Horst Janssen
Horst Janssen (1929–1995) war Radierer, Zeichner und Schriftillustrator aus Hamburg. Sein grafisches Gesamtwerk umfasst rund 4.000 Blätter, darunter 896 Radierungen in 47 thematischen Zyklen, die er über mehr als zwei Jahrzehnte mit einem Drucker erarbeitete: Hartmut Frielinghaus am Falkenried in Hamburg-Hoheluft-Ost, bis zu dessen Tod im selben Jahr.
Hamburg, 1982. Horst Janssen legt ein Pamphlet auf den Tisch. Titel: "Angeber Icks. Eine Quijoterie." Erschienen beim CC-Verlag Hamburg, von Janssen selbst signiert. Drin tauchen Andy Warhol und Joseph Beuys namentlich auf. Janssen bezeichnete sie darin als das Lächerlichste, was der Kunstbetrieb hervorgebracht habe. Dieser Moment erschließt das Werk präziser als jede Biografie.
1971, elf Jahre vor dem Pamphlet, hatte Janssen rund sechs Wochen lang täglich eine Kupferplatte geätzt. Am Ende standen 46 Radierungen: "Hokusais Spaziergang". Auflage 50, Christians Verlag Hamburg. Frielinghaus zog jeden Abzug selbst. Jemand anderes hätte das an seinen Drucker delegiert und das Studio selten betreten.
Wie wurde Janssen zum Radierer, und was hat das mit Hokusai zu tun?
Janssen stammte, zumindest was das Handwerk angeht, von Paul Wunderlich, der ihm 1957 das Radieren beibrachte. Er hatte ab 1946 an der Landeskunstschule Hamburg unter Alfred Mahlau studiert. Die Lithografie hatte er 1952 auf eigene Faust in einer Buntpapierfabrik in Aschaffenburg gelernt. Mit dem Holzschnitt arbeitete er zwischen 1956 und 1961, danach nie mehr. Die Radierung blieb.
Für Janssen war das Ritzen in Kupfer kein Handwerk, das man erledigt. Jede Platte war ein Stadium im Denken. Die Werkgruppen laufen nicht von A nach B; sie kreisen, kehren zurück. "Hokusais Spaziergang" ist nominell eine Hommage an den japanischen Meister, aber vor allem eine Janssen-Meditation über Linie, Tier, Figur und Raum, die Hokusai als Anlass nahm.
Parallel zu den Zyklen mit kleiner Auflage entstanden Blätter in größerer Verbreitung. Das "Selbstbildnis zur Griffelkunst" von 1971, gleichzeitig mit "Hokusais Spaziergang" entstanden, erschien in einer Auflage von 300 Exemplaren für die Griffelkunst-Vereinigung Hamburg-Langenhorn e.V.. Dieselbe Hand, dieselbe Nadel, zwei völlig verschiedene Reichweiten. Die Spanne zeigt Arbeitsdisziplin.
Allein 1972 katalogisiert das Frielinghaus-Jahrgangsverzeichnis, sieben Bände von 1970 bis 1980 beim Verlag Dornbusch/St. Gertrude Hamburg, über 160 datierbare Radierungen für dieses Jahr. Nicht "sehr produktiv", nicht "unermüdlich". Über 160 Radierungen in zwölf Monaten, mit einem Drucker.
Warum ist Frielinghaus Co-Autor?
Hartmut Frielinghaus betrieb seine Werkstatt in Hamburg. Die Zusammenarbeit mit Janssen begann 1969/70. Frielinghaus war kein Handwerker, der nach Anweisung druckte. Er differenzierte Abzüge durch Einfärben, durch die Wahl japanischer Papiere, durch Tief- und Negativdrucke. Janssen nannte ihn seinen "Zwilling" und bezeichnete die Beziehung als "Symbiose".
Janssen selbst hat darüber einen Satz hinterlassen, der keine Interpretation braucht: "Wenn es die Kunst des Frielinghaus nicht gäbe, gäbe es den Radierer Janssen nicht."
Frielinghaus druckte nicht exklusiv für Janssen. David Hockney, Jim Dine, Richard Hamilton arbeiteten alle mit ihm. Frielinghaus wusste genau, was er tat, wenn er eine Platte in die Presse legte. Bei Janssen war das Verhältnis dichter.
Nach Frielinghaus' Tod im Dezember 1995, drei Monate nach Janssens Tod am 31. August desselben Jahres, erwarb die Hamburger Kunsthalle 1997 den Nachlass: 2.380 Radierungen, 318 Zeichnungen und Aquarelle, 71 Holzschnitte, 199 Lithografien, 380 Bücher mit Vorzeichnungen. Dieser Bestand ist heute im Janssen-Kabinett der Hamburger Kunsthalle öffentlich zugänglich.
Welche Logik steckt hinter den 47 Radierzyklen?
Das Werkverzeichnis von Gäßler aus dem Jahr 1995 erfasst 896 Radierungen in 47 thematischen Zyklen, entstanden zwischen 1959 und 1993. 47 Zyklen in 34 Jahren heißt: Janssen arbeitete nie an einem einzigen Werk. Er arbeitete immer in Gruppen. Eine Platte gehörte zu einer anderen, die zu einer weiteren.
"Hanno's Tod" (1972) zeigt das exemplarisch. 23 Radierungen, Auflage 90, im Dezember 1972 gedruckt: nicht in Hamburg, sondern in der Pantheon Presse in Rom. Im Gäßler-Werkverzeichnis trägt der Zyklus die Nummern 22/1–23, im Frielinghaus-Jahrgangsverzeichnis die Nummern 1972/130–142, 144–146, 148–150, 152, 154–156. Dass Janssen den Zyklus in Rom drucken ließ, sagt: Die Kupferplatten reisten mit ihm. Das Atelier war überall, solange ein kompetenter Drucker da war.
Der Zyklus endet nicht mit dem letzten Blatt. Das Werkverzeichnis dokumentiert, wo Nummern fehlen (Lücken bei 1972/143, 147, 151, 153 usw.); das sind Verwerfungen im Arbeitsprozess, keine Nachlässigkeit. Bei Horst Janssens Druckgrafik, die so systematisch angelegt ist, wird auch die Auslassung lesbar.
Die Radierungen verbinden Aquatinta, Kaltnadel und klassische Ätzradierung. "Night Watch" (1958, der Titel verweist auf Rembrandts Nachtwache), das das MoMA heute in der Sammlung hält, kombiniert Radierung und Aquatinta auf einer Platte. "Tulp's Anatomy" (1959, nach Rembrandts Anatomielektion) hängt in der Tate London. Keine dieser Arbeiten entstand durch einen einmaligen Ätzvorgang; sie sind Schichtarbeiten, die den Zustand der Platte als Substanz behandeln.
Warum sind die Selbstporträts keine eigene Werkgruppe?
Die Selbstporträts bei Janssen sind keine abgegrenzte Werkgruppe. Janssen griff dazu, weil er immer verfügbar war. Der Spiegel war billiger als jedes Modell und präziser als jedes Foto. "Melancholy Self Portrait" von 1965, heute im MoMA, zeigt einen Blick, der nach innen gerichtet ist, ohne sentimentale Rahmung.
Das hat eine Tradition. Rembrandt nutzte den Spiegel über vier Jahrzehnte als Werkzeug der Selbstkalibrierung: Wie sieht ein Gesicht bei diesem Licht aus? Wie setzt Tinte das um? Janssen arbeitete in dieser Linie. Er schaute nicht in den Spiegel, um sich zu sehen. Er schaute, um zu ätzen.
Wer die Jahrgangsmappen durchblättert, findet Selbstporträtradierungen zwischen Landschafts-, Tier- und Textzyklen, nicht separiert in eine eigene Schublade. Das Gesicht war ein weiteres Motiv, mit dem er arbeitete.
Was sagt das Pamphlet "Angeber Icks" über das Werkverständnis?
1982 war das Pamphlet keine Laune. Es war die logische Konsequenz einer Arbeitsweise, die auf körperlicher Präsenz und auf einem bestimmten Verhältnis zur Platte beruhte. Andy Warhol hatte 1962 den Siebdruck als industriellen Vervielfältigungsprozess für seine Kunstproduktion übernommen. Warhol delegierte die Druckproduktion an Assistenten in der Factory. Das war das strukturelle Gegenteil von Janssens Werkstattmodell.
Janssen formulierte eine Systemkritik, kein Qualitätsurteil. Der Kunstmarkt, so der Grundton des Pamphlets, prämiert Sichtbarkeit und Reproduzierbarkeit. Ein Radierer, der 896 Platten in der Werkstatt eines Druckers ätzt, produziert das Gegenteil davon.
Das Pamphlet enthielt außerdem ein eingelegtes Lesezeichen mit einer handschriftlichen Entschuldigung an Beuys. Darin schrieb Janssen, nach näherer Beschäftigung müsse er sagen: "Der hat Kunst im Blut." Janssen konnte seine Meinung ändern, und er hat es mit dem Lesezeichen bewiesen.
Was kosten Horst-Janssen-Radierungen auf dem Sekundärmarkt?
Das Werkverzeichnis Gäßler (1995) ist das maßgebliche Bestimmungsinstrument für eine gut dokumentierte Horst-Janssen-Radierung. Ergänzend dazu existieren die sieben Frielinghaus-Jahrgangsbände von 1970 bis 1980, die präzise Werkverzeichnisnummern mit Auflage, Papier und Druckdatum verknüpfen. Ohne eines dieser Verzeichnisse ist eine Zuschreibung auf dem Sekundärmarkt schwierig.
Auf Auktionen erzielen gut dokumentierte Zyklen belastbare Ergebnisse. "Hanno's Tod" brachte bei Ketterer Kunst 2013 (Auktion 405, Lot 1197) 8.400 Euro. "Hokusais Spaziergang" wurde bei Van Ham 2022 mit 5.280 Euro gehandelt. Beide Preise beziehen sich auf vollständige Zyklen, nicht auf Einzelblätter. Die Preise geben Anhaltspunkte, nicht Marktdurchschnitte: Einzelne Zuschläge variieren stark nach Zustand, Provenienz und Zykluszugehörigkeit.
Die Unterscheidung zwischen Original und Kunstdruck hängt bei Janssen an der Werkverzeichnisnummer, nicht an der Signatur allein. Ergänzende Orientierung zu Plattenkante, Druckbild und Signatur gibt Originalgrafik erkennen.
Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg eröffnete im Jahr 2000 und ist heute die erste Anlaufstelle für den Sammlungskontext. Am Tag der Druckkunst, dem 15. März 2026, wurde die Frielinghaus-Presse dort aktiv betrieben. Die Frielinghaus-Presse steht in Oldenburg. Die Platten liegen in der Hamburger Kunsthalle.
Wo steht Janssen in der Geschichte der Druckgrafik?
Janssen wusste, woher er kam. Er kannte Rembrandt und Goya, er kannte die Geschichte der Druckgrafik als Medium, das Gedanken trägt, die die Malerei nicht trägt. Wer die Ahnenlinie der europäischen Druckgrafik im 20. Jahrhundert zeichnet, muss Janssen drin haben. Nicht weil er Preise bekam (Darmstädter Kunstpreis 1964, Großer Grafik-Preis der Venedig-Biennale 1968, zusammen mit Richard Oelze und Gustav Seitz), sondern weil seine Zyklen technisch und konzeptionell eine Antwort auf die Fragen sind, die das Medium stellte. Janssen teilte mit Goya die Zykluslogik und mit Rembrandt die Selbstporträt-Obsession; die Bindung an einen einzigen Drucker über mehr als zwei Jahrzehnte war in dieser Strenge sein eigenes Modell.
Die Druckgrafik des 20. Jahrhunderts lief in mehrere Richtungen gleichzeitig. Die Factory-Logik war eine davon, Janssens Werkstattlogik die andere. Den historischen Kontext, von Rembrandt über Goya bis Käthe Kollwitz, zeichnet die Reihe der berühmten Druckgrafiker nach.
FAQ zu Horst Janssen
Wann lebte Horst Janssen, und wo ist er geboren?
Horst Janssen wurde am 14. November 1929 in Hamburg-Wandsbek geboren und starb am 31. August 1995 in Hamburg. Er arbeitete sein gesamtes Berufsleben überwiegend in Hamburg und unterhielt dort die Werkstattbeziehung zu Hartmut Frielinghaus.
Was ist das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg?
Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg ist Janssens Werk gewidmet. Anders als das Janssen-Kabinett der Hamburger Kunsthalle, das den Frielinghaus-Nachlass mit Druckerbezug zeigt, dokumentiert Oldenburg das zeichnerische und malerische Gesamtwerk. Wer das vollständige Bild sucht, braucht beide Orte: Hamburg für die Drucktechnik, Oldenburg für die Bandbreite. Das Museum besitzt außerdem die originale Frielinghaus-Druckpresse aus der Werkstatt am Falkenried.
Was sind Horst Janssens wichtigste Werke und Zyklen?
Die 47 Radierzyklen im Werkverzeichnis Gäßler (1995) bilden den Kern der Horst-Janssen-Werke im Druckbereich. Bekannte Zyklen sind "Hokusais Spaziergang" (1971/72, 46 Radierungen), "Hanno's Tod" (1972, 23 Radierungen) und diverse Selbstbildnis-Serien. Institutionell gehalten werden u.a. "Night Watch" (1958) und "Melancholy Self Portrait" (1965) im MoMA sowie "Tulp's Anatomy" (1959) in der Tate London.
Was kostet eine Janssen-Radierung auf dem Sekundärmarkt?
Wer eine Janssen-Radierung kaufen will, sollte zwei Dinge mitbringen: die Werkverzeichnisnummer aus dem Gäßler-WVZ oder den Frielinghaus-Jahrgangsbänden, und im Idealfall eine Provenienz, die mindestens einen Zwischenbesitzer benennt. Fehlt die WVZ-Nummer, ist eine verlässliche Zuschreibung kaum möglich. Vollständige, belegte Zyklen wurden auf deutschen Auktionen zuletzt zwischen 5.000 und 9.000 Euro gehandelt; Einzelblätter ohne vollständige Dokumentation liegen deutlich darunter.
Was ist das Pamphlet "Angeber Icks"?
"Angeber Icks. Eine Quijoterie" erschien 1982 beim CC-Verlag Hamburg. Das Pamphlet ist deshalb für das Verständnis von Janssen wichtig, weil es den Bruch zwischen seiner Werkstattlogik und der damaligen Kunstmarktdynamik datiert und benennt. Warhol und Beuys stehen im Text namentlich als Antipoden: auf der einen Seite das industrialisierte Bild, auf der anderen die Platte, die man in der Hand hält. Das eingelegte Beuys-Lesezeichen mit der handschriftlichen Entschuldigung zeigt, dass Janssen diese Grenze nicht als absolut verstand, sondern als persönlich.
Quellen und weiterführende Literatur
- Hamburger Kunsthalle, Horst Janssen und sein Drucker Hartmut Frielinghaus (Ausstellung und Nachlass-Dokumentation)
- Kulturstiftung der Länder, Die Sammlung Hartmut Frielinghaus (Erwerbungsdokumentation 1997)
- Ewald Gäßler, Horst Janssen: Die Radierzyklen. Werkverzeichnis, 1995
- Horst-Janssen-Museum Oldenburg, Werk und Biografie (Dauerausstellung seit 2000)
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2026.
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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