Pochoir vs. Siebdruck: Wenn dasselbe Wort zwei verschiedene Dinge bedeutet
Pochoir und Siebdruck sind beide Schablonendruck: Die Farbe erreicht das Papier nur durch die offenen Stellen einer Schablone. Beim Pochoir liegt eine lose Schablone auf dem Blatt, und die Farbe kommt von Hand mit dem Pinsel. Beim Siebdruck sitzt die Schablone fest im Gewebe, und eine Rakel drückt die Farbe hindurch. Pochoir-Blätter zeigen deshalb Pinselspuren und eine Erhöhung an den Schablonenkanten, die man sehen und fühlen kann.
Zwei Blätter auf dem Tisch, nebeneinander. Das erste stammt aus einem Pariser Pochoir-Atelier. Eine coloriste legte eine dünne Metallschablone auf, trug mit Pinsel oder pompon eine Farbe auf, hob die Schablone ab und griff zur nächsten. Das wiederholte sich für jede Farbe des Blatts. Das zweite ist ein Siebdruck von Antonia Reber aus einer offenen Druckwerkstatt in Stuttgart. Sie druckt nur eine Farbschicht: Die Rakel drückt die Farbe durch das Gewebe, und das Bild liegt auf dem Papier.
Beim ersten Blatt steckt in jeder Farbe jedes Exemplars eigene Handarbeit. Beim zweiten liegt die meiste Arbeit vor dem Drucken.
Warum dieser Unterschied, obwohl das Druckprinzip dasselbe ist? Die Antwort liegt in der Mechanik der Schablone, in der Kostenstruktur bei steigenden Auflagen und in der Identität des fertigen Blatts.
Was passiert mit der Schablone?
Beim Pochoir trugen die coloristes jede Farbe von Hand auf, mit Pinseln oder einem pompon, durch die Öffnung einer Schablone, die auf dem Blatt lag. Tupfen, Sprühen, Spritzen oder Schwämmen ergaben unterschiedliche Oberflächen, wechselnder Druck auf den Pinsel ergab Abstufungen. Die Schablone selbst lag nur auf dem Papier und bestimmte, wo die Farbe hinkonnte.
Die Schablonen beim Pochoir schnitt ein découpeur mit einem geraden Messer, ursprünglich aus Aluminium, Kupfer oder Zink, später meist aus Zelluloid oder Kunststoff. Für eine einfache Reproduktion brauchte man nach dem Stencil Archive meist zwanzig oder dreißig Schablonen, für ein komplexes Werk über hundert. Nach dem Farbauftrag hob der coloriste die Schablone ab, die nächste kam.
Beim Siebdruck ist die Schablone kein loses Teil, das aufgelegt und abgehoben wird. Sie sitzt im Gewebe und muss deshalb nicht zusammenhängen. Eine lichtempfindliche Fotoemulsion wird auf ein gespanntes Gewebe aufgetragen, dann mit UV-Licht zwischen 350 und 420 Nanometern belichtet. An den belichteten Stellen härtet die Emulsion aus und schließt die Gewebeporen. Die unbelichteten Stellen bleiben offen. Dann kommt die Rakel: ein Gummiwischer, der Farbe mit Druck durch das Gewebe drückt. Ein mehrfarbiger Siebdruck braucht für jede Farbe einen eigenen Druckgang.
Das Prinzip ist also dasselbe: In beiden Verfahren sperrt die Schablone Flächen und lässt die Farbe nur durch die offenen Stellen. Verschieden sind Träger und Werkzeug. Beim Pochoir liegt die Schablone lose auf, und eine Hand verteilt die Farbe mit dem Pinsel. Beim Siebdruck hält das Gewebe die Schablone, und die Rakel drückt die Farbe hindurch.
Was kostet das fünfhundertste Blatt?
Beim Pochoir kostet das fünfhundertste Blatt so viel Handarbeit wie das erste. Jede Farbe jedes Exemplars wird von Hand durch die Schablone aufgetragen. Die Smithsonian Libraries nennen Pochoir deshalb arbeits- und zeitintensiv, ein teures und langsames Druckverfahren.
Beim Siebdruck liegt ein großer Teil der Arbeit vor dem ersten Abzug: Sieb beschichten, belichten, auswaschen, Probedrucke machen. Antonia Reber wäscht ihr Sieb oft zwei- bis viermal aus und druckt Proben, bis das Ergebnis stimmt. Die finale Edition ist dann schnell gedruckt.
Die Gazette du Bon Ton zeigt, dass dieses Modell funktionierte, solange die Kundschaft den Preis zahlte. Lucien Vogel gründete das Modejournal 1912, gezeichnet haben dafür viele der bekanntesten Illustratoren des Art Déco. Es war nur im Abonnement erhältlich und kostete hundert Francs im Jahr. Jede Ausgabe enthielt zehn ganzseitige Modetafeln im Pochoir. Auf dem Höhepunkt des Verfahrens gab es nach den Smithsonian Libraries in Frankreich bis zu dreißig Ateliers mit jeweils bis zu sechshundert Beschäftigten.
In den USA vertrieb Condé Nast das Blatt unter dem Titel Gazette du Bon Genre. Die Gazette erschien bis 1925.
Die Smithsonian Libraries nennen die Handarbeit zugleich eine der wertvollsten Eigenschaften des Pochoir und eine seiner größten Schwächen als Medium ("both one of its most valuable attributes and one of its greatest failures as a medium").
Doch die Blätter, die in den Pariser Ateliers entstanden waren, trugen alle die Spuren der Hände, die sie gemacht hatten.
Warum sieht kein Pochoir-Blatt aus wie das nächste?
Matisses Jazz entstand aus Scherenschnitten aus gouachebemaltem Papier. Matisse bestand darauf, dass die gedruckten Blätter den Originalfarben absolut treu bleiben. Herausgeber war Tériade, ein aus Griechenland stammender Verleger in Paris. Nach Versuchen mit Lithografie und Holzschnitt fiel die Wahl auf Pochoir, weil sich dabei dieselben Gouachen verwenden ließen.
Als Drucker führt das Museum of Modern Art Edmond Vairel. Jazz erschien 1947 mit zwanzig Pochoir-Tafeln, gedruckt mit denselben Linel-Gouachen, die Matisse für die Originalvorlagen benutzt hatte. Eine Studie in der Fachzeitschrift Heritage untersuchte 2021 drei Exemplare und charakterisierte insgesamt 39 verschiedene Farben.
Matisse schuf zwei Fassungen: ein Portfolio in einer Auflage von 100 und ein Buch, in dem die Tafeln mit seinem handgeschriebenen Text abwechseln. Die Buchausgabe umfasst 250 nummerierte Exemplare, dazu zwanzig Exemplare hors commerce.
Das führt zur zentralen Eigenschaft des Pochoir-Blatts: Weil die Farbe von Hand aufgetragen wird, variieren die Exemplare. Nach den Smithsonian Libraries beschreibt Charles Rahn Fry, wie sich die dicke Gouache an der Schablonenkante staut und eine Erhöhung bildet, die man sehen und fühlen kann ("can be both seen and felt"). Wo der Pinsel gerade über die Schablone gezogen wurde, bleiben Borstenspuren. Die Smithsonian Libraries nennen deshalb jeden Pochoir-Druck einzigartig.
Beim Siebdruck ist das anders. Eine gut im Gewebe verankerte Schablone hält auch sehr hohe Auflagen aus, und die Farbe verteilt die Rakel, kein Pinsel. Borstenspuren gibt es deshalb nicht. Von selbst gleich sind die Abzüge trotzdem nicht: Georgia Green druckt ihre Siebdrucke Farbe für Farbe ohne Schnittmarken und richtet jede Schicht an der Kante der vorigen aus. Eine Verschiebung von mehr als einem Millimeter würde das Blatt ruinieren. Die Frage, ob ein Siebdruck weniger "original" ist als ein Pochoir-Blatt, beantwortet Original vs. Kunstdruck ausführlicher.
Die Ähnlichkeit der Abzüge ist damit die dritte Trenndimension: Im Pochoir hinterlässt die Hand in jedem Exemplar eigene Spuren, im Siebdruck entstehen Editionen ohne Pinselspuren. Beides kann "Original" sein, aber aus verschiedenen Gründen.
Wann verschwand das eine und warum überlebte das andere?
England, 1907. Samuel Simon erhält ein Patent auf ein Siebdruckverfahren, das früheste bekannte Patent dieser Art. Er nutzt es vor allem für teure Wandbespannungen auf Seide, Leinen und Papier. Die Farbe verteilt dabei noch ein Borstenpinsel, keine Rakel. Fünf Jahre später gründet Lucien Vogel die Gazette du Bon Ton, deren Modetafeln im Pochoir entstehen.
San Francisco, Mitte der 1910er Jahre. John Pilsworth entwickelt mit dem Selectasine-Verfahren einen Mehrfarben-Siebdruck und lässt es patentieren. Die Quellen datieren Firma und Patent unterschiedlich, zwischen 1914 und 1918. Das Verfahren bringt den Siebdruck in die Werbung. Schon ab 1910 experimentieren Siebdrucker mit lichtempfindlichen Schablonen; als Pioniere gelten Roy Beck, Charles Peters und Edward Owen. Die Schablone entsteht damit durch Belichtung statt mit dem Messer.
New York, Ende 1938. Am New York City WPA Art Project entsteht eine eigene Silk Screen Unit als Zweig der grafischen Abteilung, geleitet von Anthony Velonis. Dort unterrichtet er Künstler und berät sie technisch. Seine Broschüre zur Siebdrucktechnik geht an die Kunstzentren der WPA im ganzen Land und ermutigt viele Künstler, das vergleichsweise günstige Verfahren zu versuchen.
- Carl Zigrosser, seit 1940 Kurator für Druckgrafik und Zeichnungen am Philadelphia Museum of Art, veröffentlicht den Essay "The Serigraph, A New Medium". Der Name Serigrafie soll den künstlerischen Siebdruck vom industriellen unterscheiden. Geprägt haben ihn nach den Quellen Velonis, Zigrosser und Künstler aus dem Kreis der späteren National Serigraph Society.
Pochoir blieb arbeits- und zeitintensiv. Als Reproduktionsverfahren haben es nach den Smithsonian Libraries mechanisierte Verfahren wie Lithografie und Serigrafie abgelöst.
Als Jazz 1947 im Pochoir erschien, hatte der Siebdruck als Serigrafie bereits seinen Namen als künstlerisches Medium der Druckgrafik bekommen.
Woran erkennst du den Unterschied am fertigen Blatt?
Beide Blätter liegen jetzt im Streiflicht. Das heißt: das Blatt flach auf den Tisch, die Lichtquelle schräg von der Seite. Oberflächenstrukturen zeichnen sich ab, die im Normallicht unsichtbar bleiben.
1. Farbkante. Beim Pochoir staut sich die dicke Gouache an der Schablonenkante und bildet eine Erhöhung, die man sehen und fühlen kann. Im Streiflicht wirft sie einen Schatten. Beim Siebdruck entsteht die Kante dort, wo die Schablone im Gewebe endet. Damit sie sauber bleibt, braucht die Schablone auf der Druckseite eine glatte Oberfläche, sonst unterfließt die Farbe die Kante.
2. Pinselduktus. Beim Pochoir bleiben Borstenspuren, wo der Pinsel gerade über die Schablone gezogen wurde, und wechselnder Druck auf den Pinsel ergibt Abstufungen in der Farbe. Eine Lupe hilft, sie zu sehen. Beim Siebdruck verteilt die Rakel die Farbe, kein Pinsel, deshalb fehlen diese Spuren.
3. Farbe. Pochoir arbeitete zunächst mit Aquarell, später vor allem mit breiten, weichen, deckenden Gouacheschichten, manchmal mit transparentem Aquarell darüber. Im Siebdruck kommen eigene Siebdruckfarben zum Einsatz. John Simpson etwa druckt in Werkstätten mit wasserbasierter Farbe und hat früher mit seinem Verleger auch Ölfarbe benutzt.
4. Einzigartigkeit. Wer zwei Pochoir-Blätter aus demselben Druck nebeneinanderlegt, vergleicht den Pinselauftrag in den Farbflächen. Die Smithsonian Libraries nennen jeden Pochoir-Druck einzigartig, weil er von Hand entsteht. Bei zwei Exemplaren einer Siebdruck-Edition fehlen solche Pinselspuren. Unterschiede zeigen sich dort eher im Passer, also darin, wie genau die Farbschichten aufeinander sitzen.
Antonia Rebers Serie Echo Surfaces ist durchgehend in Schwarz-Weiß im groben Halbtonraster gedruckt. Im Streiflicht zeigt ein solches Blatt Rasterpunkte und keine Pinselspuren. Ein Pochoir daneben würde die Unterschiede sofort sichtbar machen, die dieser Artikel beschreibt.
Die meisten dieser Punkte sind am Tisch prüfbar, mit einer schrägen Lichtquelle und einer Lupe.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Pochoir und Siebdruck?
Pochoir ist Schablonendruck von Hand: Eine Schablone aus Metall, später auch aus Zelluloid, liegt auf dem Papier, die Farbe wird mit Pinsel oder pompon aufgetragen. Siebdruck ist Schablonendruck durch Gewebe: Die Schablone sitzt im Gewebe, eine Rakel drückt die Farbe durch die offenen Stellen. Der Unterschied zeigt sich auch im Aufwand: Beim Siebdruck steckt viel Arbeit in der Vorbereitung des Siebs, beim Pochoir wird jede Farbe jedes Exemplars von Hand aufgetragen.
Kann man Pochoir und Siebdruck am fertigen Blatt unterscheiden?
Ja, mit Streiflicht. Pochoir zeigt an den Farbkanten eine leichte Erhöhung, wo sich die Gouache an der Schablone gestaut hat, und Pinselspuren in den Farbflächen, weil jedes Exemplar von Hand koloriert wird. Siebdruck zeigt keine Pinselspuren, weil die Rakel die Farbe durch das Gewebe drückt. Die Smithsonian Libraries nennen jeden Pochoir-Druck einzigartig.
Warum verschwand das Pochoir-Verfahren?
Pochoir ist arbeits- und zeitintensiv: Jede Farbe jedes Exemplars wird von Hand aufgetragen, unabhängig von der Auflage. Das machte es zu einem teuren und langsamen Verfahren. Als Reproduktionsmethode haben es mechanisierte Verfahren wie Lithografie und Serigrafie abgelöst. Seine große Zeit hatte Pochoir vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre, mit Paris als Zentrum. Ganz verschwunden ist es nicht: Das Stencil Archive nennt eine Werkstatt in Ploubazlanec in Frankreich, in der ehemalige Mitarbeiter des Studios Jacomet noch Pochoirs herstellen.
Sind Siebdrucke Originale?
Ja, wenn sie als künstlerische Editionen in limitierter Auflage vom Künstler autorisiert oder produziert wurden. Eine gut verankerte Siebschablone hält auch sehr hohe Auflagen aus. Das unterscheidet Serigrafie von anderen Drucktechniken, bei denen die Platte physisch verschleißt. Den Unterschied zwischen Originaldrucken und Reproduktionen erklärt Original vs. Kunstdruck im Detail.
Was kostet ein zeitgenössischer Siebdruck?
Im Studio-Sonsu-Sortiment steht der Preis jedes Siebdrucks auf der Produktseite, zum Beispiel bei Antonia Reber, John Simpson und Georgia Green.
Zuletzt aktualisiert am 06.10.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Zeitgenössische Siebdrucke von Antonia Reber, John Simpson und Georgia Green sind im Sortiment. Fragen gerne an hello@studiosonsu.de.
Quellen und weiterführende Literatur
- Smithsonian Libraries, Vibrant Visions: Pochoir Prints in the Cooper-Hewitt, National Design Museum Library (sil.si.edu/ondisplay/pochoir/intro.htm)
- Ana Martins u. a., Jazz Colors: Pigment Identification in the Gouaches Used by Henri Matisse, Heritage 4 (2021), DOI 10.3390/heritage4040231
- The Museum of Modern Art, Henri Matisse, Forms (Formes) aus Jazz, 1947
- State Library of Queensland, Pochoir prints
- Stencil Archive, Masters of the Pochoir
- Catherine Sullivan, History of screen printing, Janet Turner Print Museum, California State University Chico, 2011
- Wikipedia, Artikel „Gazette du Bon Ton“, „Stencil“, „Screen printing“, „Anthony Velonis“, „Carl Zigrosser“, „Tériade“, „Timeline of 20th-century printmaking in America“, „Siebdruck“, „Jazz (Matisse)“ (französisch)