Sugar Lift Aquatinta: Das Zuckeraussprengverfahren

Sugar Lift Aquatinta (auch: Zuckeraussprengverfahren, Lift Ground) ist eine Tiefdrucktechnik, bei der der Künstler zuerst die sichtbaren Formen malt und danach die Platte präpariert. Auf einer blanken Platte wird mit Zuckerlösung gemalt. Nach dem Auftragen des Ätzgrunds löst warmes Wasser den Zucker auf, legt genau diese Stellen frei, die dann als Aquatinta geätzt werden. Im Druck entstehen klare, flache Pinselspuren.

Picasso lernte die Sugar-Lift-Aquatinta in der Pariser Werkstatt des Druckers Roger Lacourière, während der Arbeit an der Suite Vollard. Bei der klassischen Aquatinta deckt man die Stellen ab, die hell bleiben sollen, und ätzt die übrige Fläche. Das Zuckeraussprengverfahren dreht die Logik um. Man malt, was erscheinen soll.

Wie funktioniert das Zuckeraussprengverfahren?

Beim Sugar Lift entsteht die Zeichnung nicht durch das Abdecken der Umgebung, sondern dadurch, dass der Ätzgrund an den bemalten Stellen entfernt wird.

Auf die blanke Platte malt man mit einer Mischung aus Zucker oder Sirup, Tusche und einem Haftmittel wie Gummiarabikum, Glycerin oder Seife. Direkt, ohne Ätzgrund. Die Zucker-Tusche-Paste haftet auf dem Metall, trocknet. Dann überzieht man die gesamte Platte mit einer dünnen, säurefesten Schicht Ätzgrund. Im Wasserbad, leicht erwärmt, beginnt der Zucker aufzuquellen und den Ätzgrund von unten abzuheben.

Was danach freiliegt, sind exakt die bemalten Stellen. Diese werden wie eine gewöhnliche Aquatinta weiterbehandelt: Harzstaub, dann das Säurebad. Im fertigen Druck entstehen klare, flache Flächen in der Form der Pinselstriche.

Radierung Nile Avenue Study XV von Bronwen Sleigh RSA: ätherisches Wireframe-Bild
Bronwen Sleigh RSA, Nile Avenue Study XV, Radierung.

Nile Avenue Study XV ist dagegen eine Radierung aus feinen Linien.

Wer erfand das Zuckeraussprengverfahren?

Einen belegten Erfinder gibt es nicht. Hercules Seghers, niederländischer Maler und Grafiker (ca. 1589–1638), setzte die Technik im 17. Jahrhundert ein, und nach der englischsprachigen Wikipedia scheint er sie erfunden zu haben. Demnach entdeckte Alexander Cozens sie mehr als ein Jahrhundert später in England wieder. Lalanne erwähnte sie 1866 kurz in seiner Gravure à l'eau-forte, danach wurde sie häufiger genutzt.

B_o3 von Inga Eičaitė: alchemistisch reduzierte Komposition mit Halbmond und Punkten, Hochdruck von einer geätzten Platte
Inga Eičaitė, B_o3, geätzte Platte, als Hochdruck gedruckt.

Im 20. Jahrhundert kam das Verfahren laut Britannica durch Künstler wie Picasso und Georges Rouault in breiten Gebrauch. Picasso führte der Drucker Roger Lacourière in seiner Pariser Werkstatt in das Verfahren ein. Die Künstlerin Sue Fuller arbeitete ab 1943 im Atelier 17 von Stanley William Hayter in New York und druckte dort Blätter für Künstler wie André Masson und Marc Chagall. Die Kuratorin Jennifer Farrell nennt in ihrer Besprechung von Christina Weyls Buch The Women of Atelier 17 Fullers Entdeckung eines Lift-Ground-Verfahrens mit Karo-Maissirup folgenreich für das Feld.

In der Literatur, die das Verfahren verbreitete, fehlen laut dieser Besprechung Fullers Name und die Anerkennung dafür.

Wie nutzte Picasso das Sugar-Lift-Verfahren?

Picasso arbeitete ab 1933 mit dem Drucker Roger Lacourière. Lacourière führte ihn in neue Techniken für Tonabstufungen auf der Platte ein, darunter die Sugar-Lift-Aquatinta, Spit-Bite und offene Ätzung. Die Suite Vollard, 100 Radierungen aus den Jahren 1930 bis 1937, druckte Lacourière.

Das Museu Picasso Barcelona schreibt, Picasso habe die Technik sein Leben lang meisterhaft gepflegt und sie entscheidend vorangebracht. Aldo Crommelynck, später Picassos bevorzugter Drucker, schilderte in einem Interview eine ungewöhnliche Methode: Für Tonabstufungen rieb Picasso den Finger an der Nase und dann an der Platte, damit die Oberfläche stellenweise leicht fettig wurde. Auf der fettigen Fläche hielt der Zucker nicht, und so entstand ein Grauton.

Gegenüber seiner Lebensgefährtin Françoise Gilot sagte Picasso, mit Sugar-Lift-Aquatinta sei alles direkter und zugleich zarter. Gilot gibt den Satz in ihrem Buch Life with Picasso wieder.

Wie kam David Hockney zum Sugar Lift?

David Hockney traf 1973 in Paris auf Aldo Crommelynck. Crommelynck hatte Ende der 1940er Jahre mit 17 Jahren eine Lehre bei Lacourière begonnen.

B_o1 von Inga Eičaitė: Hochdruck von einer geätzten Platte, feine Linien auf Schwarz
Inga Eičaitė, B_o1, geätzte Platte, als Hochdruck gedruckt.

Laut dem englischsprachigen Wikipedia-Artikel zu The Blue Guitar hatte Crommelynck seine charakteristische Sugar-Lift-Technik bis dahin geheim gehalten und zwei Jahrzehnte lang nur mit Picasso eingesetzt.

Picasso starb am 8. April 1973. Hockney zog im Herbst 1973 nach Paris, und Crommelynck brachte ihm dort das Zuckeraussprengverfahren bei.

Laut Gerrish Fine Art war das Verfahren, zusammen mit einem Verfahren für mehrfarbige Drucke, wesentlich für die Entstehung von The Blue Guitar. Die Folge umfasst 20 Radierungen mit Aquatinta, die Hockney im Herbst 1976 und Frühjahr 1977 in London zeichnete, angeregt von Wallace Stevens' Gedicht The Man with the Blue Guitar. Jeder Druck entstand von zwei Platten, eingefärbt aus einer Auswahl von fünf Farben. Hockney über Crommelynck: "Aldo Crommelynck taught me marvelous technical things about etching."

Zeitgenössisch setzte William Kentridge das Verfahren in seiner Suite Nose ein, 30 Radierungen, die der David Krut Print Workshop 2010 veröffentlichte. Die Blätter tragen vor allem kräftige Kaltnadel-Linien, die Sugar-Lift-Aquatinta macht sie weicher. Die Auflage druckten Jillian Ross, Niall Bingham und Mlungisi Kongisa.

Woran erkennst du einen Sugar-Lift-Druck?

Eine Sugar-Lift-Aquatinta hat dieselbe Struktur wie eine klassische Aquatinta und besteht ebenfalls aus Grautönen.

Der Unterschied liegt im Herstellungsweg: Der Ätzgrund wird dort entfernt, wo gemalt wurde. Im Druck erscheinen die Pinselstriche als klare, flache Flächen.

Museen nennen die Technik teils ausdrücklich in der Werkangabe. Das Museu Picasso Barcelona etwa führt ein Blatt von 1968 aus Mougins als Sugar-Lift-Aquatinta auf teilweise gefetteter Platte. Bei Werken ohne Technikangabe hilft die Nachfrage bei der Galerie.

Sugar Lift ist eine Variante der Aquatinta und gehört damit zur Familie der Tiefdruck-Verfahren. Wer mehr über die gesamte Drucktechnik-Familie wissen will: Druckgrafik im Überblick.

Häufige Fragen zum Zuckeraussprengverfahren

Was ist der Unterschied zwischen Sugar Lift und normaler Aquatinta?

Bei einer regulären Aquatinta werden Flächen durch Abdecken erzeugt: Man legt Abdecklack auf die Stellen, die hell bleiben sollen, die freiliegenden Bereiche werden geätzt. Beim Zuckeraussprengverfahren malt man umgekehrt direkt auf die Platte, was geätzt werden soll. Die Flächen im fertigen Druck tragen die Form von Pinselstrichen, nicht von abgedeckten Feldern. Das passt zu Picassos Satz gegenüber Françoise Gilot, mit Sugar-Lift-Aquatinta sei alles direkter.

Warum heißt es Zuckeraussprengverfahren?

Der Name beschreibt den Kernschritt: Im warmen Wasserbad quillt der Zucker und löst sich auf, und der Ätzgrund über den bemalten Stellen löst sich mit ab. Der englische Begriff Sugar Lift beschreibt denselben Vorgang: Der Zucker hebt (lifts) den Ätzgrund an. Printing Illustrated ordnet das Verfahren den Réservage-Techniken zu.

In welchen Werken nutzte Picasso das Zuckeraussprengverfahren?

Picasso lernte das Verfahren während der Arbeit an der Suite Vollard, einer Folge von 100 Radierungen aus den Jahren 1930 bis 1937, die Roger Lacourière druckte. Er nutzte es bis in seine späten Jahre: Das Museu Picasso Barcelona besitzt Sugar-Lift-Aquatinten, die 1968 in Mougins entstanden.

Sind Sugar-Lift-Drucke selten?

Die Technik selbst ist nicht selten: Printing Illustrated nannte sie 2010 eine noch immer sehr beliebte Technik. Ob ein Blatt mit Sugar Lift entstand, steht nicht immer in der Werkangabe. Bei zeitgenössischen Werken hilft ein Blick auf die Werkstatt-Information oder die Technik-Beschreibung beim Galeristen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • BORCH Editions, Sugar Lift Aquatint, Verfahrensbeschreibung und Druckergebnis
  • Encyclopaedia Britannica, Aquatint, Verbreitung des Verfahrens im 20. Jahrhundert
  • Museu Picasso Barcelona, Sugar-lift aquatint by Pablo Picasso, Zitat nach Françoise Gilot und Werkangaben aus Mougins
  • Hood Museum of Art, Picasso: The Vollard Suite, Lacourière ab 1933
  • Wikipedia (englisch), Hercules Seghers; Vollard Suite; Aldo Crommelynck; The Blue Guitar
  • Gerrish Fine Art, David Hockney: The Blue Guitar Exhibition, Produktionsdaten der Suite
  • David Krut Projects, William Kentridge: The Nose
  • Jane Cohen (Hg.), Picasso: Inside the Image, Interview mit Aldo Crommelynck, S. 14 (zitiert nach Flora McLachlan)
  • Jennifer Farrell, Besprechung von Christina Weyl, The Women of Atelier 17, Gotham Center for New York City History

Studio Sonsu

Zuletzt aktualisiert am 04.10.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für Originaldruckgrafik in Hannover. Wir arbeiten vor allem mit Druckgrafikerinnen und Druckgrafikern aus Großbritannien und Europa zusammen. Im Sortiment sind unter anderem Radierungen, Holzschnitte, Linolschnitte, Lithografien und Siebdrucke. Alle Werke ansehen: studiosonsu.de/collections/all. Fragen zur Technik oder einem bestimmten Werk: hello@studiosonsu.de.