Giclée vs. Originalgrafik: Was der Name verschleiert
Giclée (vom französischen gicler, spritzen) ist hochwertiger Tintenstrahldruck auf Künstlerpapier: ein Digitaldruck ohne physische Druckform.
Am 1. Juli 1991 öffnete in Manhattan Beach Nash Editions, das Studio von Graham Nash, Mitglied von Crosby, Stills & Nash. Im Zentrum stand ein IRIS Graphics 3047, ein industrieller Proof-Drucker der Druckvorstufe. Nash hatte ihn laut Wikipedia für 126.000 US-Dollar gekauft, nach Nash Editions 1989, nach Wikipedia im Juli 1990. Das Papier ist auf eine Trommel gespannt, die sich mit 150 Inch pro Sekunde dreht. Vier Glasdüsen von je einem Mikrometer erzeugen Tropfen im Takt von einem Megahertz.
Der Druckgrafiker Jack Duganne, der bei Nash Editions arbeitete, brauchte einen Namen für das, was dieser Drucker produzierte. Nach Wikipedia wollte er die Drucke von den gewöhnlichen IRIS-Proofs der Druckindustrie abheben. Er griff auf das Französische zurück: Das Verb "gicler" bedeutet spritzen, das Hauptwort "gicleur" ist die Düse. Nash und Mac Holbert, der Leiter von Nash Editions, nannten ihre Drucke selbst "Digigraphs".
Was genau beim Vergleich giclee vs originalgrafik auf dem Spiel steht, ist nicht Qualität gegen Qualität, sondern Prozess gegen Prozess. Was aus dieser Trommel kommt, und was aus einer Radierpresse kommt, ist der Gegenstand dieser Seite.
Wie entsteht das Bild auf dem Papier?
Der IRIS 3047 spannt das Papier auf eine rotierende Trommel. Vier Düsen erzeugen ununterbrochen Tropfen im Takt von einem Megahertz. Die Tropfen, die das Bild braucht, treffen das Papier, alle anderen lenkt das Gerät elektrostatisch ab. Kein Raster, kein mechanischer Kontakt. Das Papier empfängt Farbe; es wird nicht gedrückt, nicht geprägt, nicht berührt.
Auf der anderen Seite steht eine Kupferplatte. Bei einer Radierung wie Jemma Gunnings "Basement" zieht die Radiernadel die Zeichnung durch den Ätzgrund und legt dort das Kupfer frei. Die Platte kommt in Säure, die nur in die bloßgelegten Stellen ätzt. Dann trägt Gunning Farbe in die Vertiefungen, wischt die Oberfläche ab und legt ein feuchtes Blatt Papier auf. Die Druckpresse übt Druck aus. Das weiche Papier gibt nach, dringt in die Tintentaschen ein, nimmt Farbe auf, und wird an den Außenkanten der Platte verformt. Nicht aufgesprüht. Gedrückt.
Das ist der kategoriale Unterschied. Beim Giclée-Druck trifft Tinte auf Papier. Bei der Radierung formt Druck das Papier.
Doch was die Trommel auf dem Papier hinterlässt und was die Presse hinterlässt, siehst du erst, wenn du das Blatt umdrehst.
Was bleibt auf dem Papier?
Der Plattenrand. Bei Tiefdruckverfahren wie der Radierung (Tiefdruckfamilie Intaglio, zu der auch Kaltnadel und Aquatinta gehören) hinterlässt die Kante der Druckplatte eine scharfe Prägung im Papier. Diese Kante ist keine Dekoration und kein Qualitätsmerkmal. Sie ist das physikalische Resultat des Pressdrucks: Die Plattenkante wird in das feuchte Papier gedrückt.
Beim Giclée-Druck fehlt diese Spur. Die Oberfläche ist glatt und gleichmäßig, weil kein mechanischer Kontakt zwischen Druckform und Papier stattgefunden hat.
Auch der Siebdruck hat eine Druckform, das Sieb: Die Farbe geht von oben durch das Sieb auf das Papier. Giclée und Originalgrafik teilen sich Papier und manchmal denselben Rahmen. Was sie trennt, ist der Prozess dahinter.
Ein Giclée kann auf demselben Künstlerpapier mit 300 g/m² gedruckt werden wie ein handgedruckter Druck. Die physische Spur bleibt trotzdem eine andere. Du kannst den Rücken eines Blatts abtasten. Spürst du eine umlaufende Prägekante, spricht das für einen Tiefdruck von einer Druckplatte.
Wenn du das nicht spürst, brauchst du eine Lupe.
Was zeigt die Lupe?
Du brauchst keine Spezialausrüstung, nur eine einfache Lupe.
Unter der Lupe zeigt ein Giclée-Druck nach einer Erkennungsanleitung von eHow keine Halbtonpunkte, und das Bild zerfällt nicht; die Töne gehen dort glatt ineinander über, weil die Tinte in mikroskopisch kleinen Tröpfchen aufgetragen wird. Eine Prägung durch eine Druckplatte findest du dort nicht.
Bei einem Tiefdruck wie einer Radierung kommt das Bild dagegen von einer Druckplatte: Gedruckt wird, was in ihren Vertiefungen Farbe hält.
Auch bei anderen Druckgrafik-Verfahren hilft die Lupe: Holzschnitt zeigt die Schnittspuren des Werkzeugs, Lithografie die Spur von Fettkreide oder Feder auf dem Stein, Linolschnitt zeigt die charakteristischen Schnittkanten.
Ein Hinweis zur Vorsicht: Ab 2002 verkauften Betrüger über eine Kunstauktions-Fernsehshow gefälschte Werke für weit über 20 Millionen US-Dollar, so das US-Justizministerium, darunter selbst gedruckte Fälschungen, die sie im Namen der Künstler signierten. Ein Galerie-Blog beschreibt außerdem, wie Fälscher Giclée-Drucke von Hand mit Textur versehen. Textur und Signatur allein beweisen also nichts.
Allein entscheidet die Lupe trotzdem nicht: Nach einem Galerie-Ratgeber erkennt sie vor allem mechanische Reproduktionen wie Offsetdrucke an ihren Rasterpunkten, einen Giclée nicht sicher. Wie lange das Bild hält, ist eine andere Frage.
Wie lange hält das Bild?
Hier liegt die größte Überraschung des Giclée-Narrativs.
In Nash Editions entstand der Name "Giclée". Bis 2003 ersetzte das Studio die IRIS-Drucker durch Epson-Großformatdrucker. Die IRIS-Drucker arbeiteten mit Farbstofftinten, die nach Angabe eines Fine-Art-Druckdienstleisters schnell verblassten.
Für Epsons Pigmenttinten UltraChrome HD und HDX nennt Wilhelm Imaging Research eine Lichtbeständigkeit von bis zu 200 Jahren, je nach Papier. Nach PermaJet verlangt die Fine Art Trade Guild für Giclée-Papiere einen bestandenen Blue-Wool-Test, den der Papierhersteller mit einer Lichtbeständigkeit von etwa 85 Jahren gleichsetzt.
Epson selbst schreibt in einer Kunden-FAQ zu einem älteren Drucker, archivfeste Tinten auf geeigneten Medien könnten bei richtiger Lagerung bis zu 200 Jahre halten. Im selben Absatz steht: Epson garantiert die Haltbarkeit von Ausdrucken nicht. Eine Haltbarkeitsangabe ist also keine Zusage.
Die ehrlichere Aussage: Haltbarkeit ist kein automatisches Merkmal des Verfahrens. Sie hängt von Materialentscheidungen ab: Papierqualität, Tintenchemie, Lagerung. Ein guter Giclée auf säurefreiem Künstlerpapier mit mindestens 250 g/m² und Pigmenttinten kann deutlich länger halten als ein schlechter Original-Abzug auf minderwertigem Papier. Der Unterschied ist nicht das Verfahren an sich, sondern die Erfahrungsbasis: Für Originalgrafik existieren Jahrhunderte dokumentierter Alterung. Für Giclée gibt es seit 1991 gut drei Jahrzehnte Erfahrung.
Was steckt in den Kosten?
Ein Giclée lässt sich drucken, sobald die Bilddatei steht.
Die handgedruckte Originalgrafik beginnt nicht mit Papier und Tinte, sondern mit der Platte. Trevor Price, der seit weit über dreißig Jahren Kaltnadelradierungen, gravierte Reliefdrucke und großformatige Holzschnitte macht, beschreibt es so: Bei größeren Arbeiten können zwei oder mehr Monate Plattenbearbeitung vergehen, bevor der erste Probedruck abgezogen wird. Und dieser erste Abzug bringt den entscheidenden Moment: Für Price ist das ein ängstlicher Augenblick, weil der Spielraum für Fehler klein ist ("It can easily take two or more months of platemaking with the larger works before the first print is taken, and with little room for error this first proof can be an anxious moment.").
Maxine Gregson, die Siebdrucke handdruckt, sagt es direkt: "The printing of my pieces are a big part of my creative process, I don't see it as a separate thing. I make adjustments to colours and artwork along the way."
Was bezahlst du also, wenn du Originalgrafik kaufen möchtest? Arbeitszeit, handwerkliche Kontrolle, die Tatsache, dass diese spezifische Platte in diesen spezifischen Händen zu diesem Papier geführt hat. Bei Originalgrafik schwankt die Arbeitszeit von Werk zu Werk zu stark, um sie in eine Zahl zu fassen.
Was bedeutet der Unterschied beim Kauf?
Die Grenze zwischen Giclée-Druck und Originalgrafik ist nicht durch Papierqualität oder Tintenchemie überbrückbar.
Giclée hat keine physische Druckform. Originaldruck hat eine. Das ist die binäre Grenze. Ein Giclée auf 350 g/m² Baumwollpapier mit Pigmenttinten ist ein hochwertiger Giclée. Er ist kein Originaldruck.
Beim Kauf prüfst du drei Dinge: den Plattenrand (oder eine vergleichbare verfahrensbedingte Spur), die Linienstruktur unter Vergrößerung, und die handschriftliche Signatur mit Auflagennummer. Bei Jemma Gunnings "Basement", einer Kupferradierung, sind alle drei vorhanden: der Plattenrand als scharfe Prägekante, die individuellen Linienspuren der Radiernadel unter der Lupe, und die bleistiftgeschriebene Nummer unter dem Bild. Keins davon beweist allein etwas, Signaturen lassen sich fälschen. Zusammen sprechen sie für einen Originaldruck.
Wer mehr über physische Tests beim Kauf wissen möchte, findet auf Originalgrafik erkennen eine detaillierte Schritt-für-Schritt-Anleitung. Wie sich das beim Sammeln über die Zeit anfühlt, beschreibt Druckgrafik sammeln und erkennen. Wer eine Arbeit langfristig erhalten will, findet unter Druckgrafik pflegen praktische Hinweise zu Lagerung und Lichtverhältnissen.
Wer diese Spuren sucht und findet, hat den Unterschied nicht nur verstanden. Er hat ihn gesehen.
Häufige Fragen zu Giclée vs. Originalgrafik
Was ist der Unterschied zwischen Giclée und Original-Druckgrafik?
Giclée ist digitaler Tintenstrahldruck auf Künstlerpapier, ohne physische Druckform, die das Papier berührt. Originaldruck entsteht aus einer Druckform (Kupferplatte, Holzblock, Kalkstein, Sieb), von der auf Papier gedruckt wird. Der Druck von einer Druckform hinterlässt verfahrenstypische Spuren, etwa Plattenrand, Linienstruktur oder Relieftextur. Bei Giclée fehlen diese physischen Spuren.
Kann man Giclée von Originalgrafik mit bloßem Auge erkennen?
Oft nicht auf Anhieb, bei optimalen Bedingungen schon: Originaldruck zeigt häufig einen Plattenrand und tastbare Textur. Die Lupe hilft weiter: Rasterpunkte deuten auf eine mechanische Reproduktion wie den Offsetdruck. Ein Raster-Siebdruck zeigt allerdings auch Rasterpunkte, und einen Giclée erkennt die Lupe allein nicht sicher.
Wie lange hält ein Giclée-Druck?
Das hängt stark von Papier und Tinte ab. Mit säurefreiem Künstlerpapier (mindestens 250 g/m²) und Pigmenttinten können gute Giclée-Drucke nach Herstellerangaben Jahrzehnte halten. Für Farbdrucke mit Epsons Pigmenttinten UltraChrome HD und HDX nennt Wilhelm Imaging Research bis zu 200 Jahre, je nach Papier. In einer FAQ zu einem älteren Drucker schreibt Epson, dass es die Haltbarkeit von Ausdrucken nicht garantiert.
Warum heißt Tintenstrahldruck plötzlich "Giclée"?
Der Begriff wurde nach Wikipedia 1991 vom Druckgrafiker Jack Duganne bei Nash Editions in Manhattan Beach geprägt. Duganne wollte die Drucke von den gewöhnlichen IRIS-Proofs der Druckindustrie abheben. "Giclée" kommt vom Französischen "gicler" (spritzen) und "gicleur" (Düse). Der neue Name veränderte das Verfahren nicht. Er änderte die Wahrnehmung.
Ist ein Giclée-Druck ein Original?
Das hängt von der Definition ab, die man anlegt. Als Reproduktion eines vorhandenen Werks ist er kein Original. Als selbstständiges, nummeriertes und signiertes digitales Druckwerk kann er in manchen Kontexten als Edition betrachtet werden. Er ist aber keine Originalgrafik im druckgrafischen Sinn, weil keine handgefertigte Druckform existiert. Wer die Unterscheidung für Sammlungszwecke oder beim Kauf treffen möchte, prüft signiert und nummeriert plus physische Verfahrensspuren.
2005 schenkte Graham Nash den ersten IRIS 3047 von Nash Editions dem National Museum of American History der Smithsonian Institution in Washington. Der Drucker, dessen Ausdrucke einen neuen Namen bekamen, ist ein Museumsobjekt geworden.
Quellen und weiterführende Literatur
- Nash Editions, About Us. Gründungsgeschichte des Studios, IRIS 3047, Wechsel zu Epson bis 2003.
- Wikipedia: Graham Nash (Nash Editions, IRIS 3047, Schenkung 2005), Giclée (Begriff, Jack Duganne), Iris printer (technische Daten).
- The Fitzwilliam Museum, Vive la différence: Techniques (Radierung, Lithografie).
- Epson, FAQ zur Lebensdauer von Ausdrucken. Rangefinder, How Long Will a Photo Print Last (Wilhelm-Bewertungen).
- PermaJet, Was ist ein Giclée-Druck. Papieranforderungen, Blue-Wool-Test.
- eHow, How to Identify Giclee. Merkmale unter der Lupe.
- Russell Tether Fine Art (Galerie-Blog), How to Avoid Giclee Print Scams. Skink Ink (Druckdienstleister), Giclee Printing FAQ.
- U.S. Department of Justice, Central District of California, Pressemitteilung 2010 zum Fall Fine Art Treasures Gallery.
- Jealous Gallery, Interview with Maxine Gregson. Druckprozess als kreativer Kern der Siebdruck-Arbeit.
Zuletzt aktualisiert am 03.10.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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