Max Ernst
Max Ernst war Maler, Collagist und Druckgrafiker, der drei der wichtigsten Techniken des 20. Jahrhunderts entwickelte: Frottage, Grattage und Décalcomanie. Alle drei haben dasselbe Grundprinzip: Der Zufall übernimmt einen Teil des Bildes, den der Künstler alleine nie so gemacht hätte.
Geboren am 2. April 1891 in Brühl bei Köln, gestorben am 1. April 1976 in Paris, studierte er weder Malerei noch Grafik. Sein Studiengang an der Universität Bonn umfasste Philosophie, Kunstgeschichte, Literatur, Psychologie und Psychiatrie. Kein akademisches Randdetail. Es erklärt, warum er den Bildproduktionsprozess anders anging als ein ausgebildeter Maler es getan hätte.
Max Ernst fragte nicht "Was will ich malen?", sondern "Wie bringe ich etwas auf das Bild, das ich nicht hätte entscheiden können?"
Wie entstand die Frottage?
Ein Hotelzimmer in Pornic, an der bretonischen Atlantikküste, Sommer 1925. So erzählte es Ernst selbst, über zwanzig Jahre später in "Beyond Painting." Die Maserung eines alten Holzdielenbodens fasziniert ihn so, dass er ein Blatt Papier darauflegt und mit einem Bleistift quer darüber fährt. Die Struktur des Holzes überträgt sich auf das Papier. Was dabei herauskommt, sieht aus wie ein Wald, ein Gefieder, eine Landschaft. Keines davon hat er gezeichnet.
Bei Ernst wurde es zu etwas anderem. In jenem Sommer entstanden etwa 130 solcher Blätter. Er nannte das Verfahren Frottage, vom französischen frotter, reiben. 1926 erschien bei der Galerie Jeanne Bucher in Paris der Band Histoire naturelle: 34 Frottage-Zeichnungen, reproduziert als Kollotypien auf Bichromat-Gelatine, in einer Gesamtauflage von 306 Exemplaren auf vier verschiedenen Papieren. Das Bemerkenswerte an dieser Ausgabe: Die 34 Blätter sind keine originalen Handdrucke, sondern industriell reproduzierte Kollotypien. Die Empfangs-Technik (Frottage, kein Drucker, kein Atelier, nur Bleistift und Boden) wurde zur Distributions-Technik (Kollotypie, photomechanisch) gemacht.
Frottage war für Ernst keine Stilentscheidung. Er hatte eine philosophische Begründung: Wenn der Künstler nicht vollständig entscheidet, was auf dem Blatt entsteht, kann das Bild direkter aus dem Unbewussten kommen. André Breton hatte 1924 im Surrealistischen Manifest das "Diktat des Denkens ohne Kontrolle der Vernunft" als Ziel definiert. Ernst schloss sich der Bewegung früh an und wurde zu einem ihrer wichtigsten bildenden Vertreter.
Seine eigene Formulierung aus dem Jahr 1934: "Als letzter Aberglaube [...] blieb dem westlichen Kulturkreis das Märchen vom Schöpfertum des Künstlers."
Was war Dada Köln?
Vor dem Surrealismus gab es Dada. Ernst war einer der Gründer der Kölner Dada-Gruppe, zusammen mit Jean (Hans) Arp und Johannes Baargeld. Schon 1919 hatte Ernst sein erstes druckgrafisches Portfolio veröffentlicht: Fiat modes, pereat ars, acht Lithografien auf goldenem Tonpapier, Auflage 60, erschienen im Schlomilch Verlag Köln. Der Titel übersetzt sich in etwa als "Lass die Moden gelten, und die Kunst verrecke."
Im April 1920 organisierten Ernst, Arp und Baargeld die Ausstellung Dada-Vorfrühling, die zur Legende geworden ist: Der Zugang führte durch die Herrentoilette einer Kneipe. Die Ausstellung wurde nach wenigen Tagen behördlich geschlossen.
1922 reiste Ernst illegal nach Paris und schloss sich dort dem Kreis um André Breton und Paul Éluard an. Der Anfang einer langen Freundschaft, zu der auch die gemeinsame Arbeit am Collagen-Buch Les malheurs des immortels (1922) gehörte. Der Expressionismus, den Ernst in Bonn kennengelernt hatte, als er 1911 August Macke begegnete, wurde für ihn zum Sprungbrett, nicht zum Ziel.
Was sind Grattage und Décalcomanie?
Frottage war der Anfang. In den 1930er Jahren entwickelte Ernst zwei weitere Verfahren auf demselben Grundprinzip.
Grattage funktioniert mit Ölfarbe und einer grundierten Leinwand: Mehrere Farbschichten werden aufgetragen. Dann legt Ernst texturierte Objekte unter die Leinwand: Drahtnetz, Holz, Glas, Schnur. Mit einem Spachtel kratzt er die Farbe von oben ab. Die Struktur des darunterliegenden Materials drückt sich in die Farbschicht und hinterlässt eine Form, die er nicht geplant hat. Aus den zufälligen Formationen malte er Wälder, Phantasiegebirge, vogelartige Kreaturen.
Décalcomanie kommt aus der Kinder-Technik des Abklatsches: Farbe auf eine Fläche geben, Papier daraufpressen, abziehen. Die Ergebnisse sehen aus wie geologische Querschnitte oder Meereslandschaften. Oscar Dominguez hatte das Verfahren um 1935/36 entwickelt. Ernst machte es zur systematischen Bilderfindungsmethode. In der Malerei nutzte er die Décalcomanie für Gemälde wie Europa nach dem Regen II (1940-42), wo die Abklatsch-Texturen eine postapokalyptische Landschaft formen. Für die Druckgrafik ist das Verfahren verwandt mit der Monotypie: Beide erzeugen Abdrücke, die nicht exakt wiederholt werden können. Ernst übernahm Décalcomanie-Strukturen gelegentlich als Ausgangspunkt für Lithografien und Radierungen, indem er die zufälligen Texturen auf der Druckplatte weiterbearbeitete.
In der Radierung oder der Lithografie geht es um Präzision und Vorhersagbarkeit. Ernst baute auf das, was die Kontrolle verweigert.
Wer ist Loplop?
Ab etwa 1929 taucht in Ernsts Werk eine wiederkehrende Figur auf: Loplop, "Obervogel." Vogelgestalt, menschliche Züge, Collagen-Logik. Er fungierte als Ernsts offizielles Alter Ego und Selbstporträt-Ersatz. Ernst sprach oft in der dritten Person über sich, mit Loplop als Mittler.
Der biografische Hintergrund ist dokumentiert, wenn auch nicht abschließend zu klären: Ein Kindheits-Haustier, ein Vogel, soll am Tag der Geburt seiner Schwester gestorben sein. Ernst war kein zuverlässiger Chronist seiner eigenen Biografie. Er konstruierte Legenden über sich genauso bewusst wie Bilder.
In einer Selbstbeschreibung aus der Zeitschrift View, 1942, schrieb er: "On the first of August 1914 M.E. died. He was resurrected on the eleventh of November 1918." Der Weltkrieg als persönlicher Tod und Auferstehung. Ernst war eingezogen worden, hatte gekämpft und war danach ein anderer. Das war keine Metapher für ein Debüt.
Was geschah mit Ernsts Werk im Nationalsozialismus?
1937 zählten die Nationalsozialisten Ernst zu den Vertretern der "Entarteten Kunst." Sein Gemälde La Belle Jardinière (Die schöne Gärtnerin) wurde in die Propagandaausstellung aufgenommen und ist seitdem verschollen. 1941 floh er in die USA, mit Hilfe von Peggy Guggenheim, die er 1942 heiratete.
In New York arbeitete er im Atelier 17 mit, dem experimentellen Druckgrafik-Atelier von Stanley William Hayter. Hayter hatte Atelier 17 1927 in Paris gegründet und es 1940 nach New York verlegt, als die deutschen Truppen Frankreich einnahmen. Dort arbeiteten während des Krieges zahlreiche europäische Exilkünstler, darunter Miró, Masson und Tanguy. Für Ernst, der bis dahin kaum klassische Tiefdrucktechniken eingesetzt hatte, war das eine späte Begegnung mit den handwerklichen Seiten der Druckgrafik.
1947 erschien das Brunidor Portfolio Nr. 1: Ernsts Radierung Les Correspondances dangereuses, 70 Exemplare, auf Vélin Arches, 29,85 × 47,94 cm, gedruckt im Atelier 17.
1954 gewann er den Grand Prix für Malerei auf der Biennale di Venezia. Breton schloss ihn daraufhin aus der surrealistischen Gruppe aus. Ein Streit über Prestige und Reinheitsregeln einer Bewegung, den Ernst überlebte.
Wann entstand Ernsts druckgrafisches Hauptwerk?
Nicht in den 1920er oder 1930er Jahren, sondern danach. Der überwiegende Teil seiner Druckgrafiken entstand in den letzten 25 Jahren seines Lebens, als er in Paris mit einer kleinen Zahl von Meisterdruckern zusammenarbeitete. Das Spektrum umfasste Lithografien, Radierungen, Kupferstiche und Siebdrucke.
1975 erschien das Werkverzeichnis der Druckgrafik von Werner Spies und Helmut R. Leppien: 288 Seiten, 656 Abbildungen, 1.500 Exemplare. Den ersten 79 nummerierten Exemplaren lag eine Original-Lithografie bei, handsigniert von Ernst. Wer einen signierten Ernst-Druck prüfen will, gleicht gegen dieses Verzeichnis ab.
Ernst starb am 1. April 1976 in Paris. Die letzte signierte Lithografie stammt laut den verfügbaren Quellen aus dem März 1976. Er war 84 Jahre alt und hatte mehr als sechs Jahrzehnte Werk hinter sich.
Wer zwischen Original und Kunstdruck unterscheiden will, achtet auf Plattenrand, Signatur und Auflagennummer.
Wo steht Max Ernsts Werk heute?
Das Max-Ernst-Museum in Brühl, seiner Geburtsstadt, ist das einzige Museum weltweit, das ausschließlich seinem Werk gewidmet ist. Die Sammlung umfasst alle Schaffensperioden, von den frühen Kölner Dada-Arbeiten bis zum grafischen Spätwerk.
Ernsts Druckgrafiken und Gemälde befinden sich in fast allen großen Museen, vom MoMA in New York über das Centre Pompidou bis zur Tate Modern. Das Urheberrecht an seinem Werk läuft nach europäischem Recht bis 2046 (70 Jahre nach Tod). Reproduktionen erfordern eine Lizenz.
Die Frottage-Technik selbst ist kein urheberrechtlich geschütztes Verfahren. Sie wird heute in der druckgrafischen Praxis, in der Kunstvermittlung und als eigenständiges Gestaltungsverfahren eingesetzt. Technisch verwandt ist das Vernis-mou-Verfahren in der Radierung: Dort wird ein weicher Ätzgrund verwendet, in den sich Texturen eindrücken lassen, die dann geätzt werden. Das Ergebnis ist in Auflage druckbar, die Frottage nicht.
Wer die Arbeiten in der Sammlung eines Museums verfolgen will, findet den vollständigsten Überblick im Werkverzeichnis von Spies/Leppien.
Häufige Fragen zu Max Ernst
Was ist Frottage in der Kunst?
Die Frottage-Technik in der Kunst: Ein Blatt Papier wird auf eine texturierte Oberfläche gelegt und mit Bleistift oder Kreide darübergerieben. Die Struktur des Untergrunds überträgt sich und erzeugt Formen, die der Künstler nicht geplant hat. Ernst nutzte Holzmaserungen, Gitter, Pflanzen und andere Materialien. Die Technik sollte das Unbewusste aktivieren: Wenn der Zufall den Bildaufbau mitbestimmt, entstehen Formen, die reine Absicht nicht erzeugt hätte.
Was ist der Unterschied zwischen Frottage und Grattage?
Frottage arbeitet auf Papier mit Reibung über texturierten Oberflächen. Grattage funktioniert auf Leinwand mit Ölfarbe: Mehrere Farbschichten werden aufgetragen. Dann werden texturierte Objekte unter die Leinwand gelegt, und die Farbe wird mit einem Spachtel von oben abgekratzt. Die Struktur des Untergrunds drückt sich in die Farboberfläche. Beide Verfahren zielen darauf ab, Formen entstehen zu lassen, die nicht vollständig vorher geplant wurden. Ernst verwendete Grattage vor allem für Waldszenen und seine Loplop-Figuren.
Was bedeutet Loplop bei Max Ernst?
Loplop ist Ernsts vogelartiges Alter Ego, das er ab etwa 1929 in seine Werke einführte. Die Figur erscheint in Gemälden, Collagen und Grafiken und agiert als Selbstporträt-Stellvertreter. Ernst, der kein klassisches Porträt von sich machen wollte, sprach über sich oft in der dritten Person, mit Loplop als Mittler. Der Vogel taucht auch im Titel von Werkgruppen auf und steht eng mit Ernsts kindheitlicher Fixierung auf Vögel in Verbindung.
Was hat Max Ernst mit dem Surrealismus zu tun?
Ernst gehörte zu den Gründungsfiguren des Surrealismus und wurde früh zu einem seiner wichtigsten bildenden Vertreter. Seine Techniken Frottage, Grattage und Décalcomanie entstanden als praktische Umsetzung des surrealistischen Ziels, das Unbewusste direkt ins Bild zu bringen. Für Sammler ist außerdem relevant: Der Großteil seiner Druckgrafiken, der Bereich, in dem Max Ernst Surrealismus und Handwerk am dichtesten verband, entstand nach seinem 60. Lebensjahr in enger Zusammenarbeit mit Pariser Meisterdruckern. 1954 gewann er den Grand Prix der Biennale di Venezia, woraufhin Breton ihn aus der surrealistischen Gruppe ausschloss.
Wo ist das Max-Ernst-Museum?
Das Max-Ernst-Museum befindet sich in Brühl bei Köln, der Geburtsstadt des Künstlers. Es ist das einzige Museum weltweit, das ausschließlich dem Werk von Max Ernst gewidmet ist, und zeigt Arbeiten aus allen Schaffensperioden, von den frühen Kölner Dada-Jahren bis zu den späten Druckgrafiken.
Quellen und weiterführende Literatur
- Galerie Jeanne Bucher Jaeger, Paris. Ausstellungsdokumentation Histoire naturelle (1926)
- Getty Research Institute, Fischer (Ernst O.E.) Collection of Max Ernst Prints. Finding Aid (1997)
- Werner Spies, Helmut R. Leppien, Max Ernst. Oeuvre-Katalog: Das Graphische Werk. Menil Foundation Houston / DuMont Schauberg Köln (1975)
- University of Michigan Museum of Art (UMMA), Brunidor Portfolio No. 1. Sammlungsdokumentation
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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