Mezzotinto: Die Drucktechnik, die vom Schwarz ausgeht
Mezzotinto, auch Schabkunst oder Schwarzkunst genannt, ist ein Tiefdruckverfahren, das in seiner üblichen Form vom Schwarz ausgeht: Die Metallplatte wird zuerst vollständig aufgeraut, bis sie bei einem Probedruck tiefschwarz erscheint. Das Bild entsteht, indem der Künstler helle Stellen glättet, Licht aus der Fläche herausholt, nicht Dunkelheit aufträgt. Diese Umkehrlogik steht hinter den samtigen Tonübergängen, für die das Verfahren bekannt ist.
London, März 1661. Prince Rupert of the Rhine, ein Cousin des englischen Königs Karl II., zeigt dem Tagebuchschreiber und Kunstkenner John Evelyn ein neues Verfahren. Evelyn notiert am 13. März in sein Tagebuch: "This afternoon, Prince Rupert showed me, with his own hands, the new way of graving, called mezzo tinto, which afterward, by his permission, I published in my History of Chalcography; this set so many artists on work, that they soon arrived to the perfection it is since come to, emulating the tenderest miniatures."
Was Evelyn 1662 in seinem Buch Sculptura als Beispiel abbildet, ist Ruperts Head of the Executioner, ein Gesicht, das aus absolutem Schwarz hervortritt, als hätte es jemand nicht gezeichnet, sondern freigelegt. Der Effekt ist neu. Die Technik selbst beschreibt Evelyn nach Wikipedia nur in sehr rätselhaften Worten.
Was ist Mezzotinto und warum ist es ein Sonderfall?
Die meisten anderen Tiefdruckverfahren teilen eine Grundlogik: Auf einer glatten Platte entstehen durch Ritzen, Ätzen oder Schneiden Vertiefungen, die Farbe aufnehmen. Die unbearbeiteten Flächen drucken weiß. Der Künstler arbeitet von hell nach dunkel. Das übliche Mezzotinto kehrt diese Logik um.
Eine verwandte Technik ohne Wiegeisen ist der Carborundum-Druck, bei dem Siliziumkarbidpulver auf die Platte aufgebracht wird und ähnlich samtige Flächen erzeugt. Beim klassischen Mezzotinto wird die gesamte Platte mit einem Werkzeug namens Wiegeisen (englisch: Rocker) gleichmäßig aufgeraut. Diese aufgeraute Fläche hält so viel Druckfarbe fest, dass ein Probeabzug vollständig schwarz wäre. Von diesem Schwarz arbeitet der Künstler zurück: Er schabt und poliert Stellen mit Schaber und Polierstahl glatt. Je glatter die Oberfläche, desto heller druckt sie. Vollständig polierte Flächen geben kein Grau mehr, sondern Weiß.
Das Ergebnis sind Tonübergänge, die fließend von Tiefschwarz bis Weiß verlaufen, ohne Linien oder Schraffur. Erst unter der Lupe wird eine regelmäßige Struktur sichtbar. Eine Qualität, die der Technik den Namen gab: Mezzotinto, Italienisch für "halber Ton".
Das gleichmäßige Aufrauhen am Anfang verlangt nach der englischen Wikipedia keine große Kunstfertigkeit; früher übernahm es meist ein Lehrling.
Im Studio Sonsu Sortiment gibt es derzeit kein Mezzotinto. Die Radierungen und Intaglio-Arbeiten im Grid zeigen verwandte Tiefdruck-Techniken aus derselben Werkstattfamilie.
Wie entsteht ein Mezzotinto? Das Wiegeisen und die Technik des Schabens
1. Das Wiegeisen vorbereiten
Das Wiegeisen ist ein Stahlwerkzeug mit einer gewölbten, gezahnten Klinge. Ein heute übliches Wiegeisen ist nach Wikipedia etwa fünf Zoll breit und trägt zwischen 45 und 120 Zähne pro Zoll.
2. Die Kupferplatte aufrauen
Das Werkzeug wird schaukelnd über die Kupferplatte bewegt, immer wieder, in alle Richtungen, bis keine Fläche mehr unbehandelt ist. Kupfer ist das übliche Material.
3. Von der schwarzen Fläche ins Licht schaben
Nach dem Aufrauhen beginnt die eigentliche Bildarbeit. Mit einem Dreikantschaber und einem Polierstahl arbeitet der Künstler von der schwarzen Fläche zurück ins Licht. Ein breiter Strich des Schabers erzeugt ein diffuses Hellgrau. Wiederholtes Polieren einer Stelle ergibt ein satteres Weiß. Wer zu weit geht und zu viel glättet, kann die Rauheit nicht einfach zurückbringen. Die Stelle muss neu aufgeraut werden.
Woher kommt die Technik? Von Siegen, Prince Rupert und die englische Manier
Wer das Mezzotinto erfunden hat, beantworten die Quellen unterschiedlich. Nach der heutigen Mehrheitsmeinung erfand Ludwig von Siegen das Verfahren 1642. Das Metropolitan Museum nennt Siegen und Prince Rupert als zwei Amateurkünstler, die es fast gleichzeitig und offenbar unabhängig voneinander fanden.
Amsterdam, 1642: Ludwig von Siegen, ein deutscher Offizier, der zuvor am Hof von Hessen-Kassel gedient hatte, entwickelt ein erstes Schabkunst-Verfahren. Er arbeitete mit Rouletten, gezahnten Rädchen (verwandt mit den Werkzeugen der Crayon-Manier). Sein frühestes bekanntes Mezzotinto ist ein Porträt der Landgräfin Amalie Elisabeth von Hessen-Kassel.
Von Siegens Methode unterschied sich grundlegend von dem, was wir heute als Mezzotinto kennen: Er nutzte Rouletten, nicht das Wiegeisen. Er arbeitete von hell nach dunkel und raute die Platte nur dort mit der Roulette auf, wo Töne entstehen sollten, nicht die gesamte Platte zuerst.
Das Wiegeisen gilt als Entwicklung von Prince Rupert, und mit ihm wurde die Vollschwarz-Logik zum Standard. Er brachte das Verfahren 1660 an den Hof Karls II. nach London. Sein bekanntestes und größtes Blatt, "The Great Executioner" (1658), ein Bogen von 63,5 × 44,3 cm, entstand noch vor seiner Rückkehr nach England. Das Metropolitan Museum of Art erwarb ein Exemplar davon 2015.
England wurde das Zentrum der Technik. Frankreich nannte Mezzotinto "la manière anglaise". Wallerant Vaillant, ein in Lille geborener Maler in Holland und zeitweise Ruperts Assistent, wurde der erste professionelle Mezzotinto-Stecher und machte die Methode kommerziell bekannt. Im 18. Jahrhundert entstanden allein nach Porträts von Joshua Reynolds über vierhundert Mezzotintos verschiedener Stecher. Für viele Menschen waren Mezzotintos nach Britannica das einzige Mittel, die Gemälde großer Künstler kennenzulernen.
Von Beginn an diente Mezzotinto vor allem dazu, Ölgemälde in Druckform zu übersetzen; nur wenige Künstler nutzten es für eigene Kompositionen. Der weiche Tonverlauf ahmte die Übergänge der Ölfarbe nach, wie sie ein Linienstich nach Cooper Hewitt nur selten erreichte. Für J.M.W. Turners Liber Studiorum (1807 bis 1819) arbeiteten nach der englischen Wikipedia die mit ihm zusammenarbeitenden Stecher seine Radierungen in Mezzotinto aus, ein Projekt mit 71 Drucken, das die Landschaftsgattung in sechs Kategorien einteilte und das die Romantik als Epoche der Druckgrafik sichtbar macht.
Warum verschwand Mezzotinto fast vollständig?
Mezzotinto hat seinen Job verloren. Das ist kein Versagen der Technik, sondern eine obsolete Jobdefinition: Der Job war, Ölgemälde für Menschen reproduzierbar machen, die keine Gemälde besaßen. Fotografie konnte dasselbe billiger und schneller.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wird Mezzotinto nur noch wenig genutzt, weil Lithografie und andere Verfahren vergleichbare Ergebnisse leichter lieferten. Nach der Erfindung der Fotografie wurde Mezzotinto als Reproduktionsmedium kaum noch gebraucht.
Ein weiterer Faktor: die begrenzten Auflagen. Eine Kupferplatte liefert nur eine kleine Zahl erstklassiger Abzüge, bevor die fein aufgeraute Oberfläche nachlässt. Die Angaben schwanken: Die englische Wikipedia nennt vielleicht ein- bis zweihundert gute Abzüge, die deutsche weniger als hundert.
Kenner bevorzugen deshalb frühe Abzüge, gezogen, solange der Grat frisch ist. Für größere Auflagen wurden Platten verstählt oder gleich aus Stahl gefertigt. William Say, ein englischer Mezzotinto-Stecher, schabte 1820 ein kleines Porträt der Königin Caroline auf Stahl, nach Wikipedia der erste Versuch dieser Art. Von dieser Platte wurden 1.200 Abzüge genommen.
John Martin arbeitete trotzdem in großem Maßstab mit Mezzotinto. Für seine "Illustrations of Paradise Lost", zwischen 1825 und 1827 in Lieferungen erschienen, schuf er 24 Mezzotinto-Platten und einen zweiten Satz von 24 auf kleineren Platten. Martin betont in diesen Blättern nach der Public Domain Review den Teufel und die Dunkelheit und setzt Licht und Schatten für die Dramatik der Szenen ein.
Wie kam Mezzotinto zurück? Hamaguchi, e.e. cummings und São Paulo 1957
Im 20. Jahrhundert wird Mezzotinto wiederbelebt. Die englische Wikipedia nennt Frank Short in Großbritannien und Peter Ilsted in Dänemark als Pioniere der Wiederbelebung, Britannica nennt Georges Rouault und Stanley William Hayter und als bedeutendsten Fürsprecher der Jahrhundertmitte Yozo Hamaguchi.
Yozo Hamaguchi (1909–2000), ein japanischer Künstler, lebt in den 1930er Jahren in Paris, lernt dort das Mezzotinto kennen und freundet sich mit dem amerikanischen Dichter e.e. cummings an. Was cummings ihm schenkt und wann, überliefern die Quellen unterschiedlich: Wikipedia nennt Tiefdruckwerkzeuge in den 1930er Jahren, das Smithsonian ein Wiegeisen und an anderer Stelle das Jahr 1953. Bei Kriegsbeginn 1939 kehrt Hamaguchi nach Japan zurück, 1953 geht er wieder nach Frankreich.
Ab 1955 entwickelt Hamaguchi das Farb-Mezzotinto weiter, das Jacob Christoph Le Blon im frühen 18. Jahrhundert mit drei und vier Platten erprobt hatte. Er arbeitet mit mehreren Kupferplatten pro Bild: Für seine Komposition Twenty-Two Cherries (1988) besitzt das Smithsonian elf Platten.
1957 wird er auf der Biennale von São Paulo in der Abteilung für internationale Druckgrafik ausgezeichnet, für drei Blätter: Fish and Fruits, Sole und Two Slices of Watermelon.
Zwischen 1991 und 1995 entsteht in der Vorpal Gallery eine Suite, benannt nach dem Dichter, der ihm das Werkzeug geschenkt hatte: die e.e. cummings Suite. Zwanzig Farbvarianten von Twenty-Two Cherries, jede betitelt mit einer der ersten zwanzig Zeilen aus cummings' Gedicht "anyone lived in a pretty how town" (1940), dazu eine Zusatzversion, Magenta Cherries. Das Smithsonian nannte 2020 in seiner Sammlung 34 Druckplatten Hamaguchis.
Hamaguchi arbeitet bis 1993 in Mezzotinto, dann zieht er sich aus der Druckgrafik zurück.
Wie erkennt man ein originales Mezzotinto?
Man hält das Blatt schräg gegen Licht, tritt näher heran, sucht mit dem Finger den Rand. Ein Mezzotinto gibt sich über mehrere Beobachtungen zu erkennen. Einzeln treffen viele davon auch auf andere Drucktechniken zu.
An der Tonalität: Die Übergänge von Schwarz nach Grau nach Weiß verlaufen ohne erkennbare Linien. Je näher man herantritt, desto schwerer ist es, eine Grenze zu finden. Unter der Lupe zeigen sich nach der deutschen Wikipedia kleine, regelmäßige Kreuzchen oder Sternchen, die an den Kreuzpunkten der vorbereitenden Wiegeschnitte entstehen.
Am Plattenrand: Wie bei anderen Tiefdruckverfahren (Radierung, Kupferstich, Kaltnadel) hinterlässt die Plattenkante beim Druck einen scharfen Abdruck im Papier, den man mit einem Finger ertasten kann. Wer sich nicht sicher ist, hält das Papier schräg ins Licht und sieht den Rand als Kontur.
Für frühe Werke gilt zusätzlich, dass Mezzotintos in aller Regel auf Kupfer entstanden; der erste Versuch auf Stahl datiert nach Wikipedia von 1820. Kenner bevorzugen frühe Abzüge, gezogen, solange der Grat der Platte frisch ist. Bei modernen Werken geben Signatur und Angaben zur Auflage Auskunft. Für eine ausführlichere Erklärung, was einen Originaldruck von einer Reproduktion unterscheidet, lohnt sich die Seite zu Original und Kunstdruck.
Wer die Technik und ihre Verwandten in der Tiefdruckfamilie verstehen will, findet dort den breiteren Kontext.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Mezzotinto und Aquatinta?
Beide sind Tiefdruckverfahren für Tonwerte ohne sichtbare Linien. Aquatinta erzeugt Tonwerte durch Ätzen: Kolophoniumstaub wird auf die Platte aufgeschmolzen, die freiliegenden Metallstellen werden in Säure geätzt. Mezzotinto erzeugt Tonwerte durch mechanisches Aufrauhen: Das Wiegeisen drückt feine Zähne ins Kupfer, ohne Säure. Aquatinta beginnt bei Weiß, Mezzotinto beginnt in seiner üblichen Form bei Schwarz. Eine ausführliche Gegenüberstellung beider Verfahren mit konkreten Künstler-Entscheidungen gibt es unter Mezzotinto vs. Aquatinta.
Was ist ein Wiegeisen?
Das Wiegeisen (englisch: Rocker) ist das Hauptwerkzeug der Mezzotinto-Technik. Es besteht aus einem halbrunden Stahlkopf mit einer gezahnten, gewölbten Klinge. Der Künstler legt es auf die Kupferplatte und schaukelt es vor und zurück, während er langsam die Richtung dreht, sodass am Ende alle Stellen der Platte gleichmäßig aufgeraut sind. Dieses Aufrauhen vor dem eigentlichen Bildbeginn ist zeitaufwendig.
Wie hoch sind Auflagen bei Mezzotinto?
Auf Kupferplatten ohne Verstahlung ist nur eine kleine Zahl hochwertiger Abzüge möglich, bevor die feine Oberflächenrauheit nachlässt und die Schwärzen sich aufhellen. Die englische Wikipedia schätzt ein- bis zweihundert, die deutsche weniger als hundert. Deshalb werden Platten für größere Auflagen verstählt oder aus Stahl gefertigt: William Says Stahlplatte von 1820 lieferte 1.200 Abzüge. Frühe Abzüge einer Auflage haben in der Regel das satteste Druckbild.
Ist Mezzotinto ein eigenständiges Kunstwerk oder immer eine Reproduktion?
Historisch war Mezzotinto primär ein Reproduktionsmedium für Ölgemälde. Im 20. Jahrhundert fertigten Künstler wie Georges Rouault und Stanley William Hayter nach Britannica einzelne Mezzotinto-Platten; Yozo Hamaguchi entwickelte das Farb-Mezzotinto weiter. Was ein Original-Mezzotinto von einer Reproduktion unterscheidet, erklärt Original vs. Kunstdruck.
Welche anderen Tiefdruckverfahren gibt es?
Zur Tiefdruckfamilie gehören neben Mezzotinto: Radierung (Säureätzung durch einen Schutzgrund), Kaltnadel (direkte Ritzung ohne Säure), Aquatinta (Tonwerte durch Flächenätzung), und Kupferstich (direkte Gravur mit dem Stichel). Sie alle nutzen dieselbe Drucklogik und werden oft auf derselben Presse gedruckt. Die Übersicht zu allen Druckverfahren gibt es auf der Druckgrafik.
Über Studio Sonsu
Zuletzt aktualisiert am 05.10.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für Originalgrafik in Hannover-Linden. Die Auflagenhöhe steht bei jedem Blatt, und jedes Werk kommt mit Echtheitszertifikat. Aktuell kein Mezzotinto im Sortiment, dafür Radierungen, Kaltnadel und andere Tiefdruck-Techniken. Der Überblick liegt in der Tiefdruck-Sammlung, das gesamte Portfolio unter allen Werken. Wer Fragen hat: hello@studiosonsu.de.
Quellen und weiterführende Literatur
- Metropolitan Museum of Art, Heilbrunn Timeline of Art History: The Printed Image in the West, Mezzotint
- Cooper Hewitt, Smithsonian Design Museum: Off His Rocker, Prince Rupert and the Mezzotint (2017)
- Metropolitan Museum of Art, Collection: Prince Ruperts "The Great Executioner" (1658) und Ludwig von Siegens Porträt der Amalie Elisabeth
- Smithsonian National Museum of Asian Art, Acquisitions 2020 und 2021: Yozo Hamaguchis Kupferplatten und e.e. cummings Suite
- John Martin, The Paradise Lost of John Milton with Illustrations by John Martin, Ausgabe 1846, Sammlung des Metropolitan Museum of Art
- John Evelyn, The Diary of John Evelyn, hrsg. von William Bray, Eintrag vom 13. März 1661 (Project Gutenberg, eBook 41218)
- Encyclopaedia Britannica, Mezzotint
- Wikipedia, Artikel Mezzotint, Schabkunst, Ludwig von Siegen, Prince Rupert of the Rhine, Wallerant Vaillant, William Say (engraver), Liber Studiorum, John Martin (painter), Jacob Christoph Le Blon, Yozo Hamaguchi