Photogravüre: Das hybride Tiefdruckverfahren aus Fotografie und Kupferplatte
Die Photogravüre, auch Heliogravüre genannt, ist ein fotochemisches Tiefdruckverfahren: Eine fotografische Vorlage wird über lichtempfindliches Pigmentpapier auf eine mit Aquatintakorn präparierte Kupferplatte übertragen, dann mit Eisenchlorid geätzt und auf einer Handpresse gedruckt. Das Ergebnis ist kein Foto und keine Zeichnung, sondern ein physischer Abzug mit variablen Tiefen, sichtbarem Plattenrand und einem tonalen Kontinuum, das aus der unterschiedlichen Ätztiefe entsteht.
Brüssel, 1904. Nach photogravure.com treffen die Platin- und Gummidrucke der Photo-Secession für eine Ausstellung nicht rechtzeitig ein. Stattdessen werden Photogravüren aus Alfred Stieglitz' Zeitschrift Camera Work gehängt. Die Ausstellung wird ein großer Erfolg. Erst nach ihrem Ende wird bekannt, dass die Blätter Photogravüren sind.
Die Photogravüre steht dort, wo Fotografie und Druckgrafik aufeinandertreffen. Wie das Verfahren funktioniert, zeigt der Blick auf die Kupferplatte.
Was macht die Photogravüre technisch besonders?
Bei einer Radierung sitzt der Künstler mit einer Nadel vor der Platte. Bei der Photogravüre sitzt zuerst ein Fotograf mit einer Kamera vor dem Motiv. Die Bildgebung ist fotografisch, der Druck ist handwerklich. Das macht die Heliogravüre zu einem Verfahren zwischen diesen beiden Welten. Die Kollotypie (Lichtdruck) geht einen anderen Weg und druckt direkt von der Gelatineschicht, ohne Kupferplatte und ohne Tiefdruck-Charakter.
Der klassische Prozess läuft in mehreren Schritten ab. Zuerst wird Pigmentpapier mit Kaliumdichromat lichtempfindlich gemacht. Dann erfolgt die UV-Belichtung durch ein Diapositiv, einen Film mit positivem Bild, den man zuvor aus dem Negativ gewinnt: Wo mehr Licht durchfällt, härtet die Gelatine stärker aus. Wo wenig Licht fällt, bleibt sie weich. Dieses Relief aus unterschiedlich harter Gelatine wird auf eine vorbereitete Kupferplatte übertragen, deren Oberfläche zuvor mit feinem Aquatintakorn versehen wurde.
Hier beginnt der Ätzvorgang, der die Photogravüre von der Radierung unterscheidet: Das Eisenchlorid greift nicht durch einen gezeichneten Ätzgrund an, sondern durch das Gelatinerelief. Eisenchlorid-Lösung greift durch die dünnen Gelatineschichten schneller an als durch die dicken. Tiefe Schatten entstehen dort, wo die Gelatine dünn ist, die Lösung tief in die Platte frisst und viel Tinte hält. Lichter entstehen dort, wo die Gelatine hart und dick ist, die Ätzung flach bleibt, wenig Tinte gebunden wird.
Das klassische Verfahren nutzt eine Folge von Eisenchlorid-Bädern, deren Dichte in Grad Baumé gemessen wird. Man beginnt mit dem dichtesten Bad und geht in Stufen zu verdünnteren Bädern über. Das Eisenchlorid wandert durch die Gelatine und ätzt zuerst die Schatten unter den dünnsten Stellen. Mit den verdünnteren Bädern schreitet die Ätzung über die Tonskala von dunkel nach hell fort. So entsteht jede Grauton-Abstufung aus tatsächlich unterschiedlicher Ätztiefe, nicht aus Rasterpunkten wechselnder Größe wie beim gedruckten Foto.
Gedruckt wird auf einer manuellen Tiefdruckpresse, das Papier wird mit erheblichem Druck gegen die gefärbte Platte gepresst. Plattenrand und Papierpressung bleiben als physische Spur sichtbar, ein typisches Merkmal des Plattentiefdrucks.
Zeitgenössische Radierungen aus dem Studio. Auch sie sind Tiefdruck, aber ohne fotografische Vorlage.
Wer hat die Photogravüre erfunden?
Fox Talbot, dessen Name vor allem mit dem Negativ-Positiv-Verfahren der Fotografie verbunden ist, patentierte nach Wikipedia 1852 das "photographic engraving" und 1858 das "photoglyphic engraving". Die genaue Wiedergabe kontinuierlicher Tonwerte blieb eine der größten Schwierigkeiten dieser Verfahren.
Zur reifen Form brachte die Technik Karel Klíč, ein böhmischer Maler und Grafiker, der 1841 in Arnau (heute Hostinné) geboren wurde. 1871 eröffnete er in Wien die Photochemische Werkstätte. Britannica und die englischsprachige Wikipedia datieren sein ausgereiftes Verfahren auf 1878, photogravure.com auf 1879: polierte Kupferplatten, feines Harzkorn und Pigmentpapier. Im folgenden Jahrzehnt verkaufte er nach photogravure.com Nutzungsrechte an Druckereien in Wien, Brüssel, München, Paris, Glasgow und London.
Klíč blieb nicht bei der Handpresse. Die Storey Brothers in Lancaster stellten ihn an, damit er das Verfahren auf gebogene Druckplatten übertrug. 1895 wurde in Lancaster die Rembrandt Intaglio Printing Company gegründet, nach photogravure.com von den Storey Brothers, nach Britannica und der deutschen Wikipedia unter Beteiligung Klíčs. Nach photogravure.com und Britannica war sie die erste Firma für Rotogravüren, also Gravüren, die in hoher Geschwindigkeit auf Papierrollen gedruckt werden.
Während Klíč auf der Effizienz-Seite der Geschichte steht, steht Peter Henry Emerson auf der künstlerischen. Emerson, britischer Arzt und Fotograf, ließ 1887 sein Buch "Idyls of the Norfolk Broads" bei der Autotype Company in London drucken, illustriert mit Photogravüren. Mit dem Ergebnis war er nur teilweise zufrieden. Charles L. Colls von der Typographic Etching Company brachte ihm danach bei, Kupferplatten-Photogravüren selbst herzustellen, und Emerson druckte fortan selbst. Zwischen 1887 und 1895 illustrierten seine Photogravüren fünf Bücher.
Alfred Stieglitz setzte die Photogravüre ein, um Fotografie als Kunst zu zeigen. 1903 gründete er Camera Work, eine Zeitschrift, die bis 1917 in 50 Ausgaben erschien und nach Wikipedia insgesamt 473 Fotografien enthielt. Nach photogravure.com war die Photogravüre dabei das vorherrschende Medium. Stieglitz ließ von jeder Ausgabe 1.000 Exemplare drucken, unabhängig von der Zahl der Abonnements. Für die letzten beiden Ausgaben senkte er die Auflage aus finanzieller Not auf 500. Bis 1915 war die Zahl der Abonnenten auf 37 gesunken.
Stieglitz klebte die Photogravüren jeder Ausgabe nach Wikipedia persönlich ein und ließ niemand anderen daran arbeiten.
Warum war die Photogravüre so aufwendig herzustellen?
Der Aufwand war erheblich. Photogravure.com nennt das Verfahren zeitaufwendig, arbeitsintensiv und kostspielig. Eine Platte durchlief mehrere Schritte: Pigmentpapier sensibilisieren und trocknen, belichten, auf die Platte übertragen und entwickeln, in einer Folge von Bädern abnehmender Dichte ätzen, zwischen den Bädern prüfen und gegebenenfalls Bereiche abdecken.
Nach Wikipedia kündigte Macdermid Autotype, der letzte Hersteller des Pigmentgelatinepapiers für die klassische Kupferplatten-Photogravüre, im August 2009 das Ende der Produktion an. Seither liefern andere Hersteller wie Bostick & Sullivan und Phoenix Gravure dieses Papier.
Edward Curtis' Mammutprojekt "The North American Indian" zeigt beide Seiten des Verfahrens: seine Möglichkeiten und seinen Aufwand. Curtis produzierte zwischen 1907 und 1930 zwanzig Bände. Die Curtis Legacy Foundation zählt 2.234 Photogravüren, Princeton zählt 2.228. Gedruckt wurden weniger als 300 Sets. Die Standard-Edition auf Van-Gelder-Papier oder japanischem Vellum kostete anfangs 3.000 Dollar für das komplette Set. Nach Princeton tragen die Photogravüren der Bände 1 bis 11 den Namen John Andrew & Son, die der Bände 12 bis 20 den der Suffolk Engraving Company.
Was unterscheidet die Photogravüre von den schnelleren Verfahren dieser Zeit? Die Photogravüre gibt die Tonwerte einer Fotografie wieder, indem sie die Tiefe der Näpfchen variiert statt der Größe von Rasterpunkten. Rotogravüre und Halbtonverfahren waren schneller und billiger. Nach photogravure.com fehlten ihnen aber die Tiefe der Druckfarbe und die handwerkliche Qualität der Photogravüre.
Photogravüre, Radierung, Rotogravüre, Fotodruck: Was ist der Unterschied?
Alle vier erzeugen Bilder auf Papier. Die Verwechslungsgefahr ist real, die Unterschiede sind grundsätzlich.
Die Radierung gehört wie die Photogravüre zur Familie der Tiefdruckverfahren. Der Unterschied liegt in der Bildgebung. Bei der Radierung sitzt der Künstler mit einer Stahlnadel vor der Kupferplatte. Jede Linie ist handgezogen. Bei der Photogravüre übernimmt ein fotografisches Diapositiv diese Funktion: Die Kupferplatte weiß nicht, dass ein Mensch das Motiv gezeichnet hat. Sie speichert Licht und Schatten, keine Handschrift.
Die Rotogravüre ist das industrielle Geschwister der Photogravüre. Bei ihr wird statt einer flachen Platte ein rotierender Zylinder nur leicht geätzt, sie ist ein Fabrikdruckverfahren für Zeitungen, Zeitschriften und Verpackungen. Die Photogravüre ätzt eine flache Kupferplatte tief und wird von Hand gedruckt. Die Rotogravüre wird bis heute für Zeitschriften und Verpackungen eingesetzt, die Photogravüre lebt in den Werkstätten von Druckern und Künstlern weiter.
Der Fotodruck (heute: Inkjet, Laser, Giclée) hat keine Kupferplatte, keine Pressung, keinen Plattenrand. Das Bild entsteht durch aufgetragene Tinte auf der Papieroberfläche. Die Tonwerte der Photogravüre entstehen dagegen aus unterschiedlich tiefen Vertiefungen in der Platte, deren Farbe auf das Papier gepresst wird.
Der Kupferstich schließlich benutzt dieselbe Kupferplatte wie die Photogravüre, aber die Bildgebung ist rein handwerklich: Ein Stichel gräbt das Metall direkt aus. Das Aquatintakorn, das in der Aquatinta Tonwerte erzeugt, kehrt in der Photogravüre wieder: Das angeschmolzene Harzkorn bildet meist winzige Stege, um die herum die Ätzung die Vertiefungen anlegt. Innerhalb der Druckgrafik sitzt die Photogravüre damit im Tiefdruck neben Radierung und Kupferstich und arbeitet mit einer fotografischen Vorlage.
Für Sammler bleibt die praktische Prüfung dieselbe wie bei jedem Tiefdruck von der Platte: Plattenrand sichtbar, Farbe mit Relief auf dem Papier. Dasselbe Prinzip unterscheidet Original und Kunstdruck.
Wo steht die Photogravüre heute?
Für die Reproduktion von Fotografien setzte die Verlagsbranche nach photogravure.com auf schnellere und billigere Verfahren, vor allem Rotogravüre und Halbton. Um 1900 praktizierten nach photogravure.com nur noch engagierte Kunstfotografen und Drucker die handgedruckte Photogravüre. Seit den 1970er Jahren wurde das Verfahren wiederbelebt.
Stephen Lawlors Sleuth Wood ist eine Radierung und keine Photogravüre. Lawlor sucht nach dem Produkttext Licht, Stimmung und den Moment, in dem ein Ort seine Geschichte preisgibt.
Seit etwa 1980 gibt es eine Alternative: die Polymer-Photogravüre. Statt Pigmentpapier und Eisenchlorid dient eine lichtempfindliche Polymerplatte, die belichtet und mit Wasser ausgewaschen wird. Dabei entstehen winzige Vertiefungen, die unterschiedlich viel Farbe halten, geätzt wird nicht. Die Platte kommt ohne die Dichromate des klassischen Prozesses aus, die als krebserregend gelten. BORCH Editions, eine Druckwerkstatt in Kopenhagen, arbeitet seit den frühen 1990er Jahren mit Photogravüre und nutzt seit 2000 ausschließlich Polymerplatten.
Photogravüren, die heute entstehen, werden auf der klassischen Kupferplatte oder auf Polymerplatten gedruckt. Nach Wikipedia ähnelt der Abzug von einer Polymerplatte je nach Qualität dem klassischen Druck, hat aber weniger dreidimensionale Tiefe auf der Platte und, so Wikipedia, möglicherweise auch im Druck.
Die meisten Sets von Curtis' The North American Indian liegen heute in Museen, Bibliotheken und Privatsammlungen. Wer Photogravüre als ästhetisches Prinzip sucht, das tonale Kontinuum, den physischen Druck, die Tiefenwirkung, findet Verwandtes in zeitgenössischer Druckgrafik von geätzten Platten.
Inga Eičaitė arbeitet im Tiefdruck und im Mokuhanga. Für B_o1 hat sie eine geätzte Platte genommen, druckt sie aber nicht als Tiefdruck. Sie walzt die Farbe auf die Oberfläche und druckt die Platte als Hochdruck. Der Abzug zeigt so das Negativ dessen, was die Radierung zeigen würde.
Häufig gestellte Fragen zur Heliogravüre-Technik
Was ist der Unterschied zwischen Photogravüre und Heliogravüre?
Im Deutschen werden Heliogravüre (von griechisch helios, Sonne) und Photogravüre synonym für dasselbe Verfahren verwendet. Im Französischen heißt es héliogravure, das französische photogravure bezeichnet dagegen jede fotobasierte Ätztechnik. Gelegentlich findet man auch "Sonnendruck".
Wie erkenne ich eine echte Photogravüre?
An der Kombination aus Plattenrand und Struktur der Tonwerte. Der Plattenrand, eine leichte Vertiefung um das gesamte Druckbild, entsteht, wenn die Platte unter Druck ins Papier gepresst wird. Er fehlt bei Fotodrucken. Unter der Lupe zeigt eine Photogravüre kein Raster aus Punkten wechselnder Größe, sondern ein feines, unregelmäßiges Korn aus dem Harzstaub, in dem die Tonwerte durch unterschiedlich tiefe Vertiefungen entstehen.
Werden Photogravüren heute noch hergestellt?
Ja. Nach Wikipedia betreiben mehrere Dutzend Werkstätten weltweit das Verfahren aktiv. Manche arbeiten klassisch mit Kupferplatte und Pigmentpapier, andere mit Polymerplatten. BORCH Editions in Kopenhagen arbeitet seit den frühen 1990er Jahren mit Photogravüre und nutzt seit 2000 nur noch Polymerplatten.
Was kosten historische Photogravüren auf Auktionen?
Das hängt stark vom Objekt ab. Ein vollständiges Set von Camera Work mit 50 Nummern, dem Steichen-Supplement und zwei Sondernummern wurde 2024 bei Sotheby's mit einer Schätzung von 120.000 bis 180.000 US-Dollar aufgerufen. Ein vollständiges Set von Curtis' The North American Indian erzielte 2012 bei Christie's New York 2,9 Millionen Dollar einschließlich Aufgeld, ein anderes im selben Jahr bei Swann Galleries 1,44 Millionen Dollar.
Was ist Polymer-Photogravüre?
Eine Weiterentwicklung des klassischen Verfahrens, bei der eine lichtempfindliche Polymerplatte statt der Pigmentpapier-Gelatine-Übertragung dient. Die Platte wird belichtet und mit Wasser entwickelt, dabei entstehen winzige Vertiefungen unterschiedlicher Tiefe. Gedruckt wird wie jeder Tiefdruck von Hand auf der Presse. Die Polymerplatte ist nach Wikipedia härter und erlaubt mehr Abzüge als die weiche Kupferplatte. Der Druck kann dem klassischen je nach Qualität ähneln, die Platte hat aber weniger dreidimensionale Tiefe.
Quellen und weiterführende Literatur
- photogravure.com, "The Story of Photogravure" sowie Künstlerprofile zu Alfred Stieglitz und Karel Klíč (englischsprachige Online-Ressource).
- Princeton University Graphic Arts Blog, "Who Printed The North American Indian?" (2018) und "Autogravures from the Autotype Company" (2018).
- Curtis Legacy Foundation, "The North American Indian" (Projektdaten zu Edward Curtis).
- Wikipedia, "Camera Work" (Daten zu Auflage, Ausgaben und Abonnenten). Wikipedia, "Photogravure" (Verfahren, Pigmentpapier nach 2009, Polymer-Photogravüre).
- Encyclopaedia Britannica, Karl Klíč.
- Fine Books Magazine (Christie's 2012) und Swann Galleries (2012) zu Curtis' The North American Indian; Sotheby's (2024) zu Camera Work.
- BORCH Editions, Fachreferenz zur Polymer-Photogravüre und ihren Eigenschaften.
Zuletzt aktualisiert am 06.10.2026.
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