Surrealismus

Surrealismus ist eine Kunstbewegung, die 1924 in Paris begann und Traum, Zufall und das Unbewusste ins Zentrum rückte. Statt die sichtbare Welt abzubilden, suchten die Surrealisten nach Bildern, die der bewussten Kontrolle entkommen. Ihre wichtigsten Methoden: automatisches Zeichnen, Frottage und Collage.

10. August 1925. Max Ernst starrt auf einen Holzboden, die Maserung tief ausgewaschen. Er legt ein Blatt Papier auf das Holz und reibt mit dem Bleistift darüber. Was erscheint, hat er nicht gezeichnet. Die Maserung zeichnet mit, formt Gesichter, Landschaften, Tiere, die niemand geplant hat.

Ernst nannte das Ergebnis Frottage. Aus den Abreibungen entstand ein Jahr später Histoire Naturelle: 34 Blätter, die aussehen wie Naturtafeln aus einem Paralleluniversum. Vogelwesen, Muschelwälder, Himmel aus Holzfasern. Der Boden hatte mitgezeichnet. Nicht der Künstler entscheidet allein, was auf dem Blatt erscheint. Das Material hat eine Stimme. Dass das Material mitentscheidet, ist zugleich das Grundgesetz jeder Druckgrafik. Bei Studio Sonsu, einer Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover, ist es das tägliche Arbeitsprinzip der vertretenen Künstler.

Was ist Surrealismus?

André Breton veröffentlichte 1924 das erste Surrealistische Manifest und definierte Surrealismus als "reinen psychischen Automatismus": Denken ohne Vernunftkontrolle, jenseits ästhetischer oder moralischer Absicht. Ziel war nicht das schöne Bild, sondern der Zugang zu Bildern, die bereits im Unbewussten existieren. Breton kam selbst aus dem Dada-Umfeld; was die neue Bewegung von der älteren trennte und was sie übernahm, klärt Surrealismus vs. Dadaismus.

Odilon Redon, Yeux Clos (Eyes Closed), Lithografie, 1890. Geschlossene Augen, traumhaftes Porträt, ein Vorläufer surrealistischer Bildsprache. Metropolitan Museum of Art, gemeinfrei.
Odilon Redon, Yeux Clos, 1890. Lithografie. Metropolitan Museum of Art, gemeinfrei

"Surrealismus, Substantiv, maskulinum. Reiner psychischer Automatismus, durch den man, mündlich oder schriftlich oder auf jede andere Weise, den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht. Diktat des Denkens ohne jede Kontrolle durch die Vernunft, jenseits jeder ästhetischen oder moralischen Eingenommenheit." – André Breton, Manifeste du surréalisme, Paris 1924 (Übertragung aus dem Französischen)

Der Name kam von Guillaume Apollinaire, der das Wort "surréalisme" 1917 prägte und sein Theaterstück Les Mamelles de Tirésias im selben Jahr als "drame surréaliste" bezeichnete. Breton übernahm den Begriff und machte ihn zum Programm. Seine Quelle war Sigmund Freud: freie Assoziation, Traumanalyse, der Zugang zum Unbewussten. Breton hatte im Krieg als Mediziner mit Freuds Methoden gearbeitet. Was Freud auf der Couch suchte, suchten die Surrealisten auf dem Papier.

Die Gruppe formierte sich in Paris um die Zeitschrift La Révolution surréaliste (1924–1929). Zum Kern gehörten Max Ernst, André Masson, Yves Tanguy, René Magritte und Joan Miró. Marc Chagall wollte sich keiner Schule zuordnen lassen; seine Traumbilder gelten trotzdem als prägender Einfluss auf den Surrealismus. Salvador Dalí stieß 1929 dazu und wurde bald zu einem der führenden Vertreter der Bewegung.

Breton verstand Surrealismus nicht als Stil, sondern als Haltung. Der Surrealismus in der Kunst sollte den Blick auf das richten, was unter der Oberfläche liegt: Träume, verdrängte Wünsche, die Logik des Absurden. Die Gruppe war zerstritten, dogmatisch, spaltungsfreudig. Breton schloss Mitglieder aus, die seinen Kurs nicht teilten. Gegen Dalí betrieb er 1934 ein Ausschlussverfahren, 1939 verkündete er dessen Ausschluss aus der Gruppe. Trotzdem bestand die Pariser Gruppe bis 1969.

Welche Merkmale hat surrealistische Kunst?

Surrealismus-Merkmale sind kein einheitlicher Stil, sondern ein Repertoire an Methoden und visuellen Strategien. Die Bandbreite reicht von Dalís hyperrealistisch gemalten Traumszenen bis zu Massons gestischen Tuschezeichnungen. Was die Surrealisten verbindet, ist nicht die Oberfläche, sondern die Methode.

Automatisches Zeichnen. Die Hand bewegt sich über das Papier, ohne dass der Verstand die Richtung vorgibt. André Masson, der sich 1924 der Gruppe um Breton anschloss, war einer ihrer eifrigsten Praktiker: automatische Zeichnungen in Feder und Tusche, bis Formen erschienen, die er nicht geplant hatte. Das Ergebnis war kein Zufall im Sinne von Beliebigkeit, sondern ein Zugang zu Bildwelten, die der bewusste Verstand blockiert. Zeitgenössische Street Art nimmt den impulsiven, ungefilterten Strich auf und setzt ihn in den öffentlichen Raum um.

Frottage und Grattage. Ernst übertrug das Prinzip der Frottage 1927 in die Malerei: Er legte Leinwand auf strukturierte Oberflächen und kratzte Farbe darüber (Grattage). Die Texturen bestimmten das Bild mit. Dasselbe Prinzip funktioniert in der Druckgrafik: Eine Platte hat Widerstand, das Material formt das Bild. Was diese Blätter als Originaldrucke kennzeichnet und nicht als spätere Reproduktion, klärt der Beitrag zum kategorialen Unterschied.

Dalí malte Traumbilder und Doppeldeutigkeiten mit der Präzision eines Fotografen: Uhren, die schmelzen, Elefanten auf Spinnenbeinen, Schubladen in menschlichen Körpern. Magritte stellte Alltagsgegenstände in Kontexte, die sie fremd machen: ein Schuh, der in einen Fuß übergeht, ein heller Tageshimmel über einer nächtlich dunklen Straße. Diese Verschiebungen funktionieren, weil die Einzelteile realistisch sind. Erst die Kombination erzeugt das Unbehagen.

Collage und Assemblage. Ernst schnitt Illustrationen aus viktorianischen Enzyklopädien und Romanen aus und setzte sie zu neuen Szenen zusammen. Seine Collageromane (La Femme 100 Têtes, 1929; Une Semaine de Bonté, 1934) erzählen Geschichten in Bildern, die aus Bruchstücken bestehen. Jedes Element ist erkennbar, das Ganze ist es nicht. Dieselbe Technik führt William Kentridge heute in Zeichentrick-artigen Drucken weiter, wenn er Kohle-Zeichnungen photografisch überlagert.

Warum haben Surrealisten gedruckt?

Dalí vor einer Kupferplatte, die Radiernadel in der Hand. Er arbeitet spiegelverkehrt. Was auf der Platte links ist, erscheint im Druck rechts. Was schwarz sein soll, bleibt blank. Das Ergebnis sieht er erst nach dem Abdruck, wenn das Papier von der Platte gezogen wird. Man weiß nicht, wie es herauskommt. Was schwarz ist, ist weiß. Was links ist, ist rechts.

Odilon Redon, Haunting, Lithografie, 1893-94. Schemenhaftes Gesicht schwebt über einer dunklen Landschaft. Metropolitan Museum of Art, gemeinfrei.
Odilon Redon, Haunting, 1893–94. Lithografie. Metropolitan Museum of Art, gemeinfrei

Odilon Redons Haunting (1893–94) nahm diese Haltung vorweg: eine Lithografie, in der eine Gestalt aus reinem Schwarz auftaucht, ohne erklärbaren Anlass.

Diese Ungewissheit passte zur surrealistischen Methode. Ein Maler kontrolliert jede Schicht. Ein Drucker gibt Kontrolle ab. Die Säure ätzt anders als geplant, die Presse drückt ungleichmäßig, das Papier saugt die Farbe eigenwillig auf. Radierung, Aquatinta und Lithografie boten Bedingungen, die zur surrealistischen Methode passten: nicht trotz des Kontrollverlusts arbeiten, sondern wegen ihm.

Der englische Drucker Stanley William Hayter gründete 1927 in Paris das Atelier 17, eine experimentelle Werkstatt für Druckgrafik. Hayter selbst war in den 1930er Jahren mit dem Surrealismus verbunden. Ernst, Miró und Tanguy arbeiteten dort; Dalí und Masson kamen später im New Yorker Atelier 17 hinzu. Die Hand führt die Nadel über die Kupferplatte, ohne vorgezeichnete Linien. Was entsteht, entsteht.

Welche Surrealismus-Künstler haben druckgrafisch gearbeitet?

Drei Namen stehen exemplarisch für surrealistische Kunst in der Druckgrafik. Jeder nutzte andere Techniken und kam zu anderen Ergebnissen.

Salvador Dalí illustrierte die Chants de Maldoror von Lautréamont, erschienen 1934 bei Skira in Paris: eine Folge von Druckgrafiken, die zu seinen bekanntesten Arbeiten für das Buch gehört. Die Motive wandern zwischen anatomischen Fragmenten, schmelzenden Landschaften und Figuren, die sich auflösen. Später entstanden die Farbkaltnadelradierungen zu Tristan und Isolde (1970). Seine Göttliche Komödie ist dagegen keine Radierung: Dalí illustrierte Dantes Text ab 1951 mit Aquarellen, die Buchausgaben erschienen später.

Joan Miró druckte über Jahrzehnte; 1933 illustrierte er Georges Hugnets Enfances mit drei Radierungen. Er arbeitete mit Aquatinta, Radierung, Lithografie und spät auch mit Carborundum, einem Verfahren, bei dem Schleifkörner mit einem Bindemittel auf die Platte aufgetragen werden und die Farbe halten. Bei der Lithografie arbeitete Miró mit den Druckern von Mourlot in Paris. Seine Druckgrafik ist spielerischer als seine Malerei: freiere Linien, gröbere Texturen, unberechenbare Farbverläufe. Das Druckverfahren war für ihn ein Ort, an dem Bilder sich von der Kontrolle lösen. In seinen späten Carborundum-Drucken verschwinden die Figuren fast vollständig in abstrakten Farbflächen.

Max Ernst kam über einen Umweg zur Druckgrafik. Seine Collageromane (La Femme 100 Têtes, 1929; Une Semaine de Bonté, 1934) bestehen aus zusammengesetzten Illustrationen viktorianischer Enzyklopädien und Romane, die als Druckvorlagen funktionierten: jedes Element erkennbar, das Ganze nicht. Das Verfahren gab seinen Bildern einen zweiten Autor: das Material.

Wo steckt der Surrealismus heute?

"I have always had an overactive imagination, and I dream a lot." – Georgia Green, Druckgrafikerin

Georgia Green druckt Tiger, die auf Sofas sitzen und durch Fenster auf Dartmoor blicken. Richard Studer graviert Dinosaurier als gekrönte Monarchen in Buchsbaumholz, so fein, dass man eine Lupe braucht. Richenda Court baut in ihren Linolschnitten und Radierungen Szenen, die wie Kindheitsträume wirken: halb erinnert, halb erfunden. Court beschreibt ihre Arbeit selbst so: Sie greife auf unterbewusste Gedanken zurück und erschaffe parallele Welten durch die Augen der Unschuld. Alle drei arbeiten mit Drucktechniken, die dem Zufall Raum lassen: Siebdruck, Holzstich, Linolschnitt. Die Platte entscheidet mit.

Wenn eine Kupferplatte zum ersten Mal durch die Presse läuft, weiß niemand genau, was herauskommt. Das war 1930 so, und es ist bei zeitgenössischer Druckgrafik nicht anders.

FAQ

Wann endete der Surrealismus?

Als organisierte Bewegung löste sich der Surrealismus in den 1960er Jahren auf. André Breton starb 1966, und mit ihm verschwand die Figur, die die Gruppe zusammengehalten hatte. Aber die Methoden überlebten die Gruppe: automatisches Arbeiten, Zufall als Gestaltungsprinzip, das Unbewusste als Bildquelle. In der zeitgenössischen Druckgrafik steckt diese Haltung bis heute.

Was unterscheidet Surrealismus von Dadaismus?

Dada entstand 1916 in Zürich als Protest gegen den Ersten Weltkrieg und gegen die Kunst selbst. Dada wollte zerstören, Surrealismus wollte aufbauen. Breton formulierte ein Programm, Methoden, Ziele. Dada hatte bewusst keines. Personell gab es Überschneidungen: Max Ernst und Hans Arp waren in beiden Bewegungen aktiv. Der Unterschied liegt im Ziel. Dada sagte: Kunst ist sinnlos. Surrealismus sagte: Kunst kann etwas finden, das die Vernunft nicht sieht. Der Vergleich von Surrealismus und Symbolismus zeigt, dass auch der Symbolismus eine tiefere Wirklichkeit suchte, dabei aber auf bewusste Konstruktion setzte statt auf Kontrollverlust.

Welche Künstler gehören zum Surrealismus?

Zur ersten Generation zählen Salvador Dalí, René Magritte, Joan Miró, Max Ernst, André Masson und Yves Tanguy. Eine zweite Welle brachte Künstlerinnen wie Meret Oppenheim, Dorothea Tanning, Leonora Carrington und Remedios Varo, die den Surrealismus um weibliche Perspektiven erweiterten. Viele Surrealisten arbeiteten neben der Malerei intensiv druckgrafisch, besonders in Radierung, Aquatinta und Lithografie.

Gibt es heute noch surrealistische Kunst?

Als Bewegung mit Manifest nicht mehr. Als Haltung überall. Wenn zeitgenössische Druckkünstler Zufallstechniken einsetzen oder das Material mitentscheiden lassen, stehen sie in einer Linie, die bei Breton und Hayter begann. Institutionell lebt der Surrealismus in Ausstellungen und Sammlungen weiter: Das Centre Pompidou, die Tate Modern und das MoMA sammeln und zeigen surrealistische Kunst.

Was ist automatisches Schreiben und Zeichnen?

Automatisches Schreiben und Zeichnen ist eine Methode, bei der die Hand sich ohne bewusste Steuerung bewegt. Ziel ist, Bilder und Texte zu erzeugen, die aus dem Unbewussten kommen, ohne vom Verstand kontrolliert zu werden. André Masson und André Breton praktizierten es ab 1924. Die Methode war direkt von Sigmund Freuds freier Assoziation inspiriert.

Zuletzt aktualisiert am 18.09.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.

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Kontakt: hello@studiosonsu.de

Quellen und weiterführende Literatur

  • Encyclopaedia Britannica: Surrealism – Bretons Manifest 1924, Apollinaires Prägung des Begriffs, automatisches Zeichnen. https://www.britannica.com/art/Surrealism
  • Tate: Surrealism – Überblick über Methoden, Künstler und Bedeutung des Unbewussten. https://www.tate.org.uk/art/art-terms/s/surrealism
  • Tate: Frottage – Ernsts Entdeckung am abgescheuerten Holzboden. https://www.tate.org.uk/art/art-terms/f/frottage
  • Centre Pompidou: Surrealismus-Ausstellung 2024/25 zum hundertsten Jahrestag des Manifests. https://www.centrepompidou.fr/en/program/calendar/event/gGUudFS
  • André Breton, Manifeste du surréalisme, Éditions du Sagittaire, Paris 1924 – Gründungstext der Bewegung.
  • The Metropolitan Museum of Art: Odilon Redon, Eyes Closed (1890) und Haunting (1893–94), Lithografien. https://www.metmuseum.org/art/collection/search/356778 und https://www.metmuseum.org/art/collection/search/340028
  • Wikipedia: Artikel "Surrealismus" (de), "Surrealism" (en), "Max Ernst" (de), "Frottage" (de), "Grattage" (en), "Salvador Dalí" (en, de), "Joan Miró" (en, de), "Atelier 17" (en), "Stanley William Hayter" (en), "André Masson" (en), "André Breton" (en), "Les mamelles de Tirésias" (en), "La Révolution surréaliste" (en), "Une semaine de bonté" (en), "Marc Chagall" (en), "Carborundum printmaking" (en), "Dada" (en).