauskam.

Pierre Bonnards Plakat "France-Champagne" von 1891 beeindruckte Toulouse-Lautrec, und Bonnard brachte ihn zum Drucker Ancourt. Sein Plakat Moulin Rouge: La Goulue druckte 1891 aber die Firma Affiches Américaines, Charles Lévy; so verzeichnen es das Metropolitan Museum und das MoMA. Das Metropolitan Museum nennt dazu vier Farben auf drei Bögen. Gedruckt wurden wahrscheinlich etwa 3.000 Exemplare.

Henri de Toulouse-Lautrec, Moulin Rouge: La Goulue, 1891. Farblithografie in vier Farben.
Henri de Toulouse-Lautrec, Moulin Rouge: La Goulue, 1891. Farblithografie. Public Domain.

M.C. Escher arbeitete hauptsächlich in Lithografie und Holzschnitt. Reptiles (1943) und Belvedere (1958) sind Lithografien. Toulouse-Lautrec setzte die Crachis-Technik ein: Lithotinte, mit einer in die Tinte getauchten Zahnbürste aufgespritzt, ergibt einen feinen Tintennebel. Für Miss Loïe Fuller von 1893 nutzte er dieselben fünf Steine für rund sechzig Abzüge, jeder anders eingefärbt, einige mit Metallpigment bestäubt. Wie sich diese selbst gezeichnete Jugendstil-Lithografie von der arbeitsteiligen Art-Deco-Produktion unterscheidet, zeigt Jugendstil vs. Art Deco. Käthe Kollwitz fertigte die ersten drei Blätter ihres Weberaufstand-Zyklus (1893 bis 1897) als Lithografien; der Zyklus verbindet Lithografien und Radierungen.

Edvard Munch fertigte 1895 die Lithografie des Schrei; etwa 45 Abzüge entstanden, bevor der Drucker den Stein wiederverwendete. Die Staatsgalerie Stuttgart besitzt Abzüge der Lithografie. In Wien gestaltete Oskar Kokoschka 1908 das Lithografie-Bilderbuch Die träumenden Knaben mit zwei Schwarzweiß- und acht Farblithografien.

Pablo Picasso kam im Herbst 1945 in die Werkstatt Mourlot in Paris. Die Werkstatt existierte zu diesem Zeitpunkt bereits seit fast hundert Jahren: François Mourlot hatte sie 1852 gegründet, zunächst für Tapeten; sein Sohn Jules erweiterte das Geschäft um Schokoladen-Etiketten, unter anderem für Chocolat Poulain. Fernand Mourlot konvertierte ab den 1920ern einen Standort zu Fine-Art-Lithografie. Mourlot und Matisse begegneten sich 1937 über ein Plakat. Laut Wikipedia hatten Matisse und Georges Braque Picasso zu Mourlot ermutigt. Den Vergleich der beiden in der Druckgrafik führt eine eigene Seite aus. Die Picasso-Sammlung des Sammlers Gert Huizinga bildet den Grundstock des Kunstmuseum Pablo Picasso Münster.

Von Dezember 1945 bis Januar 1946 schuf Picasso Le Taureau, eine Lithografie in elf Zuständen; der elfte und letzte Zustand ist auf den 17. Januar 1946 datiert. Vom ersten Zustand entstanden nur zwei oder drei Abzüge. Von Zustand zu Zustand vereinfachte Picasso das Bild, bis nur noch wenige Linien den Stier bilden. Seine Tage in der Werkstatt begannen oft um 8.30 Uhr und endeten nach 20 Uhr.

Später schuf Helen Frankenthaler Lithografien; Orange Hoop von 1965 gab Universal Limited Art Editions (ULAE) heraus.

Was unterscheidet Farblithografie von Chromolithografie?

Farblithografie bezeichnet allgemein den mehrfarbigen Steindruck: für jede Farbe ein eigener Stein, separat gezeichnet und gedruckt. Chromolithografie ist die industrielle Ausprägung dieser Technik, entwickelt und patentiert im 19. Jahrhundert für die Massenproduktion mit einem Dutzend Farbdurchgängen und mehr.

Von Picassos Schwarz-Weiß-Stein zu Lautrecs vier Farben: Die Lithografie kennt auch den Mehrfarbendruck, und seine Geschichte reicht weit über das Künstler-Atelier hinaus.

Eine einfarbige Lithografie braucht einen Stein. Eine Farblithografie braucht so viele Steine wie Farben. Jede Farbschicht wird separat gezeichnet, chemisch fixiert, gedruckt und passgenau ausgerichtet. Passerkreuze auf den Steinen stellen sicher, dass die Farben exakt übereinanderliegen.

Godefroy Engelmann aus Mülhausen erhielt im Juli 1837 ein Patent auf die Chromolithografie. Ob das Verfahren schon früher in Gebrauch war, ist umstritten. Mehrfarbenlithografie mit einem Dutzend separaten Farbdurchgängen war keine Ausnahme, besonders für Plakate und Buchillustrationen. Toulouse-Lautrecs La Goulue mit vier Farben war für seine Zeit eher schlank. Die Chromolithografie war bis in die 1930er-Jahre das gängige Verfahren für hochwertige farbige Illustrationen. Wie sich die Fotolithografie davon unterscheidet, erklärt eine eigene Seite.

Zeitgenössische Lithografen zeigen, dass die Technik weiterlebt. Georgia Green arbeitet neben Siebdruck und Risographie auch mit Steinlithografie; sie hat sie bei Simon Burder in der Werkstatt Oaks Editions in London gelernt. Jemma Gunning hat Lithografie an einer Universität in Bristol unterrichtet.

Joan Miró arbeitete ab 1948 ebenfalls bei Mourlot; aus der Zusammenarbeit mit Fernand Mourlot gingen nach Wikipedia über tausend Lithografie-Editionen hervor. Wer Marc Chagall als Lithografen verstehen möchte, findet dort eine eigene Seite.

Die Technik ist lebendig geblieben, weil der Stein etwas kann, was kein anderes Medium vollständig ersetzt. Den Unterschied zwischen Siebdruck und Lithografie erklärt eine eigene Vergleichsseite. Die Geschichte der Chromolithografie als Massenmedium des 19. Jahrhunderts geht dort tiefer.

Wie erkennt man eine originale Lithografie?

Der Offsetdruck geht auf den Steindruck zurück, deshalb gibt es Reproduktionen, die auf den ersten Blick wie Lithografien wirken. Den wichtigsten Unterschied zeigt die Druckstruktur unter der Lupe.

Signatur und Editionsnummer. Bei den Werken im Studio Sonsu steht die Signatur in Bleistift rechts unter dem Druck, bei Editionen die Editionsnummer (z.B. 7/25) links. Beim Tamarind Institute in Albuquerque kommt zu jeder Auflage ein von Künstler und Drucker unterschriebenes Dokumentationsblatt dazu.

Unter der Lupe: Offsetdruck von Bildvorlagen zeigt unter Vergrößerung meist Rasterpunkte.

Anders als bei Radierungen gehört bei Lithografien kein Plattenrand zum Verfahren. Eine Prägung der Steinkante kommt vor, wenn der Reiber den Stein überragte. Den technischen Systemvergleich zwischen Steindruck und industriellem Offset erklärt Lithografie vs. Offsetdruck. Ausführlichere Kriterien, um Originale von Kunstdrucken zu unterscheiden, sowie Fachbegriffe wie "Abzug" oder "Auflagenhöhe" im Glossar Druckgrafik helfen beim Kauf weiter.

Häufige Fragen zur Lithografie

Was ist eine Lithografie?

Der Name kommt aus dem Griechischen: lithos (Stein) und graphein (schreiben). Eine Lithografie ist ein Druckverfahren, bei dem der Künstler mit fetthaltiger Kreide oder Tusche direkt auf einen Kalkstein zeichnet. Das Lithografie-Verfahren nutzt die gegenseitige Abstoßung von Fett und Wasser: Druckfarbe haftet nur auf den gezeichneten Bereichen.

Was ist der Unterschied zwischen Lithografie und Chromolithografie?

Lithografie bezeichnet das Grundverfahren mit einem Druckstein, meist einfarbig. Chromolithografie ist die Mehrfarb-Variante: für jede Farbe ein eigener Stein, ein Dutzend Farbdurchgänge war keine Ausnahme. Laut englischsprachiger Wikipedia war die Chromolithografie im 19. Jahrhundert das erfolgreichste Verfahren für farbige Drucke, bis billigere Verfahren sie verdrängten.

Was ist der Unterschied zwischen Lithografie und Lithographie?

Zwei Schreibweisen, ein Verfahren. Der Duden empfiehlt "Lithografie" und führt "Lithographie" als Nebenform. Die Form mit ph begegnet dir noch häufig in Auktionskatalogen und kunsthistorischen Texten.

Wie erkennt man eine Farblithografie als Original?

Offsetdruck von Bildvorlagen zeigt unter der Lupe meist Rasterpunkte. Wie du ein Original sonst erkennst, erklärt Originalgrafik erkennen.

Wird Steindruck heute noch praktiziert?

Ja. Der Offsetdruck, ebenfalls ein Flachdruckverfahren, geht auf den Steindruck zurück; als künstlerisches Druckverfahren ist der Steindruck aktiv. Werkstätten bieten Zugang zu Steindruckpressen. In Deutschland wird für die Lithografie häufig Kalkstein aus der Gegend von Solnhofen benutzt. Verwandte Verfahren behandeln die Seiten zur Fotolithografie und zur Cyanotypie. Alternativen wie Zink- oder Aluminiumplatten, eine Variante, die als Algrafie bekannt ist, kommen ebenfalls zum Einsatz. Einen ausführlichen Vergleich von Druckcharakter und Entscheidungslogik bietet Steinlithografie vs. Aluminium.

Quellen und weiterführende Literatur

Zuletzt aktualisiert am 04.10.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover.

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