Hokusai und die Große Welle: Was Ukiyo-e der europäischen Moderne gegeben hat
Hokusai war ein japanischer Künstler (ca. 1760–1849), der mit der Druckserie "36 Ansichten des Berges Fuji" weltberühmt wurde. Das bekannteste Blatt, "Die Große Welle vor Kanagawa" (ca. 1831), ist ein Farbholzschnitt im Stil des Ukiyo-e – einem japanischen Massendruckformat, das Monet, van Gogh und Whistler direkt beeinflusst hat.
Ein Blatt Papier, 25 mal 37 Zentimeter. Eine Welle, darunter drei Boote, im Hintergrund der Fuji. Hokusai hat diese Komposition entworfen. Geschnitten hat sie jemand anderes, gedruckt wieder jemand anderes. Keiner von ihnen hat das Blatt signiert — und es wurde zum meistreplizierten Kunstbild der Welt. Geschätzt bis zu 8.000 Abzüge verließen die Werkstatt des Verlegers Nishimuraya Yohachi. Dreißig Jahre später hing die Hokusai-Welle, wie sie umgangssprachlich heißt, in Ateliers in Paris und London. Nicht als Rarität – als billiges Einwickelpapier, das mit importierten Waren nach Europa gekommen war.
Hokusai war zu dem Zeitpunkt bereits ein alter Mann. Er hatte die Serie "36 Ansichten des Berges Fuji" mit etwa 70 Jahren entworfen, zwischen 1830 und 1832. Er starb 1849 mit ca. 88 Jahren. Was nach ihm kam, hätte ihn wohl überrascht.
Das Blaue in der Welle, übrigens, ist kein traditionelles japanisches Pigment. Es ist Berliner Blau – ein synthetischer europäischer Farbstoff, der ab etwa 1829 günstig nach Japan importiert wurde und der Welle ihre charakteristische Tiefe gibt. Ein europäisches Pigment im japanischsten Bild der Geschichte.
Warum ein arbeitsteiliger Massendruck die Malerei in Europa verändert hat
Für europäische Maler des 19. Jahrhunderts war an Ukiyo-e alles falsch – im besten Sinne.
Die europäische Zentralperspektive mit Fluchtpunkt und simulierter Tiefe, seit Brunelleschi als einzig korrekte Bildlogik geltend, fehlte im Ukiyo-e vollständig. Stattdessen: Fläche. Ausschnitt. Dinge, die einfach abgeschnitten werden, wenn das Bild endet. Und: kollektive Autorschaft. Vier Beteiligte teilten sich die Arbeit – han-moto (Verleger), eshi (Zeichner), hori-shi (Schneider), suri-shi (Drucker). Ein Holzschnitt wie die Große Welle war kein Werk eines Genies, sondern ein Produkt der Manufaktur, konzipiert für den Massenmarkt.
Das Sujet: banal. Wellen, Teehäuser, Gebirge, Alltagsszenen. Ukiyo-e heißt wörtlich "Bilder der fließenden Welt" – gemeint war die vergängliche, städtische Populärkultur Edos, des heutigen Tokio. Nichts Heroisches, keine Mythologie, kein Repräsentationsauftrag.
Für Impressionisten und Post-Impressionisten war das eine Befreiung. Edmond de Goncourt schrieb über Hokusais Fuji-Serie, es sei "das Album, das die Landschaften der Impressionisten inspiriert".
Die Häfen waren 1854 geöffnet worden, per Kanagawa-Vertrag mit Admiral Perry. Dreizehn Jahre später, im Sommer 1867, kam das Meiste davon in Paris an. Die Weltausstellung öffnete auf dem Champ de Mars, und Japan hatte zum ersten Mal einen eigenen Pavillon. Was die Besucher dort sahen, waren keine Museumsstücke: Lackarbeiten, Textilien, Keramik, und dazwischen Stapel Holzschnitte, gerollt und für kleines Geld zu haben. Manet, Degas und andere Maler der Stadt kauften, sammelten, hingen die Blätter in ihre Ateliers. Das Einwickelpapier, von dem mancher Abzug herstammte, hatte denselben Weg genommen. Man nannte es Japonismus — aber das Wort kam erst, als die Wirkung längst eingesetzt hatte.
Van Gogh hat Hiroshige kopiert, nicht Hokusai – und warum das wichtig ist
Van Gogh besaß ca. 600 japanische Holzschnitte. Er stellte sie 1887 im Pariser Café du Tambourin aus. Und er schrieb am 15. Juli 1888 an seinen Bruder Theo: "All my work is based in part on Japanese art."
Wenn man heute über van Goghs Japonismus-Begeisterung liest, taucht fast immer Hokusais Name auf. Das ist ungenau. Die beiden Gemälde, die van Gogh direkt von japanischen Holzschnitten kopierte – "Brücke im Regen" und "Pflaumenbaum in Blüte" – stammen von Utagawa Hiroshige, einem anderen Ukiyo-e-Meister.
Das ändert nichts am Einfluss, es präzisiert ihn. Was die europäischen Maler faszinierte, war nicht ein einzelner Künstler, sondern eine Bildlogik — und mit ihr die Erlaubnis, das Perspektiv-Gebot zu ignorieren. Der Ausschnitt als Kompositionsprinzip, die gleichmäßige Farbfläche statt abgestuftem Schattenwurf: Diese Logik war im gesamten Ukiyo-e angelegt – bei Hokusai ebenso wie bei Hiroshige.
Monet ging noch weiter. Er sammelte 231 japanische Drucke. 56 davon hingen in seinem Esszimmer in Giverny. 1893 legte er den japanischen Garten an – den mit der Brücke und den Seerosen, die er dann drei Jahrzehnte lang malte. Monets Seerosen — 250 Gemälde zwischen 1896 und 1926 — sind ohne diesen japanischen Garten nicht denkbar. Der Impressionismus hat ihm diesen Umweg zu verdanken.
Whistler hatte seinen eigenen Einstieg in die japanische Bildwelt. Er entdeckte erste Drucke angeblich in einem Teehaus nahe der London Bridge. Die Anekdote lässt sich nicht mehr prüfen. Aber seine "Nocturne"-Serie – Nachtansichten der Themse, fast monochrom, die Stadtlichter als diffuse Flecken, keine Konturlinien – zeigt, was aus dieser Begegnung wurde. Fläche statt Tiefenillusion, Stimmung statt Darstellung. Das ist keine Ähnlichkeit mit Ukiyo-e. Das ist dieselbe Bildlogik in einem anderen Kontext.
Und dann war da Mary Cassatt. Sie ist heute vor allem als Malerin bekannt, aber 1891 produzierte sie zehn Farbaquatinten, die zeigen, wie tief der japanische Einfluss bis in die Druckgrafik selbst wirkte. Auslöser war eine Ausstellung 1890 in der Pariser École des Beaux-Arts: Hunderte japanischer Ukiyo-e-Drucke, zum ersten Mal in dieser Dichte versammelt. In einem Brief an Berthe Morisot formulierte Cassatt das Vorhaben als "done with the intention of attempting an imitation of Japanese methods" — und ihre zehn Aquatinten von 1891 zeigen das Ergebnis: flache Farbflächen, klare Konturlinien, fast keine Modellierung.
Was macht Farbholzschnitte technisch besonders?
Der japanische Holzschnitt funktioniert anders als der europäische. Beim traditionellen Ukiyo-e werden mehrere Holzblöcke benötigt – einer pro Farbe. Jede Farbschicht wird separat gedruckt, in präziser Passerung über die vorherige.
Für Hokusais Große Welle bedeutete das: vier Holzblöcke, beidseitig beschnitzt, in sieben bis acht Druckdurchgängen. Jeder Durchgang brachte eine Farbebene. Die charakteristische Tiefenblau-Weiß-Gradation der Welle entstand nicht in einem Schritt, sondern in sorgfältiger Schichtung.
Das macht die Technik zugleich präzise und anfällig. Schon minimale Abweichungen beim Einlegen des Papiers verschieben die Farbebenen. Die besten erhaltenen Abzüge einer Serie zeigen genau diese makellose Passerung – die schlechtesten driften messbar auseinander. Unter den ca. 8.000 Abzügen der Großen Welle sind die frühesten Drucke deshalb begehrter: Die Blöcke waren noch frisch, die Abzüge schärfer.
Die Welle von Kanagawa machte das Meer zum eigenständigen Druckgrafik-Motiv – nicht als Hintergrund, sondern als Hauptakteur. Diese Verschiebung wirkt bis heute nach, auch in der maritimen Kunst, die ohne diesen Vorläufer anders aussähe.
Was ist der Unterschied zwischen Ukiyo-e und Shin Hanga?
Das ist die stille Ironie der Geschichte: Japan hat seinen eigenen Druckgrafikstil wiederentdeckt, nachdem er in Europa populär geworden war.
Ukiyo-e war Populärkultur – günstig produziert, für breite städtische Schichten zugänglich. Mit der Meiji-Restauration ab 1868 und der Modernisierung Japans galt die Tradition zunächst als altmodisch. Fotografie und westliche Malerei drängten die Holzschnittkunst in den Hintergrund.
Ab etwa 1915 entstand Shin Hanga als Gegenbewegung. Der Verleger Watanabe Shōzaburō kombinierte das handwerkliche Ukiyo-e-Produktionssystem mit Motiven, die auf westliche Käufer zugeschnitten waren: stilisierte Landschaften, zartes Licht, atmosphärische Stimmungen. Die bekanntesten Vertreter dieser Bewegung, darunter Hiroshi Yoshida, schufen Drucke, die europäische Perspektive mit japanischer Kompositionstradition verbanden. Shin Hanga-Drucke verkauften sich gut in den USA und Europa, während ihr Hauptmarkt außerhalb Japans lag.
Was Yoshida von Ukiyo-e unterschied, war nicht das Handwerk, sondern die Haltung zum Licht. Ukiyo-e arbeitet mit Farbflächen, die gleichmäßig aufgetragen sind – kein Schattenwurf, keine Lichtquelle. Yoshidas Landschaftsdrucke dagegen zeigen atmosphärische Stimmungen: Morgendunst über einem Gebirge, das Abendlicht, das auf Wasser fällt. Diese Qualitäten kamen aus der europäischen Malerei. Yoshida hatte selbst in Europa und den USA ausgestellt und kannte das westliche Publikum gut genug, um zu wissen, was es sehen wollte. Das Ergebnis war eine Technik, die wie Ukiyo-e aussah, aber nach anderen Regeln funktionierte.
Diese Schleife – Japan produziert, Europa begeistert sich, Japan erinnert sich an seine eigene Tradition – ist vielleicht das Eigenartigste an der ganzen Geschichte. Hokusai hätte das womöglich amüsant gefunden.
Die Technik des Holzschnitts lebt weiter. Mokuhanga, die traditionelle japanische Variante mit wasserlöslichen Pigmenten, unterscheidet sich vom klassischen Ukiyo-e-Farbholzschnitt in einem entscheidenden Punkt: Wo ölhaltige Druckfarbe harte Ränder und gesättigte Flächen erzeugt, erlaubt Mokuhanga weichere Übergänge und eine subtilere Farbtiefe.
Toulouse-Lautrec und der Jugendstil hatten ihre eigene Lesart dieser japanischen Bildlogik – flächige Farbgebung, abgeschnittene Konturen, Plakat als Kunstform.
Häufige Fragen zu Hokusai und Ukiyo-e
Was bedeutet Ukiyo-e?
Ukiyo-e (浮世絵) bedeutet wörtlich "Bilder der fließenden Welt". Die "fließende Welt" (ukiyo) war ein Begriff für die vergängliche städtische Vergnügungskultur im Japan der Edo-Zeit – Theater, schöne Frauen, Landschaften, Alltagsszenen. Ukiyo-e-Drucke waren Massenware, günstig produziert, für breite Stadtbevölkerungen. Die Geschichte der Bewegung von Moronobu bis Hiroshige, die Zensur, die Surimono und die Meister, behandelt die Ukiyo-e-Seite im Detail.
Hat Hokusai die Große Welle selbst gedruckt?
Nein. Im Ukiyo-e-System war Hokusai der eshi – der Zeichner und Designer. Er lieferte den Entwurf. Das Schneiden der Holzblöcke übernahm der hori-shi, den Druck übernahm der suri-shi. Das ist kein Qualitätsmerkmal und kein Makel, sondern die normale Produktionsweise japanischer Druckgrafik.
Wer hat van Gogh wirklich beeinflusst – Hokusai oder Hiroshige?
Beide, aber direkt kopiert hat van Gogh Hiroshige: "Brücke im Regen" und "Pflaumenbaum in Blüte" nach Hiroshige-Vorlagen, 1887. Hokusais Einfluss war indirekter – über die Bildlogik des Ukiyo-e insgesamt, nicht über direkte Kopien. Van Gogh besaß ca. 600 japanische Holzschnitte und schrieb 1888: "Meine ganze Arbeit basiert zum Teil auf japanischer Kunst."
Was ist der Unterschied zwischen Ukiyo-e und Shin Hanga?
Ukiyo-e ist die klassische japanische Farbholzschnitt-Tradition der Edo-Zeit (17.–19. Jahrhundert). Shin Hanga entstand ab ca. 1915 als bewusste Wiederbelebung – mit modernen Motiven, westlichem Lichteinfluss und einem Hauptmarkt in Europa und den USA. Verleger Watanabe Shōzaburō und Künstler wie Hiroshi Yoshida prägten diesen Stil. Beide nutzen das handwerkliche Mehrblock-Druckverfahren, aber Shin Hanga integriert malerische Qualitäten, die Ukiyo-e bewusst vermied.
Was ist die Kanagawa Welle?
Die Kanagawa Welle ist ein geläufiger Name für Hokusais "Die Große Welle vor Kanagawa" (ca. 1831) – nach der japanischen Provinz Kanagawa, in deren Küstennähe die Szene angesiedelt ist. Der Fuji im Hintergrund markiert die geografische Verortung. Die Welle von Kanagawa erschien als erstes Blatt der 46-teiligen Serie "36 Ansichten des Berges Fuji".
Quellen und weiterführende Literatur
- Metropolitan Museum of Art, Japonisme. metmuseum.org/toah/hd/jpon/hd_jpon.htm. Überblick über den japanischen Einfluss auf die europäische Kunst.
- Metropolitan Museum of Art, The Great Wave: Conservation Stories. metmuseum.org/about-the-met/conservation-and-scientific-research/conservation-stories/2020/hokusai-great-wave. Analyse der Drucktechnik und Blockstruktur.
- Encyclopaedia Britannica, britannica.com/biography/Hokusai. Biografie und Werkübersicht.
- Creature and Creator, Mary Cassatt: The Color Prints. creatureandcreator.ca/?p=5119. Cassatts Auseinandersetzung mit japanischer Druckästhetik.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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