Monotypie

Die Monotypie ist die einzige Drucktechnik, bei der eine glatte Platte kein dauerhaftes Motiv trägt. Der Künstler trägt Farbe auf, legt Papier auf, zieht einmal ab. Was herauskommt, gibt es einmal. Danach ist die Platte leer. Eine Auflage ist technisch ausgeschlossen. Das macht sie zur Außenseiterin unter den Druckverfahren und zur Nächstverwandten der Malerei.

Paris, um 1877: Edgar Degas macht eine Monotypie. Er hat eine Glasplatte gleichmäßig mit schwarzer Tinte eingewalzt und wischt nun mit einem Lappen Lichter frei, formt mit den Fingern Konturen. Ein Café, gedämpftes Licht, Figuren. Er drückt das Papier durch die Presse. Ein Bild. Dann drückt er ein zweites Mal, weil noch Farbe auf der Platte klebt. Das Bild ist blasser, verwaschener. Er greift zu Pastellkreide und überarbeitet diesen zweiten Abdruck. Zwei Bilder aus einer Sitzung, kein zweites ist das andere.

Was ist eine Monotypie?

Die Platte trägt kein dauerhaftes Motiv. Sie ist das Gegenteil eines Druckstocks.

Giovanni Benedetto Castiglione, Die Erschaffung Adams, Monotypie im Dark-Manner-Verfahren, um 1642, Art Institute of Chicago
Giovanni Benedetto Castiglione, Die Erschaffung Adams, um 1642. Monotypie (Dark Manner). Art Institute of Chicago. Public Domain.

Bei einer Radierung ätzt der Künstler ein Motiv in eine Kupferplatte: Ein säureresistenter Grund wird eingeritzt, dann greift die Säure das freigelegte Metall an. Das Motiv bleibt dauerhaft erhalten, liefert eine ganze Auflage: 20, 50, manchmal 100 Abzüge. Bei einem Linolschnitt wird ein Relief geschnitten, das genauso funktioniert. Die Platte ist Druckstock und Archiv zugleich.

Die Monotypie als Drucktechnik verwirft das. Auf der Platte gibt es kein gespeichertes Motiv. Nach dem Abdruck ist sie leer oder enthält bestenfalls blasse Farbreste für einen zweiten, deutlich schwächeren Abzug. Jedes Bild entsteht im Moment, nicht durch akkumulierte Arbeit an einem dauerhaften Druckstock.

Das hat praktische Konsequenzen. In der Praxis bleiben bei ölbasierter Druckfarbe etwa 20 bis 30 Minuten, bevor die Farbe antrocknet. Bei wasserbasierter Farbe sind es oft nur 5 Minuten. Ein Fehler ist nicht korrigierbar. Bei einer Radierung kannst du die Platte nachätzen, einen neuen Zustand drucken, die Arbeit fortsetzen. Bei einer Monotypie ist das Bild nach dem Abheben des Papiers endgültig.

Die Frage, ob eine Monotypie ein Original oder ein Kunstdruck ist, beantwortet sich damit von selbst: Es gibt keinen Druckstock, also keine identische Reproduktion.

Wie entsteht eine Monotypie? Additive und subtraktive Technik

Zwei Grundlogiken haben sich durchgesetzt, heute meist als additive Monotypie und subtraktive Monotypie bezeichnet. Beide beginnen mit einer glatten Platte.

Additive Monotypie

Die Platte ist zu Beginn leer. Der Künstler trägt Farbe mit Pinseln, Walzen, Schwämmen oder den Fingern direkt auf die blanke Fläche auf. Schicht für Schicht entsteht das Motiv. Solange die Farbe feucht ist, lässt sie sich verschieben, mischen, abwischen. Dann kommt das Papier.

Druckhistoriker nennen die additive Variante Light Field: schwarze Linien auf blanker Platte, die weißen Bereiche bleiben frei. Degas beschrieb seine Monotypien als "drawings made with greasy ink and put through a press."

Der erste Abzug überträgt den Großteil der Farbe. Was auf der Platte bleibt, reicht für einen zweiten, blasseren Druck.

Subtraktive Monotypie

Die Platte wird zuerst gleichmäßig mit Farbe eingewalzt. Dann wird Farbe entfernt: mit einem Lappen, einem Pinsel, Wattestäbchen, den Fingern oder dem Holzende eines Pinsels. Helle Stellen entstehen durch Wegnehmen, dunkle Stellen bleiben. Das Bild entwickelt sich von Dunkel nach Hell.

Das Ergebnis wirkt oft tonreich und malerisch, weil die Übergänge fließen statt zu springen. Druckhistoriker nennen diese Logik Dark Field.

Castigliones früheste Monotypien funktionierten bereits so: eine Kupferplatte gleichmäßig eingefärbt, dann Weißlinien mit einem stumpfen Instrument herausgekratzt. Das Ergebnis ist ein Werk im "Dark Manner", hell auf dunkel.

Klees Durchdrückzeichnung

Paul Klee entwickelte ab 1919 eine dritte Variante, die er intensiv nutzte und die heute als Ölpaus-Technik bekannt ist. Er beschichtete einen Papierbogen mit schwarzer Ölfarbe, ließ ihn trocknen und legte ihn zwischen Zeichenpapier und Trägerpapier. Dann zeichnete er mit einer Nadel oder einem Stift auf das obere Blatt. Nur dort, wo der Druck entstand, übertrug sich Farbe vom beschichteten Bogen.

Die Linien werden zart, unregelmäßig, fast wie Bleistift mit dem Charakter eines Drucks. Klee arbeitete die entstandenen Bilder häufig mit Aquarellfarbe weiter.

Was ist ein Geisterabdruck?

Ein Geisterabdruck entsteht aus den Farbresten, die nach dem ersten Abdruck auf der Platte bleiben. Ein zweiter Abzug ist deutlich blasser und weniger scharf, weil die Farbe bereits übertragen wurde. Tate beschreibt ihn als "a lot lighter and generally inferior in quality." Manche Künstler nutzen ihn als eigenständiges Werk, andere als Ausgangsmaterial für Überarbeitungen.

Degas war in dieser Technik besonders konsequent. Er zog häufig zwei Abzüge: den ersten, voll eingefärbt, und den Geisterabdruck mit den verbliebenen Farbresten. Den zweiten überarbeitete er dann mit Pastell oder Gouache. Für die Forschung hat diese Praxis einen eigenen Begriff hervorgebracht: "cognate" bezeichnet den zweiten Abdruck im Verhältnis zum ersten.

Wer einen Geisterabdruck sammelt, hat ein Werk mit eigener Qualität, kein Duplikat.

Monotypie vs. Monoprint: Wo liegt der Unterschied?

Die Begriffe kursieren oft nebeneinander, manchmal synonym, manchmal nicht. Der Unterschied ist klein, aber er hat Konsequenzen.

Bei einer Monotypie ist die Platte vor Beginn blank. Alles, was gedruckt wird, entsteht im Moment des Farbauftrags. Das macht jeden Abdruck zu einem vollständigen Unikat.

Beim Monoprint hat die Platte permanente Elemente: geätzte Linien, ein geschnittenes Relief, eine fixierte Textur. Diese Grundstruktur bleibt bei jedem Abdruck gleich. Was wechselt, ist die Einfärbung: andere Farben, andere Verteilung, andere Dichte. Der Monoprint erzeugt Variationen eines Themas, bei dem das Grundgerüst erkennbar bleibt.

Historisch wurden beide Begriffe austauschbar benutzt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen Galerien und Druckwerkstätten, sauber zu trennen. Beide gelten als Original-Druckgrafik. Aber nur die Monotypie produziert ein Werk, das tatsächlich einmalig ist, weil kein Druckstock existiert, der denselben Abdruck wiederholen könnte.

Für Sammler hat die Unterscheidung Gewicht: Eine Monotypie ist per Definition ein Unikat. Ein Monoprint ist ein Unikat in der Farbgestaltung, aber kein Unikat im Motiv.

Wer hat die Monotypie erfunden?

Die Frage ist bis heute nicht eindeutig beantwortet. Zwei Kandidaten stehen nebeneinander: der italienische Maler Giovanni Benedetto Castiglione aus Genua und der flämische Maler Antoon Sallaert, beide in den 1640er Jahren aktiv.

Für Castiglione sprechen mehr Argumente. Masterworksfineart.com schreibt: "Around 1645 he executed several etchings and repeated some of these compositions in monotypes, a technique he seems to have been responsible for inventing." Er hinterließ über zwanzig erhaltene Monotypien, mehr als die Hälfte davon zeigen Nachtszenen.

Das früheste bekannte Einzelwerk ist die "Creation of Adam", heute im Art Institute of Chicago. Es ist eine subtraktive Monotypie im Dark Manner: Kupferplatte gleichmäßig eingefärbt, dann Weißlinien herausgekratzt.

Wer eine Monotypie druckte, konnte sie nicht verkaufen wie einen Kupferstich mit hundert Abzügen. Die Technik brachte weder Reproduzierbarkeit noch Effizienz, beides Währungen der Druckwerkstätten.

Dann passierte fast nichts. Über 200 Jahre lang.

Die Monotypie taucht in einzelnen Werken auf, aber als Technik hat sie keinen festen Platz. Keine Schule. Keine Tradition. Einzelne Künstler experimentierten damit, aber niemand baute sie systematisch aus.

Das änderte sich mit Edgar Degas.

Wie nutzte Degas die Monotypie?

Ab Mitte der 1870er Jahre entdeckte Edgar Degas die Monotypie und arbeitete mit ihr in einem Ausmaß, das heute noch erstaunt. Der Orozco-Katalog von 2019 verzeichnet 397 Monotypien, 76 mehr als die 321 im Janis-Katalog von 1968. Über 190 befinden sich in Museen weltweit. 52 gelten als verschollen. Seine Arbeit mit der Technik verteilt sich auf zwei Phasen, Mitte der 1870er bis Mitte der 1880er und dann noch einmal Anfang der 1890er.

Dark Field (subtraktiv): Die Platte wird vollständig mit schwarzer Tinte eingewalzt. Dann wischt, kratzt und drückt Degas Lichter frei. Figuren entstehen durch das Entfernen von Farbe. Das Ergebnis sind Bilder mit tiefen, samtig-schwarzen Hintergründen. Cafés, Varietés, Badende, Figuren im gedämpften Licht.

Light Field (additiv): Die Platte ist leer, Degas malt mit schwarzer Tinte direkt darauf. Helle Bereiche bleiben frei. Das Bild hat weniger Tiefe, mehr Zeichencharakter.

Edgar Degas, Monotypie im Dark-Field-Verfahren, schwarze Drucktinte auf Papier, 1870er Jahre
Edgar Degas, Monotypie (Dark Field), 1870er Jahre. Schwarze Drucktinte auf Papier. Public Domain.

Für seine zweite Monotypie-Phase wechselte er das Material. Im Herbst 1890, während eines Aufenthalts bei dem Maler Georges Jeanniot in Dienay bei Dijon, entstanden rund 50 Landschafts-Monotypien. Er arbeitete nicht mehr mit Druckertinte, sondern mit verdünnter Ölfarbe. Viele dieser Blätter überarbeitete er anschließend mit Pastell, schätzungsweise rund dreißig.

Im November 1892 zeigte Durand-Ruel in Paris 21 bis 26 dieser Landschafts-Monotypien in einer Einzelausstellung. Es war Degas' einzige Einzelausstellung zu Lebzeiten.

Nicht seine Gemälde. Nicht seine Pastelle. Monotypien.

Was hat der Angelus Novus mit der Monotypie zu tun?

1920 entstand in Paul Klees Ölpaus-Technik ein kleines Bild: ein geflügeltes Wesen mit nach vorne gerissenen Flügeln und aufgerissenem Mund. 31,8 × 24,2 cm. Paul Klee nannte es "Angelus Novus."

Paul Klee, Angelus Novus, 1920, Ölpaus-Monotypie auf Papier, Israel Museum Jerusalem
Paul Klee, Angelus Novus, 1920. Ölpaus-Technik auf Papier. Israel Museum, Jerusalem. Public Domain.

Walter Benjamin kaufte es 1921 für 1.000 Mark in München, in der Galerie Hans Goltz. In seinem bekanntesten geschichtsphilosophischen Text, "Über den Begriff der Geschichte" von 1940, steht das Bild im Zentrum seiner Reflexion über Fortschritt und Katastrophe. Das Bild überlebte Benjamin, weil Georges Bataille es in der Bibliothèque nationale de France versteckte. Heute hängt es im Israel Museum in Jerusalem.

Der "Angelus Novus" entstand in einem Druckverfahren. Wikipedia und das Israel Museum klassifizieren ihn als Monoprint, weil Klees beschichteter Transferbogen ein semi-permanentes Element ist. Im weiteren Sinn gehört die Ölpaus-Technik zur Familie der Monotypie-Verfahren: ein einmaliger Abdruck, keine Auflage, kein wiederverwendbarer Druckstock. Die Grenze zwischen Monotypie und Monoprint verläuft hier im Graubereich.

Wie lebt die Monotypie im zeitgenössischen Druck weiter?

Die Grenzen zwischen Monotypie und anderen Drucktechniken sind in der Praxis oft durchlässiger als in der Theorie. John Simpson, der in Bath, England, arbeitet, nutzt die Monotypie als ersten Schritt in seinem Siebdruck-Prozess: Seine Drucke beginnen als Monotypie in ölbasierter Tinte auf Glas, bevor das Motiv als Film auf das Sieb übertragen wird.

Häufige Fragen zur Monotypie

Ist eine Monotypie ein Original?

Ja, und zwar ein Unikat. Es gibt genau einen verwertbaren Abzug. Sie gehört zur Original-Druckgrafik: Ein Druckvorgang findet statt, der Künstler hat das Bild selbst auf der Platte angelegt, kein industrieller Reproduktionsprozess ist beteiligt. In Museen und Galerien wird sie als Druckgrafik geführt, oft mit dem Zusatz "einmaliger Abdruck."

Was unterscheidet Monotypie von Monoprint?

Die Platte. Bei einer Monotypie ist sie vor dem Farbauftrag blank. Bei einem Monoprint hat sie permanente Elemente: geätzte Linien, ein geschnittenes Relief. Das Grundmotiv bleibt bei jedem Monoprint erkennbar, wechselt aber in der Farbgestaltung. Nur die Monotypie ist ein Motiv-Unikat.

Was ist ein Geisterabdruck?

Der zweite Abzug, der aus den Farbresten nach dem ersten Druck entsteht. Er ist deutlich blasser und weniger scharf. Degas überarbeitete Geisterabdrücke regelmäßig mit Pastell oder Gouache und machte sie zu eigenständigen Werken. Im Englischen heißt er "ghost print," manchmal "cognate" für den zweiten Abdruck im Verhältnis zum ersten.

Kann man Monotypie ohne Presse machen?

Ja. Die Handabreibung mit einem Löffel, einem Falzbein oder der Handfläche genügt. Eine Druckpresse liefert gleichmäßigere Ergebnisse, ist aber keine Voraussetzung. Viele Künstler schätzen die Handabreibung, weil sie den Druck stellenweise variieren können: mehr Druck hier, weniger dort.

Was ist additive und was ist subtraktive Monotypie?

Additive Monotypie: Die Platte ist leer, der Künstler trägt Farbe auf. Subtraktive Monotypie: Die Platte ist vollständig eingefärbt, der Künstler wischt oder kratzt Farbe weg. Beide Logiken können auch kombiniert werden. Degas arbeitete in beiden, je nach Motiv und gewünschtem Ergebnis.

Wie unterscheidet sich eine Monotypie von einer Lithografie?

Bei einer Lithografie zeichnet der Künstler auf einen Kalkstein. Das Motiv bleibt dauerhaft im Stein erhalten und erlaubt eine Auflage von 20 bis 80 Abzügen. Lithografien haben oft weiche Farbverläufe mit malerischer Qualität. Bei der Monotypie gibt es keinen dauerhaften Druckstock. Die Farbe wird aufgetragen und einmal abgezogen. Danach ist die Platte leer.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Tate, Art Term: Monotype. tate.org.uk
  • Art Institute of Chicago, Giovanni Benedetto Castiglione: The Creation of Adam.
  • Miguel Orozco, Degas Monotypes: A Catalogue Raisonné (2019).
  • MoMA, Edgar Degas: A Strange New Beauty (Ausstellung 2016).
  • Britannica, Paul Klee: Artistic Maturity.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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