Max Beckmann
Max Beckmann (1884–1950) malte zwischen 1932 und 1950 neun Triptychen und über achtzig Selbstporträts. 244 Drucke in den Jahren 1914–1924, dann zweiundzwanzig Jahre Pause, dann eine letzte Mappe in Amsterdam.
Am Morgen des 24. Dezember 1950 notierte Beckmann in seinem Tagebuch: "Am Morgen noch endgültig?! Argonauten fertig gemacht." Drei Tage später brach er auf dem Weg durch den Central Park zusammen, an der Ecke 69th Street und Central Park West, und starb. Das Triptychon Argonauten befindet sich heute in der National Gallery of Art in Washington. Es war das neunte vollendete Triptychon zwischen 1932 und 1950. Das zehnte Werk, Ballettprobe oder Amazonen, blieb unvollendet.
Das erste dieser Triptychen, Abfahrt, hatte Beckmann 1932 in Frankfurt begonnen, mitten in der politischen Erschütterung der Weimarer Spätphase. 1935 vollendete er es in Berlin. Heute hängt es im Museum of Modern Art in New York: drei Tafeln, Außenflügel je 215,3 × 99,7 cm, Mittelfeld 215,3 × 115,2 cm.
Wer ist der Mann auf den achtzig Selbstporträts?
Über sein ganzes Leben malte Beckmann rund achtzig Selbstporträts. Mal als Clown, mal als Domino, als Herr im Smoking, als Matrose, als Akrobat. Das Detroit Institute of Arts schreibt, das sei "more than any artist since Rembrandt".
Er behandelte das eigene Gesicht als das verlässlichste Beobachtungsobjekt. Nicht weil er sich für ungewöhnlich schön hielt, sondern weil er immer Zugang dazu hatte. Aus diesen achtzig Bildern blickt ein Mann zurück, der sich selbst beim Älterwerden zugeschaut hat, Jahrzehnt für Jahrzehnt.
Frankfurt war sein Zentrum bis 1933. Ab 1925 lehrte er als Professor an der Städelschule. Im April 1933 entließ ihn das NS-Regime. Er blieb trotzdem in Deutschland, malte weiter, arbeitete. Dann, am 17. Juli 1937, verließ er Deutschland endgültig, ohne zu wissen, was zwei Tage später in München eröffnen würde. Die Ausstellung "Entartete Kunst" öffnete am 19. Juli. Zwölf seiner Gemälde hingen dort, dazu zwölf grafische Arbeiten. Die Zahl seiner in deutschen Museen konfiszierten Werke lässt sich nicht genau sagen: eine Quelle spricht von 190, darunter 23 Gemälde, eine andere zählt über 500. Beide stammen aus seriösen Institutionen. Die Konfiszierungen verliefen so ungeordnet, dass nicht einmal die Dokumentation des Unrechts konsistent ist.
Was passierte im Sommer 1919 in Berlin?
Das MoMA kennt Beckmann als Maler der Triptychen. Die zwölf grafischen Arbeiten, die 1937 in München in "Entartete Kunst" hingen, waren kein Nebenwerk. Beckmanns politisch bedeutsamste Antwort von 1919 hat er nie auf Leinwand gemalt, er zeichnete sie in Kreide auf Transferpapier.
Der Hunger, ein Blatt der Mappe Die Hölle, zeigt eine Familie am leeren Tisch.
Im Januar 1919 wurde Rosa Luxemburg in Berlin ermordet. Im Juni desselben Jahres legte Beckmann dem Berliner Verleger und Galeristen Israel Ber Neumann die Kreidezeichnungen für eine Mappe vor. Neumann kaufte die Serie spontan. Er beschrieb die Blätter später als Kunst von beispiellosem Gift und Bitterkeit.
Die fertige Mappe heißt Die Hölle. Sie besteht aus zehn Lithografien auf Transferpapier plus einem Titelblatt. Aufgelegt in 75 Exemplaren, verlegt von Neumann in Berlin, gedruckt von C. Naumann in Frankfurt. Eines der zehn Blätter heißt Das Martyrium. Es zeigt den Mord an Rosa Luxemburg im Januar 1919. Das Blatt existiert nur in dieser Mappe. Kein Pendant-Gemälde. Beckmanns direkteste politische Aussage über das Berlin dieser Monate ist ausschließlich durch das Druckmedium überliefert.
Dabei gibt die Lithografie etwas her, was die Leinwand 1919 nicht geben konnte: Tempo. Kleinauflage. Weitergabe von Hand zu Hand. Ein Gemälde hängt, eine Mappe zirkuliert.
Das Städel in Frankfurt führt die vollständige Mappe im Bestand.
Das Selbstbildnis, das die Mappe eröffnet, zeigt ihn mit verschränkten Armen, abweisend.
Eine zweite Mappe lag bereits im Atelier. Diesmal nicht in Kreide, sondern in Kupfer geritzt.
Was steckt hinter den neunzehn Köpfen aus München?
Parallel zur Arbeit an Die Hölle hatte Beckmann zwischen 1915 und 1918 Blätter auf Kupferplatten gearbeitet, die er nicht veröffentlicht hatte. Julius Meier-Graefe, einer der einflussreichsten deutschen Kunstkritiker der Zeit, wählte neunzehn dieser unveröffentlichten Stücke aus und schlug den Titel vor: Gesichter.
Bei der Kaltnadelradierung sitzt die Linie sofort, irreversibel, ohne Umweg über Stein. Der Drucker Franz Hanfstaengl in München fertigte die Mappe in einer Standardauflage von 60 Exemplaren auf geripptem Papier und 40 Deluxe-Exemplaren auf Japanpapier, gedruckt vor der Stahlveredelung der Platten. Verlegt wurde Gesichter 1919 von der Marées-Gesellschaft und R. Piper & Co.
Warum Kaltnadel, nachdem Lithografie für Die Hölle gerade gut funktioniert hatte? Die Antwort liegt im Material selbst. Die Kreidezeichnung auf Stein erzeugt Breite, Tonwerte, atmosphärische Qualität. Die Kaltnadel auf Kupfer erzeugt Schärfe. Ein Gesicht in Kaltnadel hat eine andere Spannung als ein Gesicht in Kreide. Beckmann wechselte die Technik, weil er ein anderes Ergebnis brauchte.
1921 folgte die nächste Mappe: Jahrmarkt. Dieselbe Konstellation wie bei Gesichter: Kaltnadel, Hanfstaengl als Drucker, Marées und Piper als Verleger. Aufgelegt in 125 Exemplaren auf Bütten und 75 auf Japan. Was Jahrmarkt von Die Hölle unterscheidet, ist der Ton: kein politisches Dokument, sondern Beobachtung vom Rand des Schauplatzes.
Warum hörte Beckmann 1924 auf zu drucken?
1922 erschien Berliner Reise. Zehn Lithografien plus Titelblatt, verlegt von Neumann, gedruckt von C. Naumann in Frankfurt. Auflage ca. 100. Die Verleger und Drucker waren dieselben wie bei Die Hölle. Drei Jahre später wiederholte sich die Konstellation, diesmal mit Berliner Motiven.
Zwischen 1914 und 1924 entstanden, nach der Zählung von James Hofmaier im Catalogue Raisonné, 156 Radierungen und Kaltnadeln, 72 Lithografien und 16 Holzschnitte. 244 Blätter in zehn Jahren. Dann: Pause.
Was bringt einen Künstler, der in zehn Jahren 244 Blätter geschaffen hat, dazu, das Medium vollständig liegenzulassen? Keine dokumentierte Erklärung von Beckmann selbst. Vermutlich die Malerei: die Triptychen begannen 1932, aber die große Werkphase als Maler war schon vor 1924 in Gang. Die Städelschule ab 1925 band Zeit. Auftraggeber gab es für die Malerei mehr als für Druckmappen. Neumann war noch da, aber vielleicht reichte das Interesse beider Seiten nicht mehr zum Anstoß.
Was man sagen kann: Die Pause dauerte bis 1946. Das sind zweiundzwanzig Jahre. Kein Blatt, keine Mappe, kein Drucker.
Die nächste Mappe entstand zweiundzwanzig Jahre später, im besetzten Amsterdam, adressiert an einen Galeristen in New York.
Was schickte Beckmann 1946 von Amsterdam nach New York?
Nach dem 17. Juli 1937 lebte Beckmann in Amsterdam. Er war dort zehn Jahre, durch die Besatzungsjahre hindurch, bis 1947.
Schon 1921 hatte Beckmann mit dem Selbstbildnis mit steifem Hut eines der bekanntesten Druck-Selbstporträts der Moderne geschaffen.
Der New Yorker Galerist Curt Valentin hatte sich 1946 bei Beckmann gemeldet. Er bestellte, im Wesentlichen, eine Mappe. Beckmann schrieb an Valentin, er sei voll von Ideen ("teeming with ideas"). Der Arbeitstitel lautete "Time-Motion". Die fertige Mappe heißt Day and Dream. Fünfzehn Lithografien, Auflage ca. 110 Exemplare, verlegt von Valentin in New York, heute im Bestand des MoMA.
Warum Druckgrafik, nach zweiundzwanzig Jahren ohne eine einzige Mappe? Weil ein Galerist sie bestellte. Beckmanns druckgrafisches Werk fällt in zwei Phasen: eine dichte Periode 1914–1924 mit vier Mappen, dann eine lange Pause, dann eine letzte Mappe 1946 auf Anfrage aus New York.
Käthe Kollwitz arbeitete in derselben Tradition des politisch besetzten Druckmediums. Ihre Hauptzyklen Weberaufstand, Bauernkrieg, Krieg und Tod entstanden als Radierungen, Lithografien und Holzschnitte, nicht als Gemälde. Der Unterschied: bei Kollwitz war das Medium die einzige Antwort, bei Beckmann war es die zweite.
Drei Jahre nach Day and Dream war Beckmann in New York. Er hatte ein letztes Triptychon angefangen.
Wo steht Beckmann zwischen den Bewegungen?
Er war kein Expressionist. Kein Maler der Neuen Sachlichkeit. Das ist eine unbefriedigende Antwort für Lexika, aber die ehrlichste. Im Expressionismus findet man Beckmann als Beispiel, weil er zeitgleich mit Kirchner und Nolde arbeitete und das Leben in seiner Brutalität zeigte. In der Neuen Sachlichkeit ebenfalls, weil die dichte Gegenständlichkeit seiner Figuren dort hineinpasst. Weder Expressionismus noch Neue Sachlichkeit hat ihn vollständig.
Wer Werke ankauft oder anbietet, findet im Hofmaier Catalogue Raisonné die Grundlage. Im Kunsthandel identifiziert man Beckmann-Drucke über die H.-Nummer aus diesem Verzeichnis. Sie hilft, einen Originaldruck vom Kunstdruck zu unterscheiden. H.1 bezeichnet das erste verzeichnete Blatt, H.373 das letzte.
Der Catalogue Raisonné des druckgrafischen Werks wurde 1990 von James Hofmaier bei Gallery Kornfeld in Bern in zwei Bänden veröffentlicht. Er verzeichnet alle 373 Drucke, allesamt schwarzweiß.
In der Geschichte der Druckgrafik nimmt Beckmann einen spezifischen Ort ein: nicht im Zentrum einer Bewegung, sondern an den Stellen, wo ein Ereignis das Medium zwingend machte. Unter den berühmten Druckgrafikern des 20. Jahrhunderts sind viele, die das Medium durchgehend wählten. Seit dem 1. Januar 2021 ist Beckmanns Werk gemeinfrei.
Am Morgen des 24. Dezember 1950 notierte er "Argonauten fertig gemacht." Was er hinterließ: neun vollendete Triptychen und 373 Drucke, alle schwarzweiß, verteilt auf Museen in Frankfurt, New York und Washington. Die Lithografien aus Die Hölle hängen im Städel, Day and Dream im MoMA, die Argonauten in der NGA Washington.
Er war einer, der zweimal in seinem Leben zu Kreide auf Transferpapier griff, wenn das Gemälde nicht reichte. 1919 für Rosa Luxemburg, 1946 für die Träume aus dem Exil. Warum genau zweimal und nicht öfter, hat er nirgendwo erklärt.
Häufige Fragen zu Max Beckmann
Wann wurde Max Beckmann geboren und wann starb er?
Max Beckmann wurde am 12. Februar 1884 in Leipzig geboren. Er starb am 27. Dezember 1950 in New York. Sein Werk ist seit dem 1. Januar 2021 gemeinfrei, da die 70-jährige Schutzfrist nach dem Tod abgelaufen ist.
Was ist der Hofmaier Catalogue Raisonné?
Der Hofmaier Catalogue Raisonné, veröffentlicht 1990 von Gallery Kornfeld in Bern, verzeichnet in zwei Bänden das gesamte druckgrafische Werk Beckmanns: 373 Blätter, alle schwarzweiß. Im Kunsthandel identifiziert man Beckmann-Drucke über die H.-Nummern aus diesem Verzeichnis.
Wie viele Werke wurden im Rahmen von "Entartete Kunst" konfisziert?
Die Zahlen differieren erheblich. Kuenste-im-exil.de verzeichnet 190 konfiszierte Werke, darunter 23 Gemälde. Artinwords.de nennt über 500 grafische Arbeiten. Beide Quellen sind seriös. Der Widerspruch ist Teil der historischen Realität: Die Konfiszierungen verliefen ungeordnet und ohne vollständige zentrale Dokumentation.
Was sind die fünf Druckmappen, und worin unterscheiden sie sich?
Beckmann schuf in zwei Phasen insgesamt fünf Mappen. Phase 1 (1914–1924): Die Hölle (1919, 10 Lithografien plus Titelblatt), Gesichter (1919, 19 Kaltnadeln), Jahrmarkt (1921, 10 Kaltnadeln), Berliner Reise (1922, 10 Lithografien plus Titelblatt). Phase 2: Day and Dream (1946, 15 Lithografien). Die Techniken wechseln zwischen Lithografie und Kaltnadel, die Verleger (Neumann, Marées/Piper, Valentin) und Drucker (Naumann, Hanfstaengl) sind dokumentiert.
Wer war Curt Valentin?
Curt Valentin war ein aus Deutschland emigrierter Kunsthändler, der in New York eine der einflussreichsten deutschen Kunstgalerien der Emigrationszeit führte. Er verlegte 1946 Day and Dream und vertrat Beckmann in den USA.
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für Original-Druckgrafik in Hannover-Linden. Mehr zur Geschichte und Praxis des Mediums liegt unter Druckgrafik. Fragen gehen an hello@studiosonsu.de.
Quellen
- max-beckmann.org/vita
- max-beckmann.org/gemaelde/832-argonauten
- kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Personen/beckmann-max.html
- kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Sonderausstellungen/MaxBeckmann/Objekte/04NewYork/beckmann-argonauten.html
- kuenste-im-exil.de/KIE/Content/EN/Objects/beckmann-abfahrt-en.html
- sammlung.staedelmuseum.de/en/work/die-hoelle
- moma.org (WebSearch-Ergebnisse, direkte Seiten 403)
- goldmarkart.com/blogs/discover/max-beckmann-gesichter
- lacma.org/unframed/2025/05/05/new-acquisition-max-beckmann-self-portrait
- dia.org/collection/self-portrait-olive-and-brown/34272
- artinwords.de/max-beckmann-biografie/
- artinwords.de/max-beckmann/
- en.wikipedia.org/wiki/Departure_(Beckmann)
- de.wikipedia.org/wiki/Triptychon_(Max_Beckmann)
- de.wikipedia.org/wiki/K%C3%A4the_Kollwitz
- kehrerverlag.com/de/max-beckmann-druckgraphik-1914-1924-978-3-936636-48-2
- searchworks.stanford.edu/view/336601
- bonhams.com (Jahrmarkt-Eintrag, DOSSIER Z.921)
- DOSSIER Z.918-925