Max Beckmann

Max Beckmann schuf zwischen 1914 und 1946 insgesamt 373 Druckgrafiken: ausschließlich schwarzweiß, in drei Techniken, verteilt auf fünf Mappen. Das druckgrafische Werk entstand in zwei klar getrennten Phasen, mit einer Pause von fast 22 Jahren dazwischen. Bekannt ist er vor allem als Maler. Dieses Nebenwerk ist das am wenigsten erklärte Kapitel seines Schaffens.

  1. Juli 1937. In München öffnet die Ausstellung „Entartete Kunst". Beckmann ist bereits zwei Tage vorher aus Deutschland geflohen. Was er zurückgelassen hat: Hunderte seiner Werke in deutschen Museen, darunter Druckgrafiken. Je nach Quelle wurden zwischen 190 und über 500 seiner Werke als „entartet" konfisziert. Er hat nie mehr so viele Blätter in einem Jahrzehnt geschaffen wie in den zehn Jahren davor.

Das Druckwerk setzt 1914 ein und bricht 1924 ab. Dazwischen liegt eine Gesellschaft, die gerade zerfällt, und vier Mappen, die davon Zeugnis ablegen. Der zweite Anlauf kommt 1946 in New York, aus dem Exil und auf Bestellung.

Max Beckmanns Druckgrafik zeigt, warum er heute nicht einfach als Expressionist geführt werden kann. Er hat diese Schublade aktiv abgelehnt. Trotzdem zitiert ihn fast jeder Artikel über den deutschen Expressionismus und die Neue Sachlichkeit.

Max Beckmann, Selbstbildnis aus Die Hölle, 1919. Transfer-Lithografie, Frontalportrait.
Max Beckmann, Selbstbildnis (aus Die Hölle), 1919. Transfer-Lithografie. Public Domain.

Wie begann Beckmanns druckgrafische Arbeit?

Erster Weltkrieg, Sanitätsdienst, Nervenzusammenbruch. Das ist der konkrete Kontext: Beckmann brach 1915 zusammen und wurde aus dem Dienst entlassen. Was folgte, war kein verarbeitetes Kriegswerk im klassischen Sinn, sondern ein beobachtungsgetriebenes Schaffen, das den Betrachter nicht schont.

Die Kaltnadel passte dazu. Bei einer Kaltnadelradierung ritzt der Künstler direkt in die Kupferplatte, ohne die Umwegchemie der klassischen Radierung. Die Nadel kratzt über das Kupfer wie ein Nagel über Metall, und der Span kräuselt sich neben der Rille. Der aufgeworfene Grat nimmt die Farbe auf und erzeugt eine samtige, zerfaserte Linie. Diese Kanten flachen nach 10 bis 15 Abzügen ab, frühe Exemplare sehen spürbar anders aus als späte. Das passte zu Beckmanns Interesse an Direktheit: kein gepflegter Strich, kein Abstand zur Aussage.

Die Mappe „Gesichter" (1919) zeigt 19 Kaltnadeln. 40 Abzüge wurden vor der Stahlveredelung auf Japan-Papier gedruckt, 60 weitere danach auf geripptem Papier. Gedruckt hat Franz Hanfstaengl in München. Die Stahlveredelung erklärt den Preisunterschied, der heute auf dem Markt sichtbar ist: Blätter vor dieser Behandlung gehören zur Deluxe-Ausgabe. Wer eine Max Beckmann Radierung aus der Gesichter-Mappe bewertet, muss wissen, ob er ein frühes oder spätes Exemplar in der Hand hält.

Bei den Portraits in „Gesichter" geht es nicht um Ähnlichkeit im klassischen Sinne. Die Köpfe sind zusammengedrückt, die Augen auf eine Art präsent, die unangenehm ist. Keine Heroisierung, keine Distanz. Das ist der Ton, der sich durch die gesamte erste Phase zieht.

Max Beckmann, Selbstbildnis mit steifem Hut, 1921. Kaltnadel, harte Linienführung.
Max Beckmann, Selbstbildnis mit steifem Hut, 1921. Kaltnadel. Public Domain.

Was erzählen Beckmanns fünf Mappen?

Zwischen 1919 und 1922 erschienen vier Mappen in kurzer Folge: „Die Hölle", „Gesichter", „Jahrmarkt" und „Berliner Reise". Die fünfte, „Day and Dream", kam 1946 nach über 20 Jahren Pause. In jeder Mappe wechselt die Technik, und der Wechsel ist nie zufällig.

Die Hölle (1919) umfasst 10 Transfer-Lithografien plus Titelblatt, Auflage 75, Verlag I.B. Neumann, Berlin. Die Transfer-Lithografie erlaubt malerischere Flächen und weichere Übergänge als die harte Einzellinie der Kaltnadel. Für Nachkriegs-Berlin in der Dichte, die „Die Hölle" zeigt, war das keine ästhetische Vorliebe, sondern eine Frage des Bildraums.

Neumann kaufte die Kreidezeichnungen spontan nach einem einzigen Besuch im Atelier. Er erinnerte sich später, nie Kunst von solcher Giftigkeit und Bitterkeit gesehen zu haben. Gedruckt wurde die Mappe bei C. Naumann's Druckerei in Frankfurt am Main.

Die Berliner Reise (1922) teilt diese Produktionsgeschichte: Lithografie als Technik, Neumann als Verleger, C. Naumann in Frankfurt als Drucker, alles wie bei der Hölle. Zehn Blätter plus Cover, Auflage ca. 100. Beide Neumann-Mappen hängen durch dieselbe Druckerei zusammen, ein Detail, das Auktionskataloge selten erwähnen.

Jahrmarkt (1921): Kaltnadel, 10 Blätter, Originalauflage 125 auf Bütten und 75 auf Japan. 1966 veröffentlichte Peter Beckmann posthum eine zweite Ausgabe: 80 auf Bütten und 30 auf Japan. Diese Blätter tragen den Nachlassstempel „Max Beckmann Nachlass P.B." verso. Der Unterschied ist am Rücken sichtbar, bevor man den Preis sieht.

Warum schwieg Beckmann 22 Jahre lang?

Die erste Phase endet 1924 so abrupt, wie sie begonnen hatte. Beckmann hatte gerade seine stärksten Mappen veröffentlicht. Dann hört er auf.

Die naheliegendste Erklärung ist eine pragmatische: Malerei war vermutlich profitabler. Beckmann hatte sich als Maler etabliert, der Markt für seine Gemälde existierte. Druckgrafik-Mappen bedeuteten Aufwand, Verleger, geteilten Erlös. Wer Beckmanns Biografie auf „künstlerische Entwicklung" verkürzt, verpasst den pragmatischen Anteil dieser Entscheidung.

Es kommt noch etwas dazu. Beckmann sah sich selbst in erster Linie als Maler. In seinen Tagebüchern und Briefen kehrt diese Selbstverortung immer wieder zurück. Die frühen Mappen entstanden in einem spezifischen historischen Moment: Nachkriegszeit, Inflationsjahre, Gesellschaft im Umbruch. Als dieser Kontext durch die stabileren Zwanziger ersetzt wurde, fehlte der Druck, der das Medium für ihn produktiv gemacht hatte. Malerei ließ sich außerdem leichter kontrollieren. Bei einer Kaltnadel teilt man die Produktion mit Drucker, Verleger, Papier. Ein Gemälde bleibt in der eigenen Hand.

Den zweiten Anlauf initiierte Curt Valentin, New Yorker Galerist und Beckmanns wichtigster Händler im Exil. Beckmann schrieb Valentin im März 1946: „Ideen liegen massenhaft vor. Man könnte eine Mappe mit biblischen oder mythologischen Motiven…" Die Anfrage kam vom Markt, nicht aus dem Atelier. Valentin kannte seinen US-Käufer und wusste, dass eine druckgrafische Mappe von Beckmann in New York verkäuflich sein würde. Die Max Beckmann Lithografie, die daraus entstand, ist durch diese Produktionslogik geprägt: konzentriert, auf Absatz ausgelegt, inhaltlich verdichtet.

Die Mappe hieß zunächst „Time-Motion". Den endgültigen Titel „Day and Dream" setzte Valentin durch. Ob Beckmann damit einverstanden war oder sich fügte, ist nicht überliefert.

Day and Dream (1946) umfasst 15 Lithografien, Auflage ca. 110, erschienen bei Curt Valentin in New York. Die Bilder kreisen um Mythos, Traum und Verarbeitung des Exils. Wieder Lithografie, nicht Kaltnadel. Für Bilder, die zwischen Traum und Mythos pendeln, braucht man das flächige Potenzial der Litho, nicht die scharfe Einzellinie des direkten Ritzens.

22 Jahre Pause, ein Brief, ein Galerist. Das ist die Geschichte hinter der letzten Mappe.

Max Beckmann, Der Hunger aus Die Hölle, 1919. Transfer-Lithografie, geduckte Figuren.
Max Beckmann, Der Hunger (aus Die Hölle), 1919. Transfer-Lithografie. Public Domain.

Woran erkennt man eine echte Beckmann-Grafik?

Wer Beckmann-Blätter einordnen will, kommt an einem Buch nicht vorbei: James Hofmaiers Catalogue Raisonné, 2 Bände, erschienen 1990 bei Gallery Kornfeld in Bern. Das Verzeichnis erfasst alle Max Beckmann Werke als Druckgrafik vollständig. Band 1 umfasst H.1–179, Band 2 H.180–373, zusammen 894 Seiten mit 373 Tafeln.

Das „H." vor jeder Werknummer steht für Hofmaier. So werden Max Beckmann Druckgrafiken im Markt zitiert. Auktionskataloge und Händlerlisten führen die H.-Nummer als Primärreferenz. Damit lässt sich die Provenienz eines Blattes eindeutig bestimmen, und vor allem: Es lässt sich die Auflage nachschlagen. Bei Jahrmarkt-Blättern zum Beispiel trennt der H.-Eintrag Original von Nachlass-Ausgabe.

Zum Gesamtumfang: 373 Drucke, ausschließlich schwarzweiß. Die erste Phase 1914–1924 umfasst 156 Radierungen und Kaltnadeln, 72 Lithografien und 16 Holzschnitte. Die Holzschnitte sind das kleinste Konvolut und werden in der Literatur selten gesondert behandelt, obwohl sie formal zu den kompromisslosesten Blättern gehören. Kein Farbdruck, kein Experiment mit anderen Trägern. Bei einem Künstler, der gleichzeitig farbenreich in der Malerei arbeitete, ist diese Konsequenz in der Grafik keine Selbstverständlichkeit.

Das Sprengel Museum Hannover hat einen eigenen Bestandskatalog zu Beckmanns Druckgrafik herausgegeben, erschienen 1999. Das ist kein Repräsentationsband, sondern ein Arbeitsinstrument: konzipiert für die Sammlung, mit konkreten Bestandsangaben. Wer in Hannover wohnt und sich ernsthaft mit Beckmanns Druckgrafik beschäftigen will, geht dorthin. Die Sammlung ist physisch zugänglich, der Katalog ist ein eigenständiger Zugang zu ihr.

Beide Haupttechniken, Kaltnadel und Lithografie, bilden bei Beckmann unterschiedliche Darstellungsräume. Die malerische Qualität der Transfer-Lithos in der Hölle-Mappe entsteht durch das Verfahren, nicht trotz ihm. Die zerfaserte Linie in den Kaltnadeln von „Gesichter" ist kein Stilmerkmal, sie ist das physische Ergebnis des direkten Ritzens. Mehr dazu auf den Seiten zur Kaltnadelradierung und zur Lithografie.

Käthe Kollwitz hat ihr druckgrafisches Werk über fünf Jahrzehnte erstreckt (275 Blätter, ca. 1890–1943), Beckmann konzentrierte es auf zehn Jahre. Kollwitz wechselte die Technik über Jahrzehnte hinweg je nach Motiv. Beckmann fand seine zwei Haupttechniken früh und blieb dabei. Ein direkter Vergleich zeigt, wie unterschiedlich zwei Künstler derselben Generation auf dieselben historischen Ereignisse reagiert haben.

Zu seiner eigenen Einordnung: Die Expressionismus-Schublade hat Beckmann zu Lebzeiten nicht losgelassen, obwohl er sie ablehnte. Auktionskataloge führen ihn bis heute regelmäßig im Kontext des deutschen Expressionismus, weil Käufer diesen Begriff kennen und danach suchen. Das sagt mehr über die Marktlogik des Kunsthandels aus als über sein Werk.

Auf dem Sekundärmarkt tauchen Beckmann-Blätter gelegentlich als „Kunstdruck" auf. Ein Originaldruck ist ein Abzug von der Originalplatte mit Signatur und Editionsnummer. Ein Kunstdruck ist eine fotografische Reproduktion. Was das konkret bedeutet, erklärt die Seite zum Thema Original versus Kunstdruck.

Häufige Fragen zu Max Beckmann

Wann wurde Max Beckmann geboren und gestorben?

Max Beckmann wurde am 12. Februar 1884 in Leipzig geboren und starb am 27. Dezember 1950 in New York City. Seit dem 1. Januar 2021 sind seine Werke gemeinfrei, die 70-jährige Schutzfrist nach dem Tod ist abgelaufen.

Wie viele Max Beckmann Werke als Druckgrafik gibt es?

Das druckgrafische Werk umfasst 373 Blätter, alle schwarzweiß, verzeichnet im Catalogue Raisonné von James Hofmaier (Gallery Kornfeld, Bern, 1990). Der überwiegende Teil entstand zwischen 1914 und 1924. Die letzte Mappe „Day and Dream" folgte 1946 in New York. Für jeden dieser 373 Drucke gibt es eine H.-Nummer nach Hofmaier; sie ist heute das wichtigste Instrument, um Originalauflagen von posthumen Ausgaben und Reproduktionen zu unterscheiden.

Was bedeutete „Entartete Kunst" für Beckmanns Werk?

Die Ausstellung „Entartete Kunst" eröffnete am 19. Juli 1937 in München. Beckmann hatte Deutschland zwei Tage zuvor verlassen. 190 seiner Werke wurden offiziell als „entartet" konfisziert, darunter Druckgrafiken aus deutschen Museen. Sein druckgrafisches Werk war damit faktisch aus dem deutschen Kunstkanon verschwunden. Ein Teil der konfiszierten Werke aus deutschen Museen wurde 1939 über eine internationale Auktion in Luzern abgestoßen; was mit den Beckmann-Blättern im Einzelnen geschah, ist nicht für alle Positionen lückenlos belegt.

Was ist der Unterschied zwischen Beckmanns fünf Mappen?

Die Mappen unterscheiden sich in Technik und historischem Kontext. „Die Hölle" (1919) und „Berliner Reise" (1922) sind Lithografien, „Gesichter" (1919) und „Jahrmarkt" (1921) sind Kaltnadeln. „Day and Dream" (1946) kehrt zur Lithografie zurück. Die Technikwahl folgt dem Inhalt: Kaltnadel für unmittelbare, schroffe Linienführung, Lithografie für dichtere, flächigere Darstellungen.

Was sind die Nachlass-Ausgaben von „Jahrmarkt" 1966?

1966 veröffentlichte Peter Beckmann posthum eine neue Ausgabe der „Jahrmarkt"-Mappe: 80 Exemplare auf Bütten, 30 auf Japan. Diese Blätter tragen rückseitig den Stempel „Max Beckmann Nachlass P.B." und sind keine Originalauflagen der frühen 1920er Jahre. Wer Blätter dieser Mappe kauft oder bewertet, sollte den Unterschied kennen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • James Hofmaier, Max Beckmann: Catalogue Raisonné of His Prints (Gallery Kornfeld, Bern, 1990)
  • Städel Museum Frankfurt, Die Hölle (Digitale Sammlung)
  • Sprengel Museum Hannover, Bestandskatalog Max Beckmann Druckgraphik (1999)
  • Kehrer Verlag, Max Beckmann Druckgraphik 1914-1924

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft. Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de

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