Martin Schongauer und Albrecht Dürer: Werkstatt gegen Verlag

Martin Schongauer gehört zu den Ersten, die Kupferstiche in größerer Zahl herstellten und vertrieben. Albrecht Dürer machte daraus einen Verlag: mit eigenen Ausgaben, Handelsreisenden, einem geschützten Monogramm und einem kaiserlichen Druckprivileg. Der Unterschied zwischen den beiden ist kein Unterschied der Qualität. Es ist ein Unterschied der Logistik.

Colmar, 1492. Der junge Albrecht Dürer kommt in die Stadt und hofft, Martin Schongauer in seiner Werkstatt zu treffen, den führenden Kupferstecher Nordeuropas. Schongauer ist seit dem 2. Februar 1491 tot, gestorben in Breisach. Seine Brüder, der Maler Ludwig und die Goldschmiede Caspar und Paulus, empfangen den Nürnberger trotzdem. Nach Illustration History erhielt Dürer von ihnen drei frühe Zeichnungen Schongauers. Dürer versah sie später selbst mit der Jahreszahl 1469.

Dürer lernte Schongauer nicht mehr kennen.

Wer gab sein Handwerk weiter, und wer musste es sich selbst beibringen?

Schongauer wuchs in einer Goldschmiedefamilie auf. Sein Vater Caspar Schongauer war Goldschmied aus Augsburg und ließ sich in Colmar nieder. Martin Schongauer, geboren um 1445 oder 1450, wurde Maler. Nach Wikipedia ist er der erste deutsche Maler, der zugleich ein bedeutender Kupferstecher war. Herkunft und Ausbildung kamen dabei wohl aus dem Goldschmiedehandwerk, wie bei frühen Stechern üblich. Seine Werkstatt folgte der Handwerks-Logik: Ein Meister bildet Lehrlinge aus, die selbst Meister werden. Hans Burgkmair der Ältere ging 1488 als Lehrling zu Schongauer. Wie lange er blieb, geben die Quellen unterschiedlich an: bis 1490 oder bis zu Schongauers Tod 1491.

Martin Schongauer, Madonna im Rosenhag, 1473, Ölgemälde, Dominikanerkirche Colmar. Einziges datiertes Gemälde Schongauers.
Martin Schongauer, Madonna im Rosenhag, 1473. Ölgemälde, Dominikanerkirche Colmar. Public Domain.

Sein einziges datiertes Gemälde, die Madonna im Rosenhag von 1473 in der Dominikanerkirche Colmar, ist der seltene feste Punkt in einem ansonsten undatierten Werk.

Dürer hatte keinen Schongauer. Er hatte Schongauers Drucke. Was der Meister normalerweise durch persönliche Anleitung weitergegeben hätte, musste Dürer aus dem Werk selbst herauslesen. Nach Wikipedia bildete Dürer sich an zeitgenössischen Holzschnitten und Kupferstichen, darunter denen Schongauers.

Zeitgenossen erkannten Schongauers Rang. Nach ARTinWORDS berichtete der Humanist Jakob Wimpheling 1505, Schongauers Werke seien in Italien, Spanien, Frankreich, Britannien und vielen anderen Orten der Welt begehrt. Das war rund vierzehn Jahre nach seinem Tod.

Was verraten 116 undatierte Stiche über einen Kupferstecher?

Alle 116 Kupferstiche, die Max Lehrs Schongauer zuschreibt, tragen das Monogramm "MS". Keiner trägt ein Datum. Deshalb wird über ihre Reihenfolge bis heute diskutiert.

Das Monogramm hatte trotzdem einen Zweck. Nach dem Kunsthistoriker Joseph Koerner, zitiert bei Peter Karol, setzte Schongauer sein Zeichen nur auf Drucke, nicht auf Gemälde. Es gehörte zu einer Strategie, mechanische Vervielfältigung rentabel zu machen. Auf diesem Markt war der Künstler beim Kauf womöglich gar nicht zugegen.

Martin Schongauer, Große Kreuztragung, Kupferstich. Das größte Blatt in Schongauers Werk.
Martin Schongauer, Große Kreuztragung. Kupferstich. Public Domain, Cleveland Museum of Art.

Dürer dachte anders. Ab 1496 setzte er sein Monogramm "AD" nach Karol konsequent auf alle großen Holzschnitte. Er datierte auch: Sein erster datierter Kupferstich stammt nach Wikipedia von 1497. Spätestens 1511 stand sein Druckwerk nach Dürers eigener Angabe unter einem Privileg Kaiser Maximilians I., das den unbefugten Nachdruck verbieten sollte. In diesem Jahr nennt Dürer es erstmals im Kolophon eines Drucks. Die Urkunde ist nach Karol verloren. Giorgio Vasari berichtet zudem, Dürer habe sich in Venedig vor dem Senat über Marcantonio Raimondi beschwert, der Dürers Monogramm auf eigene Kopien setzte. Nach der Kunsthistorikerin Lisa Pon stützt kein Archivfund diesen Bericht. Grischka Petri nennt ihn Vasaris Erfindung. Belegt ist ein Beschluss des Nürnberger Rats vom 3. Januar 1512 gegen den Verkauf von Drucken mit Dürers Zeichen.

Dürers Monogramm verteidigte der Nürnberger Rat. Schongauers "MS" kopierten andere Stecher nach damaliger Gepflogenheit einfach mit.

Wie kamen die Stiche nach Italien, Spanien und England?

Schongauers Kupferstiche waren nach Wikipedia nicht nur in Deutschland bekannt, sondern auch in Italien, und gelangten bis nach England und Spanien. Nach Wikipedia stellte er Druckgrafik wohl als Erster in größerer Zahl her und betrieb ihre kommerzielle Verbreitung. Israhel van Meckenem, der produktivste Kupferstecher des 15. Jahrhunderts, fertigte nach Wikipedia enge Kopien von 58 Stichen Schongauers, genau der Hälfte.

Dürer baute ein Netz von Handelsreisenden auf. Nach Karol belegen erhaltene Verträge von 1497, dass Dürer Handelsreisenden einen festen Wochenlohn zahlte, damit sie seine Drucke von Stadt zu Stadt trugen. Das Städel Museum nennt einen eigenen Kommissar, angestellt zwei Jahre nach Gründung der Werkstatt: Konrad Schweitzer sollte Abzüge von Kupferstichen und Holzschnitten von Land zu Land und von Stadt zu Stadt tragen und verkaufen. Agnes Dürer verkaufte Drucke auf dem Nürnberger Wochenmarkt und auf Messen in Frankfurt. Die Apokalypse erschien 1498 in einer deutschen und einer lateinischen Ausgabe mit fünfzehn Holzschnitten: zwei Märkte, eine Publikation.

Um 1500 entsprach das Nachfertigen gefragter Grafiken nach dem Städel Museum den üblichen Marktgepflogenheiten. Dürer gehört zu den Ersten, die ihr Monogramm schützen ließen, denn billige Plagiate drohten die Marke Dürer zu verwässern. Das geschützte Monogramm sollte verhindern, dass Kopien mit dem Original verwechselt wurden.

Wer stach die Platten, und wer lieferte den Entwurf?

Max Lehrs schreibt Schongauer 116 Kupferstiche zu, bei einem gibt es heute Zweifel. Entwurf und Stich lagen bei ihm in einer Hand. Sein größtes Blatt ist die "Große Kreuztragung" aus der Frühphase seines grafischen Schaffens. Nach ARTinWORDS war sie zugleich der größte Stich, der bis dahin überhaupt verlegt worden war.

Im Holzschnitt trennte Dürer diese zwei Handlungen meistens. Nach Karol überließ er das Schneiden der Holzstöcke in der Regel Formschneidern seiner Werkstatt, später auch selbständigen Formschneidermeistern. Vor allem zwischen seinen beiden Italienreisen schnitt er nach Karol wohl selbst. Seine Einblatt-Holzschnitte verlangten eine erhebliche Arbeitsteilung. Im Kupferstich brachte er 1513 und 1514 die drei sogenannten Meisterstiche heraus: "Ritter, Tod und Teufel", "Hieronymus im Gehäus" und "Melencolia I". Hieronymus Andreae, auch "Hieronymus Formschneider" genannt, schnitt nach dem Historiker Christoph Gottlieb von Murr aus dem 18. Jahrhundert die meisten von Dürers Entwürfen in Holz. Nach Wikipedia kam Andreae dafür vermutlich zu spät nach Nürnberg, denn die meisten großen Holzschnitte Dürers entstanden vor 1513. Gesichert ist seine Arbeit für Kaiser Maximilian I.

Albrecht Dürer, Melencolia I, 1514, Kupferstich. Geflügelte Figur in Meditation, umgeben von Werkzeugen und geometrischen Formen.
Albrecht Dürer, Melencolia I, 1514. Kupferstich. Public Domain.

Die Größenordnung, die solche Arbeitsteilung ermöglichte, zeigt die Ehrenpforte, ein Auftrag Kaiser Maximilians I. Die Vorlagen zeichneten von 1512 bis 1515 vor allem Dürer und seine Schüler, nach einer Architektur von Jörg Kölderer. Andreae und seine Gehilfen schnitten die Druckstöcke von 1515 bis 1517. Gedruckt wurde von 195 Holzstöcken auf 36 Papierbögen, Gesamtgröße 295 mal 357 Zentimeter. Der Wikipedia-Artikel zu Andreae nennt 192 Druckstöcke. Die Erstauflage betrug etwa 700 Exemplare, die vor allem an Städte und Fürsten des Reichs verschenkt wurden. Heute bewahrt die Albertina in Wien 171 der 195 Blöcke, auf ihren Rückseiten steht Andreaes Signatur.

Schongauers 116 Stiche gegen ein einziges kaiserliches Auftragswerk mit Vorlagen vor allem aus Dürers Werkstatt: 700 Exemplare, 195 Blöcke, kaiserliche Verteilung. Wie groß Dürers druckgrafisches Werk insgesamt ist, hängt von der Zählung ab. ARTinWORDS nennt 108 Kupferstiche und Radierungen und rund 246 Holzschnitte, ein Bericht von kultur-online zur Dürer-Ausstellung des Städel Museums etwas mehr als hundert Kupferstiche und etwa 280 Holzschnitte.

Was gaben die Brüder 1492 weiter, und was nicht?

Die Zeichnungen, die Schongauers Brüder Dürer überließen, sind ein kleines Paradox. Schongauers Weitergabe-Modell funktionierte bis zum letzten Moment: persönliche Übergabe von Blättern, von Hand zu Hand, Meister-Erbe an den Nürnberger Gast.

Nach Karol führte Dürer Schongauers Ansatz weiter. Er übertrug das Monogramm vom Kupferstich auf den Einblatt-Holzschnitt. In Venedig lernte er den anderen sozialen Status eines italienischen Künstlers kennen. An Willibald Pirckheimer schrieb er im Oktober 1506 von dort, in heutiger Schreibung: "O, wie wird mich nach der Sonne frieren! Hier bin ich ein Herr, daheim ein Schmarotzer."

Schongauer verließ Colmar nach Britannica 1488 und zog für einen großen Wandmalerei-Auftrag im Münster nach Breisach. 1489 wird er als Bürger von Breisach genannt, 1491 starb er dort.

Dürer baute den Vertrieb seiner Drucke selbst auf und ließ sein Monogramm schützen.

Was dabei verloren ging, als das Werkstatt-Modell dem Verlagsmodell wich, ist die andere Frage.

Häufige Fragen

Wer war Martin Schongauer?

Martin Schongauer (geb. ca. 1445/50, gest. 2. Februar 1491 in Breisach) war Kupferstecher und Maler aus Colmar. Sein Vater Caspar war Goldschmied und brachte ihm nach Wikipedia vermutlich das Stechen bei. Max Lehrs zählt 116 Kupferstiche, alle mit dem Monogramm "MS" signiert, keiner davon datiert. Schongauer zählte zu den ersten Druckgrafikern, die Drucke in größerer Zahl produzierten und kommerziell verbreiteten.

Was unterscheidet Schongauers Werkstatt-Modell von Dürers Verlagsmodell?

Schongauer gab sein Handwerk durch persönliche Lehre weiter. Hans Burgkmair der Ältere ging 1488 als Lehrling zu ihm. Dürer, der 1492 nach Colmar kam, als Schongauer schon tot war, entwickelte ein anderes Modell: Er verlegte seine Werke selbst, bezahlte Handelsreisende, wie nach Karol erhaltene Verträge von 1497 zeigen, und ließ sein Monogramm schützen. Das Werkstatt-Modell band Handwerk an Personen. Das Verlagsmodell band Handwerk an Marken und Infrastruktur.

Sind Schongauers Kupferstiche datiert?

Nein. Alle 116 Kupferstiche, die Max Lehrs Schongauer zuschreibt, tragen das Monogramm "MS", keiner ein Datum. Deshalb wird über ihre Reihenfolge bis heute diskutiert. Dürer dagegen datierte auch: Sein erster datierter Kupferstich stammt nach Wikipedia von 1497.

Wo kann ich Originaldruckgrafik in dieser Tradition kaufen?

Zeitgenössische Druckgrafik arbeitet häufig mit Tiefdrucktechniken, die dem Kupferstich verwandt sind, etwa Radierung oder Kaltnadel. Zeitgenössische Originaldrucke zeigen, wie diese Tradition heute weiterlebt.

Was ist die Verbindung zur heutigen Druckgrafik?

Schongauer und Dürer prägten den Kupferstich im 15. und frühen 16. Jahrhundert, mit Markt, Sammlern und überregionalem Vertrieb. Was davon bis heute gilt: Das Blatt ist Original, das Monogramm Bekenntnis, die Auflage eine Entscheidung. Die Druckgrafik als Kulturerbe hat ihre Logik seitdem weniger verändert als die Technik vermuten lässt.

Quellen und weiterführende Literatur

Zuletzt aktualisiert am 03.10.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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