Inga Eicaite
Inga Eicaite ist eine zeitgenössische Druckgrafikerin mit Praxis zwischen London und Vilnius. Die bisherigen Arbeiten umfassen Intaglio, Mokuhanga und Relief auf handgeschöpftem Washi und Hanji. Das Papier ist dabei aktives Material der Bildentstehung: Es formt das Bild mit, bei Intaglio wie bei Mokuhanga.
Zwei geschnitzte Holzblöcke auf dem Tisch. Einer rechteckig, eine Baumsilhouette in den Schnitt gearbeitet. Der andere rund, ein Baum-Mond-Motiv. Daneben ein Baren aus Bambusmaterial und eine Schüssel mit Paste. Das ist kein Stillleben. Das sind die Werkzeuge für die nächste Stunde.
Eicaites Praxis verbindet Intaglio und Mokuhanga als zusammenhängendes Verfahren. Der Bogen geht von zarten Kupferplatten-Linien bis zu wassergebundenen Pigmenten auf japanischem Papier. Bei Mokuhanga zieht das Pigment in die Washi-Fasern ein, anstatt aufzuliegen; bei Intaglio auf Washi gibt das Papier unter Pressdruck feiner nach als schweres westliches Druckpapier. In den vorliegenden Editionen dominiert Schwarzweiß, eine bewusste Entscheidung, um Kontrast zwischen Licht und Schatten, Form und leerer Fläche in den Vordergrund zu stellen.
2024 gewann Eicaite zwei Preise bei der RE International, der Jahresausstellung der Royal Society of Painter-Printmakers in der Londoner Bankside Gallery. Im selben Jahr zeigte die Royal Academy zwei ihrer Arbeiten in der Summer Exhibition.
Wie verbindet Inga Eicaite Intaglio und Mokuhanga?
Intaglio und Mokuhanga kommen aus verschiedenen Welten. Die eine Technik drückt Farbe aus eingeritzten Vertiefungen auf feuchtes Papier, unter hohem Pressdruck. Die andere legt wassergebundenes Pigment auf einen Holzblock und überträgt es durch kreisende Reibbewegungen mit einem Baren.
Im Inneren des Barens sitzt eine Spirale aus gedrehtem Shirodake-Bambus. Die Knoten in der Kordel sind die eigentlichen Druckpunkte. Die Kordel ist spiralförmig auf eine Papierscheibe (Ategawa) genäht und in ein feuchtes Bambusblatt (Takenokawa) gewickelt. Das Pigment wird in Wasser gelöst und mit Nori-Reisstärkepaste gemischt. Beim Kontakt zieht die Farbe in die Papierfasern ein, anstatt aufzuliegen.
Für Intaglio auf Washi gilt eine verwandte Logik. Beim Tiefdruck hinterlässt die Druckplatte unter Pressdruck einen sichtbaren und tastbaren Abdruck im Papier, den sogenannten Plattenrand oder Platemark. Auf Washi verläuft dieser Abdruck weicher als auf schwerem westlichen Druckpapier. Das Bild bekommt weniger harte Kanten, geht eher in die Fläche über. Bei beiden Techniken bestimmt das Papier das Ergebnis mit.
Die TTT-Serie macht das sichtbar. Die geschnitzten Blöcke werden im klassischen Mokuhanga-Verfahren gedruckt, verwandt mit den traditionellen japanischen Holzschnitt-Techniken. Die Kiefernsilhouetten erscheinen mit einem leichten Schimmer an den Rändern. Die Pigmentierung ist nicht gleichmäßig und nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis von Papier, das atmet: Die Fasern nehmen Farbe unterschiedlich tief an, je nach Feuchtigkeitsgrad und Faserverlauf. In der Fläche sieht man den Effekt: leichte Tonwert-Unterschiede, die kein Drucker steuern kann und kein Scanner reproduziert.
Was zeigen die Werke der B_-Serie?
B_ steht für Balance. Die Formaufgabe: Kurvenformen, die gegeneinander gewichtet sind, dazwischen Fläche, die genauso viel Gewicht hat wie die Linien selbst.
Intaglio macht genau das möglich. Die Nadel arbeitet sich in die Kupferplatte, hinterlässt eine Vertiefung, die Farbe hält sich darin. Auf dem Papier erscheint die Linie mit einer Kantenschärfe, die kein anderes Verfahren exakt repliziert. Bei fein geätzten Bögen tritt dieser Effekt besonders klar auf. Die Linie sitzt im Papier.
"There's a fragile beautiful balance on the line, dark and light that is constantly shifting and again repeating itself."
Inga Eicaite
Werk B_o7.8 verbindet Intaglio mit Chine-collé. Dabei wird dünnes Papier, oft Reispapier oder gefärbtes Seidenpapier, in einem einzigen Pressdurchgang gleichzeitig gedruckt und auf das Trägerpapier geklebt. Die Rückseite des dünnen Papiers erhält Paste, es liegt auf der eingefärbten Platte, das Trägerpapier kommt von oben. Beim Passieren der Presse verbinden sich Klebung und Druck in einem Moment.
Das Papier ist eingebettet, der Druck liegt auf seiner Oberfläche. Auch das ist ein Material, das mitarbeitet, in serie-typisch reduzierter Form. Technisch gehört Chine-collé zum Bereich Radierung und Intaglio, weil der Klebeschritt auf den Tiefdruck-Pressdurchgang angewiesen ist. Eicaites B_o7.8 erscheint in einer Auflage von zehn. Die Frage, was einen Originaldruck vom Kunstdruck unterscheidet, beantwortet sich hier über den Prozess: Jeder Druck durchläuft die Presse einzeln.
Was bedeutet der RE International Doppelpreis 2024?
Eicaite gewann den Printmaking Today Prize und den Ironbridge Fine Arts Prize. Zwei Preise in einem Jahr, von derselben Jury, bei 15 vergebenen Auszeichnungen: Das ist eine Aussage über die Qualität der eingereichten Arbeit. Im selben Jahr zeigte die Royal Academy of Arts in der Summer Exhibition ihre Werke B_o3 und B_o4.
Die Bankside Gallery in London ist der Ausstellungsort der Royal Society of Painter-Printmakers. Die RE International ist die Jahresausstellung der RE, auf der ausschließlich originale Druckgrafik gezeigt wird. Die Ausgabe 2024 lief vom 7. bis 17. November und vergab 15 benannte Einzelpreise, bewertet von einer fünfköpfigen Fachjury.
Unter den Jurymitgliedern war Gill Saunders, die ab 1979 am Victoria and Albert Museum tätig war und dort als Senior Curator of Prints arbeitete.
Wie ist Inga Eicaite im Londoner Druckgrafik-Netzwerk eingebunden?
East London Printmakers (ELP) ist eine gemeinnützige Community Interest Company mit Sitz in Mile End, gegründet 1998 und seit 2018 als CIC eingetragen. Als CIC ist ELP einer Gemeinnützigkeitspflicht verpflichtet: Das Kapital bleibt im Betrieb, Gewinne werden nicht ausgeschüttet. Das Ziel ist ausdrücklich der Zugang zur Infrastruktur für Druckgrafikerinnen und Druckgrafiker.
Das Studio hat 47 Keyholder-Mitglieder mit 24-Stunden-Zugang zu Pressen und über 200 assoziierte Mitglieder. Zur Ausstattung gehören Rochat- und Columbian-Pressen für Relief sowie vier Intaglio-Pressen.
Vier spezialisierte Intaglio-Pressen plus historische Reliefpressen: Equipment, Platz und Wartung dieser Art binden Kapital, das privat kaum jemand aufbringt. Als Keyholder hat man rund um die Uhr Zugang zu professionellem Equipment. Inga Eicaites Druckgrafik baut auf dieser Infrastruktur auf. Sie gestaltet sie auch mit: Eicaite ist im Board of Directors von ELP gelistet, was Entscheidungsverantwortung für Programmgestaltung und Betrieb dieser Institution bedeutet.
2024 nahm sie laut Angaben ihrer Website an MI-LAB teil, einem 35-tägigen Artist-in-Residence-Programm in Echizen, Fukui, Japan. Das Programm verbindet wasserbasierte Holzschnitt-Techniken mit direktem Zugang zu lokalen Washi-Papiermacherei-Workshops. Im Jahrgang 2024 nahmen 28 Druckgrafikerinnen und Druckgrafiker aus über einem Dutzend Ländern teil, darunter Litauen.
Echizen gilt als eine der ältesten Washi-Regionen Japans. Für eine Druckgrafikerin, deren Praxis auf Washi aufbaut, ist ein Aufenthalt dort Materialforschung am Ausgangspunkt: Washi aus Echizen zu verstehen heißt verstehen, was das Papier kann, bevor es unter die Presse kommt.
FAQ
Was sind Intaglio und Mokuhanga?
Intaglio ist der Oberbegriff für alle Tiefdruckverfahren, bei denen die Druckfarbe in Vertiefungen der Druckplatte sitzt, nicht auf der Oberfläche. Dazu gehören Radierung, Kaltnadel, Kupferstich und Aquatinta. Mokuhanga ist die japanische Holzschnitttechnik, bei der wasserbasierte Pigmente mit einem Baren auf Papier übertragen werden. Beide Verfahren arbeiten mit Druck und Papier, aber die Mechanik dahinter ist grundverschieden: Intaglio drückt Farbe aus vertieften Platten, Mokuhanga reibt sie von der Blockoberfläche ab.
Warum verwendet Inga Eicaite Washi und Hanji statt normalem Druckpapier?
Washi und Hanji reagieren auf Feuchtigkeit und Druck anders als maschinenhergestelltes Papier. Bei Mokuhanga zieht das Pigment in die Fasern ein, anstatt aufzuliegen. Bei Intaglio gibt das Papier unter Pressdruck feiner nach. Das ELP-Profil beschreibt es so: das Papier bringt "subtlety in the work". Diese Subtilität ist nicht dekorativ, sie ist strukturell.
Welche Auszeichnungen hat Inga Eicaite erhalten?
2024 gewann sie auf der RE International in der Bankside Gallery den Printmaking Today Prize und den Ironbridge Fine Arts Prize, zwei der insgesamt 15 Einzelpreise der Ausstellung. Im selben Jahr zeigte die Royal Academy of Arts in der Summer Exhibition ihre Werke B_o3 und B_o4.
Was ist die B_-Serie?
B_ steht für Balance. Die Serie umfasst Intaglio-Arbeiten mit reduzierten Kurvenformen, die in einem Gleichgewicht aus hellen und dunklen Flächen stehen. Manche Werke der Serie, wie B_o7.8, kombinieren Intaglio mit Chine-collé: dünne Papierschichten werden in einem einzigen Pressdurchgang gleichzeitig gedruckt und auf das Trägerpapier geklebt. Das Papier wird zum Bestandteil des fertigen Drucks.
Was ist Chine-collé?
Chine-collé ist eine Mischtechnik aus Tiefdruck und Papiercollagen. Ein dünnes Papier wird mit Paste auf der Rückseite bestrichen, auf die eingefärbte Druckplatte gelegt. Beim Pressdurchgang verbinden sich Druck und Klebung gleichzeitig. Das dünne Papier ist dauerhaft in den Träger eingebettet, der Druck liegt auf seiner Oberfläche. Das ermöglicht feinere Detailwiedergabe als auf schwerem Druckpapier allein.
Quellen und weiterführende Literatur
- East London Printmakers, Künstlerprofil Inga Eicaite
- Royal Society of Painter-Printmakers, RE International Original Print Exhibition 2024
- Victoria and Albert Museum, Print Collection
- MI-LAB Mokuhanga Innovation Laboratory, Echizen (Japan)
- Bankside Gallery, Ausstellungsarchiv 2024
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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