Gerhard Richter

Gerhard Richter, geboren 1932 in Dresden, führt seit 2010 das deutsche Künstlerranking Kunstkompass an. Was viele nicht wissen: Parallel zur Malerei entstanden seit 1965 Editionen in Offset und Siebdruck, die sein Denken über das Original manchmal schärfer formulieren als jedes Gemälde.

Düsseldorf, 1965. Richter druckt ein Foto des Schäferhunds Wolfi aus dem Familienalbum seiner Frau Ema als blauschwarzen Siebdruck auf einen von Hand aufgetragenen weißen Grund. Das Ergebnis heißt schlicht "Hund", Nummer 1 im Werkverzeichnis seiner Editionen. Auflage: 8 Exemplare, signiert und auf den 18.12.65 datiert. Ein Siebdruck auf handaufgetragenem Grund: Hier wird die Grenze zwischen Original und Edition produktiv. Studio Sonsu, eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover, sieht in dieser Grenze den Kern dessen, was Druckgrafik künstlerisch interessant macht.

Gerhard Richter steht seit 2010 ununterbrochen an der Spitze des Kunstkompass, des seit 1970 erscheinenden deutschen Künstlerrankings. Die Britannica-Biografie nennt den Goldenen Löwen der Biennale 1997 und den Praemium Imperiale desselben Jahres. Das Ranking misst Einzelausstellungen in über 200 international bedeutenden Museen und Kunstinstituten, die Teilnahme an großen Gruppenausstellungen wie der Biennale in Venedig und Rezensionen in Kunstmagazinen. Richters Position ist also institutionell verankert, nicht marktgetrieben. Dass er als Künstler vor allem durch seine Malerei bekannt wurde und die Druckgrafik im Hintergrund blieb, hat mit seinen Verfahren zu tun.

Warum druckte Richter mit Siebdruck und Offset statt mit Radierung?

Richter studierte von 1952 bis 1956 an der Kunstakademie Dresden und führte für seine Abschlussarbeiten Wandbilder aus, darunter die "Lebensfreude" im Deutschen Hygiene-Museum. Ende Februar 1961 floh er aus der DDR in den Westen, Monate vor dem Mauerbau. In Düsseldorf studierte er von 1961 bis 1963 unter Karl Otto Götz. Götz fand 1952 seine Technik: Farbe mit unterschiedlich großen Pinseln auf die mit Kleister grundierte Leinwand auftragen und sie sofort mit einer Gummirakel wieder wegschleudern. Er gebrauchte als erster verschieden große Rakel für die Malerei. Diese Idee taucht Jahrzehnte später bei Richter wieder auf.

Richter wählte für seine Editionen Verfahren, die von der Fotografie ausgehen: Siebdruck nach fotografischen Vorlagen, später Offsetdruck und digitalen Inkjet-Druck. Handwerk, künstlerischer Ausdruck: genau das, was er nicht wollte. In Notizen von 1964/65 hat er es selbst formuliert:

"I blur things to make everything equally important and equally unimportant. I blur things so that they do not look artistic or craftsmanlike but technological, smooth and perfect."

Gerhard Richter, Notizen 1964/65, zitiert nach Gerhard Richter: Text. Writings, Interviews and Letters 1961 bis 2007 (Thames & Hudson, London 2009, S. 33).

Übersetzt: Er verwische die Dinge, damit alles gleich wichtig und gleich unwichtig werde, und damit nichts mehr künstlerisch oder handwerklich aussehe, sondern technologisch, glatt, perfekt.

Offset und Siebdruck sind Massendruckverfahren. Zeitungen, Plakate, Verpackungen. Genau das ist der Punkt. Ein Medium, das nach Massenreproduktion klingt, stellt die Frage nach dem Original auf eine Art, die keine traditionelle Handdruckgrafik stellen könnte. Wie Radierung und Holzschnitt in diesem Kontext stehen, erklärt die Seite zur Druckgrafik.

Das Werkverzeichnis der Editionen von Hubertus Butin und Stefan Gronert (Hatje Cantz, zuletzt 2014 für die Jahre 1965 bis 2013) versammelt sämtliche Druckgrafiken, Fotoeditionen, Künstlerbücher, Multiples und Gemäldeeditionen. Allein die erste von sieben Seiten der offiziellen Editionsübersicht führt von "Hund" (1965, Editions CR 1) bis "Wolken" (1969, Editions CR 24). Kein Ausreißer, sondern die Methode. Die offizielle Richter-Edition-Datenbank führt jedes dieser Werke einzeln mit Auflage, Datierung und Technik.

Was sind echte Gerhard Richter Druckgrafik-Editionen und wie unterscheiden sie sich?

Erste Kategorie: Die klassischen Editionen (1965 bis heute). "Hund" (1965) ist der Anfang. Es folgen die Schweizer Alpen I, fünf Siebdrucke aus dem Jahr 1969, in 300 unnummerierten, signierten Sätzen. Die Vorlage waren Richters gleichnamige Gemälde von 1969, die wiederum auf seine eigenen Fotos aus dem Flugzeugfenster auf einem Flug nach Mailand 1968 zurückgehen.

1987 schuf Richter die Edition "IBM", einen Offsetdruck nach einem eigenen Aquarell, Auflage 75 Exemplare plus 20 Künstlerexemplare. Dann überarbeitete er die Blätter von Hand mit Bleistiftzeichnungen über große Teile der Fläche. Industrieverfahren, manuelle Überarbeitung, Edition von 75 Exemplaren.

Schon drei Jahre zuvor, 1984, hatte Richter eine noch überraschendere Arbeit geschaffen: Er bemalte Schallplatten mit Glenn Goulds Aufnahme der Goldberg-Variationen von 1982 auf einer Seite mit gelber, roter, blauer und weißer Ölfarbe, 100 nummerierte Exemplare plus 20 in römischen Ziffern, signiert und datiert auf dem Etikett. Ein Musikträger als Bildträger, und trotzdem Nummer 60 im Werkverzeichnis.

Ab 2011 kommt ein neues Kapitel hinzu. Das Blatt "Strip" von 2011 entsteht als digitaler Inkjet-Druck in 11 Farben nach einem vielfach zerlegten und gespiegelten Detail des Abstrakten Bildes 724-4 von 1990, Auflage 72, Nummer 148 im Werkverzeichnis der Editionen. Die Strip-Drucke sind im Werkverzeichnis gelistet, aber ihr Entstehungsprozess unterscheidet sich fundamental von den frühen Siebdrucken.

Was bleibt, sind Kunstdrucke und Reproduktionen ohne Eintrag im Werkverzeichnis, ohne Auflage, ohne Signatur. Sie sind keine Richter-Originale im Edition-Sinne. Vorsicht beim Wort Plakat: Das "Plakat Aachen" von 1969 steht als Editions CR 22 sehr wohl im Werkverzeichnis. Was ein Original von einem Kunstdruck generell unterscheidet, steht unter Original vs. Kunstdruck. Die abstrakte Werkgruppe als Kontext zeigt Abstrakte Kunst.

Wie ordnet sich Richter unter berühmte Druckgrafiker ein?

Er ist kein Druckgrafiker im traditionellen Sinn. Rembrandt suchte die Linie, Goya die Tiefe der Aquatinta. Richter druckte aus einem anderen Grund: Er wollte die Idee des Originals in Frage stellen. Eine grundlegend andere Motivation.

Trotzdem gehört er zur Geschichte der berühmten Druckgrafiker. Nicht weil er handwerklich in ihrer Tradition steht, sondern weil er die Frage, die alle Druckgrafiker implizit stellen, explizit macht: In einer Edition von 300 Sätzen ist jeder davon ein Original, das jedenfalls ist die Konsequenz aus Richters Ansatz.

Was macht Richters abstrakte Bilder erkennbar?

Wer Gerhard Richter abstrakt vor Augen hat, denkt meistens an die Rakel-Technik: Farbe wird in breiten Bahnen auf die Leinwand aufgetragen und dann mit einer selbstgebauten Rakel verrieben und abgeschabt, überlagert, wieder abgezogen. Die abstrakten Gemälde der Cage-Serie (2006), benannt nach dem Komponisten John Cage und von der Tate als Gruppe Cage (1) bis (6) geführt, entstanden genau so, mit der Rakel, die Richter seit Mitte der 1980er Jahre benutzt. Schichten entstehen, werden teilweise wieder abgetragen. Die Oberflächen lassen sich nicht einfach lesen; sie verschieben sich je nachdem wo man steht.

Eine Edition zu den Cage-Gemälden gibt es: "Cage f.ff" von 2015, ein Farboffsetdruck auf Alu-Dibond nach einem Detail von Cage VI, Auflage 5 Exemplare. Auch hier: Offset, kein Handdruckverfahren.

Parallel zu den Editionen entstanden die übermalten Fotografien, über 2.000 Arbeiten. Richter nimmt Alltagsfotos, malt in Ölfarbe darüber, lässt das meiste weg, behält Fragmente. Diese Arbeiten sind Unikate, keine Editionen. Sie stellen aber dieselbe Grundfrage wie die Editionen: Was sehen wir, wenn ein Bild das Abbilden teilweise verweigert?

Was lässt sich über Richter-Editionen wissen, bevor man kauft?

Gerhard Richter Editionen mit Butin-Eintrag sind für Sammler der belastbarste Ankerpunkt. Das Werkverzeichnis von Hubertus Butin und Stefan Gronert, "Editionen 1965-2013", erschienen bei Hatje Cantz im März 2014, dokumentiert alle Editions-Einträge. Wer kauft, sollte prüfen: Gibt es diesen Eintrag? Ist das Exemplar nummeriert, signiert, mit nachvollziehbarer Provenienz? Ohne diese Antworten ist der Wert schwer einzuschätzen.

FAQ

Welche Drucktechniken hat Gerhard Richter verwendet?

Richter nutzte in seinen Editionen Verfahren, die von der Fotografie ausgehen: Siebdruck nach fotografischen Vorlagen, später Offsetdruck und digitalen Inkjet-Druck. In seinen Notizen von 1964/65 hielt er fest, seine Bilder sollten nicht künstlerisch oder handwerklich aussehen, sondern technologisch, glatt und perfekt. Das Werkverzeichnis von Butin und Gronert (Hatje Cantz, 2014) dokumentiert alle Editionen von 1965 bis 2013. Das ist keine Stilentscheidung im engen Sinn, sondern eine konsequente Haltung zur Frage was ein Bild reproduzierbar macht.

Was ist der Unterschied zwischen einer frühen Richter-Edition und einem Strip-Druck?

Klassische Richter-Editionen (1965 bis etwa 2010) sind analoge Sieb- oder Offsetdrucke, oft mit manuellen Eingriffen, in kleinen Auflagen. Die Strip-Serie (ab 2011) besteht aus digitalen Inkjet-Drucken in 11 Farben nach zerlegten und gespiegelten Details eines Gemäldes, ohne analoge Druckplatte oder Sieb. Beide sind im Werkverzeichnis gelistet, aber der Entstehungsprozess unterscheidet sich fundamental: kein Sieb, keine Rakel, keine physische Druckform.

Warum steht Richter seit Jahren auf Platz 1 des Kunstkompass?

Der Kunstkompass zählt Einzelausstellungen in bedeutenden Museen und Kunstinstituten, Gruppenausstellungen wie die Biennale in Venedig und Rezensionen in Kunstmagazinen. Die Übersicht zum Kunstkompass hält fest, dass das Ranking seit 2010 unverändert von Richter und Bruce Nauman angeführt wird. Gemessen wird die Resonanz in der Kunstwelt, nicht das Auktionsergebnis.

Was kostet ein originaler Richter-Druck?

Das hängt von der Edition ab. Editionen geben dem Künstler laut dem Werkverzeichnis die Gelegenheit, ein größeres Publikum zu erreichen, und Auflagen wie die 300 Sätze der Schweizer Alpen I waren entsprechend angelegt. Poster und unbezeichnete Reproduktionen sind keine Editionen im Butin-Sinne. Zwischen einer Edition von 1969 in 300 Sätzen und "Hund" (1965) mit Auflage 8 liegen Welten, im Preis wie in der Seltenheit.

Gibt es Richter-Editionen die auf Fotografien basieren?

Ja, und das ist der Kern seiner Methode. Seine Editionen beruhen auf Fotovorlagen: Siebdruck nach fotografischen Vorlagen, später Offsetdruck und digitaler Inkjet-Druck. Richter fotografierte selbst (Schweizer Alpen: Fotos aus dem Flugzeugfenster), verwendete Alltagsfotos (Hund) oder arbeitete mit bestehenden Bildvorlagen. Die übermalten Fotografien (über 2.000 Arbeiten) sind Unikate, keine Editionen, zeigen aber dieselbe Grundhaltung.

Quellen und weiterführende Literatur

Zuletzt aktualisiert am 16.09.2026.

Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover-Linden. Wir zeigen Originale von internationalen Druckgrafikern: Radierungen, Siebdrucke, Linolschnitte, Lithografien, Holzschnitte. Alle Werke mit Echtheitszertifikat, Auflage und Signatur. Fragen? hello@studiosonsu.de

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