Was kostet eine Lithografie?

Ein Kalkstein liegt angefeuchtet und eingefärbt auf der Presse, bereit für den nächsten Abzug. So sieht die Lithografie aus, im Juli 1834 in einer Pariser Druckerei genauso wie in einem Atelier heute. In jenem Juli zieht ein solcher Stein den Abzug für "Rue Transnonain", Honoré Daumiers Anklage gegen ein Massaker an Zivilisten. Wenige Wochen später beschlagnahmt der Staat den Stein und lässt viele der bereits gedruckten Blätter vernichten. Ein erhaltener Abzug aus dieser Auflage wechselt heute, 2025, bei einer Auktion für 260 US-Dollar den Besitzer. 57 Jahre später, in einer anderen Pariser Druckerei, unternimmt Henri de Toulouse-Lautrec seinen allerersten Lithografie-Versuch: ein Werbeplakat fürs Moulin Rouge. Dieses Blatt erzielt heute 240.000 US-Dollar. Beide Blätter entstehen aus demselben physischen Vorgang, demselben Kalkstein, demselben Mechanismus aus Fett und Wasser. Was kostet eine Lithografie also wirklich?

Warum verteilt sich der Preis einer Lithografie auf drei so unterschiedliche Märkte?

Alois Senefelder, damals Requisiteur am Münchner Hoftheater, entwickelt die Lithografie ab 1796. Im Kern entsteht eine Lithografie direkt auf einem Kalkstein, über denselben Kontrast aus Fett und Wasser, den die Lithografie-Seite genauer erklärt. Wer heute nach ihrem Preis sucht, trifft auf drei völlig getrennte Märkte. Das erste Segment ist das historische Massenmedium der 1830er Jahre, tägliche Zeitungsbeilagen und politische Karikaturen für einen Bruchteil eines Francs. Das zweite reicht von Toulouse-Lautrecs erstem Plakat 1891 bis in die Mourlot-Werkstatt der Nachkriegsjahre, mit Auktionsergebnissen zwischen fünf- und siebenstelligen Summen. Das dritte ist der zeitgenössische Galeriemarkt, in dem heute auch Studio Sonsu verkauft. Über alle drei Segmente reicht die Preisspanne von rund 260 US-Dollar bis zu jener Taxe von 1,2 Millionen Pfund, mit der Sotheby's 2016 Munchs "Der Schrei"-Lithografie ansetzte. Anders als bei der Radierung, deren teuerstes Segment schon bei den Alten Meistern beginnt, ist bei der Lithografie ausgerechnet das älteste Segment das günstigste.

Für die Nachbartechnik zeichnet der Preis einer Radierung eine eigene Segment-Landkarte. Das günstigste der drei Lithografie-Segmente beginnt nicht im Atelier, sondern in einer Druckerei, die noch am selben Tag einen neuen Stein braucht. Welche Faktoren den Preis über alle Drucktechniken hinweg formen, von Papier über Auflage bis zur Signatur, ordnet Druckgrafik Preise verstehen technikübergreifend ein.

Was kostet eine Lithografie aus dem billigsten Segment ihrer Geschichte?

Wer 1834 ein Jahr lang Honoré Daumiers Satireblatt las, zahlte 52 Francs. Wer die Association mensuelle dazu abonnierte, zahlte einen Franc obendrauf und bekam übers Jahr verteilt 24 großformatige Lithografien, fünf davon aus Daumiers Hand. Eines dieser fünf Blätter, "Rue Transnonain" (Juli 1834), hält die Folgen eines Massakers an Zivilisten fest. Der Staat beschlagnahmte den Druckstein kurz danach.

Was ein erhaltener Abzug aus dieser Auflage heute wert ist, beantwortet kein Geschichtsbuch, sondern ein aktuelles Auktionsprotokoll: 2025 wechselte ein Exemplar für 260 US-Dollar den Besitzer, deutlich unter der Schätzung von 378 bis 490 Dollar. Das ist weniger, als heute manches neu gedruckte Blatt im Galeriemarkt kostet, etwa Stephen Lawlors Lithografie "Artemis" aus einer Auflage von 30. Beide Blätter sind direkt vom Stein gedruckt, kein maschineller Nachdruck, ein Unterschied, den Original vs. Kunstdruck genauer erklärt. Ein Blatt, das der Staat einst beschlagnahmte und in großer Zahl vernichten ließ, kostet heute weniger als manches frisch gedruckte Blatt aus einer heutigen Werkstatt. Wie unterschiedlich derselbe Kalkstein bewertet werden kann, zeigt das nächste Segment: sechs- bis siebenstellige Summen für dieselbe Technik.

Wie kommt dieselbe Technik auf sechs- bis siebenstellige Summen?

Henri de Toulouse-Lautrec, Moulin Rouge: La Goulue, Farblithografie, 1891.
Henri de Toulouse-Lautrec, Moulin Rouge: La Goulue, 1891. Public Domain.

Henri de Toulouse-Lautrecs Debütplakat "Moulin Rouge: La Goulue" entsteht 1891. Am 20. März 2022 erzielt ein Exemplar bei Poster Auctions International in New York 240.000 US-Dollar, das Spitzenlos der Auktion. Vier Jahre später steht ein zweites Exemplar desselben Motivs erneut zum Verkauf, in Sotheby's Auktion "Prints & Photographs Part I", die vom 8. bis 14. April 2026 läuft. Im Katalog steht das Blatt gleich unter drei Werkverzeichnis-Nummern: Delteil 339, Adriani 1 und Wittrock P1, drei unabhängige Kataloge für ein einziges Debütplakat.

Edvard Munch, Der Schrei, Lithografie, 1895.
Edvard Munch, Der Schrei, Lithografie, 1895. Public Domain.

Edvard Munchs Lithografie "Der Schrei" (1895) existiert nur in rund 45 Abzügen. Am 21. Juni 2016 taxiert Sotheby's London in Los 6 der Auktion "Impressionist & Modern Art Evening Sale" ein Exemplar auf 800.000 bis 1,2 Millionen Pfund. Der Katalog listet das Blatt unter zwei parallelen Werkverzeichnis-Nummern, Schiefler 32 und Woll 38, und nennt als Provenienz Olaf Schou, der das Blatt um 1900 direkt von Munch erwarb.

Pablo Picassos Lithografie "Femme au fauteuil No. 1 (d'après le rouge)" entsteht 1948 in Fernand Mourlots Pariser Werkstatt und zeigt Françoise Gilot. Im Januar 2023 erzielt das Blatt bei Phillips in London 59.220 Pfund. Auf dem breiteren Sekundärmarkt für Picassos Mourlot-Lithografien zeigt sich, wie stark die Signatur den Preis treibt: unsignierte Blätter aus kleineren Suiten kosten 3.000 bis 8.000 Dollar, signierte Exemplare derselben Kompositionen 15.000 bis 60.000 Dollar, signierte Blätter aus großen Suiten wie den Stierkampf- und Porträtserien 40.000 bis 150.000 Dollar.

Dass Alter allein keinen Preis erklärt, zeigen zwei noch ältere Blätter aus der Frühzeit der Technik, ganz anders entstanden als Daumiers Zeitungslithografien. Francisco de Goya druckt im Spätherbst 1825 in Bordeaux seine vier Lithografien "Los Toros de Burdeos" in der Werkstatt von Cyprien Gaulon, in einer auf 100 Exemplare begrenzten Auflage. Eugène Delacroix' Lithografie "Cheval sauvage terrassé par un tigre" entsteht 1828, vom ersten Zustand sind nur sieben Abzüge bekannt. Beide Blätter sind älter und teils seltener als das Moulin-Rouge-Plakat, erreichen aber nicht annähernd dessen Auktionswerte. Alter und Seltenheit allein erklären den Preis also nicht. Ein Plakat wie das der Goulue ist als Bild ikonisch und wird entsprechend gesucht, die stilleren Blätter von Goya und Delacroix trotz größerer Rarität kaum. Was ein einziger Solnhofer Kalkstein heute kostet, wenn weder ein Auktionshaus noch ein solcher Name daran hängt, zeigt sich am unteren statt am oberen Ende dieser Geschichte.

Was kostet eine Lithografie im heutigen Galeriemarkt?

Stephen Lawlor, Artemis, Lithografie, 2026.
Stephen Lawlor, Artemis, Lithografie, 2026. Auflage 30.

Stephen Lawlors "Artemis" (2026) erscheint bei Studio Sonsu in einer Auflage von 30 Exemplaren. Lawlor beschreibt die Technik selbst als völlig unberechenbar, sie könne sich in jeder Phase des Drucks zusetzen oder wieder verblassen ("It's total instability and sensitivity, it can fill in at any stage or fade away at any stage"). Nach eigener Aussage hat er lange keine Lithografien mehr gemacht. Artemis entstand trotzdem, gedruckt in Shenzhen, weil dort schlicht kein Radierungsatelier zur Verfügung stand.

Am Material liegt der Preis nicht. Die Steindruck-Werkstatt am Künstlerhaus Stuttgart vermietet Zugang zu Solnhofer Kalksteinen und einer Mailänder Reibepresse für einen Tagessatz von 12 Euro. Der Preis einer Lithografie, die heute entsteht, hängt kaum am Zugang zu Stein und Presse, sondern am einzelnen Blatt und seinem Markt.

Am Markt zeigt sich, wie unterschiedlich Steinlithografien bepreist werden. Die britische Soma Gallery führt eine eigene Kollektion Steinlithografien, gestaffelt zwischen 30 und 180 Pfund je nach Blatt und Format. Format, Auflagenhöhe und wie etabliert eine Künstlerin oder ein Künstler bereits im Markt ist, erklären solche Unterschiede eher als das Verfahren selbst. Wie die Mehrwertsteuer bei Kunst funktioniert, erklärt Mehrwertsteuer auf Kunst.

Am Ende bleibt von beiden Kalksteinen vor allem das, was mit ihnen danach geschah: Zensur und Zerstörung bei Daumiers Stein, eine bewusst kleine Auflage und ein Künstlername mit Bestand bei Toulouse-Lautrecs. Fett und Wasser haben in beiden Fällen genau dasselbe getan. Was kostet eine Lithografie also wirklich? Es kommt auf das Segment an, nicht auf die Technik.

Ob ein heute entstandenes Blatt in fünfzig oder hundert Jahren dem billigen oder dem teuren Ende dieser Geschichte zugeordnet wird, weiß niemand. Der Rue-Transnonain-Fall zeigt, warum eine solche Vorhersage nicht seriös möglich ist: Selbst ein Blatt, dessen Zerstörung einem Staat einst wichtig war, bleibt heute im dreistelligen Bereich. Historische Bedeutung ist keine Preisgarantie, in keine Richtung.

Was kostet eine Lithografie bei Studio Sonsu?

Das hängt vom Werk ab, vor allem von Format, Auflage und Künstlerposition. Der Preis jeder Lithografie steht auf der Produktseite, die aktuelle Auswahl zeigt die Lithografie-Kollektion.

Woran erkenne ich eine originale Lithografie statt einer Reproduktion?

Ein Original ist von Hand signiert, trägt eine Auflagennummer und wurde vom Künstler selbst oder unter dessen Aufsicht gedruckt. Wer eine originale Lithografie kaufen möchte, sollte zusätzlich auf ein Werkverzeichnis achten, wenn eines existiert.

Warum sind manche historischen Lithografien günstiger als neue Blätter?

Weil Zensur oder Beschlagnahmung den Wert eines Blatts nicht automatisch steigen lässt. Auflage, Seltenheit und wie fest ein Künstlername im Kanon steht, zählen mehr als das Baujahr: Ein vielfach gedrucktes politisches Massenblatt aus dem 19. Jahrhundert kann dreistellig bleiben, während ein seltenes Blatt aus demselben Jahrzehnt mit bekanntem Namen ein Vielfaches erzielt.

Was bestimmt den Preis einer heute entstandenen Lithografie?

Auflagenhöhe und Format zuerst: Ein kleines Blatt in höherer Auflage ist günstiger als ein großformatiges Blatt aus einer Auflage von zehn oder zwanzig. Dazu kommt, wie bekannt der Name am Markt bereits ist. Der reine Zugang zu Stein und Presse fällt dabei kaum ins Gewicht.

Quellen und weiterführende Literatur

  • MutualArt, Auktionsergebnis zu Honoré Daumiers "Rue Transnonain" (2025)
  • Antiques and The Arts Weekly, Bericht zum Rekordverkauf bei Poster Auctions International (März 2022)
  • Sotheby's, Impressionist & Modern Art Evening Sale, Los 6, Katalogeintrag zu Edvard Munchs "Der Schrei" (Juni 2016)
  • Sotheby's, Prints & Photographs Part I, Katalogeintrag zu Toulouse-Lautrecs "Moulin Rouge: La Goulue" (2026)
  • Phillips, Evening & Day Editions, Katalogeintrag zu Pablo Picassos "Femme au fauteuil No. 1" (Januar 2023)
  • Guy Hepner Gallery, Sammlerguide zu Picasso-Mourlot-Lithografien
  • Galerie Kornfeld, Katalogeintrag zu Francisco de Goyas "Los Toros de Burdeos"
  • Blanton Museum of Art, Objekteintrag zu Eugène Delacroix' "Cheval sauvage terrassé par un tigre"
  • Soma Gallery, Kollektion "Stone Lithographs"
  • Künstlerhaus Stuttgart, Werkstattseite Lithografie

Zuletzt aktualisiert am 04.10.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover-Linden. Jedes Werk wählen wir selbst aus. Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de