Friedensreich Hundertwasser
Hundertwassers Druckgrafik löst ein Paradox: serielle Produktion und absolute Individualität gleichzeitig. Er druckte Auflagen von bis zu 10.002 Exemplaren und bestand darauf, dass kein einziges dem anderen gleicht. Seit den frühen 1950er-Jahren entstanden Lithografien, Radierungen, Siebdrucke und japanische Farbholzschnitte, über 140 Werke insgesamt. Die Druckgrafik war sein eigentliches Labor.
Venedig, 1984. Hundertwasser sitzt täglich an einem langen Tisch in einem separaten Raum. Vor ihm liegen 50 Blätter in Reihen, fünf mal zehn. Er signiert jedes einzelne mit selbst hergestellter Tinte aus dem Ruß seines Ofenrohrs. Dann kommt der nächste Stapel. 18 Tage lang wiederholt sich das. Insgesamt 10.002 Mal.
Das Werk heißt "10002 Nights". Es ist eine Farbfotolithografie kombiniert mit Farbsiebdruck und drei Metallprägungen auf Fabriano-Papier. Wer die Auflage von 10.002 Exemplaren für einen Druckfehler hält, irrt. Sie ist Programm.
Friedensreich Hundertwasser (1928–2000) ist vor allem als Maler und Architekt bekannt. Das Hundertwasserhaus in Wien kennt fast jeder: die bunt gefleckten Fassaden, die Bäume, die aus den Fenstern wachsen, die gewellten Böden. Als Grafiker tritt er dahinter zurück. Betrachtest du sein Werk aus dieser Perspektive, verschiebt sich das Bild. Nicht die Gemälde sind das radikale Experiment, sondern die Auflagen.
Was macht Hundertwassers Druckgrafik zu einem Unikat?
Hundertwasser betrachtete jedes Blatt einer Edition als eigenständiges Werk. Er variierte Farben, Materialien und Hintergründe bewusst zwischen den Exemplaren einer Auflage. Ziel war, entsprechend der Vielfalt in der Natur keine zwei identischen Drucke herzustellen.
Die meisten Druckgrafiker streben das Gegenteil an. Eine Auflage von 50 soll 50 identische Blätter ergeben. Das ist das Prinzip der Drucktechnik: Reproduzierbarkeit. Hundertwasser kehrt es um.
Im Regentag-Portfolio von 1971/72 wird das am deutlichsten. Zwei Jahre lang lebte Hundertwasser bei Günter Dietz in dessen Offizin in Lengmoos, Oberbayern. Er war dort nicht als Auftraggeber, der Anweisungen telefonisch durchgibt. Er war Mitarbeiter im Druckprozess. Die zehn Siebdrucke des Portfolios wurden mit mehr als 20 Siebdurchgängen gedruckt. Die Hintergründe variieren von Exemplar zu Exemplar.
Die Materialbandbreite dieser Serie ist bis heute ungewöhnlich. Zwei der zehn Blätter enthalten eine reflektierende Schicht aus Glasstaub, demselben Material das für Straßenverkehrszeichen verwendet wird: Sie reflektieren einfallendes Licht zurück zur Quelle. Andere Blätter nutzen phosphoreszente Farben, die im Dunkeln nachleuchten. Andere Blätter der Serie verwenden phosphoreszente Farben und Metallprägungen auf verschiedenen Substraten.
Jede der 3.000 Ausgaben wurde in einer handgefertigten Holzbox aus grauem gebeiztem Holz mit Heißstempeln und sieben roten Metallprägungen geliefert. Hundertwasser signierte die Box rückseitig in weißer Kreide und nummerierte sie in violetter Kreide. Wer die Box kauft, kauft ein Unikat. Nicht nur den Druck darin.
Im Gästebuch der Dietz-Werkstatt hat Hundertwasser festgehalten: "Mit dem Seidendruck betrete ich ein Paradies, was der Malpinsel nicht mehr erreicht."
Was er meinte, zeigt das Werk "Testament in Gelb" aus demselben Zeitraum besonders klar. Ein Hundertwasser Siebdruck aus der Dietz-Phase: 22 Farben über Silberfolie auf Karton, Auflage 475, verlegt bei Schünemann Verlag Bremen. Für ihn war der Siebdruck eine Technik für etwas, das kein Siebdruck eigentlich leisten soll: das Unikat, mitten in der Auflage.
22 Farben über Silberfolie ist Siebdruck an einer Grenze, an der die meisten Druckereien aufhören.
Wie funktionierte Hundertwassers Japan-Arbeit?
Im August 1961 arbeitete Hundertwasser erstmals mit dem Adachi-Kobo-Workshop in Tokyo zusammen. Er bezeichnete sich selbst, nach eigenem Bekunden, als ersten westlichen Künstler, dessen Werke von japanischen Meistern geschnitten und gedruckt wurden (unabhängige Belege für diese Behauptung fehlen). Bis zu seinem Tod entstanden dort Farbholzschnitte die in ihrer Entstehungsgeschichte einmalig sind.
Den Weg dorthin hat Hundertwasser selbst als äußerst schwierig beschrieben. Traditionelle japanische Holzschnittmeister arbeiteten seit Generationen nach eigenen Vorlagen und eigenen Bildtraditionen. Einen europäischen Maler zu überzeugen, ihnen seine Entwürfe zu geben, die sie dann nach ihrer Handwerkslogik interpretierten, das war keine Selbstverständlichkeit.
Wer ein Hundertwasser-Kunstwerk aus den japanischen Portfolios besitzt, hält das Ergebnis eines Prozesses in der Hand, der sich über Jahre erstreckte. Hundertwasser produzierte im Schnitt einen Holzschnitt pro Jahr. Probedrucke wurden mit handschriftlichen Korrekturanmerkungen zwischen Japan und Europa hin- und hergeschickt. Farben wurden kommentiert, Flächen neu definiert, ganze Partien überarbeitet. Jeder Probedruckversand bedeutete Wochen Wartezeit, bis der nächste Entwurf zurückkam.
Für das Nana-Hyaku-Mizu-Portfolio beschreibt der Kunsthistoriker Franz Winzinger im Portfoliobegleittext sieben Jahre intensiver Arbeit in unzähligen Prozessen. Es ist eine Zusammenarbeit, die nur funktioniert, wenn beide Seiten sich auf etwas einlassen, das es so noch nicht gab: ein europäischer Bildinhalt in den Händen japanischer Handwerksmeister, die nicht einfach ausführen, sondern interpretieren.
Das Nana-Hyaku-Mizu-Portfolio entstand zwischen 1966 und 1972 in japanischen Werkstätten und erschien 1973 in einer Auflage von 200 Exemplaren, mit sieben Farbholzschnitten. 200 Exemplare weltweit. Nicht für einen Massenmarkt gedacht.
Die beteiligten Handwerker sind namentlich auf jedem Blatt verzeichnet, mit Namen und Siegel (Inkan). Holzschneider Hideo Maruyama aus Kyoto, Drucker T. Matsuoka aus Kyoto, Golddrucker M. Uchikawa aus Tokyo. Das Inkan-System, das japanische Siegel das die Authentizität einer Handwerkerleistung bestätigt, ist in der westlichen Druckgrafik-Tradition ohne Parallele. Für Sammler bedeutet es: Die Urheberschaft dieses Blatts ist nicht nur durch Signatur belegt, sondern durch ein System persönlicher Siegelverantwortung, das seit Jahrhunderten in Japan gilt. Hundertwasser markierte zusätzlich mit farbigen Punkten, welche Partien von welchen Handwerkern stammten.
Die Farbholzschnitte entstanden mit bis zu 20 Farbblöcken, die in bis zu 34 Druckgängen verwendet wurden. Die Differenz erklärt sich vermutlich dadurch, dass manche Blöcke mehrfach, mit verschiedenen Farben, eingesetzt wurden. Das ist Ukiyo-e-Tradition mit westlichem Bildinhalt und ein Holzschnitt der diese Grenze überschreitet.
Was umfasst Hundertwassers grafisches Gesamtwerk?
Das Werkverzeichnis von Koschatzky (1986) erfasste 91 Arbeiten in sieben Kategorien: 13 Lithografien, 26 Serigrafien, 24 japanische Farbholzschnitte, 12 Radierungen, 11 Rotaprints, 4 Mischtechnik-Editionen und 1 Linolschnitt. Die aktuelle Website der Hundertwasser-Stiftung listet 147 Werke, die Differenz erklärt sich durch Ergänzungen nach 1986.
Diese Bandbreite ist für einen einzelnen Künstler ungewöhnlich. Viele Grafiker arbeiten ihr ganzes Leben in einer Technik. Hundertwassers Druckgrafik umfasst dagegen das gesamte Spektrum, vom frühen Experimentaldruck bis zum hochkomplexen japanischen Farbholzschnitt. Der Grund liegt nicht in Rastlosigkeit, sondern in der Überzeugung, dass jede Technik eigene Möglichkeiten öffnet. Keine davon war die einzig richtige.
Rotaprint war das Arbeitspferd des frühen Offsetdrucks, eine halb-industrielle Technik, die eigentlich für Bürobedarf gedacht war. Mit 11 Rotaprints im Werkverzeichnis zeigen diese frühen Arbeiten einen Hundertwasser, der die Technik noch austestet. Die Lithografien kamen danach, das Handwerk des 19. Jahrhunderts, mit dem er an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig arbeitete. "Mädchenfund im Gras" (1964) ist eine Farbradierung mit Offsetdruck, Auflage 300 plus 50 Künstlerexemplare. Mit 36 Jahren macht er Radierungen an einer Kunsthochschule. Mit 43 zieht er zu seinem Drucker nach Oberbayern, weil ein Telefongespräch nicht ausreicht.
Dass Hundertwassers grafisches Werk 17 Jahre lang durch 15 Länder und über 80 Museen wanderte, ist für eine Druckgrafik-Ausstellung außergewöhnlich. Die meisten Druckgrafikschauen laufen in drei Städten, bleiben in einem Land, enden nach einem Jahr. Diese lief von 1975 bis 1992, fast zwei Jahrzehnte. Was das bedeutet: Die Werke wurden nicht als Beiwerk zur Malerei gezeigt, sondern als eigenständige Kunstform, die weltweit ausgestellt werden konnte. Druckgrafik als vollwertige Gattung, nicht als Reproduktionsmasse.
Hundertwasser zeigt dabei einen entscheidenden Punkt: Ein Originaldruck unterscheidet sich vom Kunstdruck nicht durch ein Zertifikat, sondern durch die Entscheidungen des Künstlers im Material selbst.
Wie hängen Verschimmelungsmanifest und Druckgrafik zusammen?
Am 4. Juli 1958 hielt Hundertwasser in der Abtei Seckau das "Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur". Er sprach über Linien, die der Natur gehören, und über Geraden, die er für inhuman hielt. Dieselbe Logik steckt in jedem seiner Drucke.
Das Manifest richtet sich gegen die gerade Linie als Dogma der Moderne. Hundertwasser argumentierte, dass die gerade Linie ein Werkzeug der Effizienz ist, nicht des Lebens. In der Natur gibt es sie kaum. Jedes Blatt an einem Baum ist anders, jede Welle anders geformt, jeder Stein anders abgerundet. Architektur die diese Vielfalt ignoriert, ignoriert den Menschen. Das Hundertwasserhaus in Wien, eröffnet 1986, ist die bekannteste Umsetzung dieser Überzeugung: gewellte Böden, begrünte Dächer, keine zwei identischen Fenster.
Die unregelmäßige Fassade, die er für die Architektur forderte, ist in der Grafik die variable Edition. Keine zwei Exemplare identisch, weil keine zwei Blätter in der Natur identisch sind. Diese Parallele ist keine spätere Umdeutung. Hundertwasser hat sie selbst hergestellt, in jeder Produktionsentscheidung, die er in der Druckwerkstatt getroffen hat.
Bei Günter Dietz in Lengmoos war die Materialwahl nicht Lieferantensache, sie war Aussage. Phosphoreszente Farben, reflektierender Glasstaub, Metallprägungen. Hundertwasser brachte diese Materialien selbst mit, weil sie seiner Überzeugung entsprachen, dass ein Druck nicht klingen soll wie ein Druck. Das Manifest ist kein Begleittext zur Druckgrafik. Es ist ihre Erklärung.
Das erklärt auch, warum die Holzbox des Regentag-Portfolios in weißer und violetter Kreide signiert ist. Eine Stempel-Signatur wäre schneller gegangen und hätte dasselbe beglaubigt. Er wollte sie nicht. In der Varianz der Kreideführung, im leicht abweichenden Druck jeder signierten Ecke, steckt dieselbe Handschrift wie im Manifest: kein Objekt darf dem anderen gleichen, weil Gleichheit in der Natur nicht vorgesehen ist.
Hundertwassers Überzeugung, dass kein Objekt dem anderen gleichen darf, macht seine Druckgrafik zu einem Sonderfall in der Kunstgeschichte: nicht die Technik war das Ziel, sondern die Varianz.
Häufige Fragen zu Hundertwasser
Wie viele Grafiken hat Hundertwasser insgesamt gemacht?
Das Werkverzeichnis von Koschatzky (1986) erfasste 91 Arbeiten in sieben Kategorien. Die Stiftungs-Website listet heute 147 Werke. Die Differenz erklärt sich durch Nachträge und posthume Ergänzungen. Die Aufschlüsselung nach Technik steht im Abschnitt zum grafischen Gesamtwerk oben.
Was ist das Besondere an den Regentag-Siebdrucken?
Das Regentag-Portfolio (1971/72) besteht aus zehn Siebdrucken mit mehr als 20 Siebdurchgängen. Zwei Blätter enthalten retroreflektiven Glasstaub aus Straßenverkehrszeichen, andere nutzen phosphoreszente Farben die im Dunkeln nachleuchten. Jedes der 3.000 Portfolios wurde in einer handgefertigten, signierten Holzbox geliefert. Die Auflage variiert bei manchen Blättern in Material und Hintergrundfarbe.
Sind Hundertwasser-Grafiken urheberrechtlich geschützt?
Ja. Hundertwasser starb im Jahr 2000. Nach EU-Urheberrecht sind Werke 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers gemeinfrei, was für Hundertwasser 2071 wäre. Die Rechte verwaltet in Deutschland die VG Bild-Kunst; Rechteinhaberin ist die Hundertwasser Stiftung (Namida AG / KunstHausWien).
Wann begann Hundertwasser die Zusammenarbeit mit japanischen Werkstätten?
Im August 1961 arbeitete er erstmals mit dem Adachi-Kobo-Workshop in Tokyo zusammen. Die produktivste Phase der japanischen Holzschnitte lag zwischen 1966 und 1978. Das Nana-Hyaku-Mizu-Portfolio erschien 1973 in einer Auflage von 200 Exemplaren weltweit.
Warum unterscheiden sich Exemplare einer Hundertwasser-Auflage voneinander?
Das war Absicht. Hundertwasser variierte Farben, Papiere und Materialien zwischen den Exemplaren einer Auflage. Für Sammler hat das eine konkrete Konsequenz: Zwei Exemplare desselben Titels können sich im Erscheinungsbild deutlich unterscheiden. Das ist kein Qualitätsmangel, sondern der dokumentierte Herstellungsvorsatz. Beim Kauf lohnt es sich deshalb, das konkrete Exemplar zu sehen, nicht nur den Titel.
Quellen und weiterführende Literatur
- Walter Koschatzky, Friedensreich Hundertwasser: The Complete Graphic Work 1951-1986, Rizzoli 1986
- Hundertwasser Stiftung, Originalgraphik-Werkverzeichnis
- Franz Winzinger, Portfoliobegleittext Nana Hyaku Mizu, 1973
- Andrea Christa Fürst, Sieben Hundertwasser in einer Mappe, Hypotheses 2019
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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