Francisco de Goya
Francisco de Goya war Erster Hofmaler unter Karl IV. und der einflussreichste politische Druckgrafiker seiner Zeit. Was er auf Leinwand nicht zeigen durfte, brachte er in Kupfer. Dem Hof gab er das Geforderte; für sich behielt er die Kupferplatte. Seine vier großen Druckserien — Los Caprichos, Desastres de la Guerra, Tauromaquia und Disparates — prägen die Druckgrafik bis heute.
Nachdem Goya den Krieg gesehen hatte, stellte er dieses Blatt an den Anfang der Serie: ein kniender Mann, der nach oben blickt, während dunkle Tinte ihn einzuschließen droht. Der Titel: "Tristes presentimientos de lo que ha de acontecer." Traurige Vorahnungen dessen, was kommen wird. Es wurde Platte 1 der Desastres de la Guerra, einer Folge von 82 Blättern über den Krieg in Spanien. Das Blatt ist das erste der Serie, aber es entstand als eines der letzten, ca. 1815, nach Kriegsende. Goya wählte es trotzdem als Eröffnung. Eine Vorahnung, rückblickend gesetzt.
Goya malte, was man von ihm verlangte. Er druckte, was er sah.
Warum druckte Goya überhaupt? Der Hofmaler und die Kupferplatte
Als Erster Hofmaler unter Karl IV. hatte Goya eine gesicherte Position. Er wurde am 31. Oktober 1799 ernannt und war einer der bestbezahlten Maler Spaniens. Er hätte malen können. Er malte auch, viel sogar. Aber für das, was er wirklich zeigen wollte, wählte er die Druckgrafik.
Der Grund ist strukturell: Ein Gemälde hängt an einer Wand, für einen Auftraggeber. Ein Druckblatt kann 300 Mal existieren, verteilt werden, in Schubladen verschwinden bis die Zeiten sicherer werden. Ein Druckblatt ist Multiplikation. Goya wusste das genau.
1792 kam die Krankheit. Eine schwere Erkrankung hinterließ ihn dauerhaft taub. Die Taubheit machte die Satire dunkler. Was vorher Kritik war, wurde unerbittlich. Figuren verlieren den Halt, Dunkelheit schließt sich zusammen, das Licht kommt aus Ecken, in die man lieber nicht schauen will.
Die tiefschwarzen Flächen entstehen nicht durch Strich, sondern durch geätzte Körnung der Kupferplatte. Dieser Technik ist die Aquatinta-Seite gewidmet. Die Aquatinta gab ihm etwas, das die Radiernadel allein nicht konnte. Atmosphäre. Das Unsagbare.
Warum hielten Goyas Caprichos nur 14 Tage?
Im Februar 1799 brachte Goya 80 Blätter auf den Markt. Radierung und Aquatinta, je nach Blatt unterschiedlich eingesetzt, kombiniert zu einer Folge über Schlaf, Vernunft, Aberglaube und die spanische Gesellschaft. Die Erstauflage: 300 Exemplare. Verkauft in den ersten 14 Tagen: 27.
Dann zog Goya die Serie zurück. Nicht weil sie sich schlecht verkaufte, sondern weil die Inquisition sich interessierte. Er schenkte die Druckplatten dem König und rettete sich so vor dem Verfahren. Das berühmteste Druckwerk des 18. Jahrhunderts war beim Erscheinen ein Flop aus politischer Angst.
Capricho 43 war ursprünglich als Titelblatt der ganzen Serie geplant: ein schlafender Künstler am Schreibtisch, hinter ihm aufsteigende Fledermäuse und Eulen, rechts unten ein wachsamer Luchs. Der Titel: "El sueño de la razón produce monstruos" — Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Der Satz ist mehr als eine Bildunterschrift. Er ist Goyas Programm.
Die 80 Blätter der Caprichos zeigen, was die höfische Gesellschaft nicht sehen wollte: Priester als Henker, Adelsfrauen als Hexen, Inquisitoren als Monster.
Was zeigen die Desastres de la Guerra wirklich?
Napoleon marschierte 1808 in Spanien ein. Was folgte, war fünf Jahre Besatzungskrieg. Goya dokumentierte ihn. Kein Schlachtengemälde, keine Heldenerzählung. Ein 82-teiliges Protokoll dessen, was Krieg Menschen antut.
Die Desastres entstanden zwischen 1810 und 1820. Goya druckte sie nicht zu Lebzeiten. Das politische Risiko saß auf beiden Seiten: Während der napoleonischen Besatzung hätten die Blätter als anti-französisch gegolten, nach der Rückkehr der Bourbonen hätten sie als anti-bourbonisch gegolten. Es gab keinen sicheren Moment zum Veröffentlichen. Die Blätter blieben in seiner Werkstatt, geordnet, beschriftet, sicher. Die Real Academia de San Fernando veröffentlichte sie erst 1863, 35 Jahre nach Goyas Tod, in einer Auflage von 500 Exemplaren. Über hundert Jahre später griff Otto Dix für seinen Radierzyklus „Der Krieg" auf dieselbe Technik-Kombination zurück.
Platte 39 heißt "Grande hazaña! Con muertos!" — Große Heldentat! Mit Toten! Die Bildunterschrift ist ironisch bis zur Unerträglichkeit, das Bild darunter noch mehr. Radierung, Lavis, Kaltnadel: Goya nutzte auf dieser Platte drei Techniken gleichzeitig. Die Linien sind rauer als in den Caprichos, hastiger, als wäre die Platte unter Zeitdruck entstanden. Wie die Radierung als Basistechnik funktioniert, beschreibt die Radierungs-Seite.
Platte 1 und Platte 39 kennt man. Was dazwischen liegt, ist ein systematisches Archiv der Grausamkeit. Goya ließ keine Perspektive aus: Täter und Opfer, Spanier und Franzosen, Männer und Frauen, Alte und Kinder. Kein Druckgrafiker seiner Zeit hat das so durchgehalten. Rembrandts Bettler-Radierungen und Dürers Apokalypse-Holzschnitte sind handwerklich vergleichbar, aber keine Serie nimmt die politische Gegenwart so unmittelbar auf. Goyas vier Serien entstanden über ein Vierteljahrhundert zwischen 1799 und den frühen 1820ern, durchgängig in Druckgrafik, durchgängig mit politischer Kante.
Was entstand nach dem Krieg: Tauromaquia und Disparates?
Man könnte denken, nach den Desastres käme nichts mehr. Goya war 70, als er die Tauromaquia herausbrachte. 33 Blätter über den Stierkampf, erschienen 1816, Erstauflage 320 Exemplare. Der Krieg war zwei Jahre vorbei, Ferdinand VII. saß wieder auf dem Thron. Keine Satire, keine Dokumentation des Grauens. Goya zeigt den Stierkampf als Abfolge aus Geste und Konsequenz, Szene für Szene, ohne Heldenmythos. Er kannte das Sujet seit der Kindheit. Mit 70, als Aquatinta-Meister auf dem Höhepunkt seines handwerklichen Könnens, wirkt der Strich in diesen Blättern anders als in den Desastres: offener, gelassener. Nicht weil die Kraft nachgelassen hätte, sondern weil ein Thema, das keine politische Dringlichkeit einforderte, nach der Kriegs-Serie wie Atemholen wirkt.
Parallel entstanden ab 1815 die Disparates. 22 Blätter, seltsam bis zur Unlösbarkeit. Goya selbst nannte sie "Disparates" — Torheiten, Widersinnigkeiten. Die Akademie, die sie 1864 posthum veröffentlichte, titelte sie "Proverbios" und deutete damit an, dass es doch irgendwie Sinn ergeben müsste. Ob es das tut, ist bis heute offen. Riesige Figuren fliegen durch die Luft. Männer sitzen auf einem schwankenden Ast. Ein Pferd trägt einen Menschen, der einen Menschen trägt.
In diesen letzten Blättern machte Goya sich keine Sorgen mehr um Verständlichkeit. Er druckte für sich.
Goya übernahm das Prinzip der Druckgrafik als Multiplikation und radikalisierte es. Nicht nur viele Male, sondern zu einer Zeit, zu der es niemand sehen durfte, und trotzdem für die Nachwelt gesichert. Mehr zur Geschichte der Druckgrafik und ihrer Protagonisten.
Wer kam nach Goya? Die Linie bis heute
Käthe Kollwitz' Krieg-Zyklus (entstanden 1921–22, veröffentlicht 1923) steht in einer direkten Linie zu Goyas Desastres. Kunsthistorisch wird Goya regelmäßig als Einfluss auf Kollwitz genannt. Eine Folge von Druckblättern, die den Krieg nicht verherrlicht, sondern zeigt was er übrig lässt. Was bei Goya Spanien war, war bei Kollwitz Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Mehr zu Käthe Kollwitz und ihrer Druckgrafik.
Édouard Manet orientierte sich für seine "Erschießung Kaiser Maximilians" direkt an Goyas "3. Mai 1808". Derselbe Kompositionsaufbau, dieselbe Kälte im Moment des Tötens. Pablo Picasso? Guernica ist ohne die Desastres nicht denkbar. Nicht als visuelles Zitat, aber als Haltung zum Krieg.
Goyas Druckgrafik entstand stets neben dem offiziellen Malerwerk, parallel, manchmal direkt dagegen. Die zeitgenössische Druckgrafik trägt diese Haltung weiter, ob in Expressionismus und Druckgrafik als politisches Medium oder anderswo. Was an ihm bleibt, ist die Grundfrage: Was darf man zeigen, und was muss man zeigen?
Fragen und Antworten
Was sind Goyas bekannteste Druckserien?
Goya schuf vier große Druckserien: Los Caprichos (1799, 80 Blätter), Los Desastres de la Guerra (entstanden 1810–1820, posthum 1863 veröffentlicht, 82 Blätter), La Tauromaquia (1816, 33 Blätter) und Los Disparates (entstanden 1815–1824, posthum 1864 veröffentlicht, 22 Blätter). Kein Zeitgenosse hinterließ vier thematisch so verschiedene Druckserien von dieser handwerklichen Reife.
Hat Goya die Aquatinta erfunden?
Nein. Erste Harzstaub-Experimente mit Aquatinta-Effekten gab es um 1650 beim niederländischen Kupferstecher Jan van de Velde IV, aber diese frühen Versuche fanden keine Verbreitung. Als verbreitete Drucktechnik etablierte sich die Aquatinta erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts durch den französischen Künstler Jean-Baptiste Le Prince. Goya war also nicht ihr Erfinder, sondern ihr bedeutendster Anwender. Er machte die Technik zu dem, was sie für uns heute ist: ein Medium für Dunkelheit, Atmosphäre, politische Bildsprache. Viele Artikel im Internet nennen Goya fälschlicherweise als Erfinder. Das stimmt nicht.
Warum wurden die Desastres de la Guerra erst nach Goyas Tod veröffentlicht?
In Spanien wechselten zu Goyas Lebzeiten mehrfach die politischen Verhältnisse. Während der napoleonischen Besatzung hätten die Desastres als anti-französisch gegolten, nach der Rückkehr der Bourbonen als anti-bourbonisch. Es gab keinen sicheren Moment zum Veröffentlichen. Goya bewahrte die 82 Platten auf, ohne sie zu drucken. Die Real Academia de San Fernando brachte die erste Auflage von 500 Exemplaren 1863 heraus, 35 Jahre nach Goyas Tod.
Warum druckte Goya überhaupt, wenn er als Hofmaler gut verdiente?
Druckgrafik ermöglicht Multiplikation. Ein Gemälde existiert einmal, für einen Auftraggeber. Ein Druckblatt kann 300 Mal gedruckt werden, verteilt, versteckt, weitergereicht. Für einen Künstler, der Dinge zeigen wollte, die in seiner Zeit politisches Risiko bedeuteten, war das Druckblatt das sicherere Medium. Es konnte warten, bis die Zeiten sich änderten.
Welche Techniken verwendete Goya in seinen Druckserien?
Radierung (Strichätzung) und Aquatinta bildeten die Basis. Dazu kamen je nach Blatt: Kaltnadel, Lavis (Pinselarbeit direkt in die Ätzlösung) und Stichel. Platte 39 der Desastres zum Beispiel kombiniert Radierung, Lavis und Kaltnadel auf demselben Blatt. Die Caprichos sind präziser, die Desastres rauer: das liegt an den Techniken und daran, unter welchen Bedingungen sie entstanden.
Quellen und weiterführende Literatur
- The Metropolitan Museum of Art, Open Access Collection: Francisco de Goya — Desastres de la Guerra und Los Caprichos. metmuseum.org
- Real Academia de San Fernando, Madrid: Erstauflagen der Desastres de la Guerra (1863) und Los Disparates (1864).
- Britannica, Francisco Goya — Biografie und Werk. britannica.com/biography/Francisco-Goya
- Pomona College Museum of Art, The Etchings of Francisco de Goya. pomona.edu/museum
- Reva Wolf, Goya and the Satirical Print in England and on the Continent, 1730 to 1850 (Boston 1991).
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Im Sortiment: Original-Radierungen, Linolschnitte, Lithografien und Holzschnitte internationaler Künstler, handsigniert, streng limitiert. Alle Werke ansehen oder direkt schreiben: hello@studiosonsu.de