Carborundum-Druck und Collagrafie
Beim Carborundum-Druck wird Siliziumkarbidpulver mit Bindemittel auf eine Platte aufgetragen. Die raue Körnung hält Druckfarbe wie eine Tiefdruckplatte, ohne dass die Platte geätzt, gestochen oder gekratzt werden muss. Die Collagrafie ist das übergeordnete Prinzip: eine Druckplatte aus aufgeklebten Materialien. Carborundum ist eine spezifische Form davon.
Saint-Paul de Vence, Frühjahr 1967. Drucker Robert Dutrou trägt mit einem Spatel eine schwarze Paste auf eine Kupferplatte auf. Joan Miró, 74 Jahre alt, steht daneben und beobachtet. Was auf der Platte landet, ist industrielles Schleifmittel, dasselbe Material, mit dem Steinmetze Oberflächen abziehen und mit dem in früheren Jahrzehnten Lithografiesteine geglättet wurden.
Dutrou mischt das Siliziumkarbidpulver mit Kunstharz, verteilt es wie Farbe, lässt es aushärten. Wenn die Druckpresse das Papier gegen die gehärtete Körnung presst, saugt das Papier die Farbe aus jedem einzelnen Korn. Was entsteht, hat keine scharfen Linien, keinen Plattenrand, keine der vertrauten Merkmale eines Tiefdrucks. Nur samtige Farbflächen, Tiefen, die keiner anderen Drucktechnik gelingen.
Keine Säure, kein Stichel. Nur Körnung und Druck.
Was ist der Unterschied zwischen Carborundum und Collagrafie?
Carborundum und Collagrafie werden oft verwechselt, bezeichnen aber nicht dasselbe.
Collagrafie (auch: Collagraph) bezeichnet das Prinzip: Eine Druckplatte entsteht durch Aufkleben unterschiedlichster Materialien auf einen Träger. Karton, Sandpapier, Stoff, Acryl, Sand, Textilstrukturen, Papier. Die erhabenen Stellen drucken wie beim Hochdruck, die vertieften wie beim Tiefdruck. Je nach Einfärbung lässt sich ein und dieselbe Platte sowohl als Relief- als auch als Tiefdruckplatte nutzen. Den Begriff prägte 1956 Glen Alps, ein Associate Professor an der University of Washington, als Kofferwort aus "Collage" und "-graph" (griech. graphein, zeichnen). Die erste öffentliche Ausstellung von Collagraphen fand 1957 an der Henry Gallery der Universität statt. Als Vorläufer gilt "Algues Marines" von Pierre Roche aus dem Jahr 1893, der erste bekannte Versuch, eine Druckplatte durch aufgeklebte Materialien zu strukturieren.
Carborundum-Druck ist eine spezifische Form der Collagrafie: Das aufgebrachte Material ist ausschließlich Siliziumkarbidpulver (SiC), ein synthetisches Schleifmittel mit definierter Körnung. Carborundum ist nicht das übergeordnete Prinzip, sondern eines der möglichen Materialien innerhalb dieses Prinzips. Den Begriff und die systematische Anwendung als Kunsttechnik entwickelte Henri Goetz, ein amerikanischer Maler in Paris, in den 1960er Jahren in den Druckwerkstätten bei Maeght. Ab 1960 übernahm Goetz' Künstlerfreund Max Papart die Technik in sein Werk. 1968 veröffentlichte Goetz das Standardwerk "La gravure au carborundum" bei Maeght.
Die kürzeste Formel: Jeder Carborundum-Druck ist eine Collagrafie. Aber nicht jede Collagrafie ist ein Carborundum-Druck.
Wie funktioniert der Carborundum-Druck technisch?
Das Siliziumkarbidpulver wird in verschiedenen Körnungsklassen angeboten. Für malerische Abstufungen und intensive Schwarztöne haben sich die Kaliber 220 bis 240 bewährt; gröbere Kaliber ab 30 bis 80 erzeugen zu viel Relief und zu wenig Farbtiefe. Feines Carborundum wirkt auf dem fertigen Druck wie Aquatintaätzung, nur weicher und gleichmäßiger.
Der Prozess im Überblick:
Das Carborundum wird mit einem Bindemittel (Kunstharz oder PVA-Leim) zu einer pastösen Masse verarbeitet. Die Paste fühlt sich beim Verteilen an wie nasser Sand, scharfkörnig unter dem Spatel. Sie haftet sofort und zieht beim Aushärten kaum ein. Dickere Schichten halten mehr Farbe und erzeugen dunklere Druckbereiche. Dünnere Aufträge, mit dem Pinsel hingezogen, produzieren zarte Halbtöne. Für helle Partien bleibt die Platte unbeschichtet, für tiefe Schwarztöne wird mehrlagig gearbeitet. Als Träger eignet sich Karton, Aluminium oder Kupfer.
Nach dem Aushärten wird die Platte wie eine klassische Tiefdruckplatte eingefärbt: Druckfarbe wird in die Körnung eingearbeitet, die Plattenoberfläche abgewischt, sodass Farbe nur in den Vertiefungen der Kornstruktur verbleibt. Dann Papier, Presse, Druck. Das Papier presst sich in die Körnung, nimmt die Farbe auf. Der Plattenrand erzeugt die charakteristische Prägung, die man von Radierungen kennt.
Was diese Technik von der Aquatinta unterscheidet: Bei der Aquatinta entsteht die Körnung durch chemisches Ätzen des Metalls. Harzstaub wird aufgetragen, das Säurebad frisst das Metall zwischen den Harzkörnern. Das Ergebnis ist permanent in der Platte verankert. Keine Säure bedeutet auch: keine Eisen(III)-Chlorid-Entsorgung, kein Abzug, kein Sicherheitsprotokoll. Bei Carborundum liegt die Körnung auf der Platte, nicht in ihr. Einen direkten Vergleich beider Verfahren bietet Carborundum vs. Aquatinta. Bei jedem Wischvorgang geht etwas Carborundum verloren. Große Auflagen sind deshalb technisch nicht möglich. Mirós Drucke dieser Jahre entstanden in Auflagen von 75 Exemplaren auf schwerem Künstlerpapier.
Warum Joan Miró mit 74 Jahren eine neue Technik lernte
Henri Goetz hatte die Technik in den Druckwerkstätten bei Maeght entwickelt und 1968 das Standardwerk "La gravure au carborundum" veröffentlicht, mit einem Vorwort von Miró. Aber Mirós Kontakt mit der Technik begann ein Jahr früher, in der Fondation Maeght in Saint-Paul de Vence, durch Dutrous praktische Einführung.
Miró hatte in seinem langen Leben mit fast jeder druckgrafischen Technik gearbeitet: Lithografie, Radierung, Linolschnitt, Holzschnitt. Was Carborundum anders machte, beschrieb er in einem Brief an Goetz: "Never has one had materials with equal power. As far as I am concerned, I can express myself without a single hindrance." Miró war 74 Jahre alt und hatte in seiner Karriere nichts mehr zu beweisen.
Die Technik passte zu seiner Bildsprache. In seinen späten Druckgrafiken ab Mitte der 1960er dominierten zunehmend Farbflächen über die schwarzen Linien seiner früheren Bildsprache. In "Le Grand Sorcier" von 1968 (Dupin 453) sieht man genau das: Kobaltblaue und rote Farbfelder, die weich ineinander übergehen, Formen die sich nicht aus Linien ergeben sondern aus Farbdichte. Aquatinta hätte ähnliche Wirkungen erzeugt, aber Aquatinta braucht Säure, erfordert mehr Zwischenschritte, lässt weniger direkte Kontrolle über die Farbdichte. Carborundum ermöglichte es, spontaner zu arbeiten: Paste auftragen wie Farbe, sofort sehen wie die Körnung wirkt, nacharbeiten.
Das MoMA in New York widmete Mirós Carborundum-Arbeiten 1970 eine eigene Tournee-Ausstellung: "Joan Miró: Fifty Recent Prints". Mehr als 72 Carborundum-Drucke entstanden in dieser Spätphase seines Werks. Mehr dazu auf der Seite zu Joan Miró. Neben Miró griffen auch Gillian Ayres, Howard Hodgkin und Antoni Tàpies die Technik auf.
Wie unterscheidet sich der Carborundum-Druck von der Radierung?
Eine Radierung beginnt mit Zerstörung: Säure frisst Linien in Metall. Jede Linie ist permanent, unveränderlich, buchstäblich in die Platte geätzt. Der Drucker arbeitet mit Linien, Schraffuren, der akkumulierten Dichte von Parallelstrichen. Was ein Radierer damit kann: feinste Strichführungen, Kreuzschraffuren, Texturen die sich aus Tausenden individueller Linienentscheidungen aufbauen. Das ist Radierkunst. Ein Carborundum-Künstler arbeitet anders: Farbflächen statt Linienführung, Dichte statt Schraffur.
Carborundum macht das Gegenteil: keine Zerstörung der Platte, keine Linienführung, keine Schraffur. Das Körnungsmaterial wird auf die Platte aufgetragen, nicht in sie hineingegraben. Die Bildsprache ist flächig, malerisch, tonal. Wo eine Radierung Linien schichtet, um Tonwerte zu erzeugen, erzeugt Carborundum Tonwerte direkt durch die Dichte der Körnung. Was ein Carborundum-Künstler damit kann, was ein Radierer nicht kann: vollflächige Farbverläufe ohne sichtbaren Strich, samtige Tiefen ohne ein einziges Liniendetail.
Technisch gehören beide zum Oberbegriff Tiefdruck. Bei beiden sitzt die Druckfarbe in Vertiefungen der Platte. Aber die Vertiefungen entstehen auf fundamental verschiedene Weise. Und das Ergebnis sieht auch entsprechend anders aus: Eine klassische Radierung zeigt filigrane Liniengefüge, Carborundum zeigt weiche, unscharf wirkende Farbflächen, die man eher mit Malerei als mit Druckgrafik assoziiert. Für einen vertiefenden Vergleich zwischen ätzbasiertem Tiefdruck und anderen Varianten: Druckgrafik im Überblick.
Der historische Vorläufer in Sachen malerische Tiefe ohne Linien ist das Mezzotinto. Beim Mezzotinto wird die Platte mit einem Wiegeisen vollflächig aufgeraut, dann werden helle Bereiche durch Glätten zurückgewonnen. Carborundum kehrt diesen Ansatz um: Die Körnung wird gezielt aufgetragen, nicht vollflächig angelegt. Das Ergebnis hat eine ähnliche samtartige Qualität, entsteht aber durch additive Schichtung statt durch subtraktive Bearbeitung.
Collagrafie in der Praxis: Was klebt und was druckt?
Carborundum ist der bekannteste Vertreter, aber die Collagrafie beschränkt sich nicht auf ein Material. Druckplatten entstehen aus Gewebefragmenten, Sandpapier, Folien, Strukturlacken, Maschinenteilen, Schnüren. Jedes Material, das an einem Träger haftet und Farbe halten oder abstoßen kann, ist druckbar.
Die technische Logik: Erhabene Bereiche der Platte nehmen Farbe auf der Oberfläche auf und drucken beim direkten Kontakt mit dem Papier (wie Hochdruck). Vertiefte Bereiche halten Farbe in Rillen und Poren, die das Papier unter Pressdruck heraussaugt (wie Tiefdruck). Eine Collagrafie-Platte kann beide Mechanismen gleichzeitig nutzen, wenn man sie entsprechend einfarbt. Das gibt der Technik eine Bandbreite, die einzelne klassische Drucktechniken nicht erreichen.
Was dabei keine Rolle spielt: Säure, Lösungsmittel, Ätzbäder. Eine Collagrafie-Platte entsteht ohne toxische Stoffe. Das hat dazu beigetragen, dass die Technik in Druckwerkstätten an Schulen und Hochschulen Verbreitung gefunden hat, also dort, wo kein Säurelager und kein Abzug zur Verfügung stehen.
Was die Technik dennoch begrenzt: Die Auflagenhöhe. Aufgeklebte Materialien lösen sich. Carborundum-Körnung wird abgetragen. Papieraufbauten quellen bei Feuchtigkeit. Collagrafie-Platten sind fragiler als geätzte Metallplatten. Kleine Auflagen von 10 bis 30 Exemplaren sind die Norm, nicht die Ausnahme.
Wie sieht ein Carborundum-Druck aus?
Schwarz wirkt nicht schwarz, sondern samtig. Aus der Nähe kann man unter gutem Licht die einzelnen Punkte der Körnung erkennen. Das ist das sichtbare Zeichen der Technik: keine Linie, kein Strich, nur die akkumulierte Dichte von Körnern, die gemeinsam Farbe halten.
FAQ
Was ist ein Carborundum-Druck?
Beim Carborundum-Druck wird Siliziumkarbidpulver mit Bindemittel auf einen Plattenträger aufgetragen. Die aufgeraute Oberfläche hält Druckfarbe wie eine Tiefdruckplatte. Beim Druckvorgang presst sich das Papier in die Körnung und saugt die Farbe heraus. Das Ergebnis sind weiche, malerische Farbflächen ohne die charakteristischen Linien einer Radierung oder Aquatinta. Keine Säure, keine Gravur, keine Nadel.
Was ist der Unterschied zwischen Collagrafie und Carborundum?
Collagrafie ist das Prinzip, Carborundum ist ein Material. Eine Collagrafie-Platte kann aus Sandpapier, Stoff, Schnüren oder Acrylstruktur bestehen; Carborundum bezeichnet den Spezialfall, bei dem ausschließlich Siliziumkarbidpulver eingesetzt wird. Wer Collagrafie lernt, kann mit jedem Haushaltsmaterial experimentieren. Wer den charakteristischen samtigen Tiefton will, der Mirós Drucke auszeichnet, braucht Carborundum.
Wer hat die Carborundum-Drucktechnik erfunden?
Henri Goetz, ein amerikanischer Maler in Paris, entwickelte die Technik in den 1960er Jahren in den Druckwerkstätten der Imprimerie ARTE bei Maeght. Ab 1960 übernahm sein Künstlerfreund Max Papart das Verfahren. 1968 veröffentlichte Goetz das Standardwerk "La gravure au carborundum" mit einem Vorwort von Joan Miró. Die Galerie-Werkstatt ARTE Adrien Maeght nennt die Technik bis heute eine Hausentwicklung aus ihren Werkstätten.
Warum sind Carborundum-Drucke in kleineren Auflagen?
Bei jedem Wischvorgang vor dem Druck geht etwas Körnung verloren. Die aufgetragene Carborundum-Schicht nutzt sich ab, und anders als eine geätzte Metallplatte lässt sie sich nicht auffrischen. Mirós Carborundum-Drucke entstanden in Auflagen von 75 Exemplaren. Zeitgenössische Collagrafie-Platten halten je nach Aufbau 10 bis 30 Drucke in gleichbleibender Qualität.
Ist Collagrafie schwer zu erlernen?
Von allen Intaglio-verwandten Techniken gilt Collagrafie als die zugänglichste. Die Platte entsteht ohne Säure, ohne Lösungsmittel, mit Alltagsmaterialien. Eine Druckpresse liefert bessere Ergebnisse, ist aber keine zwingende Voraussetzung. Das erklärt die Verbreitung in Schul- und Hochschulwerkstätten. Anspruchsvoll wird die Technik durch die Kontrolle von Körnung, Schichtdicke und Einfärbung, nicht durch den Umgang mit gefährlichen Chemikalien.
Quellen und weiterführende Literatur
- Phillips, Joan Miró: New Methods of Printmaking (Auktionskatalog-Essay)
- Imprimerie ARTE / Maeght, Werkstattgeschichte und Technikübersicht
- Henri Goetz, La gravure au carborundum (1968, Galerie Maeght)
- Kunstdrucke-Textildruck, Ein Leitfaden zur Collagraphie
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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