Horst Janssen
Horst Janssen (1929–1995) gehört zu den bedeutendsten deutschen Druckgrafikern des 20. Jahrhunderts. Sein grafisches Gesamtwerk umfasst rund 4.000 Blätter, darunter 896 Radierungen in 47 thematischen Zyklen. Er gewann 1968 den Großen Grafik-Preis der Venedig-Biennale, sein Werk hängt im MoMA New York und in der Tate London. In Deutschland kennen ihn die wenigsten.
Am 19. Mai 1990 bricht der Balkon von Horst Janssens Hamburger Haus weg. Auf dem Balkon lagert er Salpetersäure für seine Radierungen. Die Säure läuft ihm beim Sturz über das Gesicht. Vorübergehende Blindheit, die mehrere Monate anhält. Was Janssen danach macht: Er schafft eine Grafikmappe über den Sturz und malt 100 Aquarelle.
Das sagt alles über diesen Künstler. Nicht die Biografie, nicht die Preise. Sondern dieser Reflex: Etwas passiert, er greift zur Platte.
Horst Janssen wurde am 14. November 1929 in Hamburg-Wandsbek geboren und starb am 31. August 1995 in Hamburg. Seine erste veröffentlichte Zeichnung erschien 1947 in der Zeit, er war damals 17 Jahre alt. Die Radierung lernte er erst 1957 kennen, von Paul Wunderlich. Was danach folgte, war kein Interesse an Druckgrafik. Es war eine Obsession.
Was macht Janssen so besonders als Radierer?
Janssen hat die Radierung nicht als Technik unter anderen betrieben. Er hat in ihr gedacht. 896 Radierungen in 47 thematischen Zyklen, entstanden zwischen 1959 und 1993, sind kein Lebenswerk im üblichen Sinne. Das ist ein Denksystem.
Wer Druckgrafik betreibt, könnte zwischen Techniken wechseln. Viele tun das. Janssen blieb bei der Radierung: Kupferplatte, Ätzgrund, Säure. Auch Aquatinta gehörte zu seinem Repertoire, bereits sein frühes Werk Night Watch (1958) kombiniert beides. Aber das Kernsystem blieb über fast vier Jahrzehnte dasselbe.
Was Zyklen bedeuten, lässt sich an einem konkreten Beispiel zeigen. 1971 beschließt Janssen, 46 Radierungen über Hokusai zu schaffen. Er nennt das Werk Hokusais Spaziergang und produziert alle 46 Platten in rascher Folge druckfertig. Auflage: 50 arabisch nummerierte Exemplare plus 10 römisch nummerierte. Wer das Tempo kennt, versteht, was Janssen unter Arbeit verstand.
Ein anderer Zyklus, Nigromontanus (1980), entstand für Ernst Jüngers 85. Geburtstag. Janssen übertrug ganze Textpassagen aus Jüngers Das abenteuerliche Herz auf 15 Ätzplatten, spiegelverkehrt, damit sie im Druck lesbar wurden. Schrift auf Radierplatten ist technisch aufwendig. Janssen machte es trotzdem, weil das Sujet es verlangte.
Der Ergo-Zyklus (1980) zeigt eine andere Seite seiner Arbeitslogik. 17 Farbradierungen auf Japanpapier oder Hadernpapier, erschienen in einer Doppelauflage: 30 Kassettenexemplare mit allen 17 Radierungen, 50 gebundene Bücher mit 10 der 17 Motive. Ein Werk in zwei Formaten, für Sammler und Leser gedacht. Verleger: J. G. Cotta'sche Buchhandlung und CC-Verlag Hamburg.
Wie hängen Selbstporträts und Radierung zusammen?
Janssens Selbstporträts entstanden nicht aus Eitelkeit. Sie waren eine technische Entscheidung. Das nächste verfügbare Motiv, wenn man allein in der Werkstatt sitzt: das eigene Gesicht im Spiegel.
Wer eine neue Technik lernt, braucht ein Motiv, das immer verfügbar ist. Das Gesicht im Spiegel war für Janssen das, was für Rembrandt sein eigenes Gesicht war: eine unerschöpfliche, kostenlose, geduldige Vorlage. Er zeichnete sich, weil er da war. Spiegel, Platte, fertig. Rembrandts Selbstporträt-Radierungen entstanden aus derselben Logik. Janssen kannte das. Die Selbstporträt-Tradition der Radierung ist so alt wie die Technik selbst.
Was Janssens Selbstporträts von Rembrandts unterscheidet, ist das Thema. Rembrandt zeigt sich in wechselnden Kostümen und Gemütszuständen, von Jugend bis Alter. Janssen trieb diesen Aspekt weiter: Er hat Verfall, Krankheit und Alter ins Bild geholt. Die Selbstporträts sind keine Werkgruppe am Rand seines Schaffens, sondern ein durchgehender Faden durch vier Jahrzehnte Radierarbeit. Das Werkverzeichnis von Ewald Gäßler (1995) dokumentiert sein druckgrafisches Werk.
Sein Melancholy Self Portrait (1965) hängt heute im MoMA New York. Tulp's Anatomy (1959) in der Tate London. Zwei frühe Radierungen in internationalen Sammlungen, die dieselbe Frage stellen: Wer schaut auf wen?
Spiegel und Nadel, nichts dazwischen.
Welche Rolle spielte sein Drucker Hartmut Frielinghaus?
Janssen hat einen Satz hinterlassen, der über sein Verhältnis zur Radierung mehr sagt als jede Biografie: "Wenn es die Kunst des Frielinghaus nicht gäbe, gäbe es den Radierer Janssen nicht."
Hartmut Frielinghaus war Janssens langjähriger Drucker. Er starb im Dezember 1995, drei Monate nach Janssen, mit 58 Jahren. Zwei Menschen, deren Arbeit so verflochten war, dass einer drei Monate nach dem anderen stirbt.
Dieser Zusammenhang zeigt, was Druckgrafik von Malerei grundsätzlich unterscheidet: Der Druckprozess ist kein mechanischer Schritt nach dem Schöpferischen. Er ist Teil des Werks. Frielinghaus hat die Platten, die Janssen ätzte, in Abzüge verwandelt, die Sammlungen in New York und London für sammelwürdig hielten.
Frielinghaus druckte sowohl von Kupfer- als auch von Zinkplatten. Für aufwendigere Zyklen wie Laokoon (1986/87) griff er auf japanische Papiere zurück. Die Materialentscheidungen waren nie zufällig. Frühe Werke bis etwa Mitte der 1970er Jahre entstanden teils auch mit Peter Loeding als Drucker.
Janssen-Druckgrafik: Was ist am Markt und was bedeutet das?
Venedig-Preis 1968, ein eigenes Museum seit 2000, Werke im MoMA und in der Tate. Trotzdem ist Janssen außerhalb von Hamburg und Oldenburg kaum bekannt. Das spiegelt sich in den Preisen: Komplette Zyklusmappen wechseln für vier- bis fünfstellige Beträge den Besitzer, weit unter dem, was Zeitgenossen mit vergleichbarer Museumsverankerung erzielen.
Wer Janssens Werke als Originalgrafik sucht, wird bei Auktionshäusern und spezialisierten Grafikhandlungen fündig. Der Zyklus Hanno's Tod (1972) ist ein gutes Beispiel: 23 Radierungen auf verschiedenfarbigem Vélin- und Hadernpapier, erschienen 1973 bei der Pantheon Presse Rom in einer Auflage von 90 nummerierten Exemplaren. Bei Ketterer Kunst erzielte eine komplette Mappe im Jahr 2013 8.400 Euro. Hanno's Tod hat auch literarischen Hintergrund: Der Zyklus bezieht sich auf Thomas Manns Buddenbrooks.
Hokusais Spaziergang wechselte 2022 bei Van Ham für 5.280 Euro den Besitzer.
Einzelblätter aus kleineren Zyklen sind deutlich zugänglicher. Wer lernen möchte, wie man Originalgrafik erkennt und prüft, findet bei Janssen ein lehrreiches Fallbeispiel: Die Nummerierungen sind dokumentiert, das Werkverzeichnis von Ewald Gäßler (1995) ist die zentrale Referenz für Horst Janssen Druckgrafik.
Wer Janssen im Original sehen möchte, ohne zu kaufen: Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg hält die bedeutendste öffentliche Sammlung. Die Hamburger Kunsthalle zeigt Teile des Kabinetts Frielinghaus. Beide sind zentrale Anlaufpunkte für jeden, der sich mit berühmten Druckgrafikern ernsthaft beschäftigt.
Was ist Janssens Verhältnis zur Hamburger Kunstszene?
Janssen hat an der Landeskunstschule Hamburg studiert, von 1946 bis 1951, unter Alfred Mahlau. Mahlau war Gebrauchsgrafiker und Typograf, kein Radierer. Was Janssen bei ihm lernte, waren Komposition und das Auge für grafische Linie, nicht die Drucktechnik selbst. Die Radierung kam sechs Jahre nach dem Studienabschluss, durch Paul Wunderlich.
Seine erste Ausstellung zeigte 1957 25 Farbholzschnitte, nicht in einem Galerieraum, sondern im Treppenhaus. Was ein Treppenhaus als Ausstellungsort bedeutet, war in der Hamburger Nachkriegskunstszene nicht ungewöhnlich, aber es zeigt, wie wenig gefestigt Janssen damals noch war. Im selben Jahr lernte er die Radierung kennen und wechselte sein Medium.
1965, als sein Druckkatalog bereits 400 Blätter umfasste, zeigte die Kestnergesellschaft Hannover eine umfassende Retrospektive. Er war 35 Jahre alt. Die Kestnergesellschaft war zu dieser Zeit eine der einflussreichsten Ausstellungsinstitutionen für Druckgrafik im deutschsprachigen Raum.
Die bleibende institutionelle Verbindung zur Hamburger Kunsthalle entstand über den Nachlass von Hartmut Frielinghaus. Die Hamburger Kunsthalle hat 1997 eine permanente Präsentation aus dem Frielinghaus-Nachlass und der Sammlung Gerhard Schack eingerichtet: das Janssen-Kabinett. Hamburg blieb sein Anker, auch wenn sein Ruf weit darüber hinausging.
FAQ
Wer war Horst Janssen?
Horst Janssen (1929–1995) war ein Hamburger Zeichner und Druckgrafiker, der vor allem durch seine Radierungen bekannt wurde. Er studierte an der Landeskunstschule Hamburg, gewann 1968 den Großen Grafik-Preis der Venedig-Biennale und hinterließ ein grafisches Gesamtwerk von rund 4.000 Blättern. Sein Werk ist im MoMA New York, der Tate London und im eigens für ihn gegründeten Horst-Janssen-Museum in Oldenburg vertreten.
Wie viele Radierungen hat Horst Janssen gemacht?
Laut dem Werkverzeichnis von Ewald Gäßler (1995) umfasst Janssens druckgrafisches Werk 896 Radierungen, gegliedert in 47 thematische Zyklen, entstanden zwischen 1959 und 1993. Dazu kommen weitere Techniken wie Holzschnitt und Zeichnung im Gesamtwerk von rund 4.000 Blättern.
Wo kann ich Horst Janssen Werke sehen?
Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg hält die bedeutendste öffentliche Sammlung. Die Hamburger Kunsthalle bewahrt das Janssen-Kabinett aus dem Nachlass des Druckers Hartmut Frielinghaus und der Sammlung Gerhard Schack. International sind Werke im MoMA New York und in der Tate London zugänglich.
Was ist das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg?
Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg wurde im Jahr 2000, fünf Jahre nach Janssens Tod, gegründet. Es bewahrt eine umfangreiche Sammlung seiner Radierungen, Zeichnungen und Aquarelle. Es ist eines der wenigen Museen in Deutschland, das einem einzelnen Druckgrafiker eine dauerhafte Heimat gegeben hat.
Was kostet eine Janssen-Radierung?
Komplette Zyklusmappen erzielen bei internationalen Auktionshäusern vier- bis fünfstellige Beträge. Horst Janssen Radierungen wie Hanno's Tod (1972, 23 Blatt, Auflage 90) erzielten 2013 bei Ketterer 8.400 Euro, Hokusais Spaziergang 2022 bei Van Ham 5.280 Euro. Einzelblätter aus kleineren Auflagen sind deutlich günstiger. Das Werkverzeichnis von Gäßler ist Pflichtlektüre vor jedem Kauf.
Quellen und weiterführende Literatur
- Ewald Gäßler, Horst Janssen: Radierzyklen. Werkverzeichnis (1995)
- Hamburger Kunsthalle, Janssen-Kabinett und Sammlung Frielinghaus
- Horst-Janssen-Museum Oldenburg, Werk und Forschung
- Ketterer Kunst, Biografie und Auktionsarchiv
- St. Gertrude Hamburg, Ausstellungen und Werkverzeichnis-Editionen
Studio Sonsu ist eine Galerie für zeitgenössische Druckgrafik in Hannover. Jedes Werk kommt direkt von den Künstlern. Ausgewählt, nicht eingekauft.
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