Mary Cassatt
Mary Cassatt war eine amerikanische Malerin des Impressionismus (1844–1926). Als einzige Künstlerin aus den USA gehörte sie offiziell zur Pariser Impressionisten-Gruppe; Edgar Degas lud sie 1879 zum Mitstellen ein. Sie lebte und arbeitete von 1874 an in Paris und Umgebung, bis zu ihrem Tod 1926. Bekannt ist sie für Szenen des bürgerlichen Alltags: Frauen beim Lesen, Mütter mit Kindern, Nachmittage im Freien.
Eine Frau sitzt am Schreibtisch. Sie leckt einen Briefumschlag zu, Kopf leicht geneigt. Das Kleid trägt ein Blumenmuster, die Tapete dahinter ein geometrisches. Muster und Figur kämpfen nicht gegeneinander, sie sind gleichwertig. Keine Schattentiefen, keine Perspektive, die in die Tiefe zieht. Alles bleibt an der Oberfläche, farbig und flächig wie eine Seite aus einem Musterbuch. Das Bild heißt "The Letter" und entstand 1890/91.
Wer Mary Cassatt kennt, kennt die Mutter-Kind-Bilder. Die Szenen sind da, unbestritten. Aber "The Letter" gehörte zu einer anderen Werkgruppe: dichter, handwerklicher, zu ihren Lebzeiten kaum beachtet.
Wer war die Frau, die Mutter und Kind malte?
Mary Stevenson Cassatt wurde am 22. Mai 1844 in Allegheny City, dem heutigen Pittsburgh, Pennsylvania, geboren. Ihre Familie gehörte zur gebildeten Oberschicht; der Vater war Bankier und Börsenmakler. Dass seine Tochter Malerin werden wollte, fand er wenig überzeugend, konnte es aber nicht verhindern.
Cassatt studierte an der Pennsylvania Academy of the Fine Arts, dann in Europa, wo sie Kopien in den Galerien von Madrid, Antwerpen und Parma anfertigte. 1874 ließ sie sich dauerhaft in Paris nieder. Der Salon war ihr erstes Ziel, wie für alle Maler ihrer Generation. Ein paar Mal nahmen die Juroren an. Dann verlor sie die Geduld mit dem System.
1875 entdeckte sie im Schaufenster eines Pariser Kunsthändlers Pastelle von Edgar Degas, die einen starken Eindruck auf sie machten. Vier Jahre später lud er sie ein, mit der Impressionisten-Gruppe auszustellen. Cassatt nahm an. Sie war die einzige Amerikanerin, die offiziell zur Gruppe gehörte. 1880, 1881 und 1886 stellte sie erneut mit der Gruppe aus.
Was sie malte, waren keine Landschaften und keine mythologischen Szenen. Cassatt malte das, was sie sah: Frauen, die Kinder baden. Mütter, die Zeitungen lesen. Schwestern, die Tee trinken. Das war ihr Sujet, und sie blieb dabei ohne Entschuldigung.
Was wollte Degas 1879 mit ihr zusammen machen?
Die Einladung zum Mitstellen war nicht die einzige Idee, die Degas in diesem Jahr hatte. Er wollte eine Zeitschrift gründen. Das Heft sollte "Le Jour et la Nuit" heißen, Grafik-Blätter zeigen und von mehreren Künstlern gemeinschaftlich getragen werden. Neben Degas und Cassatt waren Camille Pissarro und Félix Bracquemond dabei.
Das Heft erschien nie. Gründe sind nicht vollständig dokumentiert, wahrscheinlich spielten Geld und Zeit eine Rolle. Keiner der Beteiligten sprach groß über das Scheitern.
Cassatt war in diesem Arbeitskreis nicht nur als Malerin dabei. Sie lernte dort mit Platten zu arbeiten, in einer anderen Technik als das Gemälde. Was sie in diesem Prozess an Handwerk gelernt hatte, nahm sie mit, auch als das Projekt zusammenbrach.
Was sah Mary Cassatt im Frühling 1890 an der École des Beaux-Arts?
Im Frühling 1890 war im Pariser Ausstellungsgebäude der École Nationale des Beaux-Arts eine Sammlung japanischer Drucke zu sehen. Cassatt war dabei, Degas ebenfalls. 725 Blätter aus den Sammlungen prominenter französischer Sammler.
Nach dem Besuch schrieb sie an Berthe Morisot. Der Brief ist kurz. Sie träume davon, könne an nichts anderes denken als Farbe auf Kupfer, im Original: "I dream of it myself and don't think of anything else but color on copper". Das neue Ziel hieß Kupfer, nicht Leinwand.
"The Letter" ist kein Gemälde, sondern ein Farbdruck aus drei separat eingefärbten Kupferplatten. Die flache, schattenlose Bildwelt, die so japanisch wirkt, ist Cassatts bewusste Entscheidung. Sie folgte der Flächenlogik der Ukiyo-e-Drucke, statt mit Schattierung und Perspektive Tiefe vorzutäuschen, wie es das Verfahren durchaus erlaubt hätte. Jede Farbe sitzt auf einer eigenen Platte, jede Fläche grenzt klar an die nächste.
Wer die japanischen Ukiyo-e-Drucke von Hiroshige, Utamaro und anderen kannte, erkannte das Prinzip sofort: gleichwertige Farbzonen, klare Konturen, das Motiv in der Ebene organisiert. Cassatt arbeitete dieses Prinzip in Kupfer und Ätzung aus, ohne die Vorlagen zu kopieren. Die flächige Komposition blieb; aus dem Holzschnitt mit Wasserfarbe wurde ein Tiefdruck in Kupfer.
Wie entstand ein einziges dieser Blätter?
Cassatt hat den Prozess selbst beschrieben. In einem Selbstbericht zur Technik erklärte sie: Sie zog zunächst eine Umrisszeichnung in Kaltnadel, übertrug diesen Umriss auf zwei weitere Platten, arbeitete jede Platte anders aus. Auf Deutsch: "Drei Platten insgesamt, nie mehr pro Abzug", im Original: "I drew an outline in drypoint and transferred this to two other plates, making in all, three plates, never more for each proof".
Über die Serie hinweg kombinierte Cassatt drei Verfahren: Kaltnadel für die Konturen, Weichgrundätzung für weichere Übergänge und Texturfelder, Aquatinta für die Farbflächen. "The Letter" selbst verbindet Kaltnadel-Linien mit Aquatinta. Die Kombination war keine Standardlösung; sie ist das, was die Blätter von anderen Farbdrucken der Zeit unterscheidet.
Was vor jedem Abzug geschah, ist das aufwendigste Element: à la poupée. Bevor die Presse angesetzt wurde, wurden alle drei Platten von Hand mit Farbdaubern eingefärbt. Cassatt übernahm das Einfärben selbst, Zone für Zone, für jedes der 25 Exemplare neu. Das ist kein Nachbemalen von fertigen Abzügen; die Farbe kam auf die Platte, nicht aufs Papier. Jeder Abzug unterscheidet sich deshalb leicht vom vorigen, in Sättigung, in der Grenze zwischen zwei Feldern, im Druck des Daubers.
Die Zahl, die dabei entsteht: zehn Motive in der Serie. Auflage 25 Exemplare pro Motiv. Drei Platten pro Motiv. Drei Einfärbungen pro Abzug. Das ergibt 750 Einfärbungen von Hand, jede einzelne unmittelbar vor ihrem Abzug, allein für diese eine Serie.
Welche japanischen Blätter standen hinter "The Coiffure" und "The Letter"?
Die zehn Motive der Serie entstanden 1890/91. Alle zehn tragen englische Titel: The Bath, The Lamp, In the Omnibus, The Letter, The Fitting, Woman Bathing, The Coiffure, Mother's Kiss, Afternoon Tea Party, Maternal Caress. Was sie verbindet: Frauen allein oder in Paaren, im Haus oder auf dem Weg, in Bewegungen des Alltags, die in der Bildkunst lange als Nebensache galten.
Für zwei dieser Motive lassen sich japanische Vorlagen benennen. "The Coiffure" zeigt eine Frau, die sich im Spiegel betrachtet; das nächstliegende Vorbild ist Kitagawa Utamaros Blatt "Takashima Ohisa Using Two Mirrors to Observe Her Coiffure", entstanden um 1795. "The Letter" lehnt sich an Utamaros "Hinazuru of the Keizetsuro" aus der Serie "Vergleich der Reize der Schönen", um 1794/95.
Die Parallelen liegen in Komposition und Bildaufbau: Cassatt griff die Figurenanordnung auf, den Bildausschnitt, das Gleichgewicht zwischen Muster und Körper. Was sie veränderte: das Material und das Verfahren.
Die Platten für diese Blätter sind kleiner als man erwarten würde. "The Letter" misst als Plattenabzug 34,6 mal 22,8 Zentimeter. Ein Standard-A4-Blatt ist 21 Zentimeter breit, die Platte also gerade etwas größer in der Breite. Japanische Holzschnitte arbeiteten ähnlich im Kleinformat; das Intimmaß war kein Zufall, sondern Teil der Logik.
Warum stand ein zweiter Name unter jedem Blatt?
Jedes fertige Blatt trägt eine handgeschriebene Inschrift: "Imprimé par l'artiste et M. Leroy / Mary Cassatt / (25 épreuves)".
M. Leroy war der Drucker. Im 19. Jahrhundert wurden Drucker auf Kunstblättern selten namentlich genannt; sie waren Handwerker im Hintergrund. Cassatt nannte Leroy auf jedem Exemplar. Sie behandelte den Druck als gemeinsame Arbeit, nicht als bloße Reproduktion ihrer Zeichnung. Das verbindet sie mit den berühmten Druckgrafikern der Moderne, für die der Druck ein eigenständiges Medium war.
Die Zusammenarbeit war eng, und sie fand nicht in einer fremden Werkstatt statt, sondern bei ihr zu Hause. Cassatt hatte seit spätestens 1887 eine größere Wohnung in der Avenue Marignan 10, nahe den Champs-Élysées. Leroy kam zu ihr. Das Beaufresne-Schloss auf dem Land, das in manchen Darstellungen als Entstehungsort auftaucht, erwarb Cassatt erst im März 1894 und baute dort später ein Druckatelier. Die zehn Blätter entstanden in der Pariser Wohnung.
Was wurde aus den zehn Blättern?
1891 zeigte Cassatt die Drucke zusammen mit Gemälden in ihrer ersten Einzelausstellung bei Durand-Ruel in Paris. Noch im selben Ausstellungsjahr kaufte die New Yorker Sammlerin Louisine Havemeyer den vollständigen Satz aller zehn Drucke. Havemeyers Exemplare befinden sich heute im Shelburne Museum in Vermont.
Havemeyer war eine Einzelkäuferin. Die Auflage blieb zu Cassatts Lebzeiten nicht vollständig ausverkauft. Die zehn Farbdrucke sind nur ein Ausschnitt aus Cassatts umfangreichem druckgrafischem Werk, das sie zeit ihres Lebens fortsetzte. 1893, zwei Jahre nach der ersten Einzelpräsentation, folgte eine größere und erfolgreichere Einzelausstellung, wieder bei Durand-Ruel. Das Publikum kam langsam mit.
Adelyn D. Breeskin, die Cassatts druckgrafisches Werk katalogisierte, schrieb, die Blätter seien technisch als Farbdrucke nie übertroffen worden, im Original: "technically, as color prints, they have never been surpassed". Das ist Breeskins Urteil. Verkauft haben sie sich trotzdem nicht. Farbdruckgrafik galt vielen Sammlern als Zwischending, weder Gemälde noch klassische Radierung, und ein aufwendiger Farbdruck kostete mehr als ein einfaches Blatt.
"The Letter" hängt heute im Art Institute of Chicago. Eine Frau am Schreibtisch, Umschlag an der Zunge, Tapete und Kleidermuster im Gleichgewicht, keine Tiefe, alles Fläche. Drei Kupferplatten trugen 25 Abzüge, jeden einzeln von Hand eingefärbt, keinen exakt wie den nächsten. Hunderte geduldiger Handgriffe stecken in dieser einen Serie von zehn Blättern. So beantwortete Cassatt die 725 japanischen Drucke, die sie im Frühling 1890 gesehen hatte.
Häufige Fragen zu Mary Cassatt
Wer war Cassatts wichtigster Mentor unter den Impressionisten?
Edgar Degas prägte Cassatts Entwicklung am stärksten. Auf sein Bitten hin stellte sie 1879 mit der Impressionisten-Gruppe aus und beteiligte sich danach an den Ausstellungen von 1880, 1881 und 1886. Er zog sie in Arbeitsprojekte ein, die ihren Umgang mit Drucktechniken grundlegend veränderten. Degas besuchte mit Cassatt die Ukiyo-e-Ausstellung im Frühling 1890, die ihr Spätwerk entscheidend beeinflusste.
Was zeigt "The Letter" und warum wirkt es so flächig?
"The Letter" zeigt eine Frau beim Verschließen eines Briefes, umgeben von gemusterter Tapete und einem Blumenstoffkleid. Die Flächigkeit ist eine bewusste Stilentscheidung nach japanischem Vorbild, umgesetzt im Kupferdruck: Das Bild entsteht aus drei separat eingefärbten Platten und verzichtet auf Schatten und Perspektive, statt sie technisch nachzubilden. Die Logik der Farbflächen folgt den japanischen Ukiyo-e-Drucken, die Cassatt im Frühling 1890 in Paris gesehen hatte.
Was bedeutet "à la poupée" bei Cassatts Drucken?
À la poupée heißt, eine Platte mit mehreren Farben zugleich einzufärben, jede Zone mit einem eigenen kleinen Farbdauber (französisch poupée, "Püppchen"). Die Farbe sitzt auf der Platte, nicht auf dem fertigen Blatt. Cassatt wiederholte diesen Schritt für jeden einzelnen der 25 Abzüge von Hand, weshalb kein Exemplar exakt dem anderen gleicht.
Wer war M. Leroy und warum steht sein Name auf den Blättern?
M. Leroy war der junge Drucker, mit dem Cassatt die zehn Farbdrucke 1890/91 in ihrer Pariser Wohnung herstellte. Sie schrieb seinen Namen neben ihren eigenen unter jedes Blatt, ein für Kunstdrucke der Zeit ungewöhnlicher Schritt.
Warum verkaufte sich die Serie zu Cassatts Lebzeiten schlecht?
Die zehn Farbdrucke blieben zu Cassatts Lebzeiten nicht vollständig ausverkauft. Sammler und Kritiker reagierten zögernd auf Druckgrafik als eigenständiges Medium, besonders auf aufwendige Farbdrucke, die teurer waren als einfache Radierungen. Die New Yorker Sammlerin Louisine Havemeyer erwarb 1891 den kompletten Satz. Sie war die Ausnahme.
Quellen und weiterführende Literatur
- Adelyn D. Breeskin, Mary Cassatt: A Catalogue Raisonné of the Graphic Work. Smithsonian Institution Press, 1979.
- National Gallery of Art, Washington: Mary Cassatt, die zehn Farbdrucke von 1890/91 (Sammlung der Serie).
- The Art Institute of Chicago: Mary Cassatt, The Letter (1890/91).
- Philadelphia Museum of Art: Mary Cassatt, The Letter, mit Drucker-Inschrift.
- Shelburne Museum, Vermont: Mary Cassatt's Impressions (Havemeyer-Sammlung).
Studio Sonsu
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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