Joan Miró
Joan Miró (1893–1983) war einer der prägenden Maler des 20. Jahrhunderts. Sterne, Monde und schwebende Augen auf leuchtend blauen und roten Flächen: Diese Bildsprache ist so unverwechselbar, dass sie keiner Erklärung bedarf. Neunzig Jahre, zwei Weltkriege, eine Diktatur.
Jeder erkennt sie, niemand verwechselt sie. In diesen neunzig Jahren ist Miró Maler geblieben. Und gleichzeitig noch etwas anderes geworden.
1954 vergab die Venedig-Biennale ihren Grand Prize for Graphic Work an Joan Miró. Nicht den Malerei-Preis. Den Grafik-Preis. Danach ließ er den Pinsel für vier Jahre fast vollständig ruhen.
Um diesen Moment zu verstehen, muss man von 1912 anfangen.
Miró hat mehr als 1.300 Radierungen hinterlassen und über 1.200 Lithografien. Dazu kommen mindestens 72 Carborundum-Drucke, eine Technik, die er erst mit 74 Jahren kennenlernte. Über fünf Jahrzehnte, sechs Werkstätten, fünf Techniken. Jetzt kommt, was dahinter ist.
Diese Zahlen zählen Originaldrucke, deren Druckform Miró in den Werkstätten von Lacourière, Mourlot und anderen selbst bearbeitete oder unter seiner direkten Anweisung entstand. Was Originaldruckgrafik kategorial von einer fotografischen Reproduktion trennt, ist auf der kategoriale Unterschied entwickelt.
Wer war Joan Miró?
Joan Miró wurde am 20. April 1893 in Barcelona geboren. Sein Vater war Goldschmied und Uhrmacher, seine Mutter kam aus einer Handwerkerfamilie. Der junge Miró begann früh zu zeichnen, zeigte aber keine frühen Anzeichen eines außergewöhnlichen Talents. Was seine Ausbildung prägte, kam später.
Ab 1912 besuchte er die Schule des Malers Francesc Galí in Barcelona. Galí hatte eine ungewöhnliche Methode: Er ließ seine Schüler Objekte mit verbundenen Augen ertasten und dann aus dem Gedächtnis zeichnen. Die Hände sollten sehen lernen, was die Augen noch nicht verstanden. Für Miró war das keine pädagogische Kuriosität. Es wurde zu einem Modus, der ihn sein ganzes Leben begleitete: körperlich denken, Material befragen, nicht aus der Distanz entwerfen.
Barcelona bleibt die Koordinate, auf die sein Werk immer wieder zurückzeigt. Die katalanische Landschaft, die Keramiktradition seiner Familie, das heiße Licht über Montroig. Diese Herkunft hat er nie abgeschüttelt; er hat sie in die Abstraktion überführt.
1920 zog er nach Paris, wo er Kontakt zu den Surrealisten fand. André Breton, Max Ernst, Yves Tanguy. Miró wurde Teil dieser Bewegung, ohne sich ihr ganz zu ergeben. Er unterzeichnete Manifeste, aber er organisierte seinen Alltag mit der Disziplin eines Handwerkers: Atelier vor Mittag, Mittagessen, Siesta, Atelier bis zum Abend.
Was passierte in der Werkstatt von Roger Lacourière?
Ende 1932 fertigte Miró drei Radierungen für ein Buch des surrealistischen Dichters Georges Hugnet. Das Buch erschien unter dem Titel „Enfances/Infancias" bei Éditions „Cahiers d'Art" in Paris, Auflage 25 Exemplare, gedruckt von Roger Lacourière in seiner Werkstatt in Montmartre. Es war Mirós erste belegte Zusammenarbeit mit einem professionellen Drucker. Was heute unter dem Namen Joan Miró Radierung katalogisiert wird, beginnt hier. Das MoMA bewahrt ein Exemplar.
In dieser Werkstatt druckte auch Pablo Picasso. Lacourière war ein Drucker, der Maler zu Handwerkern machte, und er behandelte seine Werkstatt entsprechend.
Was Miró in Lacourières Werkstatt mitbrachte, war die haptische Methode Galís. Seine Radierungen aus dieser Zeit entstanden nicht mit Standard-Werkzeugen: alte Nägel, Schraubenzieher, Scheren, seine Finger, eine Fischnetznadel. Der Abzug zeigte, was vorher Material gewesen war.
Im Jahr 1933 schuf Miró für das Magazin „Minotaure" eine weitere Radierung mit dem Titel „Daphnis and Chloe". Das Victoria and Albert Museum London hält ein Exemplar.
Im Mai 1940 floh Miró aus dem besetzten Frankreich nach Spanien. Das nächste druckgrafische Werk entstand unter Bedingungen, die keine Werkstatt mehr boten.
Warum sind fünfzig Blätter aus Barcelona fast verschwunden?
Während des Zweiten Weltkriegs lebte Miró in Franco-Spanien. Öffentliche Ausstellungen waren für ihn unmöglich, politische Äußerungen gefährlich. Er zog sich in eine innere Emigration zurück. Von 1939 bis 1944 malte er weniger als in den Jahren zuvor. Was er stattdessen tat, blieb Jahrzehnte lang weitgehend unbekannt.
Zwischen 1942 und 1944 schuf Miró in der Druckwerkstatt Miralles in Barcelona fünfzig schwarz-weiße Lithografien. Er zeichnete auf Transferpapier, weil er keinen direkten Zugang zu den Lithografiesteinen hatte. Das fertige Werk heißt die Barcelona Series.
Der Druck der fünfzig Blätter erforderte 350 Bogen Papier. Papier war Mangelware im Spanien der Kriegsjahre. Deshalb entstanden nur sieben Sätze: fünf reguläre Serien und zwei Künstlerexemplare. Heute sind nur zwei davon auffindbar. Einer befindet sich in der Fundació Joan Miró in Barcelona. Den anderen besitzen die Nachkommen von Joan Prats, einem engen Freund Mirós.
Fünf von sieben Sätzen. Verschwunden.
Joan Miró Barcelona 1944: fünfzig Blätter für die Schublade, ohne Ausstellungsraum, ohne Publikum. Sie entstanden unter Zensur, aus Zellstoffmangel, in einem Land, das seine eigene Avantgarde nicht duldete. Was in Bildern steckt, die niemand sehen darf, ist eine andere Frage als die, die man vor Museumswänden stellt.
Drei Jahre später stand Miró in einer anderen Werkstatt, auf einem anderen Kontinent.
Was passiert in Hayters Werkstatt 1947?
1947 reiste Miró für neun Monate nach New York. Dort arbeitete er regelmäßig im Atelier 17 des englischen Druckers Stanley William Hayter. Das Atelier 17 war ein Labor, in dem Techniken entwickelt und sofort verworfen wurden, in dem Künstler miteinander experimentierten statt nebeneinander zu arbeiten. Auch Salvador Dalí hatte dort gearbeitet.
Hayter lehrte Miró zwei Techniken, die seinen Zugang zur Kupferplatte grundlegend veränderten. Erstens den Open Bite: Statt die Säure präzise zu maskieren, ließ man sie flächig wirken, mit unkontrollierten Rändern. Zweitens den Viskositätsdruck: Mehrere Farben auf einer einzigen Platte, aufgetragen in verschiedenen Viskositäten, die sich beim Drucken voneinander trennen.
Für die L'Antitête-Serie schnitt Miró Formen direkt aus den Kupferplatten heraus. Er grub nicht, ätzte nicht. Er entfernte das Material selbst und druckte dann die verbleibende Platte. Die Leerstelle wurde zur Form.
Wer sein Werkzeug nicht als Werkzeug benutzt, macht aus der Platte das Motiv.
Ein Jahr später begann eine Zusammenarbeit, die über tausend Editionen dauern sollte.
Wie schreibt man seinen Namen in einen Stein?
Ab 1948 arbeitete Miró in der Pariser Druckwerkstatt von Fernand Mourlot. Mourlot war damals das Zentrum der europäischen Lithografie, der Ort, an dem Picasso, Matisse und Chagall ihre Lithografien druckten. Für Joan Miró war Lithografie bei Mourlot mehr als Auftragsarbeit.
Mourlot hatte eine Eigenheit, die Miró schätzte: Er behandelte Künstler nicht als Auftraggeber, sondern als Kollegen. Wer in seiner Werkstatt arbeitete, musste die Technik verstehen, nicht nur beauftragen. Miró lernte, seinen Namen direkt in den Lithostein zu schreiben statt auf ein Transferpapier. Die Unterschrift ist Teil des Drucks, nicht nachträglich hinzugefügt.
Mirós erste dokumentierte Mourlot-Lithografie heißt „Acrobats in the Night Garden", Mourlot 58, 1948, Auflage 75 Exemplare. Das MoMA erwarb ein Exemplar bereits 1949 mit dem Abby Aldrich Rockefeller Fund.
Bis Ende der 1960er Jahre entstanden in der Mourlot-Werkstatt über 1.000 lithografische Plakatentwürfe und Editionen. 1967 eröffnete Mourlot eine Filiale auf der Bank Street in New York. Mirós Beitrag zur Eröffnung war eine Lithografie in sieben Farben auf Arches-Posterpapier: Hauptauflage 1.000 Exemplare, dazu 125 handsignierte und nummerierte Proofs. Miró schrieb seinen Namen in den Stein, bevor der erste Abzug gemacht wurde.
Vom ersten Blatt „Acrobats in the Night Garden" bis zur New-York-Eröffnung 1967 lernte Miró das Verhalten des Steins, was die Farbe auf welchem Papier tut, und irgendwann, wo das eigene Denken anfängt.
Doch ein Preis, der 1954 in Venedig vergeben wurde, sollte Miró für vier Jahre vom Pinsel weghalten.
Was passiert, wenn ein Maler vier Jahre aufhört?
Von 1954 bis 1958 gab Miró die Malerei nahezu vollständig auf. Er konzentrierte sich auf Lithografie bei Mourlot und begann parallel Keramik-Projekte. Warum hat ein Maler den Grafik-Preis bekommen? Weil er seit zwei Jahrzehnten auch Drucker war. Und Miró zog aus dem Preis eine einfache Konsequenz: Er gab dem Medium, das gewürdigt worden war, vier Jahre seiner vollen Aufmerksamkeit.
Joan Miró Druckgrafik war in dieser Periode kein Nebenschauplatz mehr. Sie war das Hauptwerk.
Als Miró nach vier Jahren zur Malerei zurückkehrte, war er 65 Jahre alt. Neun Jahre später, mit 74, fing er noch einmal von vorn an.
Was macht ein Künstler mit 74, wenn er nichts mehr beweisen muss?
1967 lernte Miró in der Werkstatt der Fondation Maeght eine Technik kennen, die Henri Goetz in den frühen 1960er Jahren erfunden hatte: den Carborundum-Druck. Drucker Robert Dutrou führte Miró in das Verfahren ein. Siliziumkarbid-Körner werden in die Druckfläche eingebettet und erzeugen beim Druck samtartige, tiefschwarze Texturen. Miró schrieb 1968 das Vorwort zu Goetz' Traktat „La gravure au carborundum".
Miró adaptierte die Technik nicht, er veränderte sie. Er kombinierte Aquatinta, konventionelle Radierung und Carborundum in einem einzigen Druck: Aquatinta für Hintergrundfarben, Radierung für Konturformen, Carborundum für Textur und Tiefe. Das Ergebnis ist eine Oberfläche, die kein einzelnes Verfahren allein herstellen kann. Die Textur dieser Drucke führte Mirós Arbeit näher an die abstrakte Kunst als seine Gemälde.
Miró sprach selbst darüber. Er wolle Bilder schaffen, die es mit jedem Gemälde aufnehmen könnten (im Original: "images to rival any painting"). Ein Anspruch, der über das Medium hinausweist: Druckgrafik nicht als Reproduktion, sondern als eigenständige Bildgattung.
1970 zeigte das MoMA in New York eine Ausstellung ausschließlich mit Mirós Carborundum-Drucken, die anschließend durch mehrere amerikanische Städte tourte. Im Werkverzeichnis sind mindestens 72 dieser Drucke belegt.
Das Spätwerk im Joan Barbarà Workshop in Barcelona dachte in Portfolios. 1972 begann Miró eine Serie, die 1973 als „Barcelona 1972-1973" erschien: 13 Blätter, Radierung und Aquatinta mit Carborundum auf Guarro-Papier, Auflage 50 Exemplare, gedruckt von J.J. Torralba, verlegt von der Sala Gaspar.
Zwei Jahre später folgte das Portfolio „Francesc d'Assís: Càntic del Sol" (1975): 33 Radierungen und Aquatinten in Farbe auf Guarro-Papier, Editorial Gustavo Gili Barcelona, Auflage 273 Exemplare, Dupin 833-867. Miró war damals 82 Jahre alt und dachte noch in 33-Blatt-Portfolios.
Miró starb am 25. Dezember 1983 in Palma de Mallorca.
Der Maler, den alle kennen, hat ein zweites Lebenswerk hinterlassen. Die schwebenden Augen und Monde, die man von Gemälden kennt, existieren auch als Abzüge auf Papier, gedruckt in sechs Werkstätten über fünf Jahrzehnte. Ob Miró sich selbst als Maler oder als Drucker verstand, lässt sich aus seinem Werk nicht eindeutig ablesen. Die berühmten Druckgrafiker des 20. Jahrhunderts schließen ihn ein. Die Zahlen legen nahe, dass die Frage falsch gestellt ist.
Häufige Fragen zu Joan Miró
Was ist die Barcelona Series?
Die Barcelona Series ist ein Zyklus aus fünfzig schwarz-weißen Lithografien, den Miró zwischen 1942 und 1944 in der Werkstatt Miralles in Barcelona schuf. Er zeichnete auf Transferpapier, weil er keinen direkten Zugang zu Lithografiesteinen hatte. Der Druck erforderte 350 Bogen Papier, das in Kriegszeiten Mangelware war. Es entstanden fünf reguläre Serien und zwei Künstlerexemplare; heute sind nur zwei der sieben Sätze auffindbar. Die Blätter sind durchnummeriert, aber diese Nummerierung folgt keiner chronologischen Entstehungsreihenfolge der Motive.
Warum hörte Miró 1954 auf zu malen?
Von 1954 bis 1958 arbeitete Miró nahezu ausschließlich in Druckgrafik und Keramik. Anlass war der Grand Prize for Graphic Work der Venedig-Biennale 1954, den er für sein druckgrafisches Gesamtwerk erhielt. Miró zog aus dem Preis eine konsequente Schlussfolgerung: Er gab dem Medium vier Jahre seiner vollen Aufmerksamkeit.
Wie viele Druckwerke hat Joan Miró hinterlassen?
Joan Miró Druckgrafik umfasst über 1.300 Radierungen und mehr als 1.200 Lithografien, dazu mindestens 72 Carborundum-Drucke. Das maßgebliche Werkverzeichnis stammt von Jacques Dupin, der die Druckgrafiken katalogisiert und nummeriert hat. Die Dupin-Nummern finden sich noch heute in Auktionskatalogen und Galerielisten; eine Angabe wie „Dupin 833-867" bezeichnet die laufenden Nummern im Katalog, nicht die Auflage. Wer ein signiertes Blatt kauft, sollte auf die Bleistiftsignatur und die handschriftliche Nummerierung im Format „X/50" achten: Das bedeutet Exemplar X aus einer Gesamtauflage von 50, vom Künstler selbst eingetragen.
In welchen Werkstätten hat Miró gearbeitet?
Lacourière (Montmartre, Paris, ab 1932), Miralles (Barcelona, 1942-1944), Atelier 17 (New York, 1947), Atelier Mourlot (Paris und New York, ab 1948), Fondation Maeght (Saint-Paul de Vence, ab 1967) und der Joan Barbarà Workshop (Barcelona, 1970er Jahre). Jede dieser Werkstätten steht für eine andere Technik oder Entwicklungsphase in Mirós druckgrafischem Werk.
Was bedeutet „images to rival any painting"?
Den Satz sprach Miró über seine Carborundum-Drucke. Er wollte damit Blätter schaffen, die einem Gemälde an Tiefe, Farbe und Wirkung in nichts nachstehen. Carborundum ermöglichte ihm Texturen, die mit konventioneller Radierung oder Lithografie allein nicht erreichbar waren. Die Technik kombinierte er mit Aquatinta und Radierung auf einer einzigen Platte.
Was kostet ein Mourlot-Lithograf von Miró?
Der Preis hängt von Edition, Format, Zustand und Signatur ab. Handsignierte Mourlot-Lithografien bewegen sich in der Regel im vierstelligen Bereich, seltene frühe Blätter liegen darüber. Das Werk aus dem Jahr 1948 ("Acrobats in the Night Garden", Mourlot 58, Auflage 75) gehört zu den gesuchten frühen Mourlot-Editionen.
Quellenangaben
- Phillips, Joan Miró: New Methods of Printmaking
- Cristea Roberts Gallery, Joan Miró
- Galerie Boisserée, Joan Miró
- King & McGaw, Mirós lithographic evolution at the acclaimed Atelier Mourlot
- Tandem Antigüedades, Joan Miró and his beginnings in graphic art
- Fort Wayne Museum of Art, Joan Miró in New York 1947
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
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