Gerhard Richter
Gerhard Richter, geboren 1932 in Dresden, gilt seit Jahrzehnten als der meistdiskutierte Maler Deutschlands. Was viele nicht wissen: Parallel zur Malerei entstanden seit 1965 Editionen in Offset und Siebdruck, die sein Denken über das Original manchmal schärfer formulieren als jedes Gemälde.
Düsseldorf, um 1965. Richter nimmt einen noch feuchten Siebdruck seines Familienhunds und streicht mit einem breiten Pinsel darüber, bevor die Druckfarbe trocken ist. Das Ergebnis heißt schlicht "Hund". Auflage: 8 nummerierte Exemplare plus 2 Künstlerexemplare. Herausgeber ist die Hofhauspresse Düsseldorf-Hubbelrath, kein etablierter Kunstverlag, sondern eine kleine Düsseldorfer Privatpresse. Wer diesen Druck heute sucht, zahlt zwischen 560.000 und 840.000 Pfund (Stand 2024). Das Lempertz-Auktionshaus erzielte für ein Exemplar 216.000 Euro bei einer Schätzung von 20.000 bis 30.000.
Gerhard Richter steht seit über zwei Jahrzehnten auf Platz 1 des Kunstkompass, dem wichtigsten deutschen Kunstranking. Dieses Ranking bewertet Museumsausstellungen und Kritiken, nicht Auktionspreise. Richters Position ist also institutionell verankert, nicht marktgetrieben. Dass er dabei als Künstler vor allem durch seine Malerei bekannt wurde und die Druckgrafik im Hintergrund blieb, ist kein Zufall. Er wollte es so. Dabei lagen die Gemäldepreise in Sphären die mit Druckgrafik nichts zu tun haben: "Abstraktes Bild 599" erzielte 2015 bei Sotheby's London etwa 46,3 Millionen US-Dollar. Der Kunstkompass hätte davon keine Notiz genommen.
Warum hat Richter nie Radierung oder Holzschnitt gemacht?
Richter studierte 1951 bis 1956 Wandmalerei in Dresden und floh 1961 aus der DDR in den Westen, Monate vor dem Mauerbau. In Düsseldorf studierte er bis 1964 unter Karl Otto Götz. Richter kannte Götz' Arbeit mit der Rakel gut: Farbe nicht mit dem Pinsel auftragen, sondern mit einem breiten Abzieher über die Fläche ziehen. Diese Idee blieb bei Richter haften.
Radierung, Holzschnitt und Lithografie hat Richter in seiner bisherigen Editions-Praxis nicht verwendet. Das war eine klare Haltung: Diese Techniken klingen in seinen Augen nach Handwerk, nach künstlerischem Ausdruck, nach genau dem, was er nicht wollte. Sein Zitat formuliert es direkt: "I blur things so that they do not look artistic or craftsmanlike but technological, smooth and perfect."
Offset und Siebdruck sind Massendruckverfahren. Zeitungen, Plakate, Verpackungen. Genau das ist der Punkt. Ein Medium, das nach Massenreproduktion klingt, stellt die Frage nach dem Original auf eine Art, die keine traditionelle Handdruckgrafik stellen könnte. Wie Radierung und Holzschnitt in diesem Kontext stehen, erklärt die Seite zur Druckgrafik.
Der Werkverzeichnis-Katalog von Hubertus Butin dokumentiert für die Jahre 1965 bis 2004 insgesamt 127 Editions-Einträge. Davon nutzen 94 fotografische oder fotomechanische Reproduktionsverfahren, das sind 74 Prozent. 52 davon sind primär Offsetdrucke. Kein Ausreißer, sondern die Methode.
Was sind echte Gerhard Richter Druckgrafik-Editionen und wie unterscheiden sie sich?
Erste Kategorie: Die klassischen Editionen (1965 bis heute). "Hund" (1965) ist der Anfang. Es folgen die Schweizer Alpen I, eine Serie von fünf Siebdrucken aus dem Jahr 1969, für die Griffelkunst-Vereinigung Hamburg in einer Auflage von 300 signierten Exemplaren gedruckt. Die Vorlage waren Richters eigene Fotos aus dem Flugzeugfenster auf einem Flug nach Mailand. Gedruckt hat sie kein Kunstdruckspezialist, sondern Hans H. Hotze, ein kommerzieller Drucker aus Essen. Auch das kein Zufall: Der kommerzielle Drucker passt zur kommerziellen Drucktechnik.
1987 schuf Richter für IBM Deutschland eine Offsetlithografie in einer Auflage von 75 Exemplaren. Dann überarbeitete er jedes einzelne der 75 Blätter von Hand mit Bleistift. Jedes ist technisch ein Unikat. Industrieverfahren, manuelle Überarbeitung, Edition von 75 Exemplaren, die sich alle voneinander unterscheiden.
Schon drei Jahre zuvor, 1984, hatte Richter eine noch überraschendere Arbeit geschaffen: Er übermalte 100 Langspielplatten mit Glenn Goulds Bach-Aufnahme direkt mit Ölfarbe auf dem Vinyl. 50 davon erschienen im Portfolio "Hommage à Cladders", nummeriert und signiert auf dem Schallplatten-Etikett. Ein Musikträger als Bildträger, und trotzdem Butin-Eintrag.
Ab 2011 kommt mit HENI ein neues Kapitel hinzu. Die Strip-Serie und ähnliche Arbeiten entstanden mit dem Verleger HENI als digitale Inkjet-Drucke in 11 Farben, Auflage 72, jeweils als Catalogue Raisonné-Eintrag 724-4. Ein "Strip"-Druck erzielte im Juni 2021 bei Christie's 900.000 Pfund. Diese Drucke sind im Werkverzeichnis gelistet, aber ihr Entstehungsprozess unterscheidet sich fundamental von den frühen Siebdrucken.
Was bleibt, sind Kunstdrucke und Plakate. Diese sind nicht im Werkverzeichnis gelistet und tragen weder Auflage noch Signatur. Sie sind keine Richter-Originale im Edition-Sinne. Was ein Original von einem Kunstdruck generell unterscheidet, steht unter Original vs. Kunstdruck. Die abstrakte Werkgruppe als Kontext zeigt Abstrakte Kunst.
Wie ordnet sich Richter unter berühmte Druckgrafiker ein?
Er ist kein Druckgrafiker im traditionellen Sinn. Rembrandt suchte die Linie, Goya die Tiefe der Aquatinta. Richter druckte aus einem anderen Grund: Er wollte die Idee des Originals in Frage stellen. Eine grundlegend andere Motivation.
Trotzdem gehört er zur Geschichte der berühmten Druckgrafiker. Nicht weil er handwerklich in ihrer Tradition steht, sondern weil er die Frage, die alle Druckgrafiker implizit stellen, explizit macht: In einer Edition von 300 Exemplaren ist jedes davon ein Original, das jedenfalls ist die Konsequenz aus Richters Ansatz.
Was macht Richters abstrakte Bilder erkennbar?
Wer Gerhard Richter abstrakt vor Augen hat, denkt meistens an die Rakel-Technik: Farbe wird mit einem breiten Abzieher über die Leinwand gezogen, überlagert, wieder gezogen. Die abstrakten Gemälde der Cage-Serie (2006), benannt nach dem Komponisten John Cage, entstanden genau so, aus der Rakel-Technik, die Richter seit dem Düsseldorfer Studium kennt. Schichten entstehen, werden teilweise wieder abgetragen. Die Oberflächen lassen sich nicht einfach lesen; sie verschieben sich je nachdem wo man steht.
Eine Edition zu den Cage-Gemälden gibt es: Die "Cage f.ff"-Edition, ein Farboffsetdruck in 90 mal 90 Zentimetern, Auflage 5 Exemplare pro Motiv. Auch hier: Offset, kein Handdruckverfahren.
Parallel zu den Editionen entstanden ab 1986 die übermalten Fotografien, über 2.000 Arbeiten, meist im Format 10 mal 15 Zentimeter. Richter nimmt Alltagsfotos, malt in Ölfarbe darüber, lässt das meiste weg, behält Fragmente. Diese Arbeiten sind Unikate, keine Editionen. Sie stellen aber dieselbe Grundfrage wie die Editionen: Was sehen wir, wenn ein Bild das Abbilden teilweise verweigert?
Was lässt sich über Richter-Editionen wissen, bevor man kauft?
Gerhard Richter Editionen mit Butin-Eintrag sind der einzige verlässliche Ankerpunkt für Sammler. Das Werkverzeichnis von Hubertus Butin, "Editionen 1965-2013", erschienen bei Hatje Cantz (2. Auflage 2014), dokumentiert alle Editions-Einträge. Wer kauft, sollte prüfen: Gibt es diesen Eintrag? Ist das Exemplar nummeriert, signiert, mit nachvollziehbarer Provenienz? Ohne diese Antworten ist der Wert schwer einzuschätzen.
FAQ
Welche Drucktechniken hat Gerhard Richter verwendet?
Richter nutzte in seinen Editionen fast ausschließlich Siebdruck und Offsetlithografie. Radierung, Holzschnitt und Lithografie auf Stein hat er in seiner bisherigen Editions-Praxis nicht verwendet. Das war eine bewusste Entscheidung: Er wollte nicht die handwerkliche, sondern die industrielle Reproduktionstechnik. Der Butin-Katalog (Hatje Cantz, 2. Auflage 2014) dokumentiert 127 Editions-Einträge für 1965-2004, davon nutzen 74 Prozent fotografische oder fotomechanische Verfahren. Das ist keine Stilentscheidung im engen Sinn, sondern eine konsequente Haltung zur Frage was ein Bild reproduzierbar macht.
Was ist der Unterschied zwischen einer echten Richter-Edition und einem HENI-Druck?
Klassische Richter-Editionen (1965 bis etwa 2010) sind analoge Sieb- oder Offsetdrucke, oft mit manuellen Eingriffen, in kleinen Auflagen. HENI-Produktionen wie die Strip-Serie (ab 2011) sind digitale Inkjet-Drucke in 11 Farben, bei denen ein Algorithmus Richters Farbband-Strukturen reproduziert, statt eine analoge Druckplatte oder ein Sieb zu verwenden. Beide haben Butin-Einträge und sind im Werkverzeichnis gelistet, aber der Entstehungsprozess unterscheidet sich fundamental: kein Sieb, keine Rakel, keine physische Druckform. Ein Strip-Druck erzielte 2021 bei Christie's 900.000 Pfund.
Warum steht Richter seit Jahrzehnten auf Platz 1 des Kunstkompass?
Der Kunstkompass wertet keine Auktionspreise aus. Er zählt Museumsausstellungen, internationale Rezensionen und institutionelle Präsenz. Richter ist in beiden dauerhaft vertreten: als Maler (Gemälde in den wichtigsten Museen weltweit) und als Grafiker (Editionen in bedeutenden Print-Sammlungen). Die Marktposition und die institutionelle Position sind unabhängig voneinander entstanden und bestärken sich gegenseitig.
Was kostet ein originaler Richter-Druck?
Das hängt von der Edition ab. Wer als Einsteiger sucht, sollte wissen: Die Griffelkunst-Vereinigung Hamburg vertrieb historisch Editionen zu Mitgliederpreisen, die weit unter dem heutigen Sekundärmarkt lagen. Das Modell zeigt, was Richter mit Druckgrafik ursprünglich wollte: breitere Zugänglichkeit. Heute liegen die Schweizer Alpen (1969, 300 Exemplare, signiert) weit über diesen Einstiegspreisen. Poster und unbezeichnete Reproduktionen sind keine Editionen im Butin-Sinne und haben anderen Marktwert. "Hund" (1965) mit Auflage 8 ist ein anderes Kaliber: 560.000 bis 840.000 Pfund nach aktuellem Markt.
Gibt es Richter-Editionen die auf Fotografien basieren?
Ja, und das ist der Kern seiner Methode. 74 Prozent der Editionen im Butin-Werkverzeichnis (1965-2004) nutzen fotografische oder fotomechanische Reproduktionsverfahren. Richter fotografierte selbst (Schweizer Alpen: Fotos aus dem Flugzeugfenster), verwendete Alltagsfotos (Hund) oder arbeitete mit bestehenden Bildvorlagen. Die übermalten Fotografien (ab 1986, über 2.000 Arbeiten) sind Unikate, keine Editionen, zeigen aber dieselbe Grundhaltung.
Quellen und weiterführende Literatur
- Hubertus Butin, Gerhard Richter: Editionen 1965-2013 (Hatje Cantz, 2. Auflage 2014)
- Lempertz Auktionshaus, Zeitgenössische Kunst Kataloge (Gerhard Richter Editionen)
- Tate Modern, Cage (1-6) Werkbeschreibung und Sammlungsdokumentation
- Gerhard Richter Archiv, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
- Catharina Manchanda, Review: Gerhard Richter's Editions (akademische Rezension)
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover-Linden. Wir zeigen Originale von internationalen Druckgrafikern: Radierungen, Siebdrucke, Linolschnitte, Lithografien, Holzschnitte. Alle Werke mit Echtheitszertifikat, Auflage und Signatur. Fragen? hello@studiosonsu.de