Vernis mou – Weichgrundätzung: Die Technik, bei der das Material mitentscheidet

Vernis mou (franz.: weicher Lack) ist ein Tiefdruckverfahren aus der Familie der Radierung. Statt des harten Ätzgrunds wird eine weiche, fetthaltige Wachsschicht auf die Kupfer- oder Zinkplatte aufgetragen. Ein Blatt Papier kommt darüber, wird mit dem Stift beschrieben. Beim Abheben klebt der Weichgrund an der Rückseite des Papiers, genau dort wo Druck war. Die Säure frisst das freigelegte Metall. Was dabei entsteht, sieht aus wie eine Bleistift- oder Kreidezeichnung. Es ist aber ein Originaldruck.

Wer heute einen Vernis-mou-Druck in den Händen hält, hält ein Bild, das zwei Materialien gemeinsam erzeugt haben: die Hand, und das Papier, das seine Körnung in die Platte übertragen hat.

Was genau passiert beim Vernis-mou-Verfahren?

Der Ätzgrund für Weichgrundradierungen enthält etwa ein Drittel Fett oder Talg. Das hält ihn dauerhaft weich, klebrig, nicht trocknend. Sobald etwas Druckbewegtes den Grund berührt, haftet er daran. Das ist der gesamte Mechanismus.

Jemma Gunning bereitet Kupferplatte mit Flamme vor, Weichgrund-Vorbereitung für Radierung. Foto: Alex Sedgmond.
Weichgrund-Vorbereitung: Jemma Gunning erwärmt eine Kupferplatte. Foto: Alex Sedgmond.

Wer mit einem Bleistift, einem Stift oder einem anderen druckgebenden Werkzeug über das aufgelegte Papier zeichnet, drückt es an den entsprechenden Stellen auf den Grund. Beim Abheben des Papiers bleibt der Wachsgrund an der Unterseite kleben, an genau den gezeichneten Stellen. Was zurückbleibt, ist ein Negativbild im Metall: freiliegendes Kupfer oder Zink dort, wo die Linie war. Das entscheidende Praxisdetail: Wer strukturiertes Papier auflegt, bekommt ein anderes Bild als mit glattem Transparentpapier, aus derselben Handbewegung, demselben Strich.

Dieser Moment des Abhebens ist das Zentrum der Technik. Kein Radierer sieht beim Zeichnen, was die Platte aufnimmt. Erst wenn das Papier abgezogen wird, gibt die Platte preis, was sie festgehalten hat. Dann liegt das Metall frei. Der Rest ist Säure.

Die freigelegten Stellen werden geätzt. Salpetersäure für Zink, Eisenchlorid für Kupfer. Wie lange geätzt wird, entscheidet über die Tiefe der Linie und damit über ihre Stärke im späteren Druck. Die fertige Platte wird mit Druckfarbe eingerieben, die Oberfläche abgewischt, feuchtes Papier aufgelegt, durch die Presse gezogen. Was herauskommt, ist eine Linie mit rauer, körniger Qualität, die keiner anderen Technik gleicht.

Klar gezeichnete Konturen wirken im Vernis-mou-Druck wie Kreide oder Bleistift. Es gibt keinen scharfen Grat wie bei der Kaltnadelradierung, keinen tief geschwärzten Kanal wie bei der Strichätzung. Was entsteht, ist weich an den Kanten, körnig, manchmal fast schimmernd. Der Plattenrand ist vorhanden wie bei jeder Tiefdrucktechnik, ein eindeutiges Merkmal bei Originalen vs. Kunstdrucken.

Wie unterscheidet sich Vernis mou von Aquatinta und Kaltnadel?

Alle drei Techniken gehören zur Tiefdruckfamilie der Radierung. Aber sie lösen verschiedene Probleme.

Aquatinta erzeugt Flächen und Tonwerte. Kolophoniumharzstaub wird auf die Platte aufgeschmolzen, die Säure frisst zwischen den Harzkörnern. Das Ergebnis wirkt malerisch, mit weichen Übergängen wie Aquarelltusche. Kein Strich, keine Linie.

Kaltnadel zeichnet direkt ins Metall. Die Nadel reißt Kupfer auf, der entstehende Grat hält Farbe, erzeugt den charakteristischen Kaltnadel-Schatten, einen samtigen, dichten Ton neben der Linie. Kaltnadel ist die direkteste aller Drucktechniken. Jede Bewegung ist permanent.

Vernis mou, im Englischen als soft ground etching bekannt, erzeugt Linien, aber anders als die Kaltnadel: keine Riefe im Metall, sondern eine geätzte Spur mit weichen Rändern. Die Linie sieht gezeichnet aus, nicht geritzt. Wer in Sammlungen auf einen Druck stößt, der aussieht wie eine Zeichnung, aber definitiv gedruckt ist, hat oft Vernis mou vor sich.

Mary Cassatt legte 1891 Vernis mou und Aquatinta auf dieselbe Platte. Der fertige Druck "The Bath" sieht aus wie ein japanischer Holzschnitt, ist aber eine Radierung.

Wer hat Vernis mou erfunden, und was haben die Impressionisten damit gemacht?

Als frühester dokumentierter Verwender gilt der Schweizer Stecher Dietrich Meyer, der um 1620 dem harten Ätzlack Fett hinzumischte.

Der Kupferstich war das älteste Tiefdruckverfahren, und die frühe Grafik war geprägt von harten, präzisen Linien. Als Drucktechnik für die Wiedergabe von Bleistift- und Kreidezeichnungen geriet die Weichgrundätzung nach einem kurzen Aufschwung im 18. Jahrhundert (vorwiegend in England, wo Thomas Gainsborough das Verfahren nutzte) weitgehend in Vergessenheit, bis Félicien Rops, belgischer Symbolist und einer der eigenwilligsten Grafiker des 19. Jahrhunderts, das Verfahren um 1860 wiederaufgriff.

Rops kombinierte Vernis mou häufig mit Mezzotinto oder Aquatinta und ergänzte seine Platten gelegentlich mit Handkolorit.

Félicien Rops, Pornocrates, 1878. Rops belebte die Vernis-mou-Technik ab 1860. Public Domain.
Félicien Rops, Pornocrates, 1878. Public Domain.

Die eigentliche Innovation folgte 1892. Rops und der belgische Grafiker Armand Rassenfosse entwickelten eine spezialisierte Weichgrundmischung, die beide Nachnamen zusammenführte: "Ropsenfosse". Das Ziel war praktisch: Die Mischung ermöglichte die Überarbeitung von Intaglio-Platten, auf die zuvor Kreidezeichnungen photomechanisch übertragen worden waren, ein Verfahren das in der industriellen Druckgrafik des späten 19. Jahrhunderts zunehmend eingesetzt wurde.

In Paris war derweil etwas anderes im Gange. Edgar Degas plante ein Druckgrafik-Journal namens "Le Jour et la Nuit", das die neue Druckgrafik einem breiteren Publikum zeigen sollte. Camille Pissarro war dabei, Félix Bracquemond, und Mary Cassatt. Das Journal erschien nie. Cassatt begann in diesem Umfeld mit Vernis mou zu experimentieren. Zwölf Jahre später mündete diese Erfahrung in "The Bath".

Mary Cassatt, Woman Bathing (The Bath), 1891, Weichgrundätzung mit Aquatinta und Kaltnadel. Public Domain, National Gallery of Canada.
Mary Cassatt, Woman Bathing, 1891. Weichgrundätzung, Aquatinta, Kaltnadel. Public Domain.

"The Bath" (1891) ist Weichgrundätzung, Aquatinta und Kaltnadel auf separat eingefärbten Platten. Auflage: 25 Exemplare. Auf jedem Blatt steht Cassatts handschriftliche Inschrift: "Imprimé par l'artiste et M. Leroy / Mary Cassatt / (25 épreuves)". Drucker war ein Pariser Berufsdrucker namens M. Leroy. Cassatt nennt ihn namentlich auf dem Blatt, während Drucker auf Grafiken der Zeit üblicherweise anonym blieben. Der Druck dokumentiert eine Zusammenarbeit, keine Einzelleistung.

Die Auflage war zu Cassatts Lebzeiten nicht vollständig ausverkauft.

Was zeigt Käthe Kollwitz' Selbstbildnis von 1912 über die Technik?

Kollwitz' Selbstbildnis von 1912 (Knesebeck 126) ist das präziseste Argument für das, was Vernis mou tatsächlich kann. Sie arbeitete für dieses Werk fast ausschließlich in dieser Technik und legte strukturiertes Rippenpapier auf den Weichgrund.

Käthe Kollwitz, Selbstbildnis, 1912 (Kn 126), Vernis mou mit Rippenpapier-Abdruck. Public Domain, Metropolitan Museum of Art.
Käthe Kollwitz, Selbstbildnis, 1912 (Kn 126). Vernis mou auf Rippenpapier. Public Domain.

Die Rippen des Papiers übertrugen sich in die Platte. Das Gesicht im fertigen Druck ist in seiner Weichheit nicht durch den Stift, sondern durch das Papier entstanden. Die Textur des Zeichengrunds ist die Textur des Gesichts.

Das Selbstbildnis existiert in sieben Zuständen. Die Vorzugsauflage umfasst 50 Exemplare auf Japan-Papier, gedruckt von der Berliner Kupferdruckerei Otto Felsing. Sowohl Kollwitz als auch Felsing signierten jeden Abzug mit Bleistift.

Der Bauernkrieg-Zyklus (1902–1908) zeigt Kollwitz' technische Bandbreite in eine andere Richtung. Dort kombinierte sie Weichgrundätzung mit Kaltnadel, Sandpapier und Strichätzung, manchmal mit Textilabdrücken, deren Gewebestruktur sich direkt in die Platte übertrug.

Die sieben Blätter wurden erst 1921 in einer Auflage von 200 Exemplaren gedruckt, ebenfalls bei Felsing. Dreizehn Jahre zwischen Entstehung und Druck. Die Platten halten das aus. Wer eine Kollwitz-Radierung kauft, kauft ein Objekt, dessen Druckplatte länger überlebt hat als die meisten Bücher im Regal.

"Frauenkopf" (1905) zeigt noch einmal eine andere Verwendung: Weichgrundätzung für die körnigen Konturlinien, Aquatinta für den atmosphärischen Hintergrund.

Zwei Techniken, eine Platte, zwei verschiedene Qualitäten. Das ist die praktische Reichweite des Verfahrens.

Warum drücken Künstler Spitze, Baumrinde und Münzen in den Weichgrund?

Das Papier ist das naheliegendste Material. Aber nicht das einzige.

Weil der Weichgrund an allem haftet, was ihn berührt und flexibel genug ist, um in ihn gedrückt zu werden, eignet sich fast jede Oberfläche für den sogenannten Objektdruck: Leinen, Spitze, Leder, Münzen, Blätter, geprägte Stoffe.

Was auf der Platte landet, ist kein Symbol für diese Materialien. Es ist ein direkter Abdruck, eine Topografie ihrer Oberfläche, übersetzt in Druckfarbe. Ein Stück Spitze im Weichgrund liefert nicht "das Motiv Spitze", sondern die Fadenstruktur dieser spezifischen Spitze. Das unterscheidet Vernis mou von den meisten anderen Tiefdrucktechniken: Der Objektdruck ist nicht Illusion, sondern physische Übertragung.

Zeitgenössische Druckkünstler arbeiten mit gefundenen Oberflächen. Siebdruckgewebe zwischen Zeichenpapier und Weichgrund verteilt den Andruckdruck gleichmäßiger und verringert das Risiko von "foul biting", ungewollter Säureeinwirkung an Stellen, die eigentlich geschützt sein sollten.

Foul biting ist eine Eigenheit der Technik, keine bloße Fehlerquelle. Wer Kontrollverlust nicht als Problem, sondern als Werkzeug begreift, kann damit arbeiten. Die Linien werden lebendiger. Die Platte macht mit.

Welche zeitgenössischen Radierungen stehen in dieser Verwandtschaft?

Vernis mou existiert selten als reine Technik. Die folgenden Radierungen zeigen Qualitäten, die dem Verfahren verwandt sind: körnige Leichtigkeit, Linien die atmen, Textur die vom Druckprozess selbst kommt.

Inga Eicaite, zwei Kupferplatten mit geometrischen Kompositionen für Intaglio-Radierung.
Kupferplatten von Inga Eicaite, vorbereitet für Intaglio-Radierung.

Inga Eicaites Intaglio-Arbeit B_o5 zeigt die klassische Wirkung der geätzten Linie auf weißem Grund. Elegante Bögen, fast schwerelos, jede Kurve mit einer fein abgestuften Kante, die körnige Qualität jeder Linie entsteht durch denselben Ätzprozess, den Vernis mou nutzt.

Rachel Duckhouses "North Uist Sketchbook I" zeigt, was passiert wenn Kontrolle bewusst aufgegeben wird. Experimentell, mit einer visuellen Unruhe die sich nicht planen lässt. Das Prinzip des unvollständig Kontrollierten, das Vernis mou zur Eigenheit macht, ist dort sichtbar.

Bronwen Sleighs "Nile Avenue Study XV" liefert Linien, die auf dem Papier schweben, kaum sichtbar geätzt, in einer Körnung, die der Weichgrundqualität nahekommt.

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen Vernis mou und normaler Strichätzung?

Bei der Strichätzung ritzt eine Nadel durch einen harten Ätzgrund und legt das Metall frei. Die Säure ätzt die freigelegten Stellen. Bei Vernis mou liegt statt des harten Grunds ein weicher, fetthaltiger Grund auf der Platte, und darüber ein Blatt Papier. Wer zeichnet, drückt das Papier auf den weichen Grund, der am Papier kleben bleibt. Im fertigen Druck sieht die Strichätzungslinie scharf und linear aus, die Vernis-mou-Linie dagegen körnig und weich, wie mit Bleistift oder Kreide gezeichnet.

Woran erkenne ich einen Vernis-mou-Druck?

Die Linien wirken körnig, weich, fast wie Kreide oder Bleistift. Kein scharfer Grat wie bei der Kaltnadel, keine Riefe wie bei der klassischen Strichätzung. Der Plattenrand ist vorhanden wie bei jeder Tiefdrucktechnik. Wenn fein abgestufte Schattierungen erkennbar sind, die durch die Papierstruktur entstanden sein könnten, deutet das auf Vernis mou hin. In der Praxis werden Techniken oft kombiniert, was eine sichere Zuordnung schwieriger macht.

Warum kombinieren Künstler Vernis mou mit Aquatinta?

Vernis mou erzeugt Linien und Körnung, Aquatinta erzeugt Flächen und Tonwerte. Zusammen decken sie das gesamte Spektrum ab: zeichnerische Linien plus malerische Übergänge. Cassatt und Rops nutzten genau diese Kombination. Wer einen Vernis-mou-Druck in der Sammlung hat, hat häufig auch Aquatinta-Anteile, ohne es auf Anhieb zu sehen.

Wie viele Exemplare gibt es von einem Vernis-mou-Druck?

Das variiert. Wie bei allen Radierverfahren ist die Auflage streng limitiert, handsigniert und nummeriert, und wird nicht nachgedruckt. Da der weiche Ätzgrund empfindlicher ist als harte Lacke, können sehr feine Texturen in späteren Exemplaren einer Auflage leicht variieren. Die meisten zeitgenössischen Auflagen liegen zwischen 15 und 30 Exemplaren.

Ist Weichgrundätzung dasselbe wie Frottage?

Verwandt, aber nicht identisch. Frottage ist eine Zeichentechnik: Papier über eine Oberfläche, Bleistift oder Wachs darüberreiben. Das Ergebnis ist ein Einzelexemplar. Vernis mou nutzt denselben Impuls, das Papier oder Objekt überträgt seine Struktur auf die Platte. Dann wird die Platte in einer limitierten Auflage gedruckt. Die Frottage bleibt einmalig. Vernis mou schafft eine reproduzierbare Vorlage.

Welche Säure wird für Vernis mou verwendet?

Für Zinkplatten wird meist Salpetersäure verwendet, für Kupferplatten Eisenchlorid. Die Wahl hängt von der Platte ab, nicht von der Technik. Vernis mou selbst macht keine Vorgaben. Die Ätztiefe bestimmt, wie viel Farbe die fertige Linie hält und wie stark sie im Druck erscheint.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Encyclopaedia Britannica, Eintrag Soft-ground etching
  • Kollwitz Museum, Werkverzeichnis Knesebeck 126 und Bauernkrieg-Zyklus
  • National Gallery of Art Washington, Mary Cassatt: The Daring Printmaker
  • National Museum of Women in the Arts, The Bath (1891)
  • Prints and Principles, Käthe Kollwitz's Soft-Ground Etching with Aquatint

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft. Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de