Picasso, die Lithografie und Matisse: zwei Haltungen zur Druckplatte

Oktober 1945. Fernand Mourlot öffnet die Tür seiner Werkstatt in der Rue de Chabrol. Der Gast wurde nicht eingeladen. Er wurde geschickt. Von Henri Matisse. Matisse hatte acht Jahre zuvor genau hier ein Plakat gedruckt, für die Ausstellung Maîtres de l'Art indépendant im Petit Palais, und wusste, was die Werkstatt konnte. Jetzt stand Picasso in dieser Tür.

Wer schickte Picasso 1945 in diese Werkstatt?

Matisse und Georges Braque schickten ihn. Mourlot beschrieb Picassos Ankommen nur knapp: Er kam, als wolle er in den Kampf. Die Werkstatt in der Rue de Chabrol war zu diesem Zeitpunkt bereits eine Pariser Institution. Nach dem Tod des Vaters Jules Mourlot 1920 führte Fernand die Werkstatt weiter. Matisse kannte sie aus eigener Erfahrung: Das Plakat von 1937 hatte er dort selbst bearbeitet.

Was Picasso in dieser Werkstatt anfing, würde bis 1969 andauern. Fast 400 Lithografien entstanden in diesen Jahrzehnten. Matisse war nie so intensiv. Für ihn war die Mourlot-Werkstatt ein Ort unter mehreren, Picasso machte sie zu seinem Forschungslabor.

Doch die Picasso-Lithografie hat eine Vorgeschichte, und sie beginnt ein Jahrzehnt früher, in einer ruhigeren Straße auf dem Montmartre.

Was verband die beiden schon vor Mourlot?

In der Rue Foyatier auf dem Montmartre eröffnet Roger Lacourière 1929 sein Atelier, mit Unterstützung des Verlegers Albert Skira. Lacourière führte sein Atelier als Handwerker, nicht als Händler. Er arbeitete für beide und bevorzugte keinen.

Ende der 1920er arbeitet Matisse hier an dem, was 1932 als Poésies de Stéphane Mallarmé erscheinen wird: 29 Drypoint-Radierungen, Auflage 145, Textdruck Léon Pichon. Matisse zeichnet in die Kupferplatte. Die Nadel hinterlässt einen Strich, der zugleich Zeichnung und Druckvorlage ist. Der Pinselduktus überträgt sich nicht, sondern der lineare Druck der Drypoint-Nadel auf das Metall. Das Ergebnis sind strenge, fast kalligrafische Linien zu den Gedichten Mallarmés.

Zeitgenössische Druckgrafikerin grundiert eine Kupferplatte für die Aquatinta, Flamme unter der Platte
Aquatinta heute: Jemma Gunning bereitet eine Kupferplatte vor, dasselbe Tiefdruckverfahren, das Lacourière Picasso beibrachte. Foto: Alex Sedgmond.

Ab 1932 kommt Picasso. Lacourière lehrt ihm eine Technik, die Matisse in dieser Form nicht benutzte: die Aquatinta. Genauer gesagt die Sugar-Lift-Aquatinta: Der Künstler pinselt eine Zuckerlösung direkt auf die Platte. Die Platte wird dann mit Firnis überzogen. Beim Wässern hebt die Zuckerlösung den Firnis ab, sodass die Säure genau dort die Platte angreift, wo der Pinsel geführt wurde. Flächen entstehen, keine Linien. Picasso nutzt das für die Suite Vollard.

Lacourières Säurebad ist zu klein für Picassos Minotauromachie-Platte von 1935. Sie muss abschnittsweise geätzt werden. Auf diese Art entsteht die Minotauromachie: sieben Zustände, 55 bis 65 Exemplare des finalen Zustands, gedruckt von Lacourière. Alfred Barr nannte sie 1947 den größten Einzeldruck, der bis dahin im Jahrhundert entstanden sei (im Original "the greatest single print thus far produced in this century").

Dieselbe Saison, dieselbe Rue Foyatier. Matisse arbeitet die Linie auf dem Kupfer. Picasso löst die Fläche in der Säure. Lacourière steht dazwischen. Beide nutzten dieselbe Werkstatt. Die Frage, was danach mit der Platte geschieht, werden sie sehr unterschiedlich beantworten.

Was passiert mit einer Platte nach dem letzten Abzug?

Picassos Antwort lässt sich an zwei Werken ablesen. Erstens: Le Taureau. Vom 15. Dezember 1945 bis zum 17. Januar 1946 arbeitet Picasso an einer einzigen Lithografieplatte in der Mourlot-Werkstatt. In einer überlieferten Folge von elf Zuständen, jeder ein eigener Abzug, reduziert er den Stier Schritt für Schritt. Ein "Zustand" (état oder state) ist ein Abzug der Platte zu einem bestimmten Bearbeitungsstand. Wer die elf Zustände nebeneinander sieht, sieht, wie ein Stier von expressiver Fülle bis zur geometrischen Abstraktion reduziert wird. Das kubistische Reduktionsprinzip wird hier als Zeitprotokoll sichtbar: eine Kette von Entscheidungen, die als Abzüge erhalten geblieben sind. Wer mehr über die Bewegung lesen will, die dieses Denken prägte: Kubismus. Nicht das einzelne Blatt ist das Ziel, sondern die ganze Reihe. Sie ist das Denkprotokoll.

Zeitgenössische Druckgrafikerin an der Ätzpresse, frischer Abzug einer Radierung
Die Ätzpresse heute: Bronwen Sleigh druckt eine Radierung. So entstanden auch die hundert Radierungen der Suite Vollard bei Lacourière. Foto: Bronwen Sleigh.

Zweitens: die Suite Vollard. Hundert Radierungen, gedruckt von Lacourière Ende 1938 bis Sommer 1939, erschienen in einer Gesamtauflage von 313 Sätzen: drei auf Pergament, 50 auf Montval-Büttenpapier mit breitem Rand, 260 mit schmalem Rand. Vollard stirbt kurz nach Fertigstellung im Autounfall, ohne dass die Suite publiziert werden konnte. Der Kunsthändler Henri Petiet erwirbt die gesamte Auflage vom Nachlass. Picasso signiert sporadisch noch bis etwa 1969. Die Platten existieren weiter, die Geschichte der Auflage endet nicht mit dem letzten Abzug.

Matisses Antwort auf dieselbe Frage ist Pasiphae. 1944 erscheint das Buch bei Martin Fabiani, 147 Linolschnitte, Auflage 250. Nach dem Druck der Auflage ließ Matisse die Druckplatten vernichten. Kein Nachdruck der Auflage. Die Platte war Werkzeug. Nach getaner Arbeit verschwindet sie.

Picasso hielt fest, was die Platte durchlief: bei der Stier-Folge die Zustände als Abzüge, bei der Suite Vollard die Kupferplatten selbst, die er noch Jahrzehnte später signierte. Matisse machte die Platte zum Mittel einer abgeschlossenen Komposition. Das markiert eine fundamentale Differenz im Werkbegriff. Was bedeutet das für den Druck in der Hand? Einen Picasso-Originaldruck kaufen heißt: ein Stück aus einem fortlaufenden Protokoll besitzen. Ein Matisse-Linolschnitt aus Pasiphae ist mit dem Akt der Vernichtung seiner Vorlage versiegelt.

Zwei zeitgenössische Druckgrafiker, Stephen Lawlor und Bronwen Sleigh, arbeiten heute mit derselben Radiernadel, mit der Matisse 1932 in die Kupferplatte zeichnete.

Lawlor "Infanta" (Radierung, figuratives Tiefdruckwerk mit feiner Kreuzschraffur) und Sleigh "Nile Avenue Study XV" (Radierung, ätherische Wireframe-Linearität): zwei Positionen im lebenden Tiefdruck.

Warum druckte der Farbmeister fast nur in Schwarz?

In der Malerei galt Kandinskys Formel von 1912: Matisse stehe für die Farbe, Picasso für die Form. In der Druckgrafik aber griff ausgerechnet der Farbmaler Matisse fast nur zu Schwarz.

Matisse schuf über 800 Originaldrucke in sechs Techniken, die der Werkkatalog Duthuit von 1983 verzeichnet, die Mehrzahl Radierungen und Lithografien. Die meisten davon sind schwarzweiß, nicht alle, aber die überwältigende Mehrheit. Für Matisse war Druckgrafik das Territorium der Linie, das Gegenprinzip zur Farbe seiner Gemälde.

Wer hier einwendet, dass Jazz (1947) das widerlege, irrt über das Verfahren. Jazz ist kein Druckgrafik-Album. Es ist ein Pochoir-Werk: Edmond Vairel druckte die zwanzig Tafeln durch Schablonen, exakt nach den fertigen Gouache-Collagen. Tériade hatte zuerst Lithografie versucht und war gescheitert. Der Pochoir reproduziert eine fertige Vorlage. Das ist das Gegenteil dessen, was Picasso mit einem Lithografiestein macht. Die Auflage: 250 nummerierte Exemplare, dazu 100 Portfolioexemplare ohne Text und 20 hors-commerce, alle auf Arches-Vélin, mit Bleistift signiert. Ein Sammlerstück, kein Originaldruck im technischen Sinn.

Picasso und Matisse teilten also dieselben Drucker, dieselben Werkstätten, manchmal sogar dasselbe Verfahren. Picasso brachte die Farbe in den lebenden Druckprozess, nicht ins fertige Bild, das dann reproduziert wird. Am deutlichsten wird das beim Linolschnitt, in Vallauris.

Warum vernichtete Matisse seine Linolplatten und Picasso schnitt eine einzige immer weiter?

Beide landeten beim Linolschnitt. Und beide handelten dort wie überall: entgegengesetzt.

Matisses Linolschnitte für Pasiphae folgen dem Prinzip des Weißlinienschnitts: Ins schwarze Linoleum werden helle Linien geschnitten. Was herausgenommen wird, bleibt weiß im Druck. Die Komposition entsteht durch Weglassen, durch das Negative. Nachdem die Auflage fertig ist, werden die Platten vernichtet. Matisse hatte bestimmt, was das Werk ist. Die Platte hatte ihren Teil getan.

Picasso entdeckt Linolschnitt 1954 in Vallauris und trifft dort auf Hidalgo Arnéra, einen Drucker, der auf diese Technik spezialisiert ist. Morgens bringt der Chauffeur Marcel die kommentierten Probedrucke zur Werkstatt; am frühen Nachmittag liefert Arnéra die neuen Abzüge zurück, täglich außer Samstag und Sonntag, um genau 13:30 Uhr zur Villa La Californie. So entsteht ein täglicher Rhythmus zwischen Drucker und Künstler, der fast ein Jahrzehnt anhält.

Das Verfahren, das Picasso dabei entwickelt, ist der Reduktionsdruck: Auf einer einzigen Linolplatte werden nacheinander verschiedene Farben gedruckt. Nach jedem Druckgang wird weiteres Material weggeschnitten. Der frühere Druckstand ist danach unwiederbringlich verloren. Wer nach der ersten Farbe druckt, hat die Platte für alle Folgefarben bereits verändert. Es gibt keinen Weg zurück. Das zwingt zur Voraussicht: Picasso muss beim ersten Schnitt bereits wissen, wie die vierte Farbe wirken wird. 197 Sujets entstehen zwischen 1954 und 1968 auf diese Weise.

Tilgung gegen Iteration: Matisse entfernt die Spur, Picasso hält jeden Schritt sichtbar.

Court "Moral Questions" (Hochdruckprinzip: weggeschnitten bleibt weiß) und "Peregrine" (scharfe Silhouette, klare Farbflächen): zwei zeitgenössische Positionen im Linolschnitt.

Es war dieselbe Tür. Matisse hatte sie 1937 als Erster geöffnet, mit einem Plakat für den Petit Palais; acht Jahre später schickte er Picasso hindurch. Dieselbe Rue de Chabrol, dieselbe Rue Foyatier auf dem Montmartre, dasselbe Säurebad, dieselben Drucker.

Und doch sieht man sofort, wer was gedruckt hat. Man verwechselt kein Blatt.

Der Unterschied liegt nicht in der Werkstatt und nicht in der Technik. Er liegt in einer Frage, die beide offenbar sehr verschieden beantwortet haben: Was ist eine Druckplatte? Bei Picasso ist sie ein offenes Protokoll, an dem das Denken sichtbar bleibt: Le Taureau reduziert einen Stier über elf überlieferte Zustände bis auf eine einzige Linie. Bei Matisse ist sie das Werkzeug einer abgeschlossenen Komposition: seine über 800 Originaldrucke, die der Werkkatalog von Duthuit verzeichnet, reichen vom Drypoint-Selbstbildnis bis zu den späten Aquatinten. Die Platte selbst aber sollte das fertige Werk nie überdauern.

Wer einen Originaldruck von einem der beiden in die Hand nimmt, hält entweder ein Stadium in einem Denkprotokoll oder ein versiegeltes Werk.

Häufige Fragen

Was druckte Matisse 1932 bei Roger Lacourière?

Für die Buchausgabe von Stéphane Mallarmés Gedichten (Poésies, erschienen 1932) fertigte Matisse 29 Drypoint-Radierungen an, Auflage 145 Exemplare, Textdruck Léon Pichon. Es sind streng lineare Blätter, die ohne dekorativen Überschuss direkt mit dem Gedicht-Text kommunizieren. Drucker war Roger Lacourière, in dessen Atelier in der Rue Foyatier, Montmartre. Ab 1932 kam auch Picasso dorthin.

Wie viele Zustände hat Picassos Le Taureau und was bedeutet "Zustand"?

Le Taureau ist in einer Folge von elf Zuständen überliefert, entstanden vom 15. Dezember 1945 bis zum 17. Januar 1946 in der Mourlot-Werkstatt. Ein "Zustand" ist ein Abzug der Platte zu einem bestimmten Bearbeitungsstand. Der erste Zustand zeigt die Platte zu Beginn, der letzte nach allen Überarbeitungen. Zwischen beiden liegt der gesamte Denkprozess sichtbar. Picasso bearbeitete dabei nicht verschiedene Platten, sondern dieselbe Vorlage schrittweise weiter und zog nach jedem Schritt einen Abzug. Die Auflage des endgültigen Zustands beträgt 50 Exemplare plus 18 Probezüge.

Ist Jazz von Matisse ein Originaldruck?

Nein. Jazz (Tériade, Paris, 1947) ist ein Pochoir-Werk: Die zwanzig Farbtafeln wurden durch Schablonen gedruckt, nach fertigen Gouache-Collagen als Vorlagen, ausgeführt von Drucker Edmond Vairel. Tériade hatte zunächst eine Lithografieedition versucht, war aber gescheitert. Der Pochoir reproduziert eine abgeschlossene Komposition. Er ist kein Druckgrafik-Verfahren im Sinne einer Originaldrucktechnik. Die Auflage bestand aus 250 nummerierten Exemplaren plus 100 Portfolioexemplaren ohne Text und 20 hors-commerce-Exemplaren, alle auf Arches-Vélin. Jazz ist als Sammlerstück bedeutend. Als Druckgrafik im technischen Sinn gilt es nicht.

Was ist ein Reduktionsdruck, und warum arbeitete Picasso in Vallauris so?

Beim Reduktionsdruck arbeitet man mit einer einzigen Platte und druckt nacheinander verschiedene Farben. Nach jedem Druckgang wird weiteres Material aus der Platte herausgeschnitten. Der frühere Druckstand ist damit unwiederbringlich zerstört. Das zwingt zur Vorausplanung des gesamten Farbaufbaus vor dem ersten Abzug. Picasso nutzte dieses Verfahren mit Hidalgo Arnéra in Vallauris ab 1954. Arnéra brachte die täglichen Abzüge um genau 13:30 Uhr zur Villa La Californie.

Wo kann man zeitgenössische Radierungen und Linolschnitte kaufen?

Studio Sonsu in Hannover-Linden führt Originaldruckgrafik aus beiden Techniken: Radierungen von internationalen Druckgrafik-Positionen, Linolschnitte im Linolschnitt-Sortiment. Alle Werke sind nummerierte Auflagen mit Echtheitszertifikat, signiert vom Künstler. Versand via DHL, 14 Tage Widerrufsrecht, Rückgabe im Originalzustand. Fragen: hello@studiosonsu.de

Quellen und weiterführende Literatur

  • Städel Museum, Picasso als Druckgrafiker (Online-Feature der Sammlung).
  • Mourlot Editions, zur Geschichte der Pariser Lithografie-Werkstatt Atelier Mourlot.
  • Roger Lacourière, Atelier-Geschichte (Wikipedia, französische Ausgabe).
  • Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst (München 1912).
  • Claude Duthuit, Henri Matisse. Catalogue raisonné de l'œuvre gravé (Paris 1983).

Zuletzt aktualisiert am 02.06.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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