Francisco de Goya
Francisco de Goya war Hofmaler des spanischen Königs. Er malte Porträts der Adelsfamilien, beobachtete, was um ihn herum geschah, und schwieg meistens öffentlich. Dann kam die Erkrankung von 1792, die ihn taub zurückließ. Er war 46. Danach wurde sein Werk ein anderes: nicht besser im akademischen Sinn, aber ehrlicher, dunkler, und von einer Direktheit, die zu seinen Lebzeiten niemand vollständig zu sehen bekam.
Im Jahr 1814 vollendete er sein bekanntestes Gemälde: El 3 de mayo de 1808 en Madrid, 268 mal 347 Zentimeter, Öl auf Leinwand, heute im Prado. Er malte es auf eigenen Vorschlag, sechs Jahre nach dem Ereignis, nach dem Abzug der französischen Besatzungstruppen. Was man auf der Leinwand sieht: auf der einen Seite uniformierte, gesichtslose Soldaten mit aufgepflanztem Gewehr, auf der anderen ein Mann in weißem Hemd mit erhobenen Armen im Lichtkegel einer Laterne. Der Kunsthistoriker Kenneth Clark nannte es "das erste große Gemälde, das man in jeder Hinsicht revolutionär nennen kann: in Stil, Thema und Absicht" ("the first great picture which can be called revolutionary in every sense of the word, in style, in subject, and in intention").
Fünf Jahre später kaufte Goya ein Landhaus außerhalb Madrids. Das Haus hieß Quinta del Sordo, Haus des Tauben, nach einem früheren Besitzer. Goya war inzwischen seit 27 Jahren selbst taub. Zwischen 1820 und 1823 malte er dort vierzehn Bilder direkt auf den Verputz der Innenwände, kein Auftraggeber, kein Publikum, keine Ausstellungsplanung. Saturn, der seinen Sohn frisst, ist eines davon. Goya gab keinem dieser Bilder einen Titel. Die Namen kamen nach seinem Tod.
Eine Wand kann nicht warten. Ein Druckblatt schon.
82 Blätter Radierung und Aquatinta, entstanden zwischen 1810 und 1820, lagen geordnet, beschriftet, ungedruckt in seiner Werkstatt. Sie warteten 35 Jahre. Erst 1863, fünfunddreißig Jahre nach Goyas Tod, legte die Real Academia de San Fernando in Madrid die erste Druckauflage auf: 80 der 82 Blätter, in 500 Exemplaren. Die letzten zwei Platten wurden erst 1957 veröffentlicht. Was Goya in den Jahren des Krieges, der Besatzung und der bourbonischen Restauration zu Papier gebracht hatte, war bis dahin von niemandem außer ihm gesehen worden. Auch diese posthumen Erstauflagen werden als Originaldrucke geführt, weil sie aus den Kupferplatten gezogen wurden, die Goya selbst geätzt hatte. Was Originaldruckgrafik kategorial von einer späteren fotografischen Reproduktion trennt, ist auf Originaldruckgrafik vs. Reproduktion entwickelt.
Was passierte 14 Tage nach dem Verkaufsstart 1799?
Im Februar 1799 erschienen Los Caprichos in einer Parfumerie in der Calle del Desengaño Nr. 1, Madrid. Kein Buchhändler hatte das Werk listen wollen. 80 Blätter, Radierung und Aquatinta, 300 Exemplare gedruckt, Preis 320 Reales das Set, der Gegenwert einer Unze Gold.
In 14 Tagen verkaufte Goya 27 Sätze. Dann zog er die noch vorhandenen Exemplare zurück. Manuel Godoy, der einflussreiche Günstling von König Karl IV., hatte gerade die Macht verloren; die Inquisition begann, sich für das Werk zu interessieren. 27 Sätze für 320 Reales das Stück: kein Markterfolg, aber auch kein Rückzug aus Gleichgültigkeit.
Die 80 Blätter zeigten Hexen, schlafende Vernunft, doppeldeutige Tiere und Menschen in Situationen, für die Goya seine eigene Bildsprache entwickelt hatte. Capricho 43, "El sueño de la razón produce monstruos", sollte ursprünglich als Titelblatt der gesamten Serie stehen. Goya verlegte es in die Mitte der Folge. Stattdessen öffnet Capricho 1 mit Goyas Selbstporträt im Profil, Zylinder, Blick zur Seite. Das Blatt 43 zeigt dann einen schlafenden Künstler, dem Eulen und Fledermäuse aus der Dunkelheit aufsteigen, während ein Luchs wachsam bleibt.
1803 übergab Goya dem König die 80 Originalkupferplatten plus 240 unverkaufte Exemplare. Im Gegenzug erhielt sein Sohn Francisco Javier eine lebenslange Jahresrente von 12.000 Reales. Die Platten lagen danach in der Real Calcografía Nacional in Madrid. Sie wurden bis ins 20. Jahrhundert hinein weiter bedruckt. Was Goya damit behalten hatte: die Kenntnis, was diese Platten konnten. Und er hatte neue angefangen.
Was geschah 1808 in Madrid, das Goya sechs Jahre später noch malen musste?
Im Mai 1808 begann die Madrider Bevölkerung gegen die französische Besatzung aufzustehen. Die Niederschlagung des Aufstands und die Erschießungen von Zivilisten durch Napoleons Soldaten wurden zu einem Gründungsmoment des spanischen Nationalgedächtnisses. Auf eigene Initiative bat Goya die Regentschaft 1814 um Genehmigung, das Ereignis darstellen zu dürfen, nach dem Abzug der Franzosen. Er war 68 Jahre alt. Die Besatzer waren weg, der Moment war jetzt zumutbar.
El 3 de mayo de 1808 hängt heute als das ikonischste Antikriegsbild der westlichen Kunstgeschichte im Prado. Was die meisten Besucher nicht sehen, ist das, was Goya in denselben Jahren parallel fertigte: In seiner Werkstatt lagen, während er die Leinwand bearbeitete, 82 Kupferplatten, geätzt, beschriftet, ungedruckt.
Goyas Y no hai remedio, Blatt 15 der Desastres de la Guerra, zeigt einen Gefesselten am Erschießungspfosten, dem nicht mehr zu helfen ist.
Der Besatzungskrieg 1808 bis 1814 bestimmte, wann das Gemälde entstehen durfte. Es entstand, als es wieder sicher war. Die Platten in der Werkstatt unterlagen keiner solchen Bedingung. Kein Aufhängen, keine Sichtbarkeit, keine politische Exposition.
Was zeigen die Desastres de la Guerra wirklich?
Platte 39 der Desastres de la Guerra trägt die Bildunterschrift "Grande hazaña! Con muertos!": "Große Heldentat! Mit Toten!" Was man auf dem Blatt sieht: verstümmelte menschliche Körper, an Ästen eines Baumes befestigt, in einer Komposition, die mit keiner Kriegsikonografie der Zeit vergleichbar ist. Goya kombinierte auf diesem Blatt Radierung, Lavis und Kaltnadel in einer einzigen Platte. Der Strich in den Desastres ist rauer als in den Caprichos, weniger gesetzt, näher an Skizze als an Kalligrafie. Diese Strich-Direktheit rückt Goya näher an Rembrandts Kaltnadel, als die hundert Jahre zwischen beiden vermuten lassen; der Vergleich von Rembrandt und Goya verfolgt diesen Bezug im Detail.
82 Blätter entstanden zwischen 1810 und 1820. Für eine Veröffentlichung gab es keinen sicheren Moment. Unter der napoleonischen Besatzung wäre anti-französisches Bildmaterial politisch gefährlich gewesen. Nach dem Abzug der Franzosen und der Restauration durch Fernando VII. ab 1814 wäre anti-bourbonisches Material ebenso riskant. Die Desastres zeigten den Krieg so, dass keine Seite gut dastand: Die Besatzer schießen, die Befreiten rächen sich, die Toten liegen ohne Helden-Rahmung herum.
Goya war 74, als er die Druckplatten das letzte Mal sortierte. Er hatte noch acht Jahre zu leben und ein Haus, an dessen Wänden er etwas anderes vorhatte.
Was malt jemand, der für niemanden mehr malt?
Im Februar 1819 kaufte Goya die Quinta del Sordo. Er war 73 Jahre alt und seit 27 Jahren taub. Zwischen 1820 und 1823 malte er vierzehn Bilder direkt auf den Verputz der Räume: keine Leinwand, kein Auftraggeber, keine geplante Ausstellung. Saturn frisst seinen Sohn. Ein Hund versinkt in Schlamm. Alte Männer essen Suppe. Die Kompositionen haben wenig mit dem zu tun, womit Goya seinen Lebensunterhalt verdient hatte. Keines dieser Bilder bekam von Goya einen Titel. Die Namen, unter denen wir sie heute kennen, stammen von Kunsthistorikern nach seinem Tod.
Parallel entstanden, ab ca. 1815, die Disparates: 22 Blätter, die enigmatischste der vier Goya-Druckfolgen. Der Name "Disparates" stammt aus Goyas eigenen Arbeitsdrucken; Goya selbst hat die Serie nicht offiziell benannt. Die Real Academia de San Fernando veröffentlichte sie 1864, ein Jahr nach den Desastres, unter dem Titel "Proverbios". Bis heute hat niemand eine befriedigende Erklärung für alle 22 Blätter vorgelegt. Goya hat keine hinterlassen.
Wandmalerei und Druckblatt entstanden in derselben Phase, unter denselben politischen Bedingungen, ohne Öffentlichkeit. Die Schwarzen Bilder blieben an der Wand, bis das Haus nach Goyas Tod restauriert wurde. Die Disparates-Platten warteten 36 Jahre in der Schublade.
Was machte Goya 1825 in Bordeaux, ein Jahr vor seinem Tod?
1824 verließ Goya Spanien. Nach der absolutistischen Restauration unter Fernando VII. war das Klima für jemanden mit Goyas Geschichte eng geworden. Er war 78 Jahre alt und emigrierte nach Frankreich, nach Bordeaux.
In Bordeaux arbeitete er bei dem Drucker Cyprien Charles Marie Nicolas Gaulon an vier Lithografien: Los Toros de Burdeos, die Stiere von Bordeaux, fertiggestellt 1825. Gaulon druckte eine Auflage von 100 Drucken. Goya war 79. Er hatte das Verfahren zuvor nicht verwendet. Die Lithografie war zu diesem Zeitpunkt knapp drei Jahrzehnte alt als Technik; Goya nahm sie im Exil als ein weiteres Druckverfahren auf, neben Radierung, Aquatinta und Kaltnadel.
Er starb am 16. April 1828 in Bordeaux. Er war 82 Jahre alt. In seiner Werkstatt lagen die Disparates-Platten. Die Matrize liegt noch da, wo Goya sie hinterlassen hat. Sie hat länger gewartet als er gelebt hat.
Wer hat Goyas Folgen weitererzählt?
Nicht lange nach der Erstveröffentlichung der Desastres 1863 begannen andere Künstler, in dieser Linie weiterzudenken. Käthe Kollwitz folgte dem Vorbild von Goyas Desastres bei ihrem Krieg-Zyklus, den sie in den 1920er Jahren schuf: eine Folge von Druckblättern, die den Krieg nicht verherrlicht, sondern zeigt, was er übrig lässt.
Modo de volar aus den Disparates (Blatt 13, um 1816) zeigt Menschen mit angeschnallten Flügeln, ein Traumbild ohne klare Auflösung.
Otto Dix hatte die Desastres in Basel gesehen, bevor er seinen eigenen Radierzyklus Der Krieg (1924) schuf. 50 Blätter, Kaltnadel und Aquatinta, 70 Exemplare, das Antikriegsjahr 1924 als bewusst gewähltes Erscheinungsdatum.
Pablo Picasso folgte einer anderen Linie. Édouard Manets Gemälde "Die Erschießung Kaiser Maximilians" referenziert Goyas El 3 de mayo direkt: die Komposition des moralischen Entsetzens und der formale Aufbau sind an Goya angelehnt. Picassos Guernica (1937) wird kunsthistorisch als Haltungs-Nachfolger dieser Linie gelesen: das Massaker, in großem Format, ohne heroische Rahmung, mit dem Bild als einzigem Zeugnis.
Kollwitz und Dix übernahmen Goyas Methode am direktesten: das Druckblatt als Medium, das zwischen Moment und Öffentlichkeit einen Zeitpuffer einschiebt. Picasso griff sie ebenfalls auf, in den beiden Radierungen Sueño y mentira de Franco (1937), die Guernica unmittelbar vorausgehen. Was Goya nicht zeigen konnte, konnten andere später zeigen. Wer Goyas Stellung in der Geschichte der Druckgrafik und der Reihe der berühmten Druckgrafiker einordnen möchte, findet dort den breiteren Kontext.
Heute hängt El 3 de mayo de 1808 im Prado. In den graphischen Sammlungen großer Häuser, vom Met über das British Museum bis zum Prado selbst, liegen Mappen der Desastres in den Schubladen. Was Goya getrennt halten musste, eines an der Wand, eines in der Schublade, liegt jetzt nebeneinander. Die Frage, was er hätte zeigen dürfen, hat sich überholt. Die Frage, was er gezeigt hat, hat sich nicht überholt.
Häufige Fragen zu Francisco Goya
Was sind Goyas vier großen Werkfolgen?
Los Caprichos (1799): 80 Blätter, Radierung und Aquatinta, Erstauflage 300 Exemplare. Los Desastres de la Guerra (entstanden 1810-1820): 82 Blätter gesamt, davon 80 in der Erstauflage 1863 in 500 Exemplaren; Platten 81 und 82 erst 1957. La Tauromaquia (1816): 33 Blätter, Radierung und Aquatinta, Erstauflage 320 Exemplare. Los Disparates (ca. 1815-1824, veröffentlicht 1864 als "Proverbios"): 22 Blätter, posthum erschienen. Alle vier entstanden aus Kupferplatten, die Goya geätzt hatte. Alle vier wurden in Auflagen gedruckt, die weit über seine Lebenszeit hinausgehen.
Was stimmt nicht an der häufigsten Goya-Behauptung im Internet?
Viele Artikel sagen, Goya habe die Aquatinta erfunden. Das stimmt nicht. Jan van de Velde IV experimentierte um 1650 in Amsterdam als erster mit einer Harzstaubgrundierung auf der Kupferplatte. Jean-Baptiste Le Prince entwickelte das Verfahren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts weiter; nach seinem Tod 1781 kaufte die Académie royale die Rechte und machte die Technik öffentlich zugänglich. Goya war ihr bedeutendster Anwender, kein Erfinder.
Warum wurden die Desastres de la Guerra erst 1863 veröffentlicht?
Es gab keinen sicheren Moment zu Goyas Lebzeiten. Während der napoleonischen Besatzung (1808-1814) wäre anti-französisches Bildmaterial politisch gefährlich gewesen. Nach der Restauration unter Fernando VII. ab 1814 wäre anti-bourbonisches Material ebenso riskant. Goyas Desastres zeigten den Krieg ohne Helden-Rahmung: weder Besatzer noch Befreite kamen gut weg. Goya starb 1828. Die Real Academia de San Fernando wartete weitere 35 Jahre und legte 1863 die erste Auflage in 500 Exemplaren auf.
Was unterscheidet die Caprichos handwerklich von den Desastres?
Die Caprichos (1799) entstanden in einem kontrollierten Atelier-Kontext: Radierung und Aquatinta, sorgfältig gesetzt, die Tinte in der Erstauflage leicht rötlich. Die Desastres entstanden über zehn Jahre, aus einem anderen Impuls. Der Strich hat mehr Tempo; manche Blätter wirken wie Skizzen unter Druck. Die Kombination der Techniken auf einem Blatt ist unorthodoxer: Platte 39 verbindet Radierung, Lavis und Kaltnadel auf derselben Platte.
Was sind die Schwarzen Bilder?
14 Wandbilder, die Goya zwischen 1820 und 1823 ohne Auftrag direkt auf den Verputz seiner Quinta del Sordo gemalt hat. In den 1870er Jahren ließ Baron Frédéric Émile d'Erlanger, der das Haus 1873 erworben hatte, die Bilder vom Restaurator Salvador Martínez Cubells auf Leinwand übertragen. Sie gelangten 1881 als Schenkung ins Museo del Prado. Goya gab keinem der Bilder einen Titel; die geläufigen Namen (Saturn, der Hund, Zwei alte Männer) vergaben Kunsthistoriker posthum. Sie gehören zu keiner seiner vier Druckfolgen. Sie sind Wandmalerei, die durch Zufall überlebte.
Quellen und weiterführende Literatur
- Metropolitan Museum of Art, Open Access Collection: Francisco de Goya: Los Caprichos und Desastres de la Guerra. metmuseum.org
- Real Academia de San Fernando, Madrid: Erstauflagen der Desastres de la Guerra (1863) und Los Disparates (1864).
- Wikipedia: The Disasters of War, Los Caprichos, Black Paintings, The Bulls of Bordeaux, The Third of May 1808. en.wikipedia.org
- Britannica, Francisco Goya: Biografie und Werk. britannica.com/biography/Francisco-Goya
- Pomona College Museum of Art: The Etchings of Francisco de Goya: Biografie und Sammlungs-Katalog. pomona.edu/museum
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
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