Mary Cassatt

Mary Cassatt war eine amerikanische Malerin des Impressionismus (1844 bis 1926). Als einzige Künstlerin aus den USA gehörte sie offiziell zur Pariser Impressionisten-Gruppe; Edgar Degas lud sie 1877 zum Mitstellen ein, 1879 stellte sie erstmals mit der Gruppe aus. Sie lebte und arbeitete von 1874 an in Frankreich, bis zu ihrem Tod 1926. Bekannt ist sie für Szenen des bürgerlichen Alltags: Frauen beim Lesen, Mütter mit Kindern, Nachmittage im Freien.

Eine Frau sitzt am Schreibtisch. Sie leckt einen Briefumschlag zu, Kopf leicht geneigt. Das Kleid ist blau und ornamental gemustert, die Tapete dahinter trägt ein Muster aus Blattranken. Muster und Figur kämpfen nicht gegeneinander, sie sind gleichwertig. Keine Schattentiefen, keine Perspektive, die in die Tiefe zieht. Alles bleibt an der Oberfläche, farbig und flächig wie eine Seite aus einem Musterbuch. Das Bild heißt "The Letter" und entstand 1890/91.

Wer Mary Cassatt kennt, kennt die Mutter-Kind-Bilder. Die Szenen sind da, unbestritten. Aber "The Letter" gehörte zu einer anderen Werkgruppe: dichter, handwerklicher.

Wer war die Frau, die Mutter und Kind malte?

Mary Stevenson Cassatt wurde am 22. Mai 1844 in Allegheny City, dem heutigen Pittsburgh, Pennsylvania, geboren. Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie; der Vater war Börsenmakler und Grundstücksspekulant. Gegen den Berufswunsch seiner Tochter hatte er Einwände, die sie erst überwinden musste.

Cassatt studierte an der Pennsylvania Academy of the Fine Arts, dann in Europa, wo sie unter anderem in Parma Gemälde von Correggio kopierte. 1874 entschied sie sich, in Frankreich zu leben. Über zehn Jahre reichte sie Bilder beim Pariser Salon ein, mit wachsender Frustration; 1877 lehnte die Jury beide Einreichungen ab.

1875 entdeckte sie im Schaufenster eines Pariser Kunsthändlers Pastelle von Edgar Degas, die einen starken Eindruck auf sie machten. 1877 lud er sie ein, mit der Impressionisten-Gruppe auszustellen. Cassatt nahm an, und 1879 war sie erstmals dabei. Sie war die einzige Amerikanerin, die offiziell zur Gruppe gehörte. 1880 und 1881 stellte sie erneut mit der Gruppe aus, aktiv blieb sie im Kreis bis 1886. Ihren Platz in der längeren Geschichte der Künstlerinnen der Druckgrafik, von Berlin bis in die Werkstätten von heute, ordnet der Überblick ein.

Ihre Motive waren Frauen im Alltag: Frauen, die Kinder baden. Mütter, die Zeitungen lesen. Schwestern, die Tee trinken. Das war ihr Sujet, und sie blieb dabei.

Mary Cassatt, Maternal Caress, 1890/91. Eine Mutter hält ein Kind im Arm, flächige Farbflächen, Farbdruck aus Kaltnadel und Aquatinta.
Mary Cassatt, Maternal Caress, 1890/91. Farbdruck, Kaltnadel und Aquatinta. National Gallery of Art, Washington. Public Domain.

Was wollte Degas mit ihr zusammen machen?

Die Einladung zum Mitstellen war nicht die einzige Idee, die Degas mit Cassatt verband. Er plante eine Zeitschrift für Druckgrafik. Beteiligt war nach Wikipedia unter anderem Camille Pissarro. Degas schuf dafür zwei Drucke, die Cassatt im Louvre zeigen.

Das Heft erschien nie.

Cassatt war bei diesem Zeitschriftenplan nicht nur als Malerin dabei. Degas, ein anerkannter Meister der Radierung, führte sie in die Technik ein, und eine Zeit lang arbeiteten die beiden Seite an Seite.

Was sah Mary Cassatt im Frühling 1890 an der École des Beaux-Arts?

Im Frühling 1890 war im Pariser Ausstellungsgebäude der École Nationale des Beaux-Arts eine Sammlung japanischer Drucke zu sehen. Cassatt war dabei, Degas ebenfalls. 725 Blätter aus den Sammlungen prominenter französischer Sammler.

An Berthe Morisot schrieb sie, sie dürfe die Ausstellung nicht verpassen; wer Farbdrucke machen wolle, könne sich nichts Schöneres denken. Sie selbst denke an nichts anderes als Farbe auf Kupfer, im Original: "I dream of it myself and don't think of anything else but color on copper". Das neue Ziel hieß Kupfer, nicht Leinwand.

Mary Cassatt, The Letter, 1890/91. Eine Frau verschließt am Schreibtisch einen Brief, flächige Farben und Muster nach japanischem Vorbild, Farbdruck aus Kaltnadel und Aquatinta.
Mary Cassatt, The Letter, 1890/91. Farbdruck, Kaltnadel und Aquatinta. National Gallery of Art, Washington. Public Domain.

"The Letter" ist kein Gemälde, sondern ein Farbdruck aus drei Kupferplatten. Die flache, schattenlose Bildwelt wirkt japanisch: Cassatt folgte der Flächenlogik der Ukiyo-e-Drucke. Die drei Platten trugen Linie und Fläche, die Farben kamen à la poupée mit Farbdaubern auf die Platten. Jede Fläche grenzt klar an die nächste.

Wer die japanischen Ukiyo-e-Drucke von Hiroshige, Utamaro und anderen kannte, erkannte das Prinzip sofort: gleichwertige Farbzonen, klare Konturen, das Motiv in der Ebene organisiert. Cassatt arbeitete dieses Prinzip in Kupfer und Ätzung aus, ohne die Vorlagen zu kopieren. Die flächige Komposition blieb; aus dem Holzschnitt mit Wasserfarbe wurde ein Tiefdruck in Kupfer.

Wie entstand ein einziges dieser Blätter?

Cassatt hat den Prozess selbst beschrieben, hier nach Johnson (1990) zitiert: "I drew an outline in drypoint and transferred this to two other plates, making in all, three plates, never more for each proof." Sie zeichnete den Umriss also in Kaltnadel, übertrug ihn auf zwei weitere Platten und kam so auf drei Platten pro Abzug. Aquatinta setzte sie überall dort, wo Farbe gedruckt werden sollte.

Über die Serie hinweg kombinierte Cassatt nach dem Smith College Museum of Art Kaltnadel, Radierung und Aquatinta. Die Kaltnadel liefert die feinen Linien in Gesichtern und Haar, die Aquatinta die großen Farbflächen. "The Letter" selbst verbindet Kaltnadel-Linien mit Aquatinta.

Was vor jedem Abzug geschah, ist das aufwendigste Element: à la poupée. Bevor die Presse angesetzt wurde, wurden die Platten von Hand mit Farbdaubern eingefärbt. Nach Creature and Creator überließen andere Künstler das Einfärben oft dem Drucker; Cassatt färbte jeden Abzug selbst ein, Zone für Zone. Das ist kein Nachbemalen von fertigen Abzügen; die Farbe kam auf die Platte, nicht aufs Papier. Jeder Abzug unterscheidet sich deshalb leicht vom vorigen, in Sättigung, in der Grenze zwischen zwei Feldern, im Druck des Daubers.

Zehn Motive, drei Platten pro Motiv, laut Inschrift eine Auflage von 25 Abzügen: Jeder gedruckte Abzug wurde einzeln von Hand eingefärbt.

Welche japanischen Blätter standen hinter "The Coiffure" und "The Letter"?

Die zehn Motive der Serie entstanden 1890/91. Die zehn Blätter heißen in den Museen meist: The Bath, The Lamp, In the Omnibus, The Letter, The Fitting, Woman Bathing, The Coiffure, Mother's Kiss, Afternoon Tea Party, Maternal Caress. Sie zeigen Frauen allein oder in Paaren, im Haus oder auf dem Weg, in Szenen des Alltags.

Für zwei dieser Motive werden japanische Anregungen genannt. "The Coiffure" zeigt eine Frau, die vor dem Spiegel ihr Haar ordnet; nach Wikipedia ist es zum Teil von Kitagawa Utamaros Blatt "Takashima Ohisa Using Two Mirrors to Observe Her Coiffure" inspiriert, das Cassatt selbst besaß. "The Letter" erinnert an Utamaros Porträt der Hinazuru aus dem Kaisetsuro (1795), das eine Frau mit einem Tuch vor dem Mund zeigt.

Mary Cassatt, The Coiffure, 1890/91. Eine Frau mit nacktem Oberkörper steckt sich vor einem Spiegel das Haar hoch, Abzug in Schwarz.
Mary Cassatt, The Coiffure, 1890/91. Kaltnadel und Aquatinta, Abzug in Schwarz. National Gallery of Art, Washington. Public Domain.

Das Blatt "The Letter" im Art Institute of Chicago misst im Bild 34,5 mal 21,1 Zentimeter, das Papier 43,7 mal 29,7 Zentimeter.

Warum steht ein zweiter Name unter den Blättern?

Auf dem Blatt "The Letter" im Art Institute of Chicago steht unter dem Bild eine Inschrift in Graphit: "Imprim[ée] par l'artiste et Mr. Leroy / Mary Cassatt / (25 épreuves)".

Leroy war ein französischer Drucker, nach dem Art Institute of Chicago tätig zwischen 1876 und 1900. Auf diesem Blatt steht sein Name in der Inschrift neben dem von Cassatt. Wer sich für andere berühmte Druckgrafiker interessiert, findet dort einen Überblick.

Cassatt wohnte seit 1887 in der Rue de Marignan 10 in Paris. Das Château de Beaufresne erwarb sie im März 1894; in der restaurierten Mühle dort richtete sie ihr Atelier für Druckgrafik ein.

Was wurde aus den zehn Blättern?

1891 zeigte Cassatt die Drucke zusammen mit Gemälden in ihrer ersten Einzelausstellung bei Durand-Ruel in Paris. Noch im selben Jahr kauften Louisine und Henry Osborne Havemeyer, mit Cassatt befreundete Sammler, den vollständigen Satz. Das Shelburne Museum in Vermont besitzt daraus heute "The Coiffure" und "The Fitting".

Mary Cassatt, Afternoon Tea Party, 1890/91. Zwei Frauen bei Tee, flächige Farbigkeit, Farbdruck aus Kaltnadel und Aquatinta.
Mary Cassatt, Afternoon Tea Party, 1890/91. Farbdruck, Kaltnadel und Aquatinta. National Gallery of Art, Washington. Public Domain.

Degas und Pissarro waren nach Creature and Creator beeindruckt. Camille Pissarro schrieb, das Ergebnis sei bewundernswert, so schön wie japanische Arbeit. Nach demselben Beitrag blieb die kleine Auflage von 25 zu Cassatts Lebzeiten nicht ausverkauft. Die zehn Farbdrucke sind nur ein Ausschnitt aus Cassatts druckgrafischem Werk, das nach dem Smith College Museum of Art weit über 200 Drucke umfasst.

Adelyn D. Breeskin, die Cassatts druckgrafisches Werk katalogisierte, schrieb, die Blätter seien technisch als Farbdrucke nie übertroffen worden, im Original: "technically, as color prints, they have never been surpassed". Das ist Breeskins Urteil.

Ein Abzug von "The Letter" gehört zum Art Institute of Chicago. Eine Frau am Schreibtisch, Umschlag am Mund, Tapete und Kleidermuster im Gleichgewicht, kaum Tiefe, fast alles Fläche. Drei Kupferplatten, laut Inschrift 25 Abzüge, jeder einzeln von Hand eingefärbt. So beantwortete Cassatt die 725 japanischen Drucke, die sie im Frühling 1890 gesehen hatte.

Häufige Fragen zu Mary Cassatt

Wer war Cassatts wichtigster Mentor unter den Impressionisten?

Edgar Degas gehörte zu den wichtigsten Einflüssen auf Cassatt. Auf seine Einladung von 1877 hin stellte sie ab 1879 mit der Impressionisten-Gruppe aus, danach 1880 und 1881. Er führte sie in die Radierung ein. Die Ausstellung japanischer Drucke im Frühling 1890 sahen beide.

Was zeigt "The Letter" und warum wirkt es so flächig?

"The Letter" zeigt eine Frau beim Verschließen eines Briefes, vor einer Tapete mit Blattranken und in einem ornamental gemusterten Kleid. Die Flächigkeit folgt japanischem Vorbild, umgesetzt im Kupferdruck: Das Bild entsteht aus drei Platten und verzichtet auf Schatten. Die Logik der Farbflächen folgt den japanischen Ukiyo-e-Drucken, die Cassatt im Frühling 1890 in Paris gesehen hatte.

Was bedeutet "à la poupée" bei Cassatts Drucken?

À la poupée heißt, die Farbe mit einem kleinen Stoffballen (französisch poupée, "Püppchen") auf die Platte zu bringen. Die Farbe sitzt auf der Platte, nicht auf dem fertigen Blatt. Nach Creature and Creator färbte Cassatt jeden Abzug selbst ein, weshalb kein Exemplar exakt dem anderen gleicht.

Wer war M. Leroy und warum steht sein Name auf den Blättern?

Leroy war ein französischer Drucker. Auf dem Blatt "The Letter" im Art Institute of Chicago steht sein Name in der Inschrift neben dem von Cassatt.

Wurde die Serie zu Cassatts Lebzeiten verkauft?

Nur zum Teil. Nach Creature and Creator blieb die Auflage von 25 zu Cassatts Lebzeiten nicht ausverkauft. Louisine und Henry Osborne Havemeyer kauften 1891 den vollständigen Satz.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Adelyn D. Breeskin, Mary Cassatt: A Catalogue Raisonné of the Graphic Work. Smithsonian Institution Press, 1979.
  • National Gallery of Art, Washington: Mary Cassatt, Farbdrucke 1890/91.
  • The Art Institute of Chicago: Mary Cassatt, The Letter (1890/91), mit Drucker-Inschrift.
  • Shelburne Museum, Vermont: Mary Cassatt's Impressions.
  • Smith College Museum of Art: Mary Cassatt, The Fitting.
  • Johnson (1990), zitiert nach Creature and Creator, zu Cassatts eigener Beschreibung der Technik.
  • Wikipedia, Artikel "Mary Cassatt" und "The Coiffure".
  • Château de Beaufresne (cassatt-mesnil-theribus.org).

Studio Sonsu

Zuletzt aktualisiert am 06.10.2026.

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