Friedensreich Hundertwasser
Friedensreich Hundertwasser, geboren am 15. Dezember 1928 in Wien, gestorben am 19. Februar 2000, war Maler, Architekt und Ökopionier. Er entwarf Gebäude mit gewellten Böden und begrünten Dächern und schrieb Manifeste gegen die gerade Linie als Werkzeug der Architektur.
Das Hundertwasserhaus im dritten Wiener Gemeindebezirk steht seit 1985. Bunte Fassaden, Bäume die aus den Fenstern wachsen, gewellte Böden, keine zwei Fenster identisch. Ein Gemeindebau, kein Museum, kein Privatpalast. Hundertwasser hat einem ganzen Wohnblock eine eigene Handschrift gegeben. Ökovision, Spiralmotiv, Naturverbundenheit: Das sind die Bilder, die man von ihm kennt.
Was das Hundertwasserhaus andeutet, hat er auf Papier ohne Bauordnungen, Baugenehmigungen und Bewohnerkompromisse durchgezogen. 10.002 Auflagenexemplare, von denen kein einziges dem anderen gleichen soll. Das Haus formuliert die Überzeugung. Die Druckgrafik ist das vollständigere Argument.
Ab 1982, in einem Vorort von Venedig namens Spinea, entsteht das Werk über 223 Arbeitstage. Hundertwasser signiert die Blätter. Insgesamt 10.002 Exemplare, 37 Tage ist er persönlich anwesend, 223 Arbeitstage werden in der Werkstatt dokumentiert. Die Signiertinte stellt er selbst her: flüssiger Ruß, abgezogen vom Ofenrohr. Das Werk heißt "10.002 Nights". Fotolithografie auf Zink in vier Farben, Siebdruck in fünf Farben, Metallprägungen in drei Farben. Die Blätter gelten als Originaldrucke, weil Hundertwasser die Druckform entworfen und jedes Exemplar persönlich signiert hat. Was Originaldruckgrafik kategorial von einer fotografischen Reproduktion trennt, ist auf Originaldruckgrafik vs. Reproduktion entwickelt.
Was kostet ein Bild, das jeder kaufen können soll?
1951 ist Friedensreich Hundertwasser dreiundzwanzig Jahre alt und noch nicht berühmt. In Wien gibt es den Art Club, und dessen Vizepräsident Alfred Schmeller gibt ein Portfolio heraus. Es ist das erste im Werkverzeichnis, die Nummer HWG 1. Gedruckt via Rotaprint, Lithografie im weiteren Sinne der Offsetdrucktechnik, Auflage hundert, signiert und nummeriert. Preis: zehn Schilling für das gesamte Portfolio. Ein Schilling pro Blatt.
Das Programm dahinter war explizit: günstige grafische Portfolios, die sich jeder leisten kann. Kein Luxusobjekt, kein Sammlerstück für Eingeweihte. Ein Blatt für jedermann.
Im Jahr 2010 bietet jemand bei einer Dorotheum-Auktion in Wien auf ein Exemplar dieses Portfolios. Der Zuschlag: EUR 8.750. Hundertwasser wollte günstige Kunst, nicht minderwertige. Er wollte Kunst, die keine zwei Objekte identisch lässt. Dass das im Markt zu Knappheitslogik führt, ist eine Konsequenz, keine Absicht. Der Preis-Bogen von einem Schilling zu EUR 8.750 ist der Markt, der auf sein Programm antwortet.
Das Rotaprint-Portfolio hat noch nicht die variable Edition. Hundert Exemplare, alle gleich. Aber die Absicht ist schon da: Kunst, die zirkuliert, nicht hinter Glas hängt.
Was passiert, wenn ein Wiener Maler 1961 in Tokyo anklopft?
Von Februar bis August 1961 lebt Hundertwasser auf Einladung der Tokyo Gallery in Tokio. Im August arbeitet er an den Farbauszügen seines ersten japanischen Holzschnitts; geschnitten und gedruckt haben die ersten Blätter die besten Handwerker aus der Werkstatt von Toyohisa Adachi. Was folgt, ist eine ungewöhnliche Langzeitkollaboration. Probedrucke werden zwischen Japan und Europa hin- und hergeschickt, Korrekturen per Handschrift auf die Abzüge selbst.
Das Ergebnis ist Nana-Hyaku-Mizu: sieben japanische Holzschnitte, entstanden zwischen 1966 und 1971, erschienen 1973, Auflage 200 weltweit. Franz Winzinger schrieb im Begleittext von sieben Jahren intensiver Arbeit. Die Handwerker sind namentlich verzeichnet, beim Blatt "Rain of Blood Is Falling into the Garden" etwa der Holzschneider Hideo Maruyama und der Drucker T. Matsuoka, beide in Kyoto, dazu die Werkstatt Uchida Kogei Kobo.
Das Inkan-System legt jeden namentlich fest: Nicht nur die Signatur des Künstlers, sondern die Siegel aller beteiligten Handwerker. In der europäischen Druckgrafik ist das ungewöhnlich. Die Holzschnitt-Tradition in Japan kennt das schon seit Jahrhunderten: das Blatt als Dokument einer kollektiven Handarbeit.
Die Stiftung bezeichnet Hundertwasser als "den ersten europäischen Maler, dessen Werke von japanischen Meistern geschnitten und gedruckt wurden". Das ist eine Behauptung der Stiftung ohne unabhängigen Beleg. Was sich belegen lässt: Aus der Arbeit mit japanischen Holzschneidern wurden insgesamt 40 Farbholzschnitte, weitere Mappen folgten 1975 und 1988.
Sieben Blätter, 200 Exemplare weltweit, und auf jedem das Siegel des Mannes, der den Schnitt gemacht hat. In der nächsten Kollaboration nimmt dieses System der geteilten Urheberschaft eine andere, körperlichere Form an.
Warum zieht ein Maler zwei Jahre zu Günter Dietz nach Oberbayern?
Ab 1971 lebt Hundertwasser zwei Jahre lang immer wieder bei Günter Dietz in Lengmoos, Oberbayern. Statt Probedrucke per Post zu schicken, steht er selbst in der Offizin. Das Resultat ist die Regentag-Mappe "Look at it on a Rainy Day", entstanden 1971 und 1972, erschienen bei Ars Viva in Zürich: zehn Blätter, Auflage 3.000, im Werkverzeichnis die Nummern 44 bis 53.
Davon sind 300 handsigniert und nummeriert. Nicht beliebige 300. Ausschließlich jene, deren Nummer auf eine 5 endet. Die Blätter tragen den Schoeller-Stern-Blindstempel.
Die Materialien gehen weit über Druckfarbe hinaus: In Lengmoos kamen erstmals phosphoreszierende Farben und reflektierende Glasstaubauflagen zum Einsatz, dazu Metallprägungen auf Papier und Karton. Die Blätter liegen lose in einer schwarzen Holzkassette, innen im linken Deckel mit blauer Kreide signiert und nummeriert.
Parallel entsteht in Lengmoos das Testament in Gelb (HWG 43, 1971), Hundertwassers Siebdruck in zweiundzwanzig Farben über Silberfolie auf Karton. Im Gästebuch der Werkstatt Dietz schreibt Hundertwasser: "Mit dem Seidendruck betrete ich ein Paradies, was der Malerpinsel nicht mehr erreicht."
Es gibt kein Inkan-System wie in Japan, keine Handwerkersiegel. Aber Hundertwasser steht immer wieder selbst in der Werkstatt, und die Überzeugung ist dieselbe: Herstellung wird nicht delegiert, sie wird geteilt.
Das Prinzip mit den auf 5 endenden Nummern ist keine Laune. Es ist Arithmetik: 5, 15, 25, 35 bis 3.000 ergibt exakt dreihundert Blätter, und diese dreihundert sind die einzigen mit Hundertwassers Handschrift.
Was wollte das Manifest vom 4. Juli 1958?
Im Sommer 1958 ist das Hundertwasserhaus noch fünfundzwanzig Jahre entfernt. Nana-Hyaku-Mizu ist noch nicht einmal gedacht. Aber am 4. Juli 1958 trägt Hundertwasser in der Abtei Seckau sein Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur vor.
Das Manifest argumentiert gegen die gerade Linie als Werkzeug der Effizienz. In der Natur gibt es sie kaum: jedes Blatt an einem Baum wächst anders, jede Welle auf dem Wasser hat eine andere Form. Die gerade Linie ist das Werkzeug des Rationalen, nicht des Lebendigen. Hundertwasser formuliert das 1958 als Architektur-Kritik. Das Hundertwasserhaus, erbaut zwischen 1983 und 1985, ist die gebaute Antwort: gewellte Böden, begrünte Dächer, keine zwei Fenster identisch.
Die variable Edition ist dieselbe Logik, auf Papier. Kein Objekt darf dem anderen gleichen, weil Gleichheit in der Natur nicht vorgesehen ist. Was 1951 mit hundert Exemplaren eines Rotaprint-Portfolios beginnt und 1971 in Lengmoos mit Glasstaub und Metallprägungen weitergeht, landet 1983 in Spinea bei 10.002 Blättern, die alle verschieden sein sollen.
Was passiert in Spinea, an einem Tisch voller Blätter?
Spinea bei Venedig, 1982 bis 1983. Das Werk heißt "10.002 Nights" (HWG 83), publiziert 1984.
Zum Vergleich: Das Plakat für die Olympischen Spiele München 1972 (HWG 54, entstanden 1971), hergestellt in Lengmoos bei Dietz, kombiniert Siebdruck in einundzwanzig Farben mit fünf Metallprägungen und elektrostatischer Applikation von Filzfaser auf Schoellers-Parole-Papier. Filzfaser, elektrostatisch auf Papier gepresst: das ist die extremste Materialtechnik im gesamten Werkverzeichnis. Aber als Originalgrafik erscheint das Olympia-Plakat in zweihundert signierten Exemplaren; die unsignierte Posterfassung kam auf 3.999. 10.002 Nights macht die Auflage selbst zur Aussage.
Das ist nicht technisches Können, das ist das Manifest von 1958, umgesetzt in eine Druckauflage. Die Signierung allein dauert 18 Tage. Die Zahl 10.002 ist kein Druckfehler und kein Marketing. Sie ist das Programm: mehr Blätter als irgendein Käufer je zusammenträgt, und trotzdem kein einziges gleich. 10.002 Nights ist die vollständigste Umsetzung des Programms, das 1958 in Seckau als Manifest begann.
Wie wurde aus den Papierarbeiten ein eigenes Werkverzeichnis?
1975 beginnt eine Wanderausstellung mit Hundertwassers grafischen Arbeiten zu reisen. Sie läuft bis 1992. Siebzehn Jahre, fünfzehn Länder, mehr als achtzig Museen und Galerien. Das ist, gemessen an ihrem Thema, eine ungewöhnliche Laufzeit.
Walter Koschatzky veröffentlicht 1986 das Werkverzeichnis "Das vollständige druckgraphische Werk 1951–1986". Die Stiftungs-Website listet heute 147 Werke der Originalgraphik.
Dass eine Ausstellung mit Papierarbeiten fast zwei Jahrzehnte läuft, während die Gemälde fest in Museen und Sammlungen hängen, sagt etwas über den Status des Werks: es wurde als eigenständig wahrgenommen, nicht als Beiwerk zur Malerei.
Das Haus bleibt. Die Blätter reisen.
Das Hundertwasserhaus in der Kegelgasse steht noch. Die Bewohner kommen und gehen. Die Fassade, die Bäume aus den Fenstern, die gewellten Böden: die bleiben wo sie sind.
Die 10.002 Blätter von "10.002 Nights" sind verteilt. Jedes in einem anderen Haus, bei einem anderen Besitzer, in einem anderen Land. Kein Blatt gleicht dem anderen, weil Gleichheit in der Natur nicht vorgesehen ist.
Das Haus lässt sich nicht verschieben. Ein Blatt schon.
Hundertwasser kam nach Spinea, weil er 1958 ein Manifest gehalten, 1951 ein Blatt für einen Schilling verkauft und 1961 nach Tokio gegangen war.
Ob alle 10.002 Blätter wirklich verschieden aussehen, weiß nur, wer zwei nebeneinanderlegt.
Die Druckgrafik als Gattung existiert seit dem 15. Jahrhundert. Hundertwasser hat ihr im 20. Jahrhundert eine Frage hinzugefügt, die das Werkverzeichnis als eigenständiges Programm ausweist: Was passiert, wenn eine Auflage von 10.002 kein einziges identisches Blatt enthalten soll?
Quellen und weiterführende Literatur
- Walter Koschatzky, Hundertwasser: Das vollständige druckgraphische Werk 1951–1986
- Hundertwasser Stiftung, Werkverzeichnis Originalgraphik
- Franz Winzinger, Begleittext zum Nana-Hyaku-Mizu-Portfolio (1973)
- Schwäbische Zeitung, Ausstellungsbericht Kunstforum Lindau über die Werkstatt Dietz
Zuletzt aktualisiert am 15.09.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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FAQ
Was sind Hundertwassers bekannteste Werke in der Druckgrafik?
Die Regentag-Mappe "Look at it on a Rainy Day" (1971/72, Werkverzeichnis 44 bis 53) mit reflektierenden Glasstaubauflagen, das Japan-Portfolio Nana-Hyaku-Mizu (1973, 7 Holzschnitte, Auflage 200) und "10.002 Nights" (HWG 83, 1983/84) mit einer Auflage von 10.002 Exemplaren, von denen kein einziges dem anderen gleichen soll. Das Werkverzeichnis erschien 1986 bei Walter Koschatzky; die Stiftungs-Website listet heute 147 Werke der Originalgraphik.
Was bedeutet die variable Edition bei Hundertwasser?
Hundertwasser ließ jedes Blatt einer Auflage farbig und gestalterisch leicht verschieden gestalten. Das Ziel: kein Exemplar identisch mit einem anderen. Was beim Hundertwasserhaus die unterschiedlichen Fensterformen sind, ist in der Druckgrafik die variable Einfärbung und Ausführung jedes einzelnen Blatts.
Wie kann man Hundertwasser-Drucke kaufen?
Originale Drucke von Hundertwasser werden auf dem Sekundärmarkt gehandelt, etwa bei Dorotheum, Bonhams, Bukowskis und anderen Auktionshäusern. Studio Sonsu führt Hundertwasser nicht im Sortiment. Wer originale Druckgrafik erwerben möchte, findet im Sortiment Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern, die in ähnlichen Techniken arbeiten.
Welche Drucktechniken hat Hundertwasser verwendet?
Das Spektrum reicht von frühen Rotaprint-Arbeiten (1951) über japanische Farbholzschnitte (ab 1961, die ersten Blätter aus der Werkstatt von Toyohisa Adachi) bis zu komplexen Verbundtechniken: Siebdruck in bis zu zweiundzwanzig Farben, Fotolithografie auf Zink, Metallprägungen und ungewöhnliche Materialien wie reflektierende Glasstaubauflagen und elektrostatisch applizierte Filzfaser.
Warum sind Hundertwassers Grafiken so teuer?
Zwei Faktoren: die Nachfrage nach einem international bekannten Namen und die konstruierte Knappheit durch begrenzte Auflagen. Das Rotaprint-Portfolio von 1951, ursprünglich für einen Schilling pro Blatt verkauft, erzielte 2010 bei Dorotheum einen Auktionspreis von EUR 8.750. Hundertwasser selbst hatte immer günstige Kunst für alle als Programm formuliert. Der Markt hat darauf seine eigene Antwort gegeben.
Was ist das Verschimmelungsmanifest?
Das Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur trug Hundertwasser am 4. Juli 1958 in der Abtei Seckau vor. Es kritisiert die gerade Linie als Werkzeug der Effizienz, die in der Natur kaum vorkommt. Das Manifest ist die theoretische Grundlage für das Hundertwasserhaus genauso wie für die variable Edition in der Druckgrafik.