Jacques Callot

Im Zusammenhang mit der Besetzung Lothringens bittet Ludwig XIII. von Frankreich einen Künstler aus Nancy um einen Gefallen: Er soll die Belagerung dieser Stadt für die Nachwelt festhalten, im Auftrag der Armee, die gerade davorsteht. Nancy ist für diesen Mann kein beliebiger Ort, es ist die Stadt, in der seine Familie lebt und in der er selbst für den eigenen Herzog arbeitet. Jacques Callot lehnt ab. Er würde sich, so die überlieferte Antwort, eher den Daumen abschneiden, als etwas gegen die Ehre seines Fürsten und seines Landes zu tun.

Callots Ruf gründet auf rund 1.428 Radierungen. So viele zählt das Werkverzeichnis des Kunsthistorikers Jules Lieure, der sie zwischen 1924 und 1929 in drei Bänden durchnummerierte, Band für Band, bis zur Nummer 1.428. Gemälde sind von ihm keine bekannt, und er hat vermutlich nie eine Ausbildung zum Maler durchlaufen. Hätte Callot dem König zugesagt, hätte er die Belagerung seiner Heimatstadt zwangsläufig mit derselben Nadel festhalten müssen, denn ein anderes Medium stand ihm gar nicht zur Verfügung: Seine einzige Waffe war die Nadel auf der Kupferplatte. Einen Pinsel auf Leinwand hat er nie geführt.

Was macht ein Goldschmiedelehrling auf dem Weg nach Rom?

1592 kommt er in Nancy zur Welt. Mit fünfzehn Jahren beginnt Jacques Callot eine Lehre bei einem Goldschmied. Lange hält es ihn dort nicht. Er reist nach Rom und lernt beim dort ansässigen Franzosen Philippe Thomassin das Kupferstechen. Über diese römischen Jahre selbst ist wenig überliefert, kaum mehr als der Name des Lehrers und das Handwerk, das er sich aneignet.

Was Thomassin ihm beibringt, reicht ihm am Ende nicht, und von Rom aus zieht es ihn weiter, nach Florenz.

Was passiert auf dem Jahrmarkt von Impruneta im Oktober 1619?

Am Medici-Hof in Florenz verbringt Callot die Jahre 1612 bis 1621. Dort lernt er vermutlich bei Antonio Tempesta das Radieren, unter dem Schutz von Großherzog Cosimo II. de' Medici. Im Oktober 1619 besucht er den Jahrmarkt von Impruneta bei Florenz, anlässlich des Lukasfests. Er zeichnet vor Ort, nach dem Leben, Skizzen, die heute in den Uffizien liegen.

Jacques Callot, La Foire de l'Impruneta, Radierung, 1620. Panoramische Jahrmarktszene mit über 1.200 winzigen Figuren aller gesellschaftlichen Schichten.
Jacques Callot, La Foire de l'Impruneta, 1620. Radierung mit mehr als 1.200 Figuren. Public Domain.

Was daraus wird, ist eine 1620 vollendete Platte mit mehr als 1.200 Figuren aus allen gesellschaftlichen Schichten, 42,5 mal 67,2 Zentimeter groß, Cosimo II. gewidmet. So erfolgreich ist diese erste Fassung, dass Callot sie 1622, nach seiner Rückkehr nach Nancy, ein zweites Mal sticht, mit einer eigenen, neu geätzten Platte.

Über 1.200 Figuren auf eine einzige Kupferplatte zu bringen, ohne dass sie zu einem grauen Klumpen verschwimmen, verlangt ein besonderes Werkzeug. Also schleift Callot sich eines selbst.

Wie schleift man sich die richtige Nadel?

Die serienübliche Radiernadel zieht eine gleichmäßig dünne Linie, ohne Schwellung, ohne Charakter. Für ein Gedränge aus über tausend Figuren reicht das nicht. Callot schleift sich deshalb eine eigene Nadel: an der Spitze schräg angesetzt, oval statt rund im Querschnitt. Je nachdem, wie er sie dreht, wird die Linie beim Ziehen breiter oder schmaler, fast wie beim Kupferstich, nur ohne den Grabstichel. Das Ergebnis ist eine Radierung, in der Linien sichtbar an- und abschwellen, ohne dass er die Nadel wechseln muss. Diese Nadel ist die Echoppe.

Der Ätzgrund, die Schutzschicht auf der Kupferplatte, genügt ihm ebenso wenig. Radierer der Zeit tragen meist eine Wachsmischung auf. Callot greift stattdessen zu einem sogenannten Lautenbauerlack: einer festen Mischung aus Mastix und Leinöl, wie sie sonst Instrumentenbauer für ihre Lauten verwenden. Diese lässt sich tiefer ätzen und beschädigt die Platte seltener am Rand, dort, wo die Säure ungewollt weiterfrisst. Diese Neuerung wird ihm zugeschrieben, ohne dass sich das mit letzter Sicherheit belegen lässt, und sie datiert auf etwa 1617, dieselbe Phase, in der er auch die Nadel neu schleift.

Ein drittes Element kommt hinzu: die wiederholte, gestufte Säurebehandlung derselben Platte. Callot taucht sie mehrfach ins Säurebad, schützt bereits fertig geätzte Linien zwischendurch mit einer Deckschicht und lässt andere Partien tiefer ätzen. So entstehen auf einer einzigen Platte unterschiedliche Furchentiefen und damit unterschiedliche Tonwerte, hell und dunkel, ohne dass er die Platte wechseln müsste. Erst alle drei zusammen ergeben, was Callots Blätter von denen seiner Zeitgenossen unterscheidet: die variable Linie, der tiefere Grund, die gestufte Ätzung.

Was er mit dieser Präzision auf eine Platte bringt, verlangt bald ein sehr viel mächtigerer Auftraggeber von ihm. Diesmal ist es kein Jahrmarkt.

Warum sticht Callot die Belagerung von La Rochelle, aber nicht die von Nancy?

Nach dem Tod Cosimos II. 1621 kehrt Callot in seine Heimat zurück. Ab 1623 ist er Hofkünstler unter Herzog Heinrich II. in Nancy. Fünf Jahre später, 1628, erhält er einen Auftrag im Namen des französischen Hofes: die Belagerungen von La Rochelle und der Île de Ré festzuhalten, die militärischen Erfolge Ludwigs XIII. Die Quellen schwanken, ob Königin Marie de Médicis, die Mutter des Königs, oder Ludwig XIII. selbst den Auftrag erteilte. Für beide Ereignisse liefert Callot je sechs großformatige Tafeln, rund 76 mal 56 Zentimeter je Blatt. Er hat also, wenige Jahre bevor die Nancy-Anfrage kommt, bereits zwei Belagerungen für den französischen Hof gestochen, ohne zu zögern.

Das macht die Weigerung, die später kommt, nicht zu einem grundsätzlichen Nein gegen Kriegsdarstellungen. Es macht sie zu einem sehr genau gezogenen Nein: gegen eine Belagerung, die sich gegen die eigene Heimat richtet, während der Auftraggeberkreis derselbe Hof bleibt, der ihn kurz zuvor noch beauftragt hatte.

Was zeichnet Callot stattdessen, wenn er den Auftrag ablehnt?

Schon vor der Weigerung arbeitet Callot an einer eigenen Bildidee zum Krieg, unabhängig von jedem Auftrag. Sechs Radierungen entstehen: das Feldlager, der Überfall auf der Straße, die Verwüstung eines Klosters, Plünderung und Brand eines Dorfes, die Rache der Bauern, das Hospital. Zu Callots Lebzeiten wird die Serie nie gedruckt. Erst nach seinem Tod erwirbt sein Verleger und Freund Israël Henriet die Kupferplatten und lässt ein Titelblatt hinzufügen, gestochen vom Pariser Radierer Abraham Bosse. Der Unterschied zwischen einem solchen posthumen Originaldruck aus der Originalplatte und einer späteren Reproduktion ist derselbe, um den es bei Original und Kunstdruck geht.

Jacques Callot, La Pendaison (Die Erhängung), Blatt 11 aus Les Grandes Miseres et les Malheurs de la Guerre, 1633. Radierung mit Soldaten um einen Galgenbaum.
Jacques Callot, La Pendaison, Blatt 11 aus „Les Grandes Misères et les Malheurs de la Guerre", 1633. Radierung. Public Domain.

1633 folgt die ausgearbeitete Fassung: "Les Grandes Misères et les Malheurs de la Guerre", 18 Radierungen, jede nur etwa 83 mal 180 Millimeter klein. Unter jedem Blatt stehen sechs Verszeilen des Sammlers Michel de Marolles. Fünf der sechs Petites-Sujets kehren hier wieder, nur "Le Campement", das Feldlager, fehlt. Die Serie entsteht in demselben Jahr, in dem Kardinal Richelieus Truppen Lothringen besetzen, kurz vor der Annexion durch Frankreich. Der Herzog, dem er dient, ist da bereits ein anderer: Heinrich II. war 1624 gestorben, und als Richelieus Truppen 1633 Nancy besetzen, herrscht Charles IV. über Lothringen. Manche Kunsthistoriker nennen sie das erste "anti-war statement" der europäischen Kunstgeschichte, eine Zuschreibung, keine bewiesene Erstleistung.

Das ist keine spontane Reaktion auf eine einzelne Kränkung. Sechs Blätter, Jahre zuvor begonnen, werden zu achtzehn erweitert, überarbeitet, mit Versen versehen, neu verlegt. Was wie ein einzelner Ausbruch aussieht, ist ein über Jahre gereifter zweiter Anlauf.

Außerhalb Lothringens sieht diese Serie zunächst kaum jemand. Das ändert sich erst zwei Jahrhunderte später.

Was bleibt von Callot nach seinem Tod?

Callot stirbt im März 1635 in Nancy, nach längerer Krankheit. Was von ihm bleibt, verbreitet sich vor allem über einen anderen Kupferstecher: Abraham Bosse veröffentlicht 1645 die "Traicté des manières de graver", das erste gedruckte Lehrbuch zur Radierung, mit Callots Techniken als Teil davon, und lässt es ins Italienische, Niederländische, Deutsche und Englische übersetzen. So gelangt eine lothringische Werkstatt-Erfindung in vier Sprachen durch Europa.

Francisco Goya, Estragos de la guerra, Blatt 30 aus Los Desastres de la Guerra. Radierung, Kriegsopfer.
Francisco Goya, Estragos de la guerra, aus „Los Desastres de la Guerra" (Blatt 30). Radierung. Public Domain.

Rembrandt sammelt Callots Blätter. Auch Francisco Goya, so berichten es Quellen, besitzt ein Konvolut davon. Fast zweihundert Jahre nach den Grandes Misères entstehen Francisco Goyas "Los Desastres de la Guerra": Man vermutet, dass Callots Blätter diese Serie beeinflusst haben, sicher belegen lässt sich das nicht. Die Linie reicht weiter: Käthe Kollwitz nimmt drei Jahrhunderte später denselben Faden auf, mit einem eigenen Kriegszyklus, der zeigt, was Krieg übrig lässt, statt ihn zu verherrlichen. Callot, Goya, Kollwitz: drei Namen aus drei Jahrhunderten, dieselbe Frage an dasselbe Medium gestellt. Wer sie in der Reihe der berühmten Druckgrafiker einordnen will, findet dort den größeren Zusammenhang.

Warum nennt E.T.A. Hoffmann sein erstes Buch nach einem toten lothringischen Kupferstecher?

Zwischen 1814 und 1815 erscheint in Bamberg ein vierbändiges Buch: "Fantasiestücke in Callot's Manier", verlegt von Carl Friedrich Kunz, dem Bamberger Freund des Autors. Der Autor heißt E.T.A. Hoffmann, fast zweihundert Jahre nach Callots Tod. Band eins enthält einen programmatischen Text mit dem schlichten Titel "Jacques Callot".

Jacques Callot, Scapino und Capitano Zerbino aus Balli di Sfessania, um 1621 bis 1622. Radierung, zwei tanzende Commedia-dell'Arte-Figuren.
Jacques Callot, Scapino und Capitano Zerbino, aus „Balli di Sfessania", um 1621 bis 1622. Radierung. Public Domain.

1820 folgt "Prinzessin Brambilla", im Untertitel ein "Capriccio nach Jakob Callot". Die Vorlage dafür sind die "Balli di Sfessania", 24 Tafeln mit Paaren aus der Commedia dell'Arte wie Scapino, Mezzetin und Pulcinella. "Sfessania" bezeichnet einen neapolitanischen Tanz mit heftigen, verrenkten Bewegungen, kein beliebiges Wort für "Tanz". Hoffmann bekommt das Heft 1820 von seinem Freund Johann Ferdinand Koreff geschenkt.

Ein lothringischer Hofkünstler, zweihundert Jahre tot, wird zum Namensgeber für zwei Bücher der deutschen Romantik. Das lag nicht an seiner Biografie, sondern an dem, was auf seinen Platten zu sehen war.

Was Hoffmann an Callot fand, war die Manier selbst: das Fantastische, Groteske, ins Karikatureske Verzerrte, das sich durch viele seiner Blätter zieht. Schon 1814 macht Hoffmann es zum Programm seines ersten Buchs, das Callots Namen im Titel trägt. Die Balli di Sfessania, die er erst Jahre später geschenkt bekommt, liefern dann die konkrete Vorlage für "Prinzessin Brambilla".

Ob Callot sich wirklich lieber den Daumen abgeschnitten hätte, als die Belagerung seiner Heimatstadt zu stechen, lässt sich heute nicht mehr klären. Was sich klären lässt, ist das, was derselbe Daumen tatsächlich getan hat: Er führte über zwanzig Jahre lang eine selbstgeschliffene Nadel über Kupfer, zuletzt für achtzehn kleine Blätter, die zeigen, was Krieg anrichtet, nicht nur in Nancy, sondern überall dort, wo eine Armee durchzieht. Ob darin mehr Gehorsam steckt oder mehr Zeugenschaft, sagt am Ende vielleicht mehr über einen Künstler aus als jede Antwort auf die Frage selbst.

Häufige Fragen zu Jacques Callot

Wie viele Werke hat Jacques Callot geschaffen?

Das Werkverzeichnis des Kunsthistorikers Jules Lieure zählt 1.428 katalogisierte Radierungen, durchnummeriert in drei Bänden zwischen 1924 und 1929. Ältere und rundende Schätzungen sprechen von über 1.400 Blättern. Die Lieure-Zahl gilt als die belastbarste Einzelquelle, weil sie auf einem durchnummerierten Werkverzeichnis beruht, nicht auf einer Schätzung. Originalradierungen Callots werden bis heute auf demselben Markt gehandelt wie Rembrandt- und Goya-Blätter, dem Alte-Meister-Auktionsmarkt.

Gibt es Gemälde von Jacques Callot?

Nein. Callots Ruf gründet vollständig auf seinen Radierungen. Kein einziges Gemälde von ihm ist bekannt, und er hat vermutlich nie eine Ausbildung zum Maler durchlaufen. Wo er wählen musste zwischen Stechen und Malen, war die Wahl für ihn keine: Er besaß nur das eine Medium.

Warum weigerte sich Callot, für Ludwig XIII. zu arbeiten?

Er weigerte sich nicht grundsätzlich, Kriege darzustellen. Fünf Jahre zuvor, 1628, hatte er im Auftrag des französischen Hofes, wohl im Namen von Königin Marie de Médicis, die Belagerungen von La Rochelle und der Île de Ré gestochen, ohne zu zögern. Was er ablehnte, war eine Belagerung, die sich gegen seine eigene Heimatstadt Nancy richtete, im Zusammenhang mit der Besetzung Lothringens durch französische Truppen.

Wer hat Jacques Callot beeinflusst, und wen hat er beeinflusst?

In Rom lernte er bei Philippe Thomassin das Kupferstechen, in Florenz vermutlich bei Antonio Tempesta das Radieren. Rembrandt sammelte seine Blätter, Goya besaß vermutlich ein Konvolut davon und gilt als von Callots Kriegsserie beeinflusst. Fast zwei Jahrhunderte später machte E.T.A. Hoffmann ihn zum Namensgeber zweier Bücher: der "Fantasiestücke in Callot's Manier" und, über die Balli di Sfessania, der "Prinzessin Brambilla".

Quellen und weiterführende Literatur

  • Jules Lieure, Jacques Callot: catalogue raisonné de l'oeuvre gravé (1924 bis 1929)
  • Princeton University Art Museum, Objektseite zu "La Foire de l'Impruneta"
  • Musée du Louvre, Boutique-Editionen zur Belagerung von La Rochelle (1627 bis 1628)
  • Staatsbibliothek zu Berlin, E.T.A.-Hoffmann-Portal: "Fantasiestücke in Callots Manier"
  • National Gallery of Canada, Sammlungseintrag "Balli di Sfessania"
  • Encyclopædia Britannica, Stichwort "Balli di Sfessania"

Zuletzt aktualisiert am 06.07.2026.

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