Max Ernst
Max Ernst war ein deutscher Künstler, Mitbegründer des Dada und einer der einflussreichsten Vertreter des Surrealismus (geboren am 2. April 1891 in Brühl, gestorben am 1. April 1976 in Paris). Er entwickelte Frottage, Grattage und Décalcomanie, Verfahren mit demselben Ansatz: das Bild entsteht nicht durch Planung, sondern durch einen Eingriff ins Unvorhersehbare. Studiert hat er Philosophie, Kunstgeschichte und Psychiatrie in Bonn. Kein Kunststudium.
Wer ließ eine Ausstellung durch die Herrentoilette betreten?
Im April 1920 mieten Ernst und Johannes Baargeld den Hinterhof des Brauhaus Winter in Köln für eine Ausstellung. Der Zugang führt durch die Herrentoilette. Eine Frau in einem Kommunionskleid liest laut anstößige Gedichte. Draußen wartet die Polizei, die die Ausstellung wegen Obszönität schließt. Dann wird sie wieder geöffnet. Das war nicht die schlechteste Ausstellungsarchitektur, die ein Künstler je gewählt hatte.
Ernst ist damals 28 Jahre alt. Kein ausgebildeter Maler, sondern jemand, den die Universität Bonn formte. Seine erste Ausstellungsbeteiligung kam 1913 durch August Macke zustande, bei der Ausstellung Rheinischer Expressionisten in Bonn. Den damals florierenden Expressionismus ließ er bald hinter sich. Zusammen mit Arp und Baargeld gründete er nach dem Ersten Weltkrieg die Kölner Dada-Gruppe. Als Brückenfigur verkörpert Ernst genau den Übergang, den der Vergleich Surrealismus vs. Dadaismus nachzeichnet.
Diese Provokation aus der Herrentoilette wirft eine Frage auf: Woher kam dieser Impuls zur inszenierten, auf Wirkung berechneten Geste? Ein Jahr zuvor hatte Ernst in derselben Stadt seine erste Antwort bereits gedruckt.
Warum druckt ein Künstler ein Manifest und vernichtet es?
1919 erscheint bei Schlomilch in Köln eine Mappe mit acht Lithografien auf goldenem Tonpapier. Auflage sechzig Exemplare. Der Titel: Fiat modes, pereat ars. Übersetzt: "Lass die Moden gelten, und die Kunst verrecke." Werkverzeichnis-Nummer 7 bei Spies und Leppien.
Ernst vernichtete einen Großteil der Auflage. Ein Portfolio als Anti-Kunst-Manifest zu drucken und es dann zum größten Teil selbst aus der Welt zu schaffen war Dada in konzentrierter Form. Dada funktionierte ohnehin über Mappen, Manifeste, gedruckte Flugblätter, das gedruckte und vervielfältigte Blatt war von Anfang an Ernsts Medium.
1922 zieht Ernst illegal nach Paris und schließt sich dem Kreis um André Breton und Paul Éluard an. Er trägt die Kölner Unberechenbarkeit mit. Was er in Paris erfindet, sieht aus wie das Gegenteil davon: ruhige Geste, stilles Papier, fast keine sichtbare Handschrift des Künstlers. Und es wird seine berühmteste Erfindung.
Was zeigt die Histoire Naturelle wirklich?
1926 erscheint bei der Galerie Jeanne Bucher in Paris ein Mappenwerk unter dem Titel Histoire naturelle. Vierunddreißig Bilder von Wäldern, Muscheln, Vogelskeletten, Meeresgewächsen. Wer die Blätter sieht, schaut auf Zeichnungen. Jedenfalls glaubt er das.
Die Histoire naturelle umfasst vierunddreißig Frottagen und Kratzungen von Max Ernst, fotomechanisch als Kollotypien reproduziert, in einer nummerierten Auflage von 306 Exemplaren auf vier verschiedenen Papieren. Zwanzig auf Japon impérial, dreißig auf Arches, zweihundertfünfzig auf gewöhnlichem Vélin. Dazu sechs hors commerce. Die Erstausstellung fand im Laden von Pierre Chareau in Paris statt, einem der Orte, wo die Pariser Avantgarde zirkulierte, zwischen dem 24. April und dem 15. Mai 1926.
Dreihundertsechs Exemplare. Wer in einem Museum vor einem dieser Blätter steht und glaubt, eine Frottage-Zeichnung zu sehen, schaut auf einen Druck.
Wie entstanden die Frottagen? Ernst beschreibt es selbst in Beyond Painting (1948): Die Zeichnungen "verloren nach und nach den Charakter des Holzes und nahmen den Anschein unglaublich klarer Bilder an" ("The drawings thus obtained steadily lost the character...of the wood, and assumed the aspect of unbelievably clear images"). Das Reibeverfahren überträgt die Textur einer Oberfläche auf das Papier, eine Frottage-Technik, die das Bild abreibt statt es frei zu zeichnen. Genau diese abgeriebenen Blätter ließ Ernst als fotomechanische Kollotypie-Edition vervielfältigen. Max Ernst und der Surrealismus verbinden sich genau an diesem Punkt: Was Breton in seinem Surrealistischen Manifest von 1924 als "Diktat des Denkens ohne jede Kontrolle durch die Vernunft" forderte, goss Ernst in eine nummerierte Edition.
Transfer, Edition, Verbreitung: das war Ernsts Methode von Anfang an. Eine Kollotypie ist eine fotomechanische Reproduktion, eine handgezogene Frottage ein Unikat. Wo genau die Grenze zwischen Original und Kunstdruck verläuft, entscheidet über Wert und Echtheit.
Neben dem Editionswerk entstand in den Pariser Jahren eine wiederkehrende Figur: Ein vogelartiges Alter Ego namens Loplop, halb Vogel, halb Selbstporträt-Ersatz, bevölkert ab 1929 Ernsts Collagenromane (zuerst La Femme 100 Têtes). Durch Loplop sprach Ernst von sich in der dritten Person, ein Mittler zwischen Künstler und Bild. Die Figur kehrt in mehreren Collagenromanen der frühen 1930er wieder (zuletzt prominent in Une Semaine de Bonté, 1934).
Was machte der Krieg aus dem Maler?
München, 1937. Die Nationalsozialisten zeigen in der Propagandaausstellung "Entartete Kunst" Gemälde, die sie beschlagnahmt haben. Darunter Ernsts La Belle Jardinière (1923). Das Gemälde ist seitdem verschollen, nicht verbrannt, nicht verkauft, einfach weg.
Ernst war zwischen 1914 und 1918 als Soldat eingezogen worden und kämpfte sowohl an der West- als auch an der Ostfront. 1939 und 1940 wurde er in Frankreich mehrfach als feindlicher Ausländer interniert und verhaftet, zuletzt durch die Gestapo. 1941 flieht er in die USA, mit Hilfe von Varian Fry und Peggy Guggenheim. Der verfolgte Maler landete im Exil in einer Druckwerkstatt, dem Atelier 17, wo der Zufall zum systematischen Verfahren wurde.
Was geschah im Atelier 17?
Stanley William Hayter hatte das Atelier 17, eine experimentelle Druckgrafik-Werkstatt, 1927 in Paris gegründet und bis 1940 nach New York verlegt. Dort arbeiteten während des Kriegs zahlreiche europäische Künstler, darunter Joan Miró.
Charles Darwent beschreibt in seiner Geschichte des Atelier 17, wie Ernst versehentlich eine Zinkplatte in ein Salpetersäurebad fallen ließ, das eigentlich für Kupferplatten bestimmt war. Die Platte rauchte, orangefarben in Wolken ("clouds of livid orange smoke"), und hinterließ einen Umbra-Effekt um Ernsts Markierungen. Dieser Unfall wurde zum Standard-Verfahren des Ateliers. Unvorhergesehene Einwirkung, das Ergebnis sieht man erst nachher. Dieselbe Logik wie Frottage, nur diesmal auf Metall, mit Säure statt Bleistift.
1947 erscheint das Brunidor Portfolio Nr. 1 bei Brunidor Editions New York. Im Bestandskatalog des University of Michigan Museum of Art läuft Ernsts Blatt als Nummer 57 von 70. "Les Correspondances dangereuses", Auflage siebzig, auf Vélin Arches, 29,85 × 47,94 cm. Platte zwei von sieben: sieben Surrealisten in einer Mappe, neben Ernst auch Hayter, Wifredo Lam, Matta, Miró, Seligmann und Tanguy.
Die Radierung war für Ernst keine Rückkehr zu einem bekannten Handwerk. Es war eine weitere Variante derselben Entscheidung, die er bei Frottage und bei Fiat modes schon getroffen hatte: das Unvorhersehbare in eine nummerierte Auflage gießen.
Warum entstand das meiste erst nach dem sechzigsten Geburtstag?
Das Getty Research Institute hält die Fischer Collection, 164 Druckblätter von Max Ernst aus den Jahren 1912 bis 1974. Das Finding Aid von 1997 hält fest: Der überwiegende Teil von Ernsts Drucken stammt aus den letzten fünfundzwanzig Jahren seines Lebens, entstanden in Zusammenarbeit mit einer kleinen Zahl von Pariser Meisterdruckern. Zeitlich fällt das mit der Rückkehr nach Europa zusammen: Nach den US-Exiljahren arbeitete Ernst wieder im Umfeld der Pariser Druckateliers (Visat, Desjobert), wo das dichte grafische Spätwerk entstand.
Der Drucker Desjobert in Paris druckte 1955 eine Farb-Lithografie für Ernst. Das Blatt heißt Hibou (Eule), erschien beim Verleger Guilde de la Gravure, Genf und Paris, Auflage zweihundertzwanzig. Spies/Leppien Werkverzeichnis-Nummer 67. Ernst war zu diesem Zeitpunkt 64 Jahre alt.
Hommage à Rimbaud (1961) ist eine Farb-Radierung mit Aquatinta, gedruckt von Georges Visat in Paris. Das Werk zeigt, wie Ernsts grafisches Spätwerk im Dialog mit Literatur entstand: Rimbaud als Referenzpunkt, Visat als der Drucker, dem Ernst die technische Ausführung überließ. Die Auflage umfasst 97 Exemplare auf Rives-Papier und sieben auf Japan-Papier. Visat wurde zum prägenden Drucker für Ernsts grafisches Spätwerk.
1964 erscheint bei Iliazd (dem Dichter und Buchgestalter Ilia Zdanevitch) ein Mappenwerk: Maximiliana ou l'exercice illégal de l'astronomie. Vierunddreißig Radierungen und Aquatinten, Auflage 75 Exemplare auf Japon ancien, Drucker Georges Visat, Paris.
Mit Manus Presse in Stuttgart entsteht in denselben Jahren ein Carroll-Zyklus. Carrolls Texten widmete Ernst gleich zwei eigenständige Mappenwerke, ungewöhnlich viel für einen einzelnen Autor. The Hunting of the Snark (Spies/Leppien 124) erschien 1968 bei Manus Presse Stuttgart: zweiundzwanzig Originallithografien, zwölf davon in Farbe, Auflage einhundertdreißig Exemplare auf Vélin d'Arches. 1970 folgt Lewis Carroll's Wunderhorn (Spies/Leppien 135): 36 Lithografien, gedruckt bei Pierre Chave in Vence und Manus Press in Stuttgart, in einer Vorzugsausgabe von 69 nummerierten und signierten Exemplaren auf Japan-Papier. Zwei Druckerlinien, ein Werk: Visat für Radierungen und Aquatinten, Chave für Lithografien.
Wo findet man Max Ernst heute?
Das vom Landschaftsverband Rheinland getragene Max-Ernst-Museum in Brühl, seiner Geburtsstadt, ist allein seinem Werk gewidmet. Alle Schaffensperioden sind dort vertreten, vom frühen Kölner Dada bis zum grafischen Spätwerk.
Ernsts Werk hängt in fast allen großen Sammlungen. Das MoMA in New York (darunter der komplette Brunidor-Portfolio-Bestand), das Centre Pompidou und die Tate Modern halten Max-Ernst-Werke in größerer Tiefe.
Für Sammler ist das Werkverzeichnis von Werner Spies und Helmut R. Leppien der Referenzpunkt. Es erschien 1975, ein Jahr vor Ernsts Tod, in einer Auflage von eintausend fünfhundert Exemplaren, zweihundertachtundachtzig Seiten, sechshundert sechsundfünfzig Abbildungen. Die ersten neunundsiebzig Exemplare tragen die Bleistiftsignatur des Künstlers; jedem liegt eine Original-Lithografie bei. Wer einen signierten Ernst-Druck prüfen will, gleicht gegen Spies/Leppien ab.
Das europäische Urheberrecht schützt Ernsts Werk bis Ende 2046, siebzig Jahre nach seinem Tod am 1. April 1976. Reproduktionen erfordern eine Lizenz, originale Druckblätter aus seinen Lebzeiten sind davon nicht betroffen. Was die Druckgrafik als Gattung unterscheidet, wo Original aufhört und Reproduktion beginnt, ist eine Frage der Entstehungszeit, der Auflage und der Signatur.
Köln, April 1920. Ein Mann lässt eine Ausstellung durch die Herrentoilette betreten. Fünfzig Jahre später sitzt er still neben einem Pariser Meisterdrucker, zählt Blätter und schreibt Bleistiftzahlen auf Papier. "1 von 69." "34 von 97." Das sind zwei Enden desselben Werks.
Häufige Fragen zu Max Ernst
Wo steht das Max-Ernst-Museum?
Das Max-Ernst-Museum befindet sich in Brühl, der Geburtsstadt des Künstlers, rund 15 Kilometer südlich von Köln. Das Museum ist allein dem Werk von Max Ernst gewidmet. Die Sammlung reicht von den frühen Kölner Dada-Arbeiten bis zum grafischen Spätwerk der 1960er und 1970er Jahre.
Was war die Geschichte mit der Herrentoilette?
Im April 1920 mieteten Max Ernst und Johannes Baargeld in Köln den Hinterhof des Brauhaus Winter für eine Dada-Ausstellung. Der Zugang führte durch die Herrentoilette des Lokals. Besucherinnen und Besucher passierten Urinale, während eine Frau im Kommunionskleid laut Gedichte vorlas. Die Polizei schloss die Ausstellung wegen Obszönität, sie wurde danach wieder geöffnet. Die Veranstaltung wurde als "Dada-Vorfrühling" bekannt.
Wie erkenne ich einen echten Ernst-Druck?
Das Standardwerk ist das Werkverzeichnis von Werner Spies und Helmut R. Leppien, erschienen 1975 in einer Auflage von 1.500 Exemplaren. Es enthält 288 Seiten mit 656 Abbildungen und dokumentiert Ernsts gesamtes Druckwerk mit Auflagenhöhe, Papiersorte, Drucker und Verlag. Signierte Blätter tragen in der Regel eine Bleistiftnummer (Auflage/Gesamtauflage) und die Signatur des Künstlers. Die ersten 79 Exemplare des Werkverzeichnisses selbst sind handsigniert und enthalten eine Original-Lithografie.
War Max Ernst wirklich kein Künstler von Berufs wegen?
Ja. Ernst studierte an der Universität Bonn Philosophie, Kunstgeschichte und Psychiatrie, kein Kunststudium. Er lehrte sich das Drucken und Malen selbst. Das ist keine biographische Fußnote; es erklärt, warum er die Bildproduktionsprozesse anders befragte als ausgebildete Maler: nicht "Was will ich darstellen?", sondern "Wie entsteht etwas auf dem Bild, das ich nicht hätte planen können?"
Warum hängt die Histoire Naturelle in Museen, ist aber kein Originalblatt?
Die 34 Blätter der Histoire naturelle (1926) sind Kollotypien, photomechanische Reproduktionen nach Ernsts Frottagen. Wer ein einzelnes Blatt im Museum sieht, schaut auf einen nummerierten Druck aus der Auflage von 306 Exemplaren, nicht auf die handgezogene Frottage selbst. Wie man eine Kollotypie von einem Originalblatt unterscheidet, und was das für den Sammlerwert bedeutet, ist auf der Seite zu Original und Kunstdruck ausführlicher erklärt.
Quellen und weiterführende Literatur
- Werner Spies, Helmut R. Leppien: Max Ernst. Œuvre-Katalog. Das graphische Werk (Werkverzeichnis, 1975)
- Max Ernst: Beyond Painting and Other Writings by the Artist and His Friends (New York, 1948)
- Getty Research Institute: Fischer Collection of Max Ernst Prints, Finding Aid (1997)
- Museum of Modern Art, New York: Sammlung Max Ernst, Druckgrafik
- Galerie Jeanne Bucher Jaeger, Paris: Archiv zur Histoire Naturelle (1926)
Studio Sonsu ist eine Galerie für originale Druckgrafik in Hannover-Linden. Alle Werke im Sortiment sind handsignierte Originale lebender Künstlerinnen und Künstler. Wer Fragen zur Druckgrafik hat, schreibt an hello@studiosonsu.de.