Richard Studer
Richard Studer ist Opernregisseur und als Künstler heute vor allem für seinen Holzstich bekannt, eine Form der Druckgrafik. Seit November 2023 arbeitet er fast ausschließlich in dieser Technik: hyperdetaillierte Tierdarstellungen auf Buchsbaum-Hirnholz, gedruckt auf einer Albion-Presse, vermutlich aus den 1860er-Jahren. Auflagen von 75 Exemplaren. Motive zwischen Naturgeschichte und schwarzem Humor.
In einer Sirupbüchse stecken Stichel.
Nicht in einem Pinselbecher, nicht in einem Werkzeugkoffer. In einer Lyle's Golden Syrup-Dose, britisch-golden, mit dem historischen Logo. Daneben liegt ein Buchsbaum-Block, kaum größer als eine Spielkarte. Auf dem Block, kaum sichtbar ohne Lupe, das Profil eines Dinosauriers mit Zylinder.
Das ist das Atelier von Richard Studer, Künstler aus Presteigne, einer Kleinstadt an der walisisch-englischen Grenze. Wenn du dir das Stereotyp des Künstlers vorstellst, Leinwand, Staffelei, weites Nordfenster, dann bist du in seinem Studio. Und wenn du genauer hinschaust, landest du bei einem Mann, der über 90 Opern inszeniert hat und jetzt Dinosaurier in Buchsbaum schneidet, Schicht für Schicht, Stunde für Stunde, mit Sticheln aus einer Sirupbüchse.
Wie wurde ein Opernregisseur zum Holzstecher?
Die Antwort spannt sich über dreißig Jahre, in vier Etappen.
1993. Richard Studer bricht sein Veterinärmedizinstudium in Bristol ab und gründet mit dem Dirigenten Jonathan Lyness das Opera Project. Ein Jahr später, 1994, gibt er sein Regie-Debüt am Bristol Old Vic mit Don Giovanni. Was folgt, sind über 90 Produktionen, darunter schließlich die Stelle als Artistic Director of Mid Wales Opera.
2012. Studer beginnt parallel zur Oper mit Druckgrafik, am Sidney Nolan Trust in Presteigne. Mentoren sind Mike Clements (Printmaking) und Gini Wade, die dort von 2010 bis 2017 Lithografie unterrichtet. Acht Jahre macht er beides: Opernplanung und Kaltnadel, Collograph, Linolschnitt.
2020. Der pandemiebedingte Theaterstillstand gibt seiner Kunstpraxis Raum, die bis dahin parallel zur Hauptkarriere lief. In Presteigne eröffnet er seine eigene Galerie.
2023. Im November reißt ihm der Blinddarm. Wie seine Biografie-Seite berichtet, gibt die erzwungene Pause ihm Konzentration für das Medium das ihn schon länger interessiert: den Holzstich. Seitdem arbeitet er fast ausschließlich in dieser Technik.
Richard Studer Holzstich: Originaldrucke in Auflagen von 75 bis 100 Exemplaren.
Warum ist Präzision bei Opern und Holzstich dasselbe Problem?
Ein Opernregisseur gibt den Einsatz für achtzig Menschen. Ab dem Moment, in dem das Orchester einsetzt, läuft das Stück. Kein Eingreifen mehr. Was nicht in der Probe vorbereitet wurde, bleibt unpräzise.
Ein Holzstecher führt den Stichel über Buchsbaum-Hirnholz. Der erste Schnitt ist irreversibel. Holz wächst nicht zurück. Was weggeschnitten ist, ist weg. Was nicht in der Vorbereitung durchgedacht wurde, fehlt am Ende im Druck.
Beide Berufe leben von derselben Logik: intensive Vorbereitung, dann ein Moment, der alles bestimmt und an dem kein Fehler korrigierbar ist. Studers Wechsel vom Regie-Pult zum Gravierstichel ist aus diesem Grund keine Unterbrechung seiner Karriere, sondern eine Übersetzung. Die Anforderung an die Arbeit ist strukturell identisch.
Das erklärt auch, warum er eine Technik wählt, die unter allen Druckgrafik-Methoden die wenigsten Korrekturen erlaubt. Radierung lässt sich überdrucken. Linolschnitt lässt sich zumindest partiell anpassen. Beim Holzstich arbeitet man in ein hartes Medium, auf engstem Raum, mit Sticheln, die für Präzision über Geschwindigkeit ausgelegt sind. Die Entscheidung für genau dieses Verfahren passt zur Biografie.
Wie funktioniert der Witz in Studers Holzstichen?
"La Cage aux Folles" ist ein Holzstich von Studer: Leguane als Showgirls in einer Kabarett-Bühnen-Situation, mit der anatomischen Sorgfalt eines naturwissenschaftlichen Illustrators. Jede Schuppenlage sitzt. Die Körperhaltungen sind aus dem Tierreich beobachtet, nicht aus dem Kostümfilm. Und trotzdem ist die Szene absurd.
Der Humor entsteht nicht aus einer losen Zeichnung. Er entsteht aus dem Kontrast: eine Technik mit Wurzeln in der viktorianischen Buchillustration, die für präzise zoologische Darstellungen entwickelt wurde, trifft auf ein vollkommen unernstes Sujet. Je sorgfältiger das Tier ausgearbeitet ist, desto komischer wird die Szene. Die Genauigkeit des Naturalismus ist der Verstärker des Humors.
Bei "La Cage aux Folles" sieht man das am deutlichsten: Die Bühne ist ernst genommen, die Beleuchtung stimmt, die Körperhaltungen der Leguane folgen einer inneren Choreografie. Erst wenn man merkt, dass es Leguane sind, kippt das Bild. Studers Humor braucht diese Verzögerung. Wer sofort lacht, hat zu schnell hingeschaut.
Warum Tiere, nicht Menschen?
Studers bisherige Editionen zeigen fast ausschließlich Tiere. Keine satirischen Menschenporträts, keine politischen Allegorien auf Personen. Ein T-Rex als Monarch, Leguane als Showgirls, ein Stier in Rosenranken, bedrohte Arten als Alphabet.
Die Fabeltradition hat Tiere seit Jahrtausenden als neutrale Träger von Moral und Bedeutung eingesetzt. Bei Studer kehrt sich das um: Die Tiere tragen keine Moral. Sie tragen die Absurdität. Ein T-Rex als Monarch ist kein Kommentar zur Monarchie. Er ist einfach ein Bild, das aus seiner eigenen Logik heraus komisch ist.
"Theseus" zeigt die andere Seite: Ein Stier mit mythologischem Gewicht, Fell- und Horndetails, die aus einem zoologischen Atlas stammen könnten, gebunden in Rosenranken. Auch hier Naturalismus, aber der Humor ist zurückgehalten. Die Spannung liegt zwischen dem Tier und dem Emblem, nicht zwischen dem Tier und der Situation.
Das gibt der Arbeit eine Leichtigkeit die bei menschlichen Satire-Porträts nicht funktioniert. Wer ein Tier in Kostüm oder Würde zeigt, bewegt sich im Bereich der Fabel, des Nonsens, des viktorianischen Humors. Man kann darüber lachen, ohne Position beziehen zu müssen. Das Bild ist neutral genug für den Wohnzimmerwand-Kontext, und weil es in Buchsbaum geschnitten ist, hält es einem zweiten, dritten, zehnten Blick stand.
Jemand der dreißig Jahre lang Opern inszeniert hat, weiß wie Figuren auf einer Bühne Bedeutung tragen ohne sie auszusprechen. Bei Studer tun das die Tiere.
Was macht die Albion-Presse und das Material so besonders?
Auf dem Messingschild der Presse in Studers Studio steht: "H.W. CASLON & CO / HOPKINSON'S / No. 4257". Aus den dokumentierten Seriennummern vergleichbarer Exemplare lässt sich ableiten, dass diese Presse vermutlich aus den 1860er- bis frühen 1870er-Jahren stammt. Sie ist älter als fast jeder Mensch der je darauf gedruckt hat.
Die Presse funktioniert für Holzstich aus einem technischen Grund: Buchsbaum-Hirnholzblöcke werden auf exakt 0,918 Zoll (23,3 mm) geschliffen, dieselbe Höhe wie Buchdruckblei. Eine Albion-Presse, ursprünglich für den Druck mit beweglichen Lettern gebaut, nimmt den Block ohne Anpassung auf. Holzstich und Buchdruck waren historisch nie wirklich getrennt.
Der Buchsbaum-Block selbst ist ein Versprechen auf Zeit. Nach dem Sägen muss das Holz ca. drei Jahre trocknen, bevor es graviert werden kann. Studer kauft Holz und wartet. Wer mit dem Gravieren anfängt bevor das Holz getrocknet ist, riskiert Risse durch die gesamte Arbeit. Holzstich fordert Vorausplanung auf Vorrat.
Wo stehen Studers Holzstiche im Kontext zeitgenössischer Druckgrafik?
Die Society of Wood Engravers wurde 1920 gegründet, ging in den 1960er-Jahren in den Schlaf und wurde 1984 wiederbelebt. Im Jahr 2026 tourt die SWE 88th Annual Exhibition durch mehrere Stationen, darunter die Bankside Gallery London. Studer ist dort vertreten.
Seine Mentorin Blaze Cyan ist RE-Fellow und SWE-Mitglied, unterrichtet an der City & Guilds of London Art School. RE steht für Royal Society of Painter-Printmakers, SWE für Society of Wood Engravers: beides sind Mitgliedschaften die einer kuratierten Aufnahme bedürfen. Ihre Holzstiche sind in den Sammlungen des British Museum, des Victoria & Albert Museum und des Ashmolean Museum Oxford vertreten. Thomas Bewick, der Pionier des Holzstichs aus den 1770er-Jahren, hat Drucke in denselben Häusern. Cyan steht in einer direkten Linie zu dieser Tradition, und Studer lernt von ihr.
Die Solo-Ausstellung "Printmaker in Focus – Richard Studer" in der Hay Castle Gallery lief von Oktober 2025 bis Januar 2026: 25 Holzstiche aus der Serie "Endangered & Extinct", entstanden in fünf Monaten. Fünf Monate für 25 Stiche bedeuten im Schnitt knapp eine Woche pro Bild, bei einer Technik die pro Quadratzentimeter Stunden kostet. Das Hay Castle war dafür ein passender Rahmen: Die Ausstellung hing neben einer originalen Druckerpresse von 1853, die dauerhaft auf dem ersten Stock ausgestellt ist. Studers eigene Albion stammt vermutlich aus den 1860er-Jahren, ist also die jüngere der beiden.
Studers Editionen umfassen 75 nummerierte Exemplare, gedruckt auf einer Presse aus dem 19. Jahrhundert, von einem Künstler dessen Mentorin in denselben Museen vertreten ist, in denen Bewicks Drucke hängen. Was das gegenüber einer Reproduktion bedeutet, erklärt /pages/original-vs-kunstdruck.
FAQ
Welche Techniken verwendet Richard Studer?
Seit Ende 2023 arbeitet Studer fast ausschließlich im Holzstich, auch Wood Engraving genannt. Dabei wird in die Stirnfläche eines Buchsbaum-Blocks graviert, quer zur Faser. Die Technik erlaubt feinere Linien als der Holzschnitt und entstand im 18. Jahrhundert ursprünglich für die Buchillustration. Studer druckt auf einer Albion-Presse, vermutlich aus den 1860er-Jahren. Vorher arbeitete er auch in Kaltnadel, Collograph und Linolschnitt.
Wie hoch sind die Auflagen von Richard Studers Holzstichen?
Die meisten seiner Editionen liegen bei 75 nummerierten Exemplaren, einzelne Werke bei 100. Jedes Exemplar ist in Bleistift vom Künstler signiert und trägt eine Editionsnummer. Nach Druck der Auflage wird nicht nachgedruckt.
Wie viel kosten Originaldrucke von Richard Studer?
Richard Studer Druckgrafik ist bei Studio Sonsu ab rund 100 Euro erhältlich, die meisten Werke liegen zwischen 200 und 500 Euro. Für Werke dieser Kategorie fällt 7% Mehrwertsteuer an (Holzstich als Original-Druckgrafik). Details zur Bestellung findest du auf der jeweiligen Produktseite. Fragen? hello@studiosonsu.de.
Kann ich einen Holzstich von Richard Studer gerahmt bestellen?
Ja. Bei der Bestellung kannst du eine Rahmung direkt dazuwählen. Verfügbare Rahmenprofile sind Schwarz und Weiß, optional mit Passepartout und UV-schützender Acrylglasverglasung. Gerahmte Werke brauchen durch die Passepartout-Fertigung etwas länger: ca. 10 bis 14 Werktage.
Was unterscheidet Holzstich von Holzschnitt?
Beim Holzschnitt wird in die Längsseite des Holzes geschnitten, mit Messern und Schnitzwerkzeug. Beim Holzstich arbeitet man in das Stirnholz, quer zur Faser, mit Sticheln aus dem Kupferstich. Das härtere Material und die feineren Werkzeuge erlauben deutlich feinere Linien, dafür ist die Fläche pro Block kleiner. Die Technik ist langsamer und erlaubt weniger Korrekturen. Mehr dazu: /pages/holzstich.
Wo kann ich mehr Werke von Richard Studer sehen?
Alle verfügbaren Originaldrucke findest du in der Sammlung Richard Studer. Eine Übersicht aller Galerie-Künstler gibt es dort. Studer ist außerdem auf seiner eigenen Galerieseite studerfineart.co.uk vertreten.
Quellen und weiterführende Literatur
- Studer Fine Art, Künstlerbiografie und Werkverzeichnis
- London Festival Opera, Künstlerprofile und Karrieredokumentation
- Society of Wood Engravers, Gründungsgeschichte und Ausstellungsarchiv
- European Boxwood and Topiary Society, Mark Braimbridge: Holzstich-Blöcke (2014)
- Hay Castle Trust, Ausstellungsprogramm Printmaker in Focus
- City & Guilds of London Art School, Blaze Cyan Profil
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
Alle Werke ansehen | Fragen? hello@studiosonsu.de