David Hockney
David Hockney ist vor allem als Maler bekannt. Die Pool-Gemälde, das blaue Kalifornien, A Bigger Splash. Was wenige wissen: Er hat als Drucker angefangen, nicht als Maler. Bradford, 1954, Lithografie-Unterricht an der Kunstschule. Druckgrafik war nicht sein Nebenprojekt. Sie war sein erster Instinkt.
Bradford, 1954. Ein Schüler der Bradford School of Art zeichnet auf einen Lithografiestein. Das Ergebnis heißt "Fish & Chip Shop." Nicht malend. Druckend. (Wikipedia verzeichnet die Lithografie als eine seiner frühesten.)
David Hockney hat nie aufgehört, so zu denken. Was in diesem Moment beginnt, trägt er sein Leben lang mit sich: die Praxis, dass ein Bild nicht gemalt werden muss, um zu existieren. Genau diese Haltung, Druck als erster Instinkt statt als Nebenprodukt, verbindet ihn mit den Grafikern, die Studio Sonsu, eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover, vertritt.
A Rake's Progress, 16 Radierungen, entstand ab 1961 nach seiner ersten New-York-Reise. Die Serie war 1963 abgeschlossen, vier Jahre bevor A Bigger Splash ihn als Maler berühmt machte. In den Jahren dazwischen druckte er Selbstporträts auf Kupfer, lernte Sugar-Lift-Aquatinta im Atelier von Picassos Meisterdruckern, und produzierte mit Paper Pools eine der ungewöhnlichsten Serien der Nachkriegszeit: handgeschöpftes Papier, coloriert, nass zusammengelegt.
Wenn die meisten Leute "Hockney" hören, sehen sie Wasser. Das stimmt. Nur das Medium haben sie falsch.
Wie begann David Hockneys Druckgrafik?
Nach Bradford folgte das Royal College of Art in London, wo Hockney 1959 eintraf (Wikipedia). Die erste große Arbeit aber kommt von einer Reise: 1961 fährt Hockney das erste Mal nach New York. Er ist Brite, jung, homosexuell, noch nicht berühmt. Die Stadt ist beides: fremd und befreiend.
Die 16 Radierungen von A Rake's Progress entstehen zwischen 1961 und 1963, begonnen im Herbst 1961 zurück in London, aus den Erinnerungen an New York. Jede Platte misst rund 30 × 40 Zentimeter. Die Edition: 50 Exemplare. Technik: Radierung kombiniert mit Aquatinta, einer Methode, die feine Tonwerte durch geätzte Flächen erzeugt statt durch Linien.
Was die Serie ungewöhnlich macht: Der Protagonist ist Hockney selbst, ein junger Künstler in einer neuen Welt, gezeichnet mit der Radiernadel in den Ätzgrund der Platte.
Die Radierung liefert die Präzision für Gesicht und Haltung; die Aquatinta setzt Grauflächen, die keine Malerei imitieren.
Was macht A Rake's Progress zu Hockneys erster Selbsterfindung?
Hogarths Kupferstich-Serie A Rake's Progress aus dem Jahr 1735 erzählt den moralischen Verfall eines Erben in acht Blättern. Hockney nimmt den Titel, behält die Idee der episodischen Erzählung in Drucken, und macht daraus etwas vollständig anderes.
Wo Hogarth Moral belehrt, beschreibt Hockney Erfahrung. Sein Protagonist kommt nicht als Warnung, sondern als Reisender an. Die 16 Blätter folgen keiner Verfall-Logik; sie folgen einem Erkenntnisprozess. New York 1961 ist ein Ort, an dem man herausfinden kann, wer man ist, besonders wenn man in England noch nicht weiß, ob man sich zeigen darf.
Das technische Fundament: Der Londoner Verlag Editions Alecto verlegte die Serie in Zusammenarbeit mit dem Royal College of Art, gedruckt hat sie C.H. Welch in London. Hockney hat 1961–63 sechzehn autobiografische Blätter radiert, vier Jahre bevor A Bigger Splash ihn als Maler berühmt machte. Diese frühen Arbeiten sind kaum bekannt, aber sie sind der Anfang von allem. Während Teile seines Jahrgangs am Royal College sich an der amerikanischen Pop Art orientierten, druckte Hockney Autobiografie.
Warum ist das Cavafy-Portfolio ein politisches Statement?
Konstantinos Kavafis war ein griechischer Dichter, 1863 in Alexandria geboren und 1933 dort gestorben. Er schrieb offen über homosexuelle Liebe zu einer Zeit, in der das in England strafbar war. Hockney las ihn als Student.
1966 entstehen 12 Radierungen zu Gedichten des Cavafy-Portfolios, die Vorzeichnungen macht Hockney zu Jahresbeginn in Beirut. Gedruckt wird in London bei Maurice Payne, der später auch an The Blue Guitar arbeiten wird. Die Blätter verbinden Kavafis' griechische Welt mit Hockneys eigener: Männer in antiker und zeitgenössischer Umgebung, ohne Erklärung, ohne Entschuldigung.
Im Juli 1966 zeigt Kasmin in London die zwölf Radierungen. Ein Jahr später verabschiedete das britische Parlament den Sexual Offences Act, der Homosexualität zwischen Männern über 21 Jahren teilweise entkriminalisierte. Hockney selbst sagte dazu, er habe gewusst, dass es illegal war, und sein eigenes Leben verteidigt. Die Blätter erscheinen, bevor das Gesetz sich ändert. Das reicht, um sie als politisches Dokument zu lesen.
David Hockneys Radierung funktioniert hier nicht als Technik-Demonstration. Sie ist ein Kommentar zu einer Welt, die gerade dabei ist zu entscheiden, ob sie sich verändert.
Was lernte Hockney bei Crommelynck in Paris?
1973 fährt Hockney nach Paris, ins Atelier Crommelynck. Aldo und Piero Crommelynck waren die Meisterdrucker von Pablo Picasso von 1963 bis zu seinem Tod 1973. Der Guardian nannte Aldo Crommelynck nach seinem Tod den bedeutendsten Radierdrucker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wer dort arbeitete, lernte nicht nur Technik. Er lernte wie Picasso dachte.
Aldo Crommelynck hatte die Sugar-Lift-Aquatinta über Jahre vor allem mit Picasso eingesetzt. Die Technik erlaubt es, Pinselspuren direkt auf die Kupferplatte zu übertragen, anstatt nur mit Nadeln zu arbeiten. Hockney übernahm sie in Paris. "Aldo Crommelynck taught me marvellous technical things about etching", sagte er später.
Was Hockney aus den Jahren ab 1973 mitnahm, ist The Blue Guitar (1976–77). 20 Radierungen und Aquatintas, je Blatt von zwei Kupferplatten gedruckt (34,5 × 42,5 cm je Platte), fünf Farben zur Auswahl: Rot, Gelb, Blau, Grün, Schwarz. Hockneys Werk ab den späten 70ern ist bis heute eine der populärsten Referenzen für bunte Kunst aus der Druckgrafik. Das Papier: Inveresk mould-made paper aus Somerset, England. Auflage: 200 nummerierte Exemplare plus 35 Artist's Proofs in römischen Ziffern. Veröffentlicht Oktober 1977 von Petersburg Press, London und New York.
Die Inspirationsquelle war ein Gedicht. Henry Geldzahler, Hockneys langjähriger Freund, machte ihn 1976 mit Wallace Stevens' Gedicht "The Man with the Blue Guitar" (1937) bekannt, das seinerseits von Picassos Gemälde The Old Guitarist (1903–04) ausging. Hockney las Stevens, sah Picasso, und druckte seinen eigenen Kommentar: 20 Blätter, in denen Figuration und Abstraktion dasselbe Bild bevölkern.
Die Lithografie hatte er für Wasser gewählt. Für Picasso wählte er die Radierung. Beide Entscheidungen sind inhaltliche Aussagen, keine technischen Zufälle. Mehr zur Sugar-Lift-Technik gibt es auf der Aquatinta.
Warhol wählte in denselben Jahren den Siebdruck: flächig, reproduzierbar, laut. Hockneys Radierung stand Warhols Siebdruck gegenüber. Gleiche Epoche, entgegengesetzte Entscheidung.
Wie entstanden die Paper Pools in sechs Wochen?
August 1978, Tyler Graphics, Bedford Village, New York. David Hockney verbringt sechs Wochen bei seinem Freund, dem Drucker Ken Tyler. Tyler lädt ihn ein, eine neue Technik mit flüssigem Papierbrei auszuprobieren: gefärbter Papierbrei wird gepresst, sodass das Bild nicht auf Papier gedruckt, sondern im Papier geformt wird.
Die Technik hatte Tyler nicht für Hockney entwickelt. 1975 hatte er mit Frank Stella die handkolorierte Serie Paper Reliefs gemacht, darauf aufbauend eine Palette gefärbter Papiermasse entwickelt, und Ellsworth Kelly hatte 1976 die Serie Colored Paper Images damit produziert.
In sechs Wochen entstehen 29 Einzelbilder. Das Sujet: Wasser. Blaues Wasser, das Licht bricht, das Oberflächen erzeugt, die anders aussehen als gemalt. Hockney nannte es später das Gegenteil einer Radiernadel: Hier zählte keine Linie, sondern Masse und Farbe.
Ein Kreis, der sich schließt: 1954 druckte er in Bradford seinen ersten Stein. 1978 formte er Papier in einem New Yorker Vorort. Die Cartwright Hall in Bradford hält heute vier seiner großen Druckserien, darunter A Rake's Progress, The Blue Guitar und die Cavafy-Illustrationen.
Was sind Moving Focus und die Home Made Prints?
1984 bis 1986 entsteht bei Tyler Graphics in Bedford Village, New York, die Lithografie-Serie Moving Focus. Tyler führt Hockney dafür eine neue Methode vor: transparente Mylar-Folien, übereinandergelegt, um die Farbregister zu planen. Manche Blätter kombinieren Lithografie mit Radierung, Siebdruck oder Collage im selben Druck. Die Serie erforscht, angeregt von Hockneys Beschäftigung mit dem Kubismus und ausgelöst vom Hof eines mexikanischen Hotels, mehrere Sichtpunkte im selben Bild, kombiniert und gleichzeitig gültig. Der Titel ist Programm. Wo schaust du hin, wenn es keinen erzwungenen Mittelpunkt gibt?
Dann, 1986, kommt der Bürokopierer. Hockney beginnt mit dem Fotokopierer Drucke herzustellen, die Foundation listet allein aus diesem Jahr über dreißig Blätter. Ohne Meisterdrucker und Werkstatt. Nur ein Bürogerät.
Hockney nannte das Verfahren "the closest I've ever come in printing to what it's like to paint." Zwei Jahrzehnte später kommen die iPad-Arbeiten. Dieselbe Suche nach Autonomie, anderes Gerät.
Warum ist David Hockney kein reiner Maler?
David Hockneys Druckgrafik ist kein Anhang zur Malerei. Sie ist das Medium, in dem er sich selbst immer zuerst erfindet.
A Rake's Progress entsteht 1961 bis 1963 als Radierungs-Serie, vier Jahre bevor A Bigger Splash (1967) Hockney als Maler berühmt macht. In diesen 16 Blättern erprobt er das Autobiografische, bevor die Malerei es aufgreift. Die Crommelynck-Technik lernt er ab 1973 in Paris und arbeitet sie in The Blue Guitar (1976–77) durch. Die Farbexperimente, die die Malerei der späten 1970er prägen, hatten Vorläufer auf Kupferplatten. Paper Pools (1978) macht Wasser zum Material-Problem: Was ist es, wenn es nicht auf Oberfläche aufgetragen wird, sondern selbst die Oberfläche ist? Und Home Made Prints (1986) beginnen den Weg zur technologischen Offenheit, die später die iPad-Arbeiten ermöglicht. Dieselbe Frage, nur mit einem anderen Gerät.
Das sind keine retrospektiven Konstruktionen. Das sind Jahreszahlen.
In den Interviews, die Marco Livingstone 1980 mit ihm führte und in seiner Monografie David Hockney (1981) veröffentlichte, formulierte Hockney den Kern seiner Praxis noch direkter:
"What I always longed to do was to be able to paint like I can draw, most artists would tell you that, they would all like to paint like they can draw." David Hockney, im Gespräch mit Marco Livingstone (1980), zitiert in David Hockney (Wikiquote)
Das Drucken war das Medium, in dem er dachte. Die Gemälde zeigten dann, was dabei herauskam.
Zeitgenössische Druckgrafik mit verwandter Haltung
Die Collection zeigt keine Hockney-Werke. David Hockney starb am 11. Juni 2026 in London, sein Werk bleibt urheberrechtlich geschützt. Sie zeigt zeitgenössische Druckgrafik mit verwandter Haltung: britische und europäische Künstler, bei denen die Handarbeit selbst den Unterschied zwischen Original und Kunstdruck sichtbar macht, ohne dass er erklärt werden müsste.
Die wichtigsten David Hockney Werke stammen nicht aus der Malerei, sondern aus der Druckgrafik: A Rake's Progress, The Blue Guitar, Paper Pools. Was die Collection versammelt, arbeitet in dieser Erbschaft: figürlich, präzise, mit erzählerischer Substanz.
Fragen zu einzelnen Werken, Rahmung oder Beratung: hello@studiosonsu.de
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FAQ: David Hockney Druckgrafik
Wie viele Drucke hat David Hockney gemacht?
Hockney hat insgesamt mehr als fünfhundert Drucke geschaffen, so zählt das MoMA New York. Die Tate listet rund 114 Hockney-Werke, darunter Blätter aus A Rake's Progress. Zu den Serien gehören A Rake's Progress (16 Blätter), The Blue Guitar (20 Blätter) und Paper Pools (29 Bilder), dazu zahlreiche Einzelblätter.
Welche David Hockney Werke gehören zu seiner wichtigsten Druckgrafik?
A Rake's Progress (1961–63) ist die früheste große Serie und das autobiografischste. The Blue Guitar (1976–77) ist handwerklich das elaborierteste Werk, entstanden mit Picassos Meisterdrucker Crommelynck. Paper Pools (1978) ist das experimentell kühnste. Moving Focus (1984–86) mischt Lithografie teils mit Radierung, Siebdruck und Collage. Wer einen Einstieg sucht: Die A Rake's Progress-Blätter sind in Museen am häufigsten zugänglich.
Was ist ein David-Hockney-Original-Druck wert?
Der Wert hängt stark von Serie, Zustand und Auflage ab. Auflage und Provenienz sind bei den signierten Serien gut dokumentiert, The Blue Guitar etwa trägt ein Kolophon mit Auflage 200 plus 35 Künstlerexemplaren.
Warum gilt Hockney als Maler, wenn er so viel gedruckt hat?
A Bigger Splash (1967) wurde zum Bild eines Jahrzehnts, reproduziert auf Postern, in Läden, in Köpfen. Die Gemälde sind das öffentliche Gesicht. Die Drucke sind das Arbeitstagebuch. Kuratorisch interessiert beides, aber kulturell hat das Gemälde gewonnen, weil es ein einzelnes Bild ist das man sofort kennt.
Wo kann man Hockney-Drucke im Museum sehen?
Die Tate in London hält bedeutende Bestände, darunter Blätter aus A Rake's Progress. Das MoMA New York besitzt das illustrierte Buch A Rake's Progress mit allen sechzehn Radierungen und die Platten von The Blue Guitar, die Cartwright Hall in Bradford vier große Druckserien. In Deutschland zeigte die Staatliche Graphische Sammlung München 1977 eine Ausstellung seiner Zeichnungen und Druckgrafik.
Quellen und weiterführende Literatur
- Tate, London – David Hockney: A Rake's Progress 1961–3. tate.org.uk/art/artworks/hockney-a-rakes-progress-65348
- MoMA, New York – David Hockney, A Rake's Progress, 1961–62, published 1963. moma.org/collection/works/18175
- The David Hockney Foundation – Chronology 1961, 1966, 1967, 1973, 1977, 1978, 1984, 1986, 2026. thedavidhockneyfoundation.org/chronology
- Encyclopædia Britannica – David Hockney; Constantine P. Cavafy. britannica.com/biography/David-Hockney
- National Gallery of Australia, Kenneth Tyler Collection – Bending the rules: Ellsworth Kelly's Colored Paper Images
- Wikipedia – Artikel David Hockney, The Blue Guitar, Aldo Crommelynck, Kenneth E. Tyler, Constantine P. Cavafy, Sexual Offences Act 1967, A Rake's Progress (Hogarth); Wikiquote David Hockney
Zuletzt aktualisiert am 07.09.2026.
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