Marc Chagall
Marc Chagall ist einer der großen Koloristen des 20. Jahrhunderts. Der Maler (1887 bis 1985) hat Farbe als gebautes Licht begriffen: in schwebenden Liebenden über Witebsker Dächern, in zwölf Glasfenstern für die Synagoge des Hadassah-Krankenhauses in Jerusalem, in der neuen Decke des Palais Garnier.
Seine Bildwelt aus schwebenden Liebenden, Geigern und Tieren erkennt man sofort.
Am 23. September 1964 wurde die neue Decke des Palais Garnier in Paris enthüllt. Chagall war 77 Jahre alt. Kulturminister André Malraux hatte ihn mit dem Auftrag betraut: eine neue Decke für das Palais Garnier, die Pariser Oper, auf einem abnehmbaren Rahmen über der alten. Gemalt wurde sie nach der Opéra national de Paris von Januar bis August 1964. Ein Honorar nahm Chagall nicht an, der Staat übernahm nur die Materialkosten. Der Blick von unten auf die Decke ist noch heute ein Schock: ein Wirbel aus Blau, Gelb, Grün und Rot, Tänzer und Musiker schwebend über den Opernszenen, die Witebsker Traumwelt in Paris am Deckengewölbe.
Zwei Jahre zuvor, 1962, waren zwölf Glasfenster für die Synagoge des Hadassah-Krankenhauses in Jerusalem eingesetzt worden. Jedes der zwölf Fenster steht für einen Stamm Israels. Bei der Arbeit daran, sagte Chagall, habe er seine Eltern über seiner Schulter gespürt und hinter ihnen Millionen verschwundener Juden ("All the time I was working, I felt my mother and father looking over my shoulder; and behind them were Jews, millions of other vanished Jews …"). Licht, das durch gefärbtes Glas fällt, ist Farbe in ihrer reinsten Form: nicht auf Leinwand aufgetragen, sondern von hinten durchleuchtet.
Woher kommt diese Leuchtkraft? Und was übersieht man, wenn man Chagall nur als Maler der Farbe kennt?
Was sah Picasso in Chagalls Farbe?
Nach dem Bericht von Françoise Gilot sagte Pablo Picasso in den 1950er Jahren, wenn Henri Matisse sterbe, sei Chagall der einzige Maler, der noch verstehe, was Farbe wirklich ist ("When Matisse dies, Chagall will be the only painter left who understands what colour really is").
Das zeigt sich an dem, was Farbe bei Chagall kann. Die Opera-Decke ist ein Gemälde auf Leinwand, zwölf Leinwandbahnen und ein rundes Mittelfeld. Mit dem Glas fand Chagall nach Wikipedia ein Medium für kräftige, frische Farben, in dem natürliches Licht und Brechung das Bild ständig verändern. Sein erstes großes Glasfensterprojekt waren 1956 die Fenster der Kirche in Plateau d'Assy, von 1958 bis 1960 folgte die Kathedrale von Metz, 1970 die fünf Chorfenster im Fraumünster Zürich. Dazu kamen die America Windows (1977) im Art Institute of Chicago und das Friedensfenster (1964) im UN-Hauptquartier in New York, ein Gedenkfenster für Dag Hammarskjöld und die 15 Menschen, die mit ihm beim Flugzeugabsturz starben. Ein Komitee des UN-Personals hatte Chagall darum gebeten.
Doch neben der Farbe entstanden über Jahrzehnte schwarze Radierungen für Bücher.
Warum reiste Chagall 1931 nach Palästina?
Anfang der 1930er Jahre beauftragte der Pariser Verleger Ambroise Vollard Chagall mit einer Radierungsserie zur Bibel. 1931 reiste Chagall nach Palästina, nach Britannica als Vorbereitung auf die Bibel-Radierungen. Bis 1939 waren nach Britannica 66 Platten fertig; die übrigen 39 entstanden nach der Bridwell Library zwischen 1952 und 1956 in der Werkstatt von Raymond Haasen. Am Ende standen 105 Bibel-Radierungen.
Die Blätter sind schwarz gedruckt, jedes von einer eigenen Platte. So arbeitet die Radierung: Der Künstler zeichnet mit einer Nadel durch einen säurefesten Ätzgrund, die Säure ätzt die freigelegten Linien in die Platte, die Druckfarbe sammelt sich in den Vertiefungen. Chagall verband Ätzung und Kaltnadel. Das ist die Gegenwelt zur Farblithografie, die ab etwa 1950 in der Mourlot-Werkstatt folgte. Der monochrome Tiefdruck, ob klassische Radierung oder Aquatinta, wird mit der Nadel oder der Säure in Metall geschrieben, von Rembrandt bis Goya, von Piranesi bis Chagall.
Neben den Bibel-Radierungen entstanden im Auftrag desselben Verlegers Vollard zwei weitere große Zyklen. Ab 1923 radierte Chagall 96 Illustrationen zu Nikolai Gogols Roman "Tote Seelen", dazu kamen geätzte Initialen und Vignetten. Danach folgten 100 Radierungen zu La Fontaines Fabeln; veröffentlicht wurden sie 1952, mit zwei Umschlagradierungen sind es nach Britannica 102.
Drei Vollard-Zyklen, zusammen gut dreihundert Radierungen. Zusammen mit den Berliner Anfängen von 1922, der Mappe "Mein Leben" mit 20 Radierungen, 15 davon mit Kaltnadel, nach dem MoMA 1923 bei Paul Cassirer erschienen, ist das die druckgrafische Basis dieses Mannes. Schwarz auf Weiß, über Jahrzehnte.
Warum radierte ausgerechnet der Kolorist schwarz? Für die Fabeln nennt Britannica einen Grund: Chagall hatte 100 Gouachen für eine farbige Wiedergabe vorbereitet, doch seine Farben erwiesen sich als zu komplex für das geplante Druckverfahren, deshalb wechselte er zu Schwarz-Weiß-Radierungen.
Die Platten zu "Tote Seelen" waren fertig. Doch bevor das Buch erscheinen konnte, war Vollard tot.
Was geschah mit den Platten, als Vollard starb?
Ambroise Vollard starb 1939. Die Platten zu "Tote Seelen" lagen bei ihm. Als Jude war Chagall im besetzten Europa in Gefahr. Er verließ Frankreich im Mai 1941 und floh nach New York; endgültig zurück nach Frankreich kam er erst nach dem Krieg.
Während des New Yorker Exils starb 1944 seine erste Frau Bella Rosenfeld, die er in Witebsk kennengelernt hatte. Sie erscheint in vielen seiner Gemälde.
Nach thehistoryofart.org bekam Chagall nach dem Krieg die Platten von Vollards Bruder Lucien zurück. Der Verleger Tériade, der dort weitermachte, wo Vollard aufgehört hatte, veröffentlichte "Tote Seelen" 1948 in einer Gesamtauflage von 368 Exemplaren; die Hauptauflage von 285 Exemplaren liegt nach Christie's auf Arches-Papier mit den Wasserzeichen Arches, MBM oder Les Ames mortes.
Tériade gab von 1937 bis 1960 auch die Zeitschrift Verve heraus, 38 Hefte in zehn Bänden, mit Lithografien von Künstlern wie Matisse, Picasso und Chagall, einige davon gedruckt bei Mourlot; mehr zu den berühmten Druckgrafikern der Zeit steht auf der eigenen Seite. Er brachte 1952 die La-Fontaine-Fabeln heraus und 1956 "La Bible" mit allen 105 Radierungen, nach über zwanzig Jahren Arbeit.
Als Chagall nach Wikipedia im Herbst 1947 endgültig nach Frankreich zurückkehrte (Britannica nennt 1948), war er 60 Jahre alt. In Paris wartete die Lithografie, mit der er in den 1920er Jahren begonnen hatte, nun in der Mourlot-Werkstatt.
Wie wird aus sechs Farben fünfundzwanzig?
Ab etwa 1950 arbeitete Chagall in der Mourlot-Werkstatt in Paris. Er war Weltstar, hatte Gemälde in Museen und einen internationalen Namen. Lithografien hatte er nach Britannica schon in den 1920er Jahren gemacht, nun wurde die Farblithografie zu einem eigenen Werkteil.
Der Drucker, der ihm dabei zur Seite stand, war Charles Sorlier. Er arbeitete nach Masterworks Fine Art seit 1948 in Mourlots Werkstatt und ab etwa 1950 mit Chagall zusammen. Sorlier stand später mit hinter dem sechsbändigen Verzeichnis der Lithografien Chagalls (1960 bis 1986). Laut MoMA schuf Chagall mehr als 1.100 Lithografien. Radierungen und illustrierte Bücher verzeichnen andere Kataloge, etwa Cramers "Les livres illustrés".
Sorlier schrieb im fünften Band dieses Werkverzeichnisses über Lithografien nach Chagalls Gouachen: Eine Platte, die man in sechs Farben beginnt, kann in ihrer endgültigen Version fünfundzwanzig umfassen. ("a plate begun in six colors can comprise twenty-five in its definitive version.")
Das ist der strukturelle Kern der Farblithografie: Jede Farbe braucht eine eigene Druckform, Stein oder Zink, und einen eigenen Durchgang durch die Presse. Während die klassische Radierung mit einer Platte und einer Farbe arbeitet, verlangt auch die Chromolithografie pro Farbe einen eigenen Druck. Bei 25 Farben sind das 25 Druckgänge.
Ein besonders aufwendiges Einzelprojekt war "Daphnis et Chloé" (1961): 42 Farblithografien, neun Jahre von der Anfrage Tériades 1952 bis zur Veröffentlichung, bis zu 25 Farben pro Blatt. Chagall arbeitete dafür mit Charles Sorlier bei Mourlot. Händler nennen eine Auflage von 250 Exemplaren.
Auch die Bibel kehrte in Farbe zurück. 1960 erschien im Verve-Band Nr. 37/38 "Dessins pour la Bible" mit 48 Lithografien, 25 davon ganzseitig in Farbe, 23 schwarze Vignetten (Katalog Mourlot 230 bis 277). Chagall kehrte darin zu biblischen Motiven zurück, nach thehistoryofart.org zu solchen, die nicht in die Auswahl der Bibel-Radierungen gekommen waren.
Woran erkennt man ein echtes Blatt von der Hand des Künstlers?
Das Chagall Committee in Frankreich prüft Werke auf Echtheit. In einem bekannt gewordenen Fall erklärte es ein als Chagall angebotenes Aquarell für gefälscht und wollte es vernichten.
Für die Lithografien ist das sechsbändige Werkverzeichnis der Lithografien das wichtigste Werkzeug zur Orientierung; jedes darin verzeichnete Blatt hat eine Katalognummer. Die Bücher mit Radierungen stehen in anderen Verzeichnissen: Ein Exemplar von "Tote Seelen" trägt etwa die Nummer 27 von 368, ist auf der Justifikationsseite signiert und steht bei Cramer unter Nr. 17.
Die Bibel erschien 1956 bei Tériade. Nach der Bridwell Library betrug die Auflage 295 Exemplare auf Montval-Papier, 20 davon außer Handel. Nach dem Händler Park West gab es außerdem 100 Sätze mit handkolorierten Radierungen, die Chagall mit Bleistift-Initialen versah.
Wer Originale von Reproduktionen unterscheiden will, braucht konkrete Anhaltspunkte: die Plattenmarkierung, den Druckeindruck, das Papier, die Oberflächenstruktur. Mehr dazu erklärt das Erkennen von Originalgrafiken.
Katalognummer, Kolophon, Drucker- und Verlagsangaben, Papier, Wasserzeichen und Provenienz zählen zusammen; kein Einzelmerkmal entscheidet.
Wie kam ein Junge aus Witebsk zur Decke der Pariser Oper?
Marc Chagall wurde nach Britannica am 7. Juli 1887 in Witebsk geboren, damals Teil des Russischen Kaiserreichs, nach Wikipedia als ältestes von neun Kindern einer streng gläubigen jüdischen Familie. Sein Vater arbeitete in einem Heringslager, seine Mutter führte einen Laden. In Witebsk lebten damals rund 20.000 Juden. Erinnerungen an Kindheit und Witebsk blieben eine Hauptquelle seiner Bilder, auch das Motiv des Geigers auf dem Dach, das schon in "Der Tote" (1908) auftaucht.
Er studierte in St. Petersburg, ging 1910 nach Paris und hatte 1914 in Berlin seine erste Einzelausstellung. 1915 heiratete er Bella Rosenfeld, die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns aus Witebsk; sie erscheint in vielen seiner Gemälde. 1922 verließ er Russland für immer. In den 1930er Jahren folgten die Reise nach Palästina und die Arbeit an den Bibel-Radierungen, 1941 die Flucht nach New York, 1944 der Tod Bellas und 1947 die Rückkehr nach Frankreich.
Am 28. März 1985 starb Chagall in Saint-Paul-de-Vence, Frankreich. Er war 97 Jahre alt. Er hatte bis zuletzt gearbeitet. Die Bildwelt, die in Witebsk begann, mit Geigern, schwebenden Figuren und Tieren aus einer anderen Welt, fand ihren Weg bis auf das Deckengewölbe des Palais Garnier.
Saint-Paul-de-Vence, 1985. Was bleibt, ist Licht, das durch Glas fällt, und tausend Blätter, die einen anderen Weg zur selben Farbe nahmen.
Die Frage, die das Werk offen lässt: Wird das radierte Werk je denselben Rang im öffentlichen Gedächtnis erreichen wie die Gemälde und die Glasfenster? Oder bleibt es das stille Werk im Schatten der Farbe, für die sein Name steht, sichtbar nur für die, die die Katalognummer kennen und wissen, was es bedeutet, wenn sechs Farben fünfundzwanzig werden?
Häufige Fragen zu Marc Chagall
Welche Werke von Marc Chagall sind besonders bekannt?
Die bekanntesten Einzelwerke sind die Hadassah-Glasfenster in Jerusalem (1962), die Decke des Palais Garnier in Paris (1964) und das Friedensfenster für das UN-Hauptquartier in New York (1964). In der Malerei zählt Britannica "Ich und das Dorf" und "Der Geburtstag" (1915 bis 1923) zu den bekannten Werken. Die Druckgrafikzyklen "Tote Seelen" (1948), "La Fontaines Fabeln" (1952) und "La Bible" (1956) sind weniger öffentlich präsent; die Bibel-Radierungen führt Britannica unter seinen bedeutenden Arbeiten. Die Lithografien Chagalls verzeichnet ein sechsbändiges Werkverzeichnis.
Wie erkenne ich ein echtes Werk von Marc Chagall?
Bei einer Marc Chagall Lithografie hilft der Abgleich mit dem Werkverzeichnis der Lithografien. Dazu zählen Druckerangaben, Papier und Provenienz. Eine Signatur allein macht aus einer Reproduktion keine Originallithografie. Fehlt der Eintrag im Verzeichnis, lass die Herkunft vor dem Kauf prüfen.
Was hat Chagall außer seinen Gemälden geschaffen?
Neben der Malerei schuf Chagall Glasfenster (Jerusalem, Metz, Zürich, Chicago, New York) und ein großes druckgrafisches Werk: Laut MoMA sind es mehr als 1.100 Lithografien, 123 Tiefdrucke und Holzschnitte und 38 illustrierte Bücher. Vollständig wird die Marc Chagall Biografie erst mit den Druckgrafikzyklen: erst dann zeigt sich, warum Vollard und später Tériade als Verleger so zentral waren, und was die Mourlot-Werkstatt für die zweite Lebenshälfte bedeutete.
Was ist "Dessins pour la Bible" und wie entstand es?
"Dessins pour la Bible" erschien 1960 als Verve-Band Nr. 37/38 mit 48 Lithografien, davon 25 ganzseitig in Farbe. In dieser Chagall Bibel Lithografie kehrte Chagall zu biblischen Motiven zurück, nach thehistoryofart.org zu solchen, die nicht in die Auswahl der Bibel-Radierungen (105 Blätter, erschienen 1956) gekommen waren.
Wie viele Druckgrafiken hat Chagall geschaffen?
Laut MoMA schuf Chagall mehr als 1.100 Lithografien, 123 Tiefdrucke und Holzschnitte sowie 38 illustrierte Bücher. Die Lithografien verzeichnet ein sechsbändiges Werkverzeichnis (1960 bis 1986).
Quellen und weiterführende Literatur
- Encyclopaedia Britannica, Marc Chagall
- Wikipedia, Artikel "Marc Chagall", "Palais Garnier", "Verve (French magazine)", "Bella Rosenfeld"
- Museum of Modern Art, Marc Chagall, My Life (Mein Leben)
- Bridwell Library (SMU), Chagall's Bible
- Opéra national de Paris (Google Arts & Culture), Chagall-Decke
- United Nations, UN Gifts, Peace Window
- Center for Art Law, zum Chagall Committee
- Julien Cain, Charles Sorlier u. a.: The Lithographs of Chagall, sechs Bände, 1960 bis 1986
- Patrick Cramer, Marc Chagall, Les livres illustrés
Zuletzt aktualisiert am 06.10.2026.
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