ZINNOBER Hannover: ein Wochenende in Ateliers, Projekträumen und Galerien

Sechs Leute stehen in einem Treppenhaus, das für drei gebaut wurde. Oben zieht jemand eine Rakel über ein Sieb, hört dabei nicht auf, sagt auch nichts, und niemand schickt die sechs wieder nach unten. Es riecht nach Lösungsmittel und feuchtem Papier. Auf dem Tisch daneben liegen zwei Bogen, die noch nicht trocken sind, und einer, der schiefgegangen ist und trotzdem liegen bleibt.

Das ist der ungewöhnliche Teil. Du stehst nicht in einer Ausstellung, sondern in einem Arbeitsraum, und die Person darin arbeitet weiter, während du zusiehst. An den meisten Tagen im Jahr wärst du hier eine Störung. An diesem Wochenende bist du eingeplant, ohne dass dich jemand herumführt.

Das Wochenende heißt Zinnober, und wer zum ersten Mal losgeht, merkt nach dem zweiten Stopp, dass "Kunstort" ziemlich verschiedene Dinge bedeuten kann. Ein Atelier funktioniert anders als eine Ateliergemeinschaft, anders als ein Projektraum, anders als eine Produzentengalerie oder ein Kunstverein. Diese Unterschiede entscheiden darüber, was du siehst, wen du ansprechen kannst und wie lange du bleibst. Studio Sonsu war 2026 nicht dabei, wir schreiben hier also über die anderen Orte, nicht über die eigene Tür.

Was ist Zinnober, und wann ist es 2026?

ZINNOBER ist das Wochenende, an dem Hannovers Kunstszene ihre Herbstsaison eröffnet. ZINNOBER 2026 fand am Samstag, den 5., und Sonntag, den 6. September statt, jeweils von 12 bis 19 Uhr. Der 30. ZINNOBER ist für den 4. und 5. September 2027 angekündigt. Es ist die 29. Auflage; rechnet man die Editionszählung zurück, liegt der Anfang im Jahr 1998. Entstanden ist das Format aus dem von Galerien begründeten Herbst-Saisonauftakt mit Galerien, Kunsthäusern und Künstlergruppen. Die Stadt Hannover sprach auf ihrer Veranstaltungsseite von rund 60 Kunstorten mit über 300 Künstlerinnen und Künstlern. Ihr Programmheft und ihre Pressemitteilung zählen 61 und listen dabei Ateliergemeinschaften, Projekträume, Galerien, Kunstvereine und Kunstinstitutionen nebeneinander. Der Eintritt war überall frei. Organisiert wird das Ganze vom Kulturbüro der Stadt Hannover. Bis 2016 lief es offiziell als ZINNOBER-Kunstvolkslauf, ab 2017 verschwand der Zusatz aus der Vermarktung. Die Stadt beschreibt das Format als angelehnt an ein Künstlerfest um Kurt Schwitters in den 1920er Jahren.

Welche sieben Orte zeigen dir das ganze Wochenende im Kleinen?

Das hier ist keine Bestenliste. Bei rund 60 offenen Türen wäre jede Empfehlung zugleich eine Nichtempfehlung für alle anderen, und dafür gibt es keinen Grund. Das Kriterium ist ein anderes, und du kannst es nachprüfen: Beim Zinnober öffnen mehrere Arten von Orten, und für sechs davon steht hier genau eine Adresse, an der sich der Typ besonders klar ablesen lässt: Atelier, Ateliergemeinschaft, Projektraum, Produzentengalerie, Kunstverein und Artothek. Was die Bezeichnungen bedeuten, steht weiter unten. Dazu kommt am Schluss ein siebter Ort, der zeigt, warum das Schild über der Tür den Typ nicht verrät.

Die Auswahl galt für 2026 und für kein anderes Jahr. Programme verschieben sich außerdem bis zuletzt, deshalb lohnt bei jeder Auflage am Vorabend noch ein Blick auf die Liste.

Das Atelier: Studio Akkord, Schulenburger Landstraße 152 F. Hier wird gedruckt, und die Ausstellung hieß entsprechend "Noch mehr Druck!". Gezeigt wurden Siebdruck-Arbeiten von Martin Grobecker, Chris Gundermann, Timo Bock und Christoph Sander aus den letzten ein bis zwei Jahren, und zwar in den Räumen der Druckwerkstatt selbst. Die Blätter hingen damit dort, wo sie entstanden sind. Wer wissen wollte, wie Siebdruck funktioniert, stand hier direkt daneben.

Die Ateliergemeinschaft: Kreative der Kornbrennerei, Bertramstraße 4 in Hainholz. Elf Künstlerinnen und Künstler standen dort im Programm, unter dem Titel "I want you to draw me like one of your french girls". Einer dieser elf Namen ist Siegfried Neuenhausen. Der Bildhauer, Jahrgang 1931, erwarb das Haus 1983 und baute es als Künstler-Galerie aus. Die Gruppe, die dort 2026 ausstellte, zeigte also in einem Haus, das einer ihrer eigenen Aussteller aufgebaut hat. Am Samstag lief dort von 17 bis 20 Uhr ein eigenes Programm mit Live-Malerei, Musik und Bar. Das ist der Punkt, an dem eine Ateliergemeinschaft mehr wird als eine Mietgemeinschaft.

Der Projektraum: ad/ad – Project Space, Deisterstraße 13, im Hinterhaus. Im Programm stand kaum mehr als der Titel "carte blanche", dazu der Hinweis, dass weitere Infos zu gegebener Zeit über Instagram kommen sollten. Das ist kein Versäumnis, sondern die Betriebsart. Ein Projektraum füllt sich für jedes Projekt neu, und manche legen sich entsprechend spät fest. Den Unterschied zur Ateliergemeinschaft siehst du hier schon am Programmeintrag, bevor du überhaupt losgegangen bist.

Die Produzentengalerie: 4h-art, Loebensteinstraße 7a. Neun Künstlerinnen und Künstler standen dort im Programm. Am Sonntag von 14 bis 16 Uhr gab es kreatives Drucken mit der Gelplatte, ausdrücklich für Kinder und Erwachsene, angeboten von Andreas Ziller. Am Samstag um 15 und um 16 Uhr baute Dieter Rammlmair mit Kindern Masken aus Karton und Heißkleber. Von den sieben Adressen war das die einzige mit zwei ausdrücklichen Angeboten für Kinder.

Der Kunstverein: Kunstverein Hannover, Sophienstraße 2. Gezeigt wird der Preis des Kunstvereins Hannover, eine Gruppenausstellung der aktuellen Stipendiatinnen und Stipendiaten Aria Farajnezhad, Jonas Höschl und Jana Piotrowski. Am Samstag um 15 Uhr gab es einen Ausstellungsrundgang, am Sonntag um 15 Uhr führten die Künstlerinnen und Künstler selbst durch die Ausstellung. Sie läuft bis zum 1. November und damit am längsten von allen sieben.

Die Artothek: artothek Hannover e.V., Theodor-Lessing-Platz 2. Eine Artothek verleiht Kunst, wie eine Bibliothek Bücher verleiht. Dieser Ortstyp hat in den Abschnitten weiter unten keinen eigenen Teil, weil er im Programm 2026 nur ein einziges Mal auftauchte. Unter dem Titel "Klassische Ladestation" konntest du dich an beiden Tagen zwischen 14 und 18 Uhr hinlegen und 20 Minuten lang Musikerinnen und Musikern des Treppenhausorchesters zuhören. Ein neuer Durchgang begann alle 20 Minuten. Wie das Ausleihen anderswo funktioniert, steht im Atlas der Artotheken.

Der Fall, in dem das Schild nicht hilft: Galerie BOHAI, Schwarzer Bär 6. Der Name sagt Galerie. Im ZINNOBER-Programmheft steht direkt darunter "gemeinnütziger Kunstverein", und auch die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine führt ihn unter ihren Kunstvereinen, gegründet 2013. Genau deshalb steht er in dieser Liste: Der Name über der Tür verrät dir den Ortstyp nicht. Gezeigt wurde bis zum 20. September "I WANT THIS HOUSE TO BE HAUNTED" von Annika Weertz, ein fotografisches Essay, in dem sich die Künstlerin vier Jahre lang mit Trauer, Verlust und Erinnerung auseinandersetzt, ausgehend von ihrem Elternhaus. Wenn du an einer Tür nicht sicher bist, wo du gerade stehst, ist die Frage danach der kürzeste Weg.

Diese sieben Adressen liegen nicht gleichmäßig über die Stadt verteilt, sondern in drei Gruppen. Studio Akkord und die Kornbrennerei stehen beide in Hainholz, 1,4 Kilometer Luftlinie auseinander. ad/ad und die Galerie BOHAI stehen beide am Schwarzen Bären in Linden, keine 150 Meter voneinander entfernt, das ist praktisch ein Stopp. Kunstverein, artothek und 4h-art bilden die dritte Gruppe um die Innenstadt, zwischen 0,5 und 1,4 Kilometern Luftlinie voneinander. Was ein Atelier von einer Ateliergemeinschaft unterscheidet und woran du eine Produzentengalerie erkennst, steht weiter unten.

Woher hat das Wochenende seinen Namen?

Auf der offiziellen Seite steht dazu ein Satz, der weit zurückgreift: "Angelehnt an das Künstlerfest um Kurt Schwitters in den 1920er Jahren feiert ZINNOBER die Kunst in Hannover." Das ist keine Zuschreibung von außen, sondern die Erklärung des Veranstalters selbst für das Format und seine Tradition.

Das Fest dahinter lässt sich auf einen Tag datieren. Am 7. Januar 1928 fand im Hannoverschen Konzerthaus ein Zinnoberfest statt, organisiert vom Reichsverband Bildender Künstler, Gau Hannover. Kurt Schwitters bekam den Auftrag, die Festschrift zu gestalten. Der Zinnoberschlager entstand in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Walter Gieseking. Er arbeitete damals längst unter dem Label MERZ, seiner eigenen Variante des Dadaismus. Eine Festschrift für ein Künstlerfest war für ihn ein Heimspiel.

Aus diesem Schlager zitiert die Stadt eine Zeile, wenn sie zum Wochenende einlädt: "Immer rinn in den Zinnober, immer knüppeldicke rinn." Sie steht 2022 im städtischen Artikel zur 25. Auflage, ausdrücklich Schwitters und dem Jahr 1928 zugeschrieben, und sie taucht 2025 in der Pressemitteilung zur 28. Auflage erneut auf.

Die Stadt schreibt "angelehnt an", nicht "benannt nach": eine vorsichtigere Formulierung, die sich auf das Fest beruft, ohne den Namen direkt daraus herzuleiten. Der Bund Bildender Künstlerinnen und Künstler in Hannover machte in seiner Ankündigung zur 17. Auflage 2014 die Farbe selbst zum Thema: leuchtend schön, weder Gelb noch Blau, das Gegenteil von Grün. Das ist ein Motto, keine Herleitung des Namens. Fest und Farbe stehen damit nebeneinander, und keins schließt das andere aus.

Was zeigt dir ein Atelier, das eine Ausstellung nicht zeigt?

Ein Atelier ist kein kleiner Ausstellungsraum. Es ist der Raum, in dem die Arbeit entsteht, und man sieht das daran, dass alles darin benutzt aussieht: Farbe auf dem Tisch, Nadellöcher in der Wand, an der Leine ein paar Blätter, die noch trocknen. Was dort hängt, ist keine Auswahl, sondern ein Zwischenstand.

Person in gestreiftem Shirt und dunkler Schürze zieht in einer hellen Gemeinschaftswerkstatt einen frisch gedruckten Bogen von der Kupferplatte auf dem Pressbett ab, auf dem Blatt eine geometrisch-architektonische Komposition in Grau und Schwarz
Bronwen Sleigh zieht einen Bogen von der Kupferplatte ab. Foto: Bronwen Sleigh Studio. Die Aufnahme stammt nicht aus Hannover und zeigt keinen ZINNOBER-Ort.

An einer Tiefdruckpresse dauert der interessanteste Moment ein paar Sekunden. Auf dem Pressbett liegt die eingefärbte Platte, darauf der feuchte Bogen, darüber die Druckdecke, und der Druck der Presse hat die Farbe längst ins Papier gedrückt. Dann greift jemand die Ecke des Bogens und zieht ihn ab. Bis dahin weiß auch die Person an der Presse nicht genau, wie das Blatt geworden ist. Das ist der Augenblick, in dem eine Radierung zum ersten Mal sichtbar wird, und er lässt sich in keiner Vitrine nachstellen.

Daraus folgt die Frage, die sich an einem Atelier-Stopp am meisten lohnt, und es ist die einfachste: Was machst du da gerade? Die Antwort dauert oft länger, als die Frage vermuten lässt.

Manche Ateliers bauen aus dem Wochenende einen Kurs im Kleinformat. Das Atelier am Tönniesberg bot 2019 an beiden Tagen um 14 Uhr eine Einführung in den Siebdruck an. Ob solche Formate stattfinden, steht im jeweils aktuellen Programm. Das ist keine Zusage für den nächsten Termin, aber ein realistisches Bild davon, was hinter einer offenen Ateliertür passieren kann.

Was ist der Unterschied zwischen einer Ateliergemeinschaft und einem Projektraum?

Eine Ateliergemeinschaft ist zuerst einmal eine Mietgemeinschaft. Mehrere Künstlerinnen und Künstler teilen sich ein Haus, eine Etage oder einen Hof, jeder hat seinen eigenen Bereich, geteilt werden Kosten, Presse, Absaugung und Küche. Für dich heißt das: mehrere Positionen an einem Stopp, ohne dass jemand sie kuratiert nebeneinandergehängt hätte. Die Sprünge zwischen zwei Türen sind manchmal härter als in jeder Gruppenausstellung.

Zwei Hände ziehen eine Aluminium-Rakel über ein grün beschichtetes Sieb in einem dick farbverkrusteten Metallrahmen, der Tisch darunter ist mit Zeitungspapier ausgelegt
Antonia Reber am Siebdrucktisch in der Druckwerkstatt des Künstlerhauses Stuttgart. Foto: Antonia Reber Studio. Die Aufnahme entstand nicht in Hannover und zeigt keinen ZINNOBER-Ort.

Ein Projektraum funktioniert andersherum. Da ist zuerst der Ausstellungsraum, nichtkommerziell und meist von Künstlerinnen und Künstlern selbst betrieben, und in ihn kommt ein Projekt nach dem anderen. Oft liegt er in einem Atelier, einer Zwischennutzung oder einer Wohnung.

Die Grenze ist in der Praxis unscharf, und das ist keine Lücke in der Erklärung, sondern der Zustand. Ateliergemeinschaften betreiben oft einen Ausstellungsraum gleich mit, und in manchem Projektraum steht hinten eine Werkstatt. Wenn du an der Tür nicht sicher weißt, welcher Typ von Ort das gerade ist: Die Leute drinnen beantworten das in einem Satz.

Neu im Programm 2026 ist die Ateliergemeinschaft ART SPOT in Anderten. Wie eng solche Gruppen beieinanderliegen können, zeigt das Faust-Gelände in Linden-Nord, die ehemalige Bettfedernfabrik: Für 2026 standen dort gleich drei Kollektive einzeln im Programm, das atelier:bettfedernfabrik mit "Mondstaubsilber", das Atelier Mira e.V. mit "WE ARE ALL ARTISTS" und das Atelier: ex.a.Tö mit neuen Arbeiten. Gelistet waren dabei die einzelnen Ateliers, nicht das Gelände als Einheit. Die frühere Kunsthalle Faust ist kein Ausstellungsraum mehr, sie wird seit 2025 als tanzRAUM Faust für den Tanz genutzt. Im Programm stand trotzdem der Kunstverein Kunsthalle Hannover, mit "Resonance of Matter" im Kesselhaus Linden und abendlichen Lichtprojektionen auf dem Gelände.

Solche Häuser machen an diesem Wochenende oft mehr, als nur aufzuschließen. Das atelier:bettfedernfabrik hatte 2019 einen Atelier-Rundgang im Programm, 2026 eine Live-Performance von Ilka Theurich am Samstag um 17 Uhr. Was in einem bestimmten Jahr angeboten wird, steht im aktuellen Programm.

Ein Teil dieser Gemeinschaftswerkstätten ist auch außerhalb des Wochenendes zugänglich, über Tagesgebühren, Mietplätze an einer Presse oder Einsteigerkurse, wie sie der Atlas der Druckwerkstätten in Deutschland bundesweit verzeichnet. Der Übergang zum nächsten Ortstyp ist fließend: Sobald eine solche Gruppe regelmäßig ausstellt, feste Öffnungszeiten aushängt und Preise dazuschreibt, heißt dasselbe Konstrukt Produzentengalerie.

Wie erkennst du eine Produzentengalerie?

In einer Produzentengalerie hat die Person, die dir die Tür aufmacht, das halbe Programm selbst gemacht. Die Künstlerinnen und Künstler tragen die Miete, entscheiden über die Ausstellungen und stehen am Wochenende selbst im Raum. Eine kommerzielle Galerie arbeitet anders: Dort wählt jemand aus, der selbst nicht produziert, baut ein Programm über Jahre auf und lebt davon, Arbeiten zu vermitteln. Du merkst den Unterschied meistens daran, wie jemand über die Arbeit an der Wand spricht.

Schwarzweiß-Porträt: Antonia Reber im schwarzen Rollkragenpullover hinter einem hochgeklappten, farbverkrusteten Siebdruckrahmen, in der rechten Hand ein dünnes Werkzeug über dem frisch bedruckten Bogen
Antonia Reber in der Druckwerkstatt des Künstlerhauses Stuttgart. Foto: Lena Füssinger. Die Aufnahme entstand nicht in Hannover und zeigt keinen ZINNOBER-Ort.

Der einfachste Test steht manchmal schon im Programmeintrag: 2026 hieß die 4h-art im Programmheft ausdrücklich Produzentengalerie 4h-art. Das neu dazugekommene artlab-studio Hannover in Badenstedt nannte die Stadt in ihrer Pressemitteilung ebenfalls Produzentengalerie. Der zweite Test funktioniert im Raum. Frag, wer die Arbeit an der Wand gemacht hat. Kommt die Antwort in der ersten Person, stehst du in einer Produzentengalerie, und dieselbe Person beantwortet dir gleich danach auch die Fragen nach Technik, Auflage und Preis.

Gekauft werden kann an manchen dieser Orte, an anderen nicht, und die Frage danach ist nirgends unhöflich. Eine Preisauskunft, die für das ganze Wochenende gilt, gibt es allerdings nicht: Jeder Ort entscheidet selbst, und schon auf einem einzigen Tisch liegt zwischen kleinem Probedruck und großformatiger Arbeit eine ordentliche Spanne. Manche Häuser legen eine Liste aus, andere sagen es dir, wenn du fragst. Niemand erwartet, dass du etwas mitnimmst.

Was bringen dir die Kunstvereine und Institutionen beim Zinnober?

Ein Kunsthaus oder ein Kunstverein fühlt sich an so einem Tag anders an als ein Atelier. Du bist wegen der Ateliers unterwegs, und plötzlich stehst du in einem Raum mit weißen Wänden. Der Besuch lohnt sich trotzdem, aber aus einem anderen Grund als der Rest des Tages.

Blick durch eine große runde Arbeitslupe auf einen kleinen Holzstichblock, dessen dunkel eingefärbte Oberfläche in extrem feinen weißen Linien einen T-Rex-Kopf mit Bischofsmütze zeigt, rechts mehrere Stichel mit Holzgriffen
Holzstichblock unter der Arbeitslupe in Richard Studers Werkstatt in Wales. Studer sticht die Linien unter der Lupe, ohne Lupe sind sie kaum sichtbar. Die Aufnahme entstand nicht in Hannover und zeigt keinen ZINNOBER-Ort.

Institutionen liefern Einordnung. Im Atelier erfährst du, wie etwas gemacht wurde, im Kunstverein, wogegen oder woran es sich abarbeitet. Der Kunstverein Hannover hatte dafür 2019 ein eigenes Format im Programm, ganztägig, unter dem Namen "Talking Labels", ausdrücklich für Fragen zur Ausstellung. Im selben Jahr standen außerdem Führungen mit Künstlerinnen und Künstlern, Spaziergänge durch die Stadtteile und eine Fahrrad-Kunsttour im Programm.

Der zweite Grund ist banaler. An kaum einem anderen Tag stehst du so nah an so vielen Originalen, mit jemandem daneben, den du fragen kannst. Der Plattenrand zum Beispiel, die Kante, die der Druck der Presse dort ins Papier prägt, wo die Metallplatte endet, entsteht beim Tiefdruck. Manche Reproduktionen ahmen ihn nach, deshalb ist er beim Originalgrafik erkennen ein Hinweis und kein Beweis. Auf einem Bildschirm ist er praktisch unsichtbar.

Kunstvereine finanzieren sich unter anderem über Mitgliedsbeiträge, und viele geben jedes Jahr Editionen an ihre Mitglieder ab. Bei diesen Jahresgaben der Kunstvereine zahlen Mitglieder in der Regel weniger, als dieselbe Arbeit auf dem Markt kostet. Ein offener Samstag ist ein guter Moment, um an Ort und Stelle danach zu fragen, weil dann Leute im Haus sind, die den Vorgang erklären können.

Die meisten Führungen, Lesungen, Konzerte und Workshops stehen mit fester Uhrzeit im Programm, einzelne Führungen gibt es nach Vereinbarung. Ein solcher Termin entscheidet oft über die Reihenfolge des ganzen Tages.

Wie viele Kunstorte schaffst du an einem Nachmittag?

Die Ortszahl schwankt: 2014 öffneten 36 Kunstorte, 2019 waren es 69, 2025 dann 66 Orte mit 19.000 Besuchen. Für 2026 nannte die Stadt rund 60, ihr Programmheft zählt 61.

Räumlich häufen sich manche Adressen. 2026 standen an der Schulenburger Landstraße 150 und 152 in Hainholz sieben Einträge im Programm, auf dem Faust-Gelände vier und in der Eisfabrik in der Südstadt drei: die GAF als Galerie für Fotografie, KONG und die Ateliers im Haus. Die Kreativen der Kornbrennerei in Hainholz haben einen eigenen Eintrag. Die Kornbrennerei existiert unabhängig von diesem Wochenende, sie ist ganzjährig ein Atelierkomplex. Wie sich Kunst das ganze Jahr über auf Linden, Hainholz und die Südstadt verteilt, zeigt die Seite Kunst in Hannover.

Die praktische Antwort lautet: drei bis fünf Orte an einem Nachmittag. Das klingt wenig bei rund 60 im Programm, ist aber die ehrliche Rechnung. Sieben Stunden Zeitfenster, zwanzig bis vierzig Minuten pro Ort, wenn du dich auf ein Gespräch einlässt, dazu Wege quer durch eine Stadt, in der Anderten im Osten und Badenstedt im Westen liegen. Wer sich zehn Stopps vornimmt, sieht am Ende zehn Räume und hat mit niemandem geredet.

Was die Rechnung verschiebt, sind Adressen mit mehreren Stationen. Die drei Kollektive auf dem Faust-Gelände kosten dich einen Weg und ergeben drei Einträge auf der Liste, in der Eisfabrik gilt dasselbe. Wer viel sehen will, sucht sich solche Häufungen und nicht die Einzeladressen an entgegengesetzten Enden der Stadt. Wie viele es am Ende werden, entscheidet sich trotzdem meistens am ersten Stopp: Wenn dort jemand anfängt zu erzählen, ist der Rest der Route Makulatur.

Was du vor dem Wochenende wissen solltest

Das Programm steht online, und es ist die einzige Quelle, auf die du dich verlassen solltest. Zur Orientierung steht am Wochenende ein digitaler Stadtplan unter zinnober.online mit den teilnehmenden Orten bereit. Welches Haus welche Aktionen anbietet, steht im Programmheft der Stadt beim jeweiligen Ort.

Zwei Dinge findest du im Programmheft der Stadt. Bei jedem Ort steht dort die nächste Haltestelle mit Bus- und Bahnlinien und, wo es zutrifft, ob der Zugang barrierefrei ist. 2026 war das an 34 Orten ganz oder teilweise der Fall. Bei Ateliers in Hinterhöfen, dritten Stöcken und alten Fabriketagen ist das keine Nebensache. Wer auf einen stufenlosen Zugang angewiesen oder mit Kinderwagen unterwegs ist, ruft den Ort trotzdem vorher an oder schreibt eine Mail. Die Leute, die dort arbeiten, kennen ihr Treppenhaus genau.

Der Rest ist schnell gesagt. Du musst nichts kaufen und niemand erwartet es. Du darfst fragen, auch Anfängerfragen, und die meisten Antworten fallen länger aus als erwartet. Und du solltest damit rechnen, dass dein Plan nach zwei Stunden nicht mehr gilt.

Am Montag danach ist das Treppenhaus wieder leer. Die Tür oben ist zu, die Rakel liegt am Rand des Tischs, und wer jetzt klingelt, stört tatsächlich. Das ist der Normalzustand und auch in Ordnung so, denn das sind Arbeitsplätze und keine Ausstellungshäuser. Geändert hat sich nur, dass du weißt, was hinter diesen Türen passiert.

Häufige Fragen zum Zinnober-Wochenende

Muss ich mich für Zinnober anmelden?

Nein. Es gibt keine Tickets und keine Anmeldung, der Eintritt ist frei. Du gehst hinein, wenn geöffnet ist, und wieder hinaus, wenn du willst. Auch die Führungen durch die Stadtteile waren 2026 kostenlos und ohne Voranmeldung.

Nimmt das Faust-Gelände beim Zinnober 2026 teil?

Nicht das Gelände als Ganzes, aber 2026 standen dort drei Ateliers und der Kunstverein Kunsthalle Hannover einzeln im Programm. Für die Planung heißt das: eine Anfahrt, mehrere Stopps. Die frühere Kunsthalle Faust selbst ist kein Ausstellungsraum mehr, sie wird seit 2025 als tanzRAUM Faust für den Tanz genutzt.

Kann ich mit Kindern hingehen?

Ja. Für 2026 wies die Stadt in ihrem Programmheft eigene Angebote für Kinder aus. Was das an einem einzelnen Ort bedeutet, entscheidet der Ort selbst. Wer mit Kindern plant, schaut also am besten in den Programmeintrag des Ortes, den er ansteuert.

Wo finde ich die aktuelle Karte und das Programm?

Im digitalen Stadtplan unter zinnober.online, der zum Wochenende die teilnehmenden Orte verzeichnet. Für 2026 gab die Stadt zusätzlich ein Programmheft und einen Stadtplan als PDF heraus. Die genaue Ortszahl unterscheidet sich dabei je nach Stelle: Die Veranstaltungsseite der Stadt sprach von rund 60 Kunstorten, das Programmheft zählt 61.

Quellen und weiterführende Literatur

Studio Sonsu

Zuletzt aktualisiert am 03.10.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für originale Druckgrafik in Hannover-Linden. Wir arbeiten mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen, die ihre Auflagen selbst drucken und signieren. Alle Werke ansehen: studiosonsu.de/collections/all. Fragen: hello@studiosonsu.de