Expressionismus vs. Impressionismus

Impressionismus und Expressionismus werden als Gegensätze gelehrt. In der Malerei ist das fair. In der Druckgrafik sind sie Geschwister: Beide Bewegungen erfanden ein verwandtes Modell, um Kunst per Abo jenseits des Salon-Systems zu verbreiten. Wer den Unterschied zwischen Expressionismus und Impressionismus nur in der Malerei sucht, sieht die halbe Geschichte.

Lovis Corinth erlitt im Dezember 1911 einen Schlaganfall. Paul Cassirer hatte ihn sieben Jahre zuvor als Teil des "Triumvirats des deutschen Impressionismus" bezeichnet. Danach schuf Corinth über 900 druckgrafische Blätter. Blätter, die impressionistisch begannen und sich veränderten. Welcher Bewegung sie am Ende gehörten, ist eine Frage, auf die die Kunstgeschichte keine eindeutige Antwort hat.

Wie kann ein einzelner Künstler in beiden Kategorien gleichzeitig stehen? Und taugt der übliche Impressionismus Expressionismus Vergleich, wenn er die Druckgrafik komplett ausblendet?

Was sieht man, wenn man ein impressionistisches und ein expressionistisches Bild nebeneinanderhängt?

In der Malerei ist die Antwort auf Anhieb klar. Claude Monets Kathedralen-Serie zeigt dasselbe Gebäude in Rouen bei verschiedenen Lichtverhältnissen, immer aus derselben Perspektive. Licht ist das Motiv, nicht die Kathedrale. Kein psychologischer Druck, keine Verzerrung, kein Kommentar.

Ernst Ludwig Kirchners Berliner Straßenszenen von 1913 bis 1915 sehen anders aus. Die Räume kippen. Die Figuren drängen sich zusammen wie Schablonen. Die Farben stehen gegeneinander statt miteinander. Wer durch die Straßenszenen geht, merkt schnell: Diese Bilder zeigen nicht was man sieht, sondern was es bedeutet, dort zu stehen.

Das ist, knapp gefasst, die klassische Formel für den Unterschied zwischen Expressionismus und Impressionismus in der Malerei: hier Licht und äußere Wahrnehmung, dort innere Spannung. Was diese Schulformel nicht leistet: sie erklärt nicht, warum Kirchner dasselbe Berliner Motiv in vier Techniken gleichzeitig durcharbeitete. Er malte elf Gemälde, schnitt vierzehn Holzschnitte, ätzte vierzehn Radierungen und fertigte acht Lithografien. Dieselbe Straße, vier Medien.

Wo und wann sind die beiden Bewegungen entstanden?

Zwischen dem Abonnement-Modell der Impressionisten 1862 und dem der Brücke 1906 liegen mehr als vier Jahrzehnte. Die erste gemeinsame Ausstellung der Impressionisten fand 1874 im Atelier des Fotografen Nadar in Paris statt, sieben weitere folgten bis 1886. Der Impressionismus entstand als Reaktion auf den staatlichen Salon, der ihre Bilder regelmäßig ablehnte.

Neunzehn Jahre nach der letzten Gruppenausstellung, 1905, gründeten in Dresden vier junge Männer die Künstlergruppe Die Brücke, Keimzelle des Expressionismus: Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl. 1911 folgte in München Der Blaue Reiter mit Wassily Kandinsky und Franz Marc. Die Brücke löste sich im Mai 1913 auf, nach einem Streit über Kirchners nachträglich verfasste Chronik der Gruppe.

Dazwischen steht Edvard Munch, der beide Seiten berührt. Schmidt-Rottluff schrieb ihm 1906 eine Einladung, der Brücke beizutreten. Munch lehnte ab. Aber die Brücke-Künstler griffen trotzdem etwas von ihm auf: die Laubsäge-Holzschnitttechnik, bei der Munch den fertigen Druckstock entlang der Bildkonturen in Puzzleteile zerlegte, sie einzeln einfärbte und vor dem Druck wieder zusammensetzte. Die Bewegungen reisten also auch auf technischen Umwegen ineinander hinein.

Die Impressionisten hatten vierzig Jahre zuvor eine Lösung für genau dieses Problem gefunden.

Warum hat die Druckgrafik für beide Bewegungen dieselbe Rolle gespielt?

An der 171 rue Saint-Jacques in Paris betrieb Auguste Delâtre seine Druckwerkstatt. Delâtre war Mitgründer der Société des Aquafortistes, die Alfred Cadart 1862 ins Leben rief, mit Édouard Manet als Gründungsmitglied. Delâtres Besonderheit: durch variiertes Einfärben konnte er bis zu vierzig einzigartige Abzüge aus ein und derselben Platte holen. Seymour Haden formulierte es damals so: "if Rembrandt lived now, he would send his plates to Delâtre" (auf Deutsch: Wenn Rembrandt heute lebte, würde er seine Platten zu Delâtre schicken).

Das Modell der Société war einfach: Abonnenten erhielten regelmäßig Originalradierungen per Post. Kunst jenseits des Salon-Systems, direkt ins Haus.

Vierundvierzig Jahre später, in Dresden, griffen die Brücke-Künstler auf ein verwandtes Prinzip zurück. Passive Mitglieder zahlten 12 Mark pro Jahr, später 25, und erhielten dafür Originalgrafiken. Die erste Jahresmappe 1906 enthielt Bleyls "Haus mit Freitreppe", Heckels "Die Schwestern" und Kirchners "Kauernder Akt", gedruckt auf Japan-Papier. Bei Auflösung der Brücke 1913 hatte sie 68 passive Mitglieder, was der maximalen Auflagenzahl einer Mappe entsprach.

Kirchner nahm seine Druckpresse so ernst, dass er sie 1919 als eines seiner ersten Güter von Berlin nach Davos transportieren ließ. Die Presse als Gepäck, das zuerst kommt.

Beide Bewegungen erfanden dasselbe Verbreitungsmodell: Kunst per Abo, jenseits des offiziellen Systems. Das Berliner Kupferstichkabinett antwortete zuerst.

Was hat Berlin früher gesammelt: impressionistische Drucke oder impressionistische Gemälde?

1881 zeigte das Berliner Kupferstichkabinett gemeinsam mit der Nationalgalerie 740 impressionistische Druckgrafiken. Werke, die in Paris entstanden, aber in Deutschland zum ersten Mal breiter gezeigt wurden.

Fünfzehn Jahre später, 1896, kaufte die Berliner Nationalgalerie Manets "Im Wintergarten". Sie wurde damit, noch vor Frankreich, zum ersten Museum, das ein Gemälde Manets ankaufte. Drucke kamen zuerst, Gemälde kamen später. Druckkunst als Kulturerbe ist keine nachträgliche Zuschreibung: in Berlin war Druckgrafik institutionell 15 Jahre früher präsent als die Malerei, für die der Impressionismus heute bekannt ist.

Brücke-Drucke gehörten ab den 1910er-Jahren ebenfalls in deutsche Kupferstichkabinette.

2024, mehr als ein Jahrhundert später, zog das Kupferstichkabinett Berlin die Konsequenz aus dieser Geschichte. Vom 25. September 2024 bis zum 12. Januar 2025 zeigte es "Der andere Impressionismus": 110 Werke von 40 Künstlern. Die Ausstellung argumentierte, Druckgrafik sei das Schlüsselmedium des Impressionismus gewesen. Eine These, die zeigt, was auf diesen Vergleichsseiten fehlt.

Im Brief an den Katalogautor Gustav Schiefler vom 25. August 1913 schreibt Emil Nolde, er habe die Steine und Farben acht Wochen lang, von morgens bis abends, fortwährend verändert. Die neuen Lithografien ließen sich unmöglich katalogisieren. Welcher Bewegung das gehörte, war ihm gleichgültig.

Gibt es einen Künstler, der in beiden Bewegungen gleichzeitig steht?

Corinths Schlaganfall 1911 veränderte nicht nur seine Motorik. In den vierzehn Jahren bis zu seinem Tod am 17. Juli 1925 schuf er über 900 druckgrafische Blätter, darunter sechzig Selbstporträts, in denen man zusehen kann, wie sich der Stil verschiebt. Der Strich, den Cassirers "Triumvirat des deutschen Impressionismus" so sicher geführt hatte, wurde aufgerissener, kantiger, expressiver.

Er stand nicht allein mit dieser Grenzüberschreitung im Druckbereich. Edgar Degas, Impressionist in der Malerei, schuf mit seinem Freund Ludovic-Napoléon Lepic ab 1874 Monotypien. Das erste gemeinsame Werk, "The Ballet Master" von 1874, trug die Unterschrift beider. Bis zu seinem Tod entstanden mehr als 450 dieser Monotypien in zwei unterschiedlichen Phasen.

Mary Cassatt, amerikanische Impressionistin in Paris, fertigte 1891 zehn Farb-Aquatinten in einer Auflage von je 25 Exemplaren. Für jeden Druck arbeitete sie mit drei separaten Platten, jeder Abzug wurde per Hand eingefärbt. Den Impuls gab eine gemeinsame Ukiyo-e-Ausstellung mit Degas im Frühjahr 1890 an der École des Beaux-Arts. Zu Lebzeiten verkaufte sie die kleine Auflage nicht aus. Wer heute über Originalgrafiken und deren Sammlungsgeschichte nachdenkt, denkt oft nicht an diese Zahlen.

Camille Pissarro arbeitete mit Sandpapier und Drahtbürste auf Kupferplatten, über fast vier Jahrzehnte, insgesamt rund 200 Druckgrafiken. Der Sandpapier-Aquatintaton, den er damit erzeugte, war weder impressionistisch noch expressionistisch. Er war Pissarro.

Wenn Corinth, Degas, Cassatt und Pissarro alle ernsthaft im Druck arbeiteten, was bleibt dann vom Gegensatz-Narrativ? Das Musée d'Orsay in Paris hatte 2008 keine saubere Antwort. Es gab ihr einen Ausstellungstitel: "Zwischen Impressionismus und Expressionismus".

In seinen letzten Blättern ist kein Stil mehr erkennbar. Nur noch Dringlichkeit.

Der Unterschied zwischen Impressionismus und Expressionismus in den Merkmalen der Malerei ist real und kategorial. Diese Grenze hält. Aber die Druckgrafik hatte sie nie. Beide Bewegungen nutzten das Medium auf denselben Wegen: Abo-Vertrieb, Direktdruck, Kunst ohne Salon. Die Kategorien Impressionismus und Expressionismus sind Malerei-Kategorien. Im Druck waren sie immer durchlässig.

Richard Studers Holzschnitt "Hear My Roar" zeigt einen aufgerichteten T-Rex mit geöffnetem Maul, die Speedlines dahinter wie ein Schrei. Kein historisches Zitat. Aber derselbe Holzschnitt, dieselbe Technik, die Kirchner in seine Berliner Straßenszenen einschnitt. Richenda Courts Linolschnitt "Moral Questions" arbeitet mit kraftvollen Händen und einer Komposition, die keine Ruhe lässt.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Expressionismus und Impressionismus?

In der Malerei ist die Unterscheidung klar: Der Impressionismus dokumentiert Licht und äußere Wahrnehmung, der Expressionismus verzerrt die Wirklichkeit nach innerer Spannung und Emotion. Zu den Merkmalen des Expressionismus gehören gekippte Räume, schreiende Farbkontraste und eine Bildsprache, die nicht zeigt, was ist, sondern was es bedeutet. In der Druckgrafik ist die Grenze weniger scharf: Beide Bewegungen nutzten denselben Vertriebsweg und dasselbe Medium, um Kunst jenseits des offiziellen Ausstellungsbetriebs zu verbreiten.

Wann entstand der Impressionismus, wann der Expressionismus?

Der Impressionismus hielt sich in Paris zwischen 1874 und 1886 mit acht Gruppenausstellungen als Bewegung zusammen. Der Expressionismus entstand ab 1905 mit der Gründung der Brücke in Dresden, ab 1911 mit dem Blauen Reiter in München. Zwischen den Gruppenausstellungen der Impressionisten und der Brücke-Gründung liegen knapp zwanzig Jahre.

Hat Druckgrafik in beiden Bewegungen eine Rolle gespielt?

Ja, in beiden Bewegungen zentral. Die Impressionisten gründeten 1862 die Société des Aquafortistes, um Radierungen per Abo zu verbreiten. Degas schuf über 450 Monotypien, Cassatt zehn Farb-Aquatinten in Auflagen von je 25, Pissarro rund 200 Druckgrafiken über fast vierzig Jahre. Die expressionistischen Brücke-Künstler verkauften ab 1906 Jahresmappe-Abonnements für 12 Mark. Kirchner hinterließ über 2.000 druckgrafische Motive, davon 971 Holzschnitte.

Gibt es Künstler, die zum Impressionismus und zum Expressionismus gehören?

Lovis Corinth ist das bekannteste Beispiel. 1904 zählte ihn Paul Cassirer zum "Triumvirat des deutschen Impressionismus". Nach seinem Schlaganfall im Dezember 1911 wandelte sich sein Stil erkennbar. Das Musée d'Orsay in Paris widmete ihm 2008 eine Ausstellung mit dem Titel "Zwischen Impressionismus und Expressionismus". Die Grenze zwischen beiden Bewegungen ist in seiner Druckgrafik nicht trennscharf zu ziehen.

War Berlin früher am Impressionismus interessiert als Paris?

In der Druckgrafik: ja. Das Berliner Kupferstichkabinett zeigte 1881 bereits 740 impressionistische Drucke, fünfzehn Jahre bevor die Nationalgalerie 1896 das erste Manet-Gemälde kaufte. Druckgrafik öffnete dem Impressionismus die Tür nach Deutschland.

Quellen und weiterführende Literatur

Metropolitan Museum of Art, New York, "The Etching Revival in Nineteenth-Century France" und "Impressionism: Art and Modernity"

Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Pressemitteilung zur Ausstellung "Der andere Impressionismus", 25. September 2024 bis 12. Januar 2025

Kirchner Museum Davos, Ernst Ludwig Kirchner: Biografie und Sammlungsgeschichte

The Collector, "Edgar Degas and His 450+ Monotypes: Two Distinct Periods"

University of Glasgow, Etching Archive, Biografie Auguste Delâtre, Société des Aquafortistes

Creature and Creator, Mary Cassatt's Color Prints: Process and Context

Tate, London, "Expressionism" (Art Terms)

Lenbachhaus, München, "Der Blaue Reiter"

Zuletzt aktualisiert am 25.05.2026.

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